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Full text of "Die psychische Impotenz des Mannes"

Die 

psychische Impotenz 
des Mannes 



Von 



Dr. Edmund Bergler 



[edizinischer Verlag Hans Huber, Bern 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Die 
psychische Impotenz 

des Mannes 



Dr. Edmund Bergler 

Assistent am Wiener Psychoanalytischen Ambulatorium 




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Medizinischer Verlag Hans Huber, Bern 



Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in alle Sprachen, vorbehalten. 
Copyright by Verlag Hans Huber, Bern 1937. 



Inhaltsverzeichnis. 

Seite 

Vorwort 5 

I.Kapitel: Einleitung 9 

II. Kapitel: Entwicklung der männlichen Sexualität 14 

III. Kapitel : Definition, Einteilungsprinzip, Grade und Symptom- 
atologie der Potenzstörungen 27 

IV. Kapitel: Spezialformen der Impotenz 33 

A. Potenzstörungen mit phallischen Mechanismen. 

1. Hysterischer Typus. 

a) Völlige Abstinenz mit larvierter Onanie und Pollutionen . . 33 

b) Abstinenz plus Onanie 33 

c) Erektive Impotenz 34 

d) Phallische Form der Ejaculatio praecox 117 

e) Spaltung der zärtlichen und sinnlichen Komponente 35 

f) Impotenz der „passiv- femininen unbewusst homosexuellen" 
Männer 37 

g) Orgastische Potenzstörung 38 

2. Spezifische Bedingungen. 

a) Neurotische Eheangst 41 

b) Symptomenkomplex des „Geschädigten Dritten" 43 

c) Zwangstreue 45 

d) Impotenz bei Beginn jeder neuen Beziehung 46 

e) Impotenz bei der Defloration 46 

f) Bedingung der älteren Frau 47 

g) Bedingung der Zustimmung des Weibes 47 

h) Bedingung der sexuellen Abwehr des Weibes 48 

i) Bedingung des Verbotenen 48 

k) Neurotische Angst vor dem Kinde 49 

3 



B. Potensstörnngen mit anale» Mechanismen. 

1. Zwangsneurotischer Typus. 

a) Völlige Abstinenz plus Gedankenonanie ■• 

b) Völlige Abstinenz plus Onanie mit S&uldgefühlen . . ■ • ^ 

c) Erektive Impotenz 

d) Fakultative Impotenz mit Spaltnng der zärtlichen und smn- ^ 
liehen Komponente ^ 

e) Erektive Potenz mit Ejaculatio retardata ^ 

f) Orgastische Potenzstörung 

2. Chronisch-hypochondrische Neurasthenie 

3. Impotenz mit masochistiscben Medianismen ■ • • • * 5 

. . 69 

4. Psychogene anale Aspermie 

. . 71 

5. Spezifische Bedingungen 

C. Potenzstörnngen mit oralen Mechanismen. 

1. Orale Zuflüsse zur Genitalität und die Psychologie des 

. • • '" 

Koitus 

2 Spezialformen oral bedingter Potenzstörungen 

... 84 

a) Pseudodebiler Typus ^ 

b) Psychogene orale Aspermie 

c) Ejaculatio praecox 

d) Priapismus ^ 

e) Orgastische Potenzstörung 

f) Spezifische Bedingungen bei oralen Potenzstörungen. 



: 



Vorwort. 

Das vorliegende Buch stellt die Fortführung einer Monographie 
dar, die ich vor drei Jahren gemeinsam mit meinem Chef, Herrn 
Dr. Eduard Hitschmann, Vorstand am Wiener Psychoanalytischen 
Ambulatorium, unter dem Titel «Die Geschlechtskälte der Frau» 1 ) 
publiziert habe. Ähnlich wie in dem Buch über Frigidität wird das 
Problem vom psychoanalytischen Gesichtspunkt behandelt, die 
therapeutischen Resultate beziehen sich auf Erfahrungen, die mit 
der Freudschen Psychoanalyse erzielt wurden. 

Das Problem der Impotenz hat seit der Frühzeit unserer Wis- 
senschaft analytische Autoren beschäftigt. Die grundlegenden Ent- • 
deckungen Freuds über die infantile Sexualität lieferten auch den 
Schlüssel zum Verständnis der Impotenzfrage. Viele seiner Schüler 
haben später an dieser Frage mitgearbeitet. Die erste Monographie 
über unser Thema aus dem Freud-Kreis stammt von Maximilian 
Steiner, dessen bekanntes Buch 2 ) Pionierarbeit leistete. 

Die Impotenzfrage ist so komplex, die einzelnen Formen so 
different, dass eine einheitliche Prognose für alle Fälle nicht 
gestellt werden kann. Im allgemeinen kann behauptet werden, dass 
die Prognose der psychischen Impotenz bei gründlicher Analyse 
eine günstige ist. Es gibt Heilungsmöglichkeiten, wenn auch die 
Dauer und Schwierigkeit der Kur je nach der Tiefe der Regres- 
sion sehr variabel ist. 

Die Impotenzbehandlung ist keineswegs ausschliessliche ana- 
lytische Domäne. Wir wissen, dass die leichten Fälle suggestiv gut 
beeinflussbar sind, mag nun diese Suggestivkur in Zureden, Injek- 
tionen, Intillationen, Massage, Kühlsonden, Kaltwasserkuren, Be- 
strahlungen, elektrische Kuren, Diathermie, Medikamenten aller 



*) Verlag Ars Medici, Wien 1934. In französischer Übersetzung bei Denoel 
& Steele, Paris 1936, in amerikanischer bei Nervous and Mental Disease Publi- 
shing Company, Washington-New-York 1936. 

2 ) «Die psychischen Störungen der männlichen Potenz», Deuticke, Wien. 



Art vom Aphrodisiacum bis zum Hormon 3 ) bestehen. All diese 
Mittel wirken — mögen Arzt und Patient auch andere Illusionen 
darüber haben — ausschliesslich suggestiv. Es ist überflüssig, das 
langwierige und tiefgreifende Rüstzeug der Psychoanalyse in sug- 
gestiv beeinflussbaren Fällen anzuwenden. Erst wenn die diversen 
Suggestivmittel versagen, sollte zur Freudschen Psychoanalyse 
gegriffen werden. Diese Einteilung in leichte und schwerere Falle 
wird von den Patienten selbst vorgenommen: der Psychoanalytiker 
bekommt nur Fälle zu Gesicht, bei denen suggestive Kuren aller 
Art wirkungslos waren. 

Unsere psychoanalytische Behandlung — die mit Suggestion 
nichts zu schaffen hat — kann begreiflicherweise nur bei psychisch 
bedingten Fällen Erfolg haben. Die organische Genese mancher 
Impotenzfälle ist deshalb für jede Psychotherapie em Aus- 
schliessungsgrund: Wir werden Impotenz z. B. bei Tabes, multipler 
Sklerose und manchen Diabetesformen niemals einer Psychoana- 
lyse unterziehen. Ebensowenig sind Folgen destruktiver Operatio- 
nen am Genitale Objekt unserer Behandlung. 

Es gibt zweifellos Impotenzfälle, die lediglich auf einer Stö- 
rung der Funktion innensekretorischer Drüsen beruhen. Diese 
Fälle eignen sich ebenfalls nicht für unsere Therapie. Auch begeg- 
nen wir in den Analysen häufig genug Grenzfälle, wo wir auf eine 
Mauer stossen, die biologisch fundiert ist. Wir behandeln ja ledig- 
lich den psychischen Überbau des biologisch 
Gegebenen. Übertrieben formuliert wäre das Anwendungs- 
bereich der Psychoanalyse bei Impotenz folgendermassen zu präzi- 
sieren: Gesetzt den Fall, die hormonale Therapie wäre wesentlich 
weiter, als sie heute schon ist. Für die Analyse kämen auch dann 



3) Die Hormontherapie hat in der Impotenzbehandlung bisher enttäuscht 

P ri sriir^is^^^ÄaÄ. 

Sulatorium" sah, konnte Vorbehandlung mit Hormonpräparaten fesgeste 
werden, die völlig erfolglos war. Es ist noch mcht « u «*»*%°5 j£te bl 
erfolge an der derzeit noch unvollkommenen Herstellung d eser P«parate be 
gründet sind, oder ob die psychische Impotenz ^^»-»^^Tein Mangel 

trotz Hormonen», Zeitschrift f. Psychotherapie, 1928. 



lediglich jene Fälle in Betracht, die vom Konstitutionsforscher 
nach erfolgloser hormonaler Therapie an uns gewiesen werden 
würden. In jedem Fall wäre also vorerst ein hormonaler Versuch 
zu unternehmen. 

Bei psychisch bedingten bzw. mitbedingten 
Impotenzfällen, bei denen suggestive und hormonale Ku- 
ren fehlgeschlagen haben, bei schweren Fällen also, leistet die 
Freudsche Psychoanalyse Erfolgreiches. 

Wien, im Juli 1936. 



Bergler. 



I. Kapitel. 



Einleitung. 

Zu den Tatsachen, die konsequent mit Schweigen übergangen 
werden, obwohl deren Bedeutung für die Gesundheit nicht be- 
stritten wird, gehört in der Aussenwelt die psychische Impotenz 
des Mannes. Die pathologische Hemmung der Exekutive der 
Sexualität ist selbst bei Gebildeten bestenfalls Objekt von Anspie- 
lungen, Witzen, Anekdoten. Mit der in der kulturellen Gesellschaft 
üblichen Heuchelei in sexualibus wird lüstern und verschämt zu- 
gleich ein Problem totgeschwiegen, das in der Selbstmordstatistik 
von Männern an zweiter Stelle rangiert, Glück und Zufriedenheit 
vieler Ehen zerstört, Entscheidendes zum Verständnis des Sonder- 
lings, des chronischen Junggesellen und des — Don Juan-Typus 
beiträgt. 

Die Häufigkeit der Potenzstörungen in allen Schichten 
der Bevölkerung ist eine ungeahnt grosse. Man lasse sich 
über diese Tatsache durch das übliche männliche Bramarbasieren 
mit Casanova-Allüren nicht täuschen: in keiner Lebenslage lügen die 
Männer so konsequent wie beim Verschleiern der Potenzstörung. 
Allerdings verstehen wir unter psychischer Potenzstörung nicht 
bloss die Erektionsunfähigkeit. Wir kennen die Halb- und Viertel- 
potenten, die Männer mit vorzeitigem Samenerguss, die Gruppe 
der Aspermie, die launenhafte fakultative Potenz, die aus schein- 
bar unerklärbaren Gründen plötzlich versagt, endlich die Typen, 
die auf den Geschlechtsakt mit Ekel, Unlust, Arbeitsstörung, De- 
pression reagieren. Dieser Kreis wird noch erweitert durch die 
Asketen, die den Koitus mit allerlei Ideologien ablehnen, die chro- 
nischen Besucher von Dirnen, ferner die Perversen, endlich die 
grosse Zahl der Onanisten unter erwachsenen Neurotikern, die 
diese infantile Form der Sexualität auch als ältere Männer fest- 
halten und sie trotz Ehe fortsetzen. Sie alle sind — im weiteren 
Sinne — potenzgestört. Die Tatsache des Koitus allein ist noch 
kein Gesundheitsalibi: Sonst müsste ja — um ein Beispiel aus der 
Pathologie zu nennen — der Masochist, der manchmal zum Koitus 
fähig ist, wenn die Dirne ihn vorher geprügelt oder ihn mittels 
einer solchen Phantasie erregt hat, als gesund gelten. Wir müssen 



uns schon genauer mit den psychischen Umständen des Koitus 
beschäftigen, ehe wir aus diesen irgendeinen Ruckschluss auf die 

Normalität ziehen. , „ of i,_. 

Die Schwierigkeit der Abgrenzung zwischen normal und patno 
logisch im Sexualleben ist dort am geringsten, wo das Symptom 
der erektiven Impotenz vorliegt. Die länger dauernde direkte 
Störung ist sozusagen nicht zu übersehen, wird auch vo m Mann 
im Durchschnitt als krankhaft anerkannt. Je mehr dxe _ erekttve 
Potenz halbwegs erhalten ist, desto schwerer f all es d» Betrrf 
fenden von ihrer Krankheit zu überzeugen. Das gd vor allem von 
«lem Unterschied zwischen Perversion und «Vorlustakten», die 
tZ£S£L präparatorische Bedeutung bei der Erregu.g, 
steiaerung haben, die dann im Koitus abgeführt wird. Der Unter 
chfed zwischen einem Vorlustakt und einer Perversion hegt nach 
Fr eudTa nicht in der Handlung selbst, sondern m der Frage, ob 
L^Sefbftzweck ist, die allein schon zur Ejakulaten und Org.m« 
führt oder ob sie bloss die Erregung steigern hilft, die im ^rvoitus 

„eibliche» Körper. .1. Vorlu.takt .rieben d» derart 8»"^ 
E „e 6 „ g aber f „ ta f.. f »de» ™~ £&££££ 
lung selbst — das Voyeurtum — ist in beiden r 
different ist die Stellung zum Koitus. verteil anzu- 

Ebenso schwierig ist es, gegen das neurotische Vorurted ^anzu 
i- f»„ rl a « sich in der Formulierung äussert: «ümne animai 
kämpfen, das sich in <* er 6 coitum keineswegs de- 

post coitum triste.» Der Gesund ^ ls * ' J° ff dag Gegente il zu. 
pressiv, enttäuscht und degoutiert. Eher trittt aas g ion 

Hinter solchen Allerweltsphrasen von der «normalen» Depression 
n^dem tkt verbirgt sich vielfach bloss eine gut rationalisierte 

N Tus e nahmslos alle psychisch Impotenten leiden an eine* - Neu- 
c „ H einer Krankheit des Unbewussten. Die psycniscne 

dieses Symptoms gerechtfertigt. Die Heilung eine 



10 



Impotenzfalles ist ohne Heilung der dahinter verborgenen Neurose 
vielfach nicht möglich resp. bleibt blosses Stückwerk und rächt 
sich am ungeduldigen Patienten. Die wahren Wünsche der neu- 
rotisch Kranken sind verdrängt, ins Unbewusste verlagert. Im 
Bewusstsein ist von diesen Wünschen nichts mehr erhalten. Da 
aber die unpsychologische Aussenwelt bewusst und existent gleich- 
setzt, von dem Vorhandensein unbewusster Instanzen keine 
Ahnung hat oder sie leugnet, vermeint sie, die richtigste Auskunft 
über die kranke Persönlichkeit vom Kranken selbst erhalten zu 
können. Nun ist aber das Bewusste lediglich ein winziger Sektor 
der Gesamtpersönlichkeit: sozusagen der «Portier», während der 
«Generaldirektor» unsichtbar bleibt und doch alles leitet 1 ). Der 
Zugang zur Beeinflussbarkeit dieses «Generaldirektors» geht aber 
bloss über die Psychoanalyse. 

Der Inhalt der verdrängten Wünsche der Neurotiker zeichnet 
sich dadurch aus, dass er anachronistisch infantile sexuelle 
Vorstellungen und Irrtümer krampfhaft festhält und auf deren 
Erfüllung besteht. Da diese kindlichen Wünsche an die Inzestper- 
sonen gebunden sind, mussten sie seinerzeit verdrängt werden. 
Die Lösung dieses Anachronismus und die Überführung der infan- 
tilen Vorstufen der Sexualität in die Gesundheit, ist Aufgabe der 
analytischen Kur. Da der Patient von seinen unbewussten Wün- 
schen keine Kenntnis hat, kann er sich nicht, wie Münchhausen, 
am eigenen Zopf aus dem Sumpf ziehen und bedarf der Hilfe des 
gut ausgebildeten und selbstanalysierten Arztes. Je nach der Tiefe 
der Regression gibt es alle Übergangsformen zwischen «leichteren» 
und «schwereren» Fällen: die ersten sind schon in 3 — 4 Monaten, 
die letzteren erst in 1 — 2 Jahren kurierbar. 

Die Behauptungen der Psychoanalyse über die infantile Sexua- 
lität, die unbewussten Wünsche und die Art der Therapie klingen 
für den Nicht-Analytiker sehr unwahrscheinlich 2 ). Vor allem des- 
halb, weil sie die Gedankenwelt von unbewussten Instanzen be- 
schreiben, die dem Affekt und nicht der Logik gehorchen. Die 
Überzeugung von der Existenz und Arbeitsweise dieser Instanzen 
ist lediglich und ausschliesslich in der Analyse der eigenen Per- 
sönlichkeit zu gewinnen. Deshalb soll das folgende Tatsachen- 

*) Siehe das Buch des Verfassers «Das Unpersönliche im psychischen 
Konflikt». 

2 ) Die Schwierigkeit wird noch dadurch erhöht, dass in dieser Mono- 
graphie weder eine Darstellung der Theorie der analytischen Therapie, noch 
eine spezielle Neurosenlehre vorgebracht werden kann. Es muss diesbezüglich 
auf andere Werke, vor allem auf Freuds «Vorlesungen», verwiesen werden. 

11 



ma terial weder überzeugen, noch zum Analysten ohne Ausbd 
Ing anregen. Diese Ausbildung setzt eine jahrelange ^rana 
lyse und Kontrollanalyse voraus. Es ist dringend J^fftÄ. 
lyse» zu warnen, da der Analytiker ^^J^^^^S 
arbeitet Der Unerfahrene schädigt den Patienten und kann sich 
arbeitet, uer uneru tr^futte brinsen Es gilt heute noch, 

selbst in schwere innere Konlljtte bringen. « K ol i eK ium 

was Freud vor dem Wiener Medizinischen Doktoren Kollegium 

im Dezember 1904 sagte: 

., , • j W„m unter den Kollegen weitverbreitet zusein, dass 

«Es scheint mir der Irrtum unter neu b d der Beseitigung 

die Teehnik der VM^^^^^^^-^L^^iBA sei. 
der Erscheinungen durch diese Erforschung ^ ^ un 

Ich schliesse dies daraus,, dass noch kemer v ^^ ^ ^ geb mlch 
Therapie interessieren und sichere urte do( _ h ^ den emzlgen 

je gefragt hat, wie ich r^.' 1 ^^ fragen , es verstehe sich ganz 
Grund haben, dass sie meinen, es sei £*££**$!* auf dieser oder jener 
von selbst. Auch höre ich mitunter mit Erstaunen, a ^ 

Abteilung eines Spitals ein W'^,^ unternehmen. Ich bin über- 
hat, bei einer Hysterischen eine «"9*»»*>£ Tumor zur Untersuchung über- 
zeugt, man würde ihm nicht «™"*?W£ ^ er mit der histologischen 
lassen, ohne sich vorher vergewissert zu haben da^^ ^^ ode 
Technik vertraut ist. Ebenso erreicht — £ ie em um eine psychische 

Kollege richte sich Sprechstunden mit e in emFaUent , Technik einer 

Kur mit ihm zu machen, wahrend ich «*£^j$ ihm der Kranke seine 
solchen Kur nicht kennt. Er muss also erwarten « deiner Art von 

Geheimnisse entgegenbringen *^«* ^dern, wenn der so behau- 
Beichte oder Anvertrauen. Es £«£«>£ «^ Vorteil käme. Das seelische 
delte Kranke dabei eher zu Schaden als zum v solchen An . 

Instrument ist nämlich nicht «»^"** ^X, denken, der freilich nie 
lassen an die Rede eines ^^""^^^Tel nur in der Phantasie eines 
in der Behandlung eines Arztes V«?**™'^™^ Dänemark. Der König 
Dichters gelebt hat. Ich meine den P^/^^nstern über ihn geschickt, um 
hat die beiden HS^Res^ra^un^Guldenster^ ^ 6^ 

ihn auszuforschen, ihm fe^^V^LB gebracht. Hamlet nimmt eine 
wehrt sie ab; da werden Flot ?" »"^/^hf zu spielen, es sei so leicht 
Flöte und bittet den einen seiner Qualer aut im P und da 

wie lügen. Der Höfling weigert sich de *n er kern »t k Hamlet ^ h 

zu dem Versuch des Flötenspiels nicht zu bewegen^ist, ^^ 

los: «Nun seht ihr welch ein ^^^J^StoS dringen; ihr wollt 
auf mir spielen, ihr wollt in das Herz um» ^cn ^ ^ 

mich von meiner tiefsten Note bis : - G pf d mem «S vortreffliche Stimme 

und in diesem kleinen ^*™ m ™ tZIeiTbrÜ^. Vetter, denkt ihr, dass ich 
dennoch könnt ihr es nicht zum Sp«*enbnng» ^ I nstrU ment ihr 

^%™^Z^^™^^^ ^ spielen » (IILAkt ' 2) - 

Freud sprach diese Warnung vor 32 Jahren aus. Seither xst 
die Psychoanalyse wesentlich komplizierter verfeinerter v^rte^ 
geworden, das Tatsachenmaterial vertausendfacht - die Warnung 

gilt also mehr denn je. Tr^tnW um den psychi- 

Gerade diese Erweiterung unserer Kenntnisse^ » m ? y 

sehen Apparat bedingt, dass ich es ablehne, in der DarsteUung 

12 






simplifizieren. Ich habe versucht, eine Zusammenfassung des gan- 
zen Problems der Impotenz bei Neurosen unter Anwendung der 
Ergebnisse der analytischen Forschungen der letzten Jahre zu 
geben unter Berücksichtigung des neuesten Stan- 
des unserer psychoanalytischen Wissenschaft. 
Ich habe keine Konzessionen auf Grund der Befürchtung gemacht, 
der Leser könnte etwas nicht verstehen. Allerdings glaube ich 
auch nicht, dass das wahre Kennzeichen der Wissenschaft eine 
gesucht unverständliche Sprache ist. Es genügt, dass sich der 
Leser über die Komplikationen als Denkmöglichkeit klar wird, er 
muss keineswegs alle Details verständlich und akzeptabel finden. 
Deshalb habe ich im IV. Kapitel die Forschungen über die tiefsten 
Entwicklungsschichten im Psychischen — die «orale Phase» — 
aufgenommen, an denen ich selbst vielfach mitgearbeitet habe. Das 
Buch will weder überzeugen — das kann bloss die Eigenanalyse! 
— , noch Anhänger werben. Es stellt einen tendenzlosen Bericht 
über den gegenwärtigen Aspekt der Analyse zum Impotenz- 
problem dar 1 ). 



*) Die in diesem Buche wiedergegebenen Meinungen sind vielfach analyti- 
sches Gemeingut. Umstrittene Meinungen analytischer Autoren bzw. eigene 
Auffassungen des Verfassers, für die lediglich dieser die Verantwortung über- 
nimmt, werden auch durch Zitierung der Arbeiten, in denen sie publiziert 
wurden, ausdrücklich hervorgehoben. 

13 



II. Kapitel. 



Entwicklung der männlichen Sexualität. 

Im folgenden wird ein kurzer Überblick der Entwicklung der 
männlichen Sexualität skizziert. 

Die Freud sehe Auffassung der Sexualentwicklung geht von 
der Annahme aus, dass die Sexualität des Menschen nicht erst in 
der Pubertät, wie ein deus ex machina, plötzlich auftaucht. Es 
wird im Gegenteil die Auffassung mit Beweisen belegt, dass die 
genitale Sexualität (denn nur diese versteht die unpsychologi- 
sche Aussenwelt unter dem Begriff «Sexualität») das Endpro- 
dukt einer langen Reihe von Vorstufen darstellt. 
Diese Vorstufen — die orale, urethrale, anale, phallische — sind 
ebenfalls «sexuell» 1 ) wobei man sich, wie hervorgehoben, vom 
Irrglauben befreien muss, dass Sexualität mit Koitus gleichbedeu- 
tend ist. Es handelt sich bei diesem Fehlschluss um ein Hinem- 
projizieren von Gedankengängen Erwachsener in die ganz anders 
geartete kindliche Psyche. 

Die erste Sexualäusserung des Kindes beginnt mit dem ersten 
Saugen an der Brust. Die Nahrungsaufnahme ist also in diesem 
Stadium mit «sexueller» Lust kombiniert, die Brust nicht bloss 
kalorien-, sondern auch lustspendend. Sehr bald tritt das Lutschen 
hinzu, das mit reibenden bzw. zupfenden Bewegungen an einzelnen 
Körperpartien, häufig am Genitale, kombiniert wird. Es gibt schon 
da fliessende Übergänge zur autoerotischen Säuglingsonanie. 

Das «Ungeheuerliche» der Behauptung, dass Oralität und Se- 
xualität in Zusammenhang stehen, verliert an Unwahrscheinhch- 
keit, wenn man bedenkt, dass es solche Verbindungsbrucken noch 
beim Erwachsenen gibt: man denke an Küsse, Fellatio, Cunnihn- 
gus usw. Ferner gibt es neurotische Symptome, die darauf hin- 
weisen: etwa das hysterische Erbrechen und die hysterische Ess- 
störung, die sich häufig u. a. als Sexualisierung der Nahrungsauf- 
nahme entpuppen, eine Folge der ursprünglichen Verlotung des 
Nahrungstriebes mit der Oralerotik. 

») Dabei sind die Voyeur- und Exhibitionswünsche, deren Zuteilung zu den 
einzelnen Phasen noch unklar ist, nicht berücksichtigt. 

14 



m 



Einem von Freud akzeptierten Vorschlag Karl Abrahams 
zufolge, wird die erste «orale» Phase der Libidoentwicklung in 
zwei Unterabteilungen gegliedert: in der ersten steht das Sau- 
gen und Lutschen, in der zweiten das Beissen im Vor- 
dergrund. Schon sehr früh ist zu beobachten, dass das ursprüng- 
liche Saugen des Kindes in Beissen übergeht, wobei diese zweite 
Phase mit der Ausbildung der Zähne parallel geht. In dieser Zeit 
ist eine der «Liebes »-Äusserungen des Kindes, den Gegenstand der 
Liebe zum Mund zu führen und ihn zu essen. (Man denke an die 
Redensart: jemanden zum Fressen gern haben; der Kannibale 
bleibt auf dieser Stufe stehen.) Freilich kann man sich von diesen 
so unwahrscheinlichen Vorstufen der Sexualität lediglich in der 
Psychoanalyse überzeugen und der Hinweis auf die Tatsache, dass 
Patienten, die auf dieser Stufe fixiert oder zu ihr regrediert sind, 
geliebte Objekte im Traume häufig als Speisen darstellen, ist für 
den Laien kein stringenter Beweis. Auch muss man sich stets vor 
Augen halten, dass schon auf dieser zweiten oralen Stufe jede 
menschliche Beziehung «ambivalent» ist, d. h. «dass dasselbe Ding 
positiv und negativ gefühlsbetont oder positiv und negativ erstrebt 
oder gedacht wird.» (Bleuler.) 

Welche Triebbefriedigungen verschafft sich das Kind auf der 
oralen Stufe? Es wurde bereits die Nahrungsaufnahme genannt 
und als «sexuell» bezeichnet. Hier ist eine Einschränkung notwen- 
dig. Die letzten Untersuchungen Freuds haben gezeigt, dass 
die Triebäusserungen des Menschen nicht einfach strukturiert 
sind, sondern Abkömmlinge komplizierter Legierungen zweier 
Grundtriebe darstellen: des Lebens- und des Todestriebes. 
Die Eros-Thanatos-Hypothese Freuds nimmt an, dass dem Todes- 
trieb «die Aufgabe gestellt ist, das organisch Lebende in den leb- 
losen Zustand zurückzuführen, während der Eros das Ziel ver- 
folgt, das Leben durch immer weitergreifende Zusammenfassung 
der in Partikel zersprengten lebenden Substanz zu komplizieren, 
natürlich es dabei zu erhalten» 1 ). Dem Eros gelingt es in quanti- 
tativ verschiedenem Masse, die ursprünglich gegen das 
eigene Ich gerichtete Tendenz des Todestriebes nach aus- 
sen, gegen die Objekte als Destruktionstrieb zu wenden. Neben 
dieser Mischung der beiden Triebarten gibt es die Möglichkeit der 
Entmischung. «In der sadistischen Komponente des Sexualtriebes 
hätten wir ein klassisches Beispiel einer zweckmässigen Trieb- 



«Das Ich und das Es», Ges. Sehr. Bd. VI, S. 385 ff. 

15 



mischung vor uns, im selbständig gewordenen Sadismus als Per- 
version das Vorbild einer, allerdings nicht bis zum äussersten ge- 
triebenen Entmischung. Es eröffnet sich uns dann ein Einblick in 
ein grosses Gebiet von Tatsachen, welches noch nicht in diesem 
Licht betrachtet worden ist. Wir erkennen, dass der Destruktions- 
trieb regelmässig zu Zwecken der Abfuhr in den Dienst des Eros 
gestellt ist — und lernen verstehen, dass unter den Erfolgen man- 
cher schweren Neurose, zum Beispiel der Zwangsneurosen, die 
Triebentmischung und das Hervortreten des Todestriebes eine 
besondere Würdigung verdient.» (Freud.) 

Diese beiden Triebarten treten nach Freud ausschliesslich 
in Legierungen auf. Was wir klinisch fassen können, sind 
weder die Triebe, noch die Triebmischungen, sondern lediglich die 
Abkömmlinge von Triebgemischen. Wir können demnach vom 
«Sexualtriebgemisch» und «Aggressionstrieb- 
gemisch» sprechen. Diese — einem Vorschlag L. E i d e 1 - 
b e r g s entstammende — Nomenklatur will den quantitativen Un- 
terschied an Gehalt beider Triebgruppen im einzelnen Trieb- 
gemisch bezeichnen, wobei im Sexualtriebgemisch mehr erotische, 
im Aggressionstriebgemisch mehr aggressive Komponenten vor- 
handen wären, in jedem Triebgemisch aber Abkömmlinge bei- 
der Triebe. Die Äusserungsformen des Sexualtriebgemisches nen- 
nen wir Libido, die des Aggressionstriebgemisches Destrudo 

(E. Weiss). 

E i d e 1 b e r g hat als erster den — wie ich meine — erfolg- 
reichen Versuch unternommen, in Form einer Tabelle die Hand- 
lungen schematisch zu verzeichnen, mittels deren die zwei Trieb- 
gemische befriedigt werden. Für die orale Stufe ergibt sie: 

Äusserungen des Sexualtriebgemisches: Nahrung aufnehmen. 

Äusserungen des Aggressionstriebgemisches: Schreien (Searl), 
Erbrechen, Ausspucken. 

Es wäre irrig, anzunehmen, dass das Saugen, Lutschen und 
Beissen in der Säuglingszeit die einzigen sexuellen Äusserungen 
wären. Schon in dieser Zeit sind Harn- und Stuhlentleerung, rhyth- 
misches Schaukeln und die autoerotische Säuglingsonanie lustvoll. 
Vor allem gehen vom Enddarm und der Harnröhre Lustsensatio- 
nen aus, so dass von einem allmählichen Übergang der oralen über 
die u r e t h r a 1 e in die a n a 1 e Phase gesprochen werden kann. 
Wieder sträubt sich vorerst der «normale» Erwachsene gegen eine 
solche Annahme. Man verwechselt dabei wieder die Denkweise 
des Erwachsenen mit der des Kindes, hält das Resultat spaterer 

16 



Verdrängungen für das Primäre, kurz «vergisst», wie die Dinge 
in der Kinderstube wirklich liegen. Man beachte bloss, welch 
grosses Interesse die Pflegepersonen den Exkretionsvorgängen des 
Kindes zuwenden und wundere sich nicht, wenn das Interesse des 
Kindes auf die Miktion und Defäkation hingeleitet wird. Das Zu- 
rückhalten des Stuhles führt zu heftigen Reizungen der Darm- 
schleimhaut, wobei der Durchtritt durch den Afterring eine 
Mischung von Schmerz- und Lustempfinden darstellt. 

Auch bei der analen Phase sind nach einer Annahme Abra- 
hams zwei Unterabteilungen möglich. Die erste ist charakterisiert 
durch die Lust beim Durchtritt der Fäzes, wobei eine gewisse ag- 
gressive, feindselige Einstellung zu den Objekten — grotesker- 
weise setzt das Kind Liebesobjekte dem Kote gleich — unverkenn- 
bar ist. Die Ambivalenz macht sich bemerkbar: einerseits ist die 
Tendenz des Behaltenwollens, andererseits die des Ausstossenwol- 
lens feststellbar. Manche neurotische Diarrhöe Erwachsener ist so 
erklärlich: es gibt Neuro tiker, die jede Enttäuschung mit einer 
Diarrhöe quittieren, was psychologisch der Ausstossung des Ob- 
jektes gleichzusetzen ist. 

In der zweiten analen Phase treten die konservativen Tenden- 
zen des Zurückhaltens der Fäzes stärker hervor. Diese Retentions- 
lust führt zur Wertschätzung der Fäzes, die, wie bereits hervor- 
gehoben, gesteigert wird durch das in der Kinderstube übliche 
Überwerten der analen Prozeduren des Kindes. Von hier aus er- 
geben sich Übergänge zur Vorstellung von Stuhl als Geschenk. 

Ziehen wir für die anale Stufe die Eidelbergsche Tabelle 
heran, so ergibt sie: 

Äusserungen des Sexualtriebgemisches: Stuhl hergeben. 

Äusserungen des Aggressionstriebgemisches : Stuhl zurückhalten. 

Nach Annahme dieses Autors gestatten aber die in der Tabelle 
angeführten Handlungen allein keinen eindeutigen Rückschluss 
auf die Art des zur Befriedigung gelangenden Triebgemisches. Um 
diese Zuordnung im konkreten Falle festzustellen, bedarf es einer 
ergänzenden Untersuchung. Diese besteht darin, dass man fest- 
stellen muss, ob die vorliegende Handlung gegen den Wider- 
stand des Objektes erfolgte (Aggressionstriebgemisch) oder mit 
Zustimmung des Objektes (Sexualtriebgemisch). Ein Beispiel: 
die Handlung «Stuhl hergeben» ist auf der analen Stufe eine 
Äusserungsform des Sexualtriebgemisches — falls die Defäkation 
mit Zustimmung der Mutter, (respektive Erziehungsperson) erfolgt. 
Wenn aber das Kleinkind die gleiche Handlung gegen den 

2 Die psychische Impotenz des Mannes. 17 



Widerstand der Mutter vornimmt — etwa auf dem Teppich vor 
den Gästen! ■ — , liegt eine Äusserung des Aggressionstriebgemi- 
sches vor. 

Aus dem Vorangehenden ergibt sich, dass Fäzes psychisch so- 
wohl zur Darstellung von libidinösen wie aggressiven Tendenzen 
verwendet werden können. Bei schweren Zwangsneurosen ist dies 
gut studierbar. Ich will dies an einem Beispiel demonstrieren 1 ): 

Ich hatte vor einigen Jahren Gelegenheit, vier Wochen lang eine 58jährige 
Dame zu beobachten, die an einer allerschwersten, seit einem halben Jahr- 
hundert bestehenden Zwangsneurose litt. Die Patientin war infolge ihrer 
Dauerzwänge sozial völlig unangepasst, musste wie ein kleines Kind an- und 
ausgekleidet werden, konnte ohne ständige Begleiterin nicht auskommen, war 
bereits wiederholt in Sanatorien und Anstalten interniert gewesen. 

Der Zwangsgedanke der Patientin lautete: Sie durfte an eine bestimmte 
Person — es war ein alter Mann, ein Diener in einer Kaserne — , die sie im 
Alter von 6 oder 7 Jahren einige Male gesehen hatte, ohne mit ihr zu sprechen, 
eine Person, die sie damals als völlig indifferent empfunden hatte, nicht den- 
ken. «Leider» — dies die Worte der Patientin — «fiel er mir immer ein.» Der 
Gedanke an den Mann war tabu, sie hatte ein grossartiges System von Vermei- 
dungen aufgestellt, um nur ja nicht in Kontakt mit ihm zu kommen. Schon als 
Kind litt sie an einem quälenden Waschzwang, der sich um die Pubertät ver- 
schlimmerte; bereits in ihrer missglückten Ehe lebte sie nur mehr ihren 
Zwängen, die sich im Verlauf der letzten 15 Jahre zu der zu beschreibenden 
Höhe steigerten und stabilisierten. 

Patientin vermied es vorerst, in die betreffende Strasse, in der sie den 
Mann zuerst sah, zu gehen, dann mied sie in typischer Ausbreitung des Radius 
der Zwangsneurose alle Lokale der Umgebung, die der Mann besuchen könnte, 
dann den Stadtteil, die Stadt, die Provinz, endlich das ganze Land. Dieser Ent- 
schluss, ihre Heimat zu verlassen (Patientin lebte seit Jahren im Ausland), 
wurde durch den ablehnenden Bescheid des Magistrats ihrer Heimatstadt 
wesentlich bestärkt, in welchem der Patientin die Bitte, die Fäkalien ihres 
Hauses nicht in den Fluss, an dem die Stadt lag, zu leiten, abgeschlagen wurde. 
Diese Bitte hatte die Patientin deshalb vorgebracht, weil sie fürchtete, auf dem 
Umweg über die Fische, die von den Fäzes essen könnten, mit «jenem Mann» 
(der Name wurde von der Patientin natürlich nie ausgesprochen) in Verbin- 
dung zu kommen, da Fische ein beliebtes Volksnahrungsmittel waren. Endlich 
ging sie aus der Heimat, da sie sich auch weigerte, Geldnoten und Geldstücke 
ihrer Heimatwährung zu berühren, mit der Begründung, «jener Mann» hätte 
gerade diese auch in der Hand haben können. 

Ich sah die Patientin in folgendem Zustand: Waschen und Anziehen dauer- 
ten stundenlang. Patientin litt zwar unter ihrer Unreinlichkeit, konnte sich 
aber trotzdem an manchen Tagen kaum waschen. Wenn sie Wasser ins Wasch- 
becken schüttete, musste sie es so oft ausleeren, bis es ihr gelang, das Wasser, 
ohne dabei an den Mann gedacht zu haben, ins Waschbecken 
zu giessen. Das Anziehen der Strümpfe z. B. musste aus den gleichen Gründen 
von der verzweifelten Krankenschwester hunderte Male wiederholt werden. 
Patientin ass wenig und gierig und es dauerte stundenlang, bis sie sich ent- 
schloss, in ein Restaurant zu gehen. Die fast unerfüllbare Bedingung blieb 
immer die gleiche: während der Vorbereitung einer Handlung nicht an den 
Mann zu denken. So wurde Patientin einmal von einer der Begleiterinnen 
(keine hielt es länger als einige Wochen aus) regelrecht verprügelt, da diese 

s ) Zitiert aus: Bergler «Bemerkungen über eine Zwangsneurose in ul- 
timis», Int. Z. f. Psychoanalyse, Heft 2, 1936. 

18 



j^M 



um 5 Uhr nachmittags infolge der chronischen Weigerung der Patientin, die 
mit ihren Zwängen noch nicht fertig war, das Gasthaus zu betreten, noch nicht 
einmal gefrühstückt hatte. Das Essen selbst war mit einer Serie von Zwängen 
belegt: war Patientin bereits nach stundenlanger Qual in ein Gasthaus einge- 
kehrt, musste sie vor Beginn des Essens ein Stück Brot in den Mund nehmen 
es zerkauen, den Brei in drei Teile teilen und diesen ausspucken. Die Ratio- 
nalisierung der Patientin lautete: sie dürfe nichts aufnehmen, ohne auch etwas 
«herzugeben», d.h. die Aufnahme rückgängig zu machen. Dies führte auch 
dazu, dass sie ständig den Wunsch zu urinieren und defäzieren hatte. Eine der 
Begleiterinnen, die die Aggressionen der Patientin nicht ertrug und davonlief, 
sagte empört, sie könne mit einem Menschen, der vor jedem zweiten Haus ein 
Glas Wasser und einen Pissoirbesuch verlange, nicht auskommen. Tatsächlich 
gab Patientin an einem Tag für Pissoirbesuche etwa 6 Schilling aus, was, wenn 
man bedenkt, dass ein solcher bloss einige Groschen kostet, eine Leistung ist. 
Auch nahm Patientin ständig Abführmittel in grossen Dosen, nicht nur weil sie 
obstipiert war, sondern weil sie den Stuhl zu Zwangsformeln, bzw. 
dem «Ungeschehen-machen» des vielleicht doch stattgehabten Kontaktes mit 
«jenem Mann» benötigte. Dieser Kontakt war keineswegs bloss in Form 
einer Berührung gedacht, zutiefst konnte der Kontakt durch jede Hautpore des 
Korpers, vor allem auch durch Essen, also oral vorgenommen werden. Die 
Stuhlmengen mussten deshalb kopiös und flüssig sein, auch war dabei ein Zer- 
stückeln des Mannes mitenthalten (Stuhl = Rückgängigmachen der oralen 
Aufnahme des Mannes). Patientin war in der Ehe völlig frigid gewesen und 
wurde angeblich zur FeUatio gezwungen. 

Neben den bereits beschriebenen Leistungen der «Isolierung» und des 
«Ungeschehen-machens» erfand Patientin folgende Form, die sie «Übertragung» 
nannte. Sah sie den eigenen Schatten und hatte sie an den Mann gedacht (was 
praktisch zusammenfiel), «übertrug» sie den Gedanken auf andere Personen, 
wodurch sie schuldfrei wurde. Dieses Übertragen hatte zwei Stadien: Vorerst 
übertrug sie ihren Gedanken an den Mann auf einen fremden Mann, das heisst 
sie stellte sich vor, nicht sie habe an den Mann gedacht, sondern ein mit 
«jenem Mann» identifizierter fremder Mann hätte den frevel- 
haften Gedanken gehabt. Sah sie also ihren eigenen Schatten, 
konnte sie nicht mehr in der gleichen Richtung weitergehen. Sie schwankte nun 
zwischen dem Entschluss, auf der gleichen Stelle der Strasse stehenzubleiben 
oder weiterzugehen. (Eine der Komplikationen des Zwanges bestand darin, dass 
die Situation, in welcher der Zwangsgedanke kam, verändert werden musste: 
kam dieser im Sitzen, musste sie gehen, war er im Gehen gekommen, bestand 
der Drang zum Laufen usw.) Nach langem Schwanken ging sie weiter, suchte 
sich eine Imago des Mannes (dabei schwankte sie stundenlang bei der Wahl des 
«passenden» Mannes). Dieser Mann musste ihr entgegenkommen (Abwehr des 
Analen, von rückwärts Kommenden); wenn sich nun der eigene Schatten und 
der Schatten bzw. der Körper des Mannes «deckten», machte sie rasch eine 
Wendung und folgte diesem wie einem Führer und spielte selbst die Geführte. 
(«Wendung» nannte dies die Patientin.) Später komplizierte sich der Vorgang 
der Übertragung, indem nicht der eigene Schatten zur Deckung gebracht wurde, 
sondern auch für die Patientin selbst eine Ersatzperson gewählt wurde, was um 
so schwerer wurde, als der gleiche Gedanke auf eine zweite, dritte, vierte, ja 
manchmal fünfte Person übertragen werden musste. Da sie manchmal bis zu 
25 Gedanken an den Mann zu übertragen hatte, litt die Patientin, wie sie 
sarkastisch hinzufügte, niemals an Langeweile, ja der Tag wurde für diese 
Zwangsarbeiten zu kurz und halbe Nächte mussten «als Draufgabe» h in zu- 
genommen werden. Bezeichnenderweise enthielt der Zwang der Übertragung 
selbst schon eine unerfüllbare Bedingung: den Gedanken an den Mann zu über- 
tragen, ohne an ihn zu denken. Dieses «Wasch mir den Pelz, aber mach ihn 
nicht nass»-Problem war unlösbar und war selbst Quelle ständiger Zweifel. Sie 
ging deshalb auch, um dem ganzen Übertragen auszuweichen, mit halbgeschlos- 

19 



senen Augenlidern, weil sie sich vor dem Anblick des eigenen Schattens «fürch- 
tete», da dieser Anblick die imperative Forderung nach Übertragung enthielt. 
Doch war dies begreiflicherweise bloss eine Abwehr des unbewussten Wunsches. 

Der Gedanke an den Mann war im Verlaufe der letzten fünf Jahre mit 
einem hysterischen Konversionssymptom in den Backenknochen verbunden. 
Patientin beschrieb dieses Gefühl: «Es ist so, wie wenn das Sturmband eines 
Helmes fester angezogen würde.» Dieses Gefühl konnte gemildert werden, wenn 
Patientin eine andere Person an den Backenknochen von rückwärts f asste. 
Patientin tat dies in ihren Anfällen wiederholt bei ihrer Enkelin und bei Beglei- 
terinnen und wurde deshalb der Homosexualität beschuldigt. Auch war die Ge- 
fahr, mit «jenem Mann» von der Seite in Kontakt zu kommen, gefähr- 
licher als von vorne. Dieses «von der Seite» erwies sich als Verschiebung von 
Analem aus: «auf die Seite gehen», was die der Patientin geläufige Ausdrucks- 
form für urinieren und defäzieren darstellte. 

Wir sehen, dass bei der Patientin in einer für die Zwangssymptome typi- 
schen Weise in immer grösserem Umfang die abgewehrten Triebregungen sich 
einschmuggeln: Das zur Deckungbringen der Personen — die «Übertragung» 
in der Sprache der Patientin — lässt ja gerade das geschehen, was offiziell ver- 
mieden werden soll: Kontakt bzw. anale Berührung. Die von den Analbacken 
auf die Backenknochen hysterisch verschobene Berührungslust wird in Form 
einer magischen Geste durchgeführt. Das stundenlange Sichanziehenlassen von 
einer Frau, das ganz oder halbnackt Dastehen vor ihr, gestattet auf einem Um- 
weg das Ausleben der Exhibition. Das ständige Denken an die Deckfigur des 
alten Mannes — eine Vaterimago — bewirkte ein ständiges Verbundensein mit 
diesem. Das Ausleben der aggressiven Regungen zeigte sich darin, dass Patientin 
sich ständig dagegen verwahrte, die Menschen, die sie zur Übertragung benützte, 
schädigen zu wollen: «Schattenspielerei» war ein Äquivalent des Tötens, was 
auch daraus ersichtlich war, dass es im Belieben der Patientin stand, die Schat- 
ten «zum Verschwinden zu bringen», d. h. zu töten, etwa dadurch, dass sie ihre 
Stellung wechselte. Die Verwendung des Stuhls zu Zerstückelungstendenzen 
wurde bereits besprochen. 

Der Abwehr der oralen Einverleibung entsprach im Psychischen eine 
ständige Abwehr der Identifizierung mit dem Mann. So vermied Patientin z. B. 
das Schneuzen, da sie dabei das «breite, aufgedunsene Gesicht des Mannes» zu 
haben fürchtete. Auch bestand neben dieser Flatusabwehr ein direkter Zusam- 
menhang mit dem Pressen beim Stuhl: stärkeres Pressen rief jenes Gefühl im 
Gesicht hervor. 

Endlich sei noch die Hauptzwangsformel der Patientin genannt: «Immer 
wieder einmal ist normal. Flüssig, wässerig, ganz normal und langsam. Sauer- 
stoff.» Die Erklärungen der Patientin lauteten: «Immer wieder einmal» beziehe 
sich auf das Denken an den Mann. Eine Modifikation dieser Formel lautete: 
«Immer wieder einmal ist so gut wie keinmal.» Dass sich dieses Denken am 
Ende auf die Berührung bzw. auf das orale Aufnehmen bezog, geht aus der 
Fassung «Flüssig, wässerig» hervor. Erinnert man sich der Angaben der 
Patientin, sie benötige die flüssigen Fäzes zu ihren Zwangsformeln, dann wird 
es wahrscheinlich, dass der zweite Satz der Zwangsformel sich auf den Stahl 
bezieht. Die Rationalisierung der Patientin bezog sich auf Orales: sie wolle, 
sagte sie, alles ganz klein kauen, weil dies gesund sei. Das Schlusswort der 
Zwangsformel sollte, nach Angabe der Patientin, bedeuten, dass sie, da sie beim 
Sprechen etwas abgegeben hatte — Kohlensäure — nun berechtigt sei, Sauer- 
stoff aufzunehmen. Da sich das «Abgeben» auf Anales bezog, d. h. den Feind 
vernichtet hatte und die Patientin durch Abgeben, d.h. Verzicht auf denselben 
gesühnt hatte, konnte sie nun wieder oral aufnehmen, d. h. den ganzen Prozess 
von vorne beginnen ad infinitum. Somit war die Zwangsformel am Ende ein 
Berechtigungsschein zur oralen-analen Befriedigung, all dies unter dem Schein 
des Erlaubten. 

20 



Es ist klar, dass vieles an den Zwängen der Patientin in der kurzen Beob- 
achtungszeit nicht durchschaut werden konnte. Auch war die Differential- 
diagnose zwischen Zwangsneurose und paranoider Schizophrenie nur mit Wahr- 
scheinlichkeit zugunsten der Zwangsneurose zu entscheiden. 

Die genitale Phase — in der die einzelnen prägenitalen 
Zuflüsse dem Genitale tributär werden — beginnt mit der soge- 
nannten phallischen Organisationsstufe der Libido. 
Und zwar machen beide Geschlechter diese Phase mit. Der 
Einwand, dass das Mädchen keinen Penis habe, somit keine phal- 
lische Lust bei der Kindheitsonanie empfinden könne, widerlegt 
sich damit, dass das kleine Mädchen ihre Klitoris als Penis perzi- 
piert und durchaus «männlich» onaniert. Die Vagina wird psy- 
chisch nicht zur Kenntnis genommen, wird verleugnet, das kleine 
Mädchen will also psychisch Bub sein, d. h. einen Penis haben. 
Wieder erhebt sich beim Erwachsenen, für den die Trennung nach 
Geschlechtern und die Tatsache, dass zwei Geschlechter existieren, 
kein Problem ist, der Widerspruch in Form der Annahme, diese 
Unterscheidung wäre von Anfang an dagewesen. Davon ist keine 
Rede und gerade aus der Tatsache, dass viele Frauen unbewusst 
sich mit der weiblichen Sexualrolle nicht abgefunden haben, resul- 
tiert eine der Konstituenten der Frigidität 1 ). 

Bub und Mädel verhalten sich beim Anblick der Genitalien des 
anderen Geschlechtes ganz verschieden. Wenn der Bub die Ge- 
schlechtsteile des Mädchens zuerst erblickt, «benimmt er sich un- 
schlüssig, zunächst wenig interessiert; er sieht nichts oder er 
verleugnet seine Wahrnehmung» («Skotomisieren» nach Lafor- 
g u e), «schwächt sie ab, sucht nach Auskünften, um sie mit seiner 
Erwartung in Einklang zu bringen. Erst später, wenn eine Kastra- 
tionsdrohung 2 ) als Bestrafung wegen der Onanie auf ihn Einfluss 
gewonnen hat, wird diese Beobachtung für ihn bedeutungsvoll; 
ihre Erinnerung oder Erneuerung regt einen Affektsturm in ihm an 
und unterwirft ihn dem Glauben an die Wirklichkeit der bisher 
mehr oder weniger ungläubig hingenommenen Androhung. Zwei Re- 
aktionen können aus diesem Zusammentreffen hervorgehen und 
sein Verhältnis zum Weib dauernd bestimmen: Abscheu vor 
dem verstümmelten Geschöpf oder triumphie- 
rende Geringschätzung desselbe n.» (Freu d.) 

1 ) Siehe das Buch von Hitschmann und Verfasser «Die Ge- 
schlechtskälte der Frau». 

2 ) Dazu tragen die Drohungen der Erwachsenen bei, die dem Kinde Ab- 
schneiden, Abfallen, «Wegfliegen» usw. des Penis als Strafe für die Onanie ver- 
heissen. 

21 






Die Geringschätzung des Mannes für die Frau geht also z. T. 
auf den «Penisstolz» des Knaben zurück, der dieses Organ 
mit grossen narzisstischen Libidoquantitäten besetzt. Auch die bei 
vielen Männern vorhandene Verachtung der «verstümmelten» 
Frau, die rational ebenso unbegründet wie unausrottbar ist — ■ 
der dümmste Mann fühlt sich unbewusst der klügsten Frau weit 
überlegen mit der alleinigen Begründung, dass er eben Mann ist — , 
hat hier ihre triebhaften Quellen. Manche leichtere Formen hyste- 
rischer Impotenz lassen sich auf die nicht überwundene phallische 
Kastrationsangst des Knaben zurückführen, für den die Vagina 
nicht das physiologisch Gegebene («Anatomie ist Schicksal»), son- 
dern den Beweis darstellt, dass an Stelle des jetzigen Vakuums 
seinerzeit ein Penis da war, der eben abgeschnitten wurde, abge- 
fallen oder verkümmert ist 1 ). Aus unbewusstem Schuldgefühl be- 
zieht der Knabe dem Mädchen widerfahrene Strafe sofort auf 
sich und die Erektionslosigkeit ist die Folge. 

Ganz anders wie der Knabe verhält sich das kleine Mädchen 
beim Anblick der männlichen Genitalien. «Dieses ist im Nu fertig 
mit dem Urteil und seinem Entschluss. Es hat den Penis gesehen, 
weiss, dass es ihn nicht hat, ist enttäuscht und will ihn haben. An 
dieser Stelle zweigt der sogenannte Männlichkeitskomplex des 
Weibes ab, welcher der vorgezeichneten Entwicklung zur Weib- 
lichkeit grosse Schwierigkeiten bereitet, wenn es nicht gelingt, 
ihn bald zu überwinden.» Hinter dem Peniswunsch steckt oft oraler 
Neid. «Die Hoffnung, doch einmal einen Penis zu bekommen und 
dadurch dem Manne gleich zu werden, kann sich beim Mädchen 
bis in unwahrscheinlich späte Zeiten erhalten.» Oder es tritt eine 
Verleugnung des wirklichen Tatbestandes ein: «das Mädchen ver- 
weigert es, die Tatsache seiner Kastration anzunehmen, versteift 
sich in der Überzeugung, dass es doch einen Penis besitzt und ist 
gezwungen, sich in der Folge so zu benehmen, als ob es ein Mann 
wäre. Die psychischen Folgen des Penisneides, soweit er nicht in 
der Reaktionsbildung des Männlichkeitskomplexes aufgeht, sind 
vielfältige und weittragende. Mit der Anerkennung seiner nar- 
zisstischen Wunde stellt sich — gleichsam als Narbe — ein Min- 
derwertigkeitsgefühl beim Weibe her. Nachdem es den ersten Ver- 
such, seinen Penismangel als persönliche Strafe zu erklären, über- 



') Jones hat für die Vorstellungsinhalte der «völligen Vernichtung der 
Liehesfähigkeit» den glücklichen terminologischen Vorschlag «Aphanisis» ge- 
macht. «Die erste Entwicklung der weiblichen Sexualität», Int. Zeitschrift für 
Psychoanalyse, 1928. 

22 



■■ 



wunden und die Allgemeinheit dieses Geschlechtscharakters er- 
fasst hat, beginnt es die Geringschätzung des Mannes für das in 
einem entscheidenden Punkt verkürzte Geschlecht zu teilen.» 
(Freud.) 

Zum weiteren Verständnis der sexuellen Entwicklung des Kna- 
ben ist es notwendig, sich zwei Tatsachen vor Augen zu halten: 
die der Bisexualität 1 ) und des Ödipuskomplexes. 
Die Tatsache der Bisexualität besagt, dass in jedem Individuum 
männliche und weibliche Elemente vorhanden sind 2 ). Der Ödipus- 
komplex behauptet, dass der Bub die Mutter wie der Vater lieben 
und sich an Stelle des Vaters setzen will, woraus hassvolle Ein- 
stellungen zum Vater resultieren. Die Bisexualität bewirkt aber, 
dass der Ödipuskomplex «zweigeleisig» angelegt ist: der Knabe 
will also nicht nur die Mutter lieben und hasst den Vater («positi- 
ver» Ödipuskomplex), er liebt auch den Vater und lehnt die Mut- 
ter als Bivalin ab, will vom Vater wie die Mutter passiv geliebt 
werden («negativer» Ödipuskomplex). 

Welches sind nun die weiteren Schicksale des Ödipuskomple- 
xes 3 ) beim Knaben? Er zerschellt am Kastrationskomplex. Denn die 

*) Es sei au die Worte erinnert, die Plato im «Symposion» Aristophanes in 
den Mund legt: «Unser Leib war nämlich zuerst gar nicht ebenso gebildet wie 
jetzt: er war ganz anders. Erstens gab es drei Geschlechter, nicht bloss, wie 
jetzt, männlich und weiblich, sondern noch ein drittes, das die beiden ver- 
einigte . , . das Mannweibliche . . .» Alles an diesen Menschen war aber doppelt, 
sie hatten also vier Hände und vier Füsse, zwei Gesichter, doppelte Schamteile 
und so weiter. Da liess sich Zeus bewegen, jeden Menschen in zwei Teile zu 
teilen «wie man die Quitten zum Einmachen durchschneidet . . . Weil nun das 
ganze Wesen entzweigeschnitten war, trieb die Sehnsucht die beiden Hälften 
zusammen: sie umschlangen sich mit den Händen, verflochten sich ineinander 
im Verlangen, zusammen zu wachsen . . .» 

2 ) Unser römischer Kollege Dr. Edoardo Weiss, dem unsere Wissen- 
schaft eine Reihe wertvoller Beiträge verdankt, hat aus der Tatsache der Bi- 
sexualität eine interessante und ansprechende Theorie zum Verständnis der 
HeteroSexualität entwickelt: Die heterosexuelle Objektswahl des reifen Mannes 
komme durch Projektion seiner eigenen Weiblichkeit zustande: durch die Ich- 
passage der Mutterimago werde sie aber dem genuinen Ich ähnlicher. «Über 
eine noch nicht beschriebene Phase der Entwicklung zur heterosexuellen 
Liebe». Int. Zeitschrift für Psychoanalyse, 1925. Seite 429 — 443. 

3 ) F r e u d s Behauptung von der Ubiquität des Ödipuskomplexes hat in der 
Aussenwelt schärfste affektive Ablehnung gefunden. Diese Ablehnung ist selbst- 
verständlich, da sowohl Neurotiker wie Gesunde den Ödipuskomplex — aller- 
dings mit verschiedenem Erfolg — in der Kindheit verdrängen, d. h. ins Un- 
bewusste verlagern. Da die Aussenwelt von vielen Neurotikern und wenigen 
Gesunden bevölkert ist (von der nicht unwesentlichen Gruppe der Psychotiker 
abgesehen, die aber selbst unsere Gegner kaum als «vollwertige Kritiker» an- 
erkennen werden), mussten sich beide Gruppen in freudiger Eintracht gegen die 
Analyse wenden. Die analytischen Erkenntnisse sind leider nicht ohne weiteres 
vom Laien nachprüfbar. Zu dieser affektiven, in der Sache selbst liegenden 

23 



Wünsche auf die Mutter gefährden das Genitale: wer mit dem 
Genitale sündigt, muss fürchten, am Genitale gestraft zu werden, 
wobei der Exekutor dieser Rache der Vater wäre. Die Kastrations- 
drohung zwingt also den Knaben, diese Wünsche auf die Mutter 
aufzugeben. Unter dem Eindruck der Gefahr, den Penis zu ver- 
lieren, wird der Ödipuskomplex verlassen, verdrängt, im normal- 
sten Falle gründlich zerstört und als sein Erbe ein strenges «Über- 
ich» (= unbewusster Anteil des Gewissens) eingesetzt. Anders 
ausgedrückt: «die Objektbesetzungen werden aufgegeben und durch 
Identifizierungen ersetzt. Die ins Ich introjizierte Vater- oder 
Elternautorität bildet dort den Kern des Über-Ichs, welches vom 
Vater die Strenge entlehnt, sein Inzestverbot perpetuiert und so 
das Ich gegen die Wiederkehr der libidinösen Objektbesetzung 
versichert. Die dem Ödipuskomplex zugehörigen libidinösen Stre- 
bungen werden zum Teil desexualisiert und sublimiert, zum Teil 
zielgehemmt und in zärtliche Regungen verwandelt. Der ganze 
unbewusste Prozess hat einerseits das Genitale gerettet, die Ge- 
fahr des Verlustes von ihm abgewendet, anderseits es lahmgelegt, 
seine Funktion mehr oder weniger aufgehoben.» Mit ihm schliesst 
die erste Blütezeit des Ödipuskomplexes ab (3. — 5. Lebensjahr), 
es folgt die Latenzzeit, die bis zum Beginn der Vorpubertät 
dauert, die dann ein neues Hochkommen der alten Ödipuswün- 
sche mit sich bringt und in welcher sich das Schicksal des Men- 
schen: Gesundheit, Neurose oder Perversion, endgültig entscheidet. 

In der phallischen Phase dienen — laut Eideibergs Ta- 
belle — folgende Handlungen der Befriedigung der beiden Trieb- 
gemische: 

Äusserungen des Sexual triebgemisches: Harn hergeben, mit 
dem Penis reiben oder ihn streicheln lassen 1 ). 

Äusserungen des Aggressionstriebgemisches: Harn zurückhal- 
ten, Penis einziehen. 

Abwehr des Ödipuskomplexes gesellte sich noch ein zäh festgehaltenes Miss- 
verständnis, als ob es notwendigerweise gerade die Eltern 
wären, denen die libidinösen und aggressiven Wünsche der Kinder entgegen- 
gebracht wurden. Davon ist keine Rede: der Ödipuskomplex behauptet le- 
diglich, dass die zufälligen Erziehungspersonen Objekt dieser Regungen werden. 
Da in der kulturellen Familie regelmässig gerade die Eltern als Erzieher fun- 
gieren, bieten sie sich — unfreiwilligerweise — zum Objekt dieser Regungen 
dem Kinde dar. Um ein groteskes Beispiel heranzuziehen: Gesetzt den Fall, 
man würde einen in einer europäischen Großstadt geborenen Säugling knapp 
nach der Geburt nach einer Südseeinsel mittels Flugzeug transportieren und 
ihn einer Südseeinsulanerin zur Aufzucht übergeben — er würde ihr und ihrem 
Manne mit der Zeit die gleichen Gefühle entgegenbringen, wie unter anderen 
Umständen den eigenen Eltern. 

*) Siehe dazu Anm. 1 S. 79 dieses Buches. 

24 



Die phallische Phase der Entwicklung war in letzter Zeit Ge- 
genstand einer bedeutungsvollen Untersuchung von Ernest J o - 
nes 1 ). Der führende anglosächsische Analytiker kommt zum Re- 
sultat, dass bei dieser Phase zwei Subphasen zu unterscheiden 
sind: die proto- und die deutero-phallische. Die protophallische 
Phase «wäre durch Unschuld oder Unwissenheit gekennzeichnet, 
wenigstens was das Bewusstsein anlangt: es gibt keinen Konflikt 
in der in Frage stehenden Sache. Das Kind nimmt zuversichtlich 
an, dass die übrige Welt gleich ihm gebaut ist und ein männliches 
Organ besitzt, mit dem es zufrieden sein kann — Penis oder Kli- 
toris, je nachdem. In der zweiten, deuterophallischen Phase däm- 
mert der Verdacht, dass die Welt in zwei Klassen geteilt ist, nicht 
männlich und weiblich im eigentlichen Sinne, sondern penisbesit- 
zend und kastriert (zwei Klassifikationen, die sich allerdings ziem- 
lich decken). Die deutero-phallische Phase erscheint neurotischer 
als die protophallische, wenigstens in unserem speziellen Zusam- 
menhang. Denn sie ist mit Angst verbunden, mit Konflikten, mit 
einem Sträuben gegen die Annahme dessen, was doch als real 
empfunden wird, nämlich der Kastration, während anderseits der 

narzisstische Wert des Penis überkompensatorisch betont ist 

auf Seiten des Knaben; mit gemischten Gefühlen der Erwartung 
und Verzweiflung — auf seiten des Mädchens.» Jones kommt zum 
Resultat, dass die deutero-phallische Phase eine Perversion ist, die 
der Aufgabe dient, der libidinösen Befriedigung eine Möglichkeit 
der Realisierung zu retten, bis jene Zeit kommt, «wo man mit 
der Angst vor der Verstümmelung fertig geworden ist und die 
heterosexuelle Entwicklung, auf die man zeitweise verzichtet, wie- 
der aufnehmen kann. Die Inversion, als Abwehr der Angst, hängt 
von dem Ausmass des Sadismus ab, der die Angst entstehen Hess.» 
Jones ist keineswegs der Ansicht, die phallische Phase sei not- 
wendigerweise pathologisch, «obwohl sie dies durch Übertreibung 
oder Fixierung werden kann. Sie ist eine Abweichung vom gera- 
den Weg der Entwicklung und eine Reaktion auf die Angst; 
nun mag aber nach allem, was wir bisher wissen, die Forschung 
ergeben, dass diese früheste kindliche Angst unvermeid- 
lich und die phallische Abwehr die für dieses Alter einzig mög- 
liche ist.» 

Freud hat in letzter Zeit für das Mädchen die «präödipale 
Mutterbindung», sozusagen die Vorgeschichte des ödipuskom- 

l ) «Die phallische Phase», Int. Zeitschrift für Psychoanalyse, 1933. 

25 



plexes, unter Billigung der Vorarbeiten von Jeanne Lampl 
de Groot 1 ) und Ruth MacBrunswick 2 ) beschrieben. 
Eine analoge Darstellung für den Knaben steht von der Feder 
Freuds noch aus. Es gibt eine grössere Anzahl Arbeiten analy- 
tischer Autoren, die die orale Phase behandeln, über die wir im 
Kapitel über die Potenzstörungen mit oralen Mechanismen be- 
richten. (Kapitel IV C.) 

Zum Verständnis des folgenden sei noch kurz auf die neuesten 
metapsychologischen Formulierungen Freuds über die Struk- 
turierung der Persönlichkeit verwiesen. 

Die metapsychologische Strukturierung der Persönlichkeit ist 
ebensowenig wie die früher zitierte Eros-Thanatos-Theorie in weni- 
gen Sätzen referierbar 3 ). Sie geht davon aus, dass nur ein Teil der 
der Aussenwelt zugewandten Persönlichkeit, das «Ich», bewusst 
ist, dagegen der andere Teil des Ich, ebenso wie das «Es» — Re- 
servoir des unbewusst Triebhaften — , und das «Über-Ich» — die 
unbewusste Gewissensinstanz — unbewusst und doch wirksam 
sind. Erst das Zusammenspielen der «einzelnen Provinzen» des 
psychischen Apparates ergebe das Verständnis der Handlungen 
eines Menschen. Bei den im IV. Kapitel eingestreuten längeren 
Krankengeschichten wird diese Mosaikbildung der Psyche klarer 
werden, wenn gezeigt werden wird, wie das neurotische Symptom 
ein unbewusstes Kompromiss des unbewussten «Ich» zwischen 
verdrängten Wünschen des «Es» und ebenso bewusstseinsunfähi- 
gen «Über-Ich»-Verboten darstellt. 



*) «Zur Entwicklungsgeschichte des Ödipuskomplexes der Frau». Int. Zeit- 
schrift für Psychoanalyse, 1927. 

2 ) «Die Analyse eines Eifersuchtswahnes». Int. Zeitschrift für Psycho- 
analyse, 1928. 

3 ) Freud «Neue Folge der Vorlesungen». Int. Psychoanalytischer Verlag. 
Kapitel 31: «Die Zerlegung der psychischen Persönlichkeit». 

26 



III. Kapitel. 

Definition, Einteilungsprinzip, Grade und 
Symptomatologie der Potenzstörungen. 

Unter einer psychogenen Potenzstörung verstehen wir eine am 
Penis, dem Exekutionsorgan der männlichen Sexualität, manifest 
werdende zentrale Hemmung, die je nach dem Grade der- 
selben: 

a) infolge ausbleibender oder ungenügender Erektion schon die 
Immissio und damit den ganzen Koitus unmöglich macht (Erek- 
tivelmpotenz); 

b) trotz unzureichender oder ausbleibender Erektion zu einer 
sofortigen Ejakulation schon bei Annäherung an die Vulva führt 
(Ejaculatio ante portas); 

c) trotz Immissio infolge zu früher, schon nach einigen Frik- 
tionen eintretenden Ejakulation die normale Dauer und Befriedi- 
gung des Koitus verhindert (Ejaculatio praecox); 

d) trotz Immissio und trotz normalen Friktionen erst nach lan- 
ger Zeit (Va— 1 Std.) die Ejakulation hervorbingen lässt und da- 
mit auch eine relative Orgasmusstörung verursacht (Ejacula- 
tio retardata); 

e) trotz Immissio und lange fortgesetzter Friktionen keine Eja- 
kulation zustande kommen lässt (Ejakulative Impotenz, 
Psychogene Aspermie); 

f) trotz normaler Immissio, trotz normaler Friktionen, trotz 
normaler Ejakulation, keinen normalen Orgasmus vermittelt 
(Orgastische Impotenz). 

Dieser phänomenologischen Vielheit der Potenzstörungen ent- 
spricht nicht bloss eine komplizierte Genese — jede dieser For- 
men der Impotenz kann sehr verschiedene Ursachen x haben, die 
Phänomenologie sagt noch nichts über die Genese aus — , auch 
die Einteilung dieses grossen Gebietes kann nach verschiedensten 
Gesichtspunkten erfolgen. Und zwar: 

a) Genetisch, d. h. nach der Stufe der Fixation 
bzw. Regression der Libido und Aggression: Po- 
tenzstörungen mit phallischen, analen und oralen Mechanismen. 

27 



b) nach dem Gesichtspunkt des Scheiterns am positiven 
oder negativen Ödipuskomplex oder an der p r ä - 
ödipalen Mutterbindung («Mammakomplex»); 

c) deskriptiv nach dem Grade der sexuellen Beteiligung und 
Erregung bzw. Ausbleibens einer solchen beim Koitus; 

d) nach der Art der Potenzstörung: erektiv, eja- 
kulativ, orgastisch; 

e) nach der Häufigkeit: obligatorisch = bei jeder 
Frau, fakultativ = bei Frauen, die gewissen Bedingungen entspre- 
chen; 

f) nach dem Grad: total oder relativ; 

g) nach Zeitpunkt des Eintritts bzw. Ausblei- 
bens der Ejakulation: Ejaculatio praecox, retardata, psy- 
chogene Aspermie; 

h) nach einzelnen neurotischen Krankheiten 
(Perversionen) bzw. Charakterstörungen; 

i) echte Impotenz und Pseudoimpotenz. 

Alle bisher zitierten Formen sind echte Potenzstörungen. Un- 
ter Pseudoimpotenz wäre etwa eine reaktive Potenzstörung bei 
allzu deutlich zur Schau getragenen Ablehnung des Koitus von Sei- 
ten der Frau (Frigidität), bei Untreue der Frau, Nichtvertragen 
von Schutzmitteln, bei realer Unmöglichkeit des Ejakulierens 
(Veto der Frau), oder üblem Geruch derselben. 

Wir haben uns — wie für die psychoanalytische Lehre selbst- 
verständlich — für den genetischen Gesichtspunkt beim 
Einteilungsprinzip entschieden und teilen im folgenden das grosse 
Gebiet der Potenzstörungen in drei Gruppen ein: Impotenz mit 
phallischen, analen und oralen Mechanismen. Inner- 
halb jeder Gruppe finden sich einige Untergruppen. Die Eintei- 
lung ist nicht bloss von theoretischem Interesse, die Prognose 
der einzelnen Formen ist eine wesentlich andere. 

Um die einzelnen Potenzstörungen unterscheiden zu können, 
geben wir vorerst ein knappes Schema der Phänomenolo- 
gie des Koitus 1 ), soweit sie sich auf den Mann bezieht 2 ) : 

Die Erektion des Mannes ist lustvoll, mit einem imperativen 
Drang zur Immissio verbunden. Vorlustakte sind vielfach notwen- 
dig, da auch bei der gesunden Frau die Erregungskurve langsamer 
verläuft. Es folgt die Immissio und die Friktionen, die etwa 2 — 10 



*) Bezüglich der neurologischen Physiologie des Koitus s. Müller «Das 
vegetative Nervensystem», Springer, 1920. 

2 ) S. die Parallelschilderung bez. der Frau im zitierten Frigiditätsbuch. 

28 



Minuten fortgesetzt werden. Die Ejakulation kündigt sich durch 
das sogenannte «Samengefühl» an, in diesem Zeitpunkt der begin- 
nenden unwillkürlichen Muskelkontraktionen ist eine Unterbre- 
chung des Koitus unlustvoll, die ganze Erregung konzentriert sich 
im Genitale. Diese Spannungssteigerung führt zu einer Ausschal- 
tung der bewussten Denktätigkeit, der ganze Körper ist gewisser- 
massen ein Anhängsel des Genitales. Der Orgasmus erfolgt gleich- 
zeitig mit der Ejakulation, das dabei auftretende Gefühl ist eine 
Kombination von Spannungslösung (manche Gesunde vergleichen 
das Gefühl der Ejakulation mit einem Bogen, von dem eben ein 
Pfeil abgeschnellt ist), lustvollem Abströmen der Erregung auf den 
ganzen Körper und lustvoller Ermattung. Der normale Orgasmus 
bewirkt beim Manne eine zärtliche Strömung zur Frau und eine 
Art Glücksgefühl. 

Als pathologisch sind selbst bei guter Erektion anzusehen: 
Mangel des Immissiowunsches, völlige Inaktivität mit ausschliess- 
lichen Succubuswünschen, aber ebenso anormal sind allzu starke 
sadistische Handlungen und Phantasien während des Koitus, Man- 
gel an Zärtlichkeit, ferner Schuldgefühl, Ekel, Unbehagen, Kopf- 
schmerzen, Depressionen evtl. Schlaflosigkeit nach dem Koitus. 
(Sexuelle Befriedigung ist nach einem Worte Freuds das beste 
Schlafmittel.) 

Die Frage nach der normalen Häufigkeit des Koitus ist nicht 
beantwortbar, da eben die sexuelle Appetenz verschieden ist. 
Extreme Seltenheit ist ebenso verdächtig, wie ständiger Koitus- 
wunsch. 

Bezeichnenderweise wird fast ausnahmslos von den potenzge- 
störten Patienten angenommen, dass die Onanie für die Impo- 
tenz verantwortlich sei. Wie steht es damit? 

Freud hat die Onanie nach dem Lebensalter geschieden 1 ) in: 

1. Die Säuglingsonanie, unter der alle autoerotischen, der se- 
xuellen Befriedigung dienenden Vornahmen verstanden sind. 

2. Die Kinderonanie, die aus ersterer unmittelbar hervorgeht 
und sich bereits an bestimmte erogene Zonen fixiert hat. 

3. Die Pubertätsonanie, welche entweder an die Kinderonanie 
anschliesst oder durch die Latenzzeit (5. — 12. Lebensjahr) von ihr 
getrennt ist. 

Freud hat schon vor Jahrzehnten den Standpunkt vertreten, 
dass exzessive Onanie und gehäufte Pollutionen neurasthenische 

l ) Zusammenfassende Darstellung in Freuds Diskussionsbeitrag zur Wr. 
Onaniediskussion. Verlag Bergmann, 1912 

29 



Beschwerden hervorrufen und mahnte wiederholt, «die Rubrik: 
Schädliche Wirkungen der Onanie nicht zu streichen.» Die 
Schädlichkeit der Onanie für den Erwachsenen (die Säuglings- und 
Kinderonanie ist ein normales Vorkommen) begründete der 
Schöpfer der Psychoanalyse wie folgt: 

a) als organische Schädigung nach unbekanntem 
Mechanismus, wobei die Gesichtspunkte der Masslosigkeit und in- 
adäquaten Befriedigung in Betracht kommen; 

b) auf dem Wege der psychischen Vorbildlich- 
keit, insofern zur Befriedigung eines grossen Bedürfnisses nicht 
die Veränderung der Aussenwelt angestrebt werden muss; 

c) durch die Ermöglichung der Fixierung infantiler 
Sexualziele und des Verbleibens im psychischen Infantilis- 
mus. Damit ist dann die Disposition für den Verfall in Neurose 
gegeben. 

Diesen Standpunkt hat Freud auch zur Zeit beibehalten, als 
in übertriebener Weise die völlige Unschädlichkeit der Onanie der 
Erwachsenen von einzelnen Autoren behauptet wurde (S t e k e 1). 
Eine Reihe von Analytikern hat das Moment der unbewussten 
Schuldgefühle stärker hervorgehoben und gemeint, dass nur die 
durch Schuldgefühl bzw. Unbefriedigung gestörte Onanie Neu- 
rasthenie erzeuge (Federn, Ferenczi, Tausk, Reich). 
Die Schuldgefühle bei der Onanie stammen bekanntlich immer 
aus den unbewussten Inzestphantasien und werden in einem un- 
bewussten Verschiebungsprozess fälschlich auf die Onanie selbst 
bezogen. Interessant ist, dass die Anwendung der Eros-Thanatos- 
Theorie die ursprüngliche Annahme Freuds von der Schädlich- 
keit der Erwachsenen-Onanie zu bestätigen scheint. So behaupten 
J e k e 1 s und Bergler 1 ), dass gerade die Unmöglichkeit 
der Abfuhr der Aggression vom eigenen Ich auf 
das Sexualobjekt bei der Onanie schädlich sei 
und zugleich die unvollständige Befriedigung bewirkt 2 ). Nun- 



J ) «Übertragung und Liebe», Imago 1934, Heft 1. 

2 ) Vielleicht gehört etwa der neurotische Kopfschmerz nach der Onanie 
mit Schuldgefühlen ebenso hierher, wie die Unbefriedigung der Patienten mit 
Ejaculatio praecox wegen der unterbliebenen Friktionen und der Patienten mit 
Coitus interruptus, wegen der Störung der aggressiven Fiktion der Ejakulation. 
Es ist etwas Sonderbares um die im Koitus abgeführten Aggressionsneigungen 
des Sexualtriebgemisches. Sie sind keineswegs identisch mit den ursprünglichen, 
unbewusst ihnen zugrunde liegenden Tötungsphantasien des Objekts. Es handelt 
sich beim Koitus um eine durch Legierung beider Triebarten kompromissuell 
zustande gebrachte «Purifizierung», die bereits den Wert einer vom Über-Ich 
gebilligten sexuellen Handlung erreicht hat. So kommt das an und für sich 

30 



b e r g *) hebt den gleichen Gesichtspunkt hervor und betont, «dass 
bei Hemmung der Befriedigung sexueller Triebe auch die aggres- 
siven keine Abfuhr nach aussen finden können, sich nach innen 
wenden und in Schuldgefühl verwandeln.» 

Wie wichtig die von den letztgenannten drei Autoren in den 
Vordergrund geschobene kulturell zulässige Abfuhr der Aggression 
vom eigenen Ich aufs Objekt im Koitus ist — dies bewirkt neben 
der Abfuhr prägenital-genitaler Sexualwünsche zugleich auch seine 
Einzigartigkeit und Unersetzbarkeit durch Surrogate — , beweist 
möglicherweise eine Tatsache, auf die Freud in anderem Zu- 
sammenhang hinwies. In einer Arbeit aus der Frühzeit der Ana- 
lyse 2 ) verweist Freud auf die Tatsache, «dass der psychische 
Wert des Liebesbedürfnisses sofort sinkt, sobald ihm die Befrie- 
digung bequem gemacht wird. Es bedarf eines Hindernisses, um 
die Libido in die Höhe zu treiben, und wo die natürlichen Wider- 
stände gegen die Befriedigung nicht ausreichten, haben die Men- 
schen zu allen Zeiten konventionelle eingeschaltet, um die Libido 
gemessen zu können. Dies gilt für Individuen wie für Völker. In 
Zeiten, in denen die Liebesbefriedigung keine Schwierigkeiten 
fand, wie etwa während des Niederganges der antiken Kulten, 
wurde die Liebe wertlos, das Leben leer . . .» 

Man darf die Vermutung aussprechen, dass dieses Selbstschaf- 
fen von Hindernissen in sexualibus durch den Mann den unbe- 
wussten Zweck verfolgt, ein Stück Aggression unterbringen zu 
können — beim Ueberwinden der selbstgeschaffenen Schwierig- 
keiten. 

* 

Die Prognose der psychogenen Impotenz ist bei psycho- 
analytischer Behandlung günstig. Gewiss gibt es zwischen den 
leichtesten Fällen, etwa Impotenzen vom hy-Typus, die in einigen 
Monaten kurabel sind, und den schwersten Fällen — etwa Impo- 
tenz mit masochistischen Tendenzen, deren Aussichten problema- 

widerspruchsvolle Ergebnis zustande, dass einerseits das Nicht-Abführen der 
Aggression vom eigenen Ich aufs Sexualobjekt krankmachend wirkt, anderseits 
aber das zu starke Hervortreten primitiver Tötungsphantasien — Potenzstörun- 
gen hervorruft. Man muss sich immer vor Augen halten, dass die Genitalität ein 
Kompromiss widerstrebender prägenital-sexueller und aggressiver Tendenzen 
darstellt, ohne den einen, noch den andern völlig Genüge tun zu können, was 
ja im Wesen des Kompromisses liegt. 

') «Allgemeine Neurosenlehre», S. 168. Verlag Huber 1932. 

2 ) «Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens». Gesammelte Schriften, 
Bd. V, S. 208. 

31 



tischer sind und etwa IV2 — 2 Jahre beanspruchen — alle Über- 
gangsstufen. Bei den einzelnen nun folgenden Spezialformen ist 
Näheres ausgeführt. 

Die allgemeine Formel der psychogenen Potenz- 
störung wäre : es handelt sich um eine pathologische 
Hemmung, die aus dem unbewussten Festhalten 
infantiler, mit dem Ödipuskomplex oder der 
präödipalen M u 1 1 e r b i n d u n g verlöteten Wün- 
sche resultiert. Daraus ergibt sich, dass wir die Potenz- 
störung auf allen Libidostufen vorfinden und als Begleiterschei- 
nung aller Neurosen antreffen können. Doch sind die psychi- 
schen Inhalte der Potenzstörungen mit phallischen, analen und 
oralen Mechanismen verschieden. 

Noch eine Bemerkung bezüglich des Alters, bis zu welchem die 
psychoanalytische Kur wirkt. Im allgemeinen gilt als Grenze die 
Mitte des fünften Dezenniums. Doch liegen gerade in letzter Zeit 
Angaben von einem der bedeutendsten amerikanischen Analytiker 
vor, S. E. Jelliffe, der von Erfolgen in noch weit fortgeschrit- 
tenem Alter berichtet 1 ). 



*) «Old age factor in psychoanalytical therapy». Medical Journal and Re- 
cord. New York 1925, No. 1. 

32 



IV. Kapitel. 

Spezialformen der Impotenz. 

A. POTENZSTÖRUNGEN MIT PHALLISCHEN MECHANISMEN. 

1. Hysterische Potenzstörungen. 

Die einfachste Form der psychogenen Potenzstörung ist die 
hysterische. Die Ursache dieser Hemmung liegt in diesen Fällen 
ziemlich oberflächlich: Fixiertbleiben bei der Mutter der ödipus- 
zeit, Verdrängung der sexuellen Wünsche auf die Mutter, Identi- 
fizierung aller Sexualobjekte mit der Mutter, konsekutive Impo- 
tenz bzw. Abstinenz, da die Mutter sexuell zu berühren verboten 
war. Als Strafe schwebt unbewusst Kastration bzw. Genitalbeschä- 
digung vor. Der ganze Vorgang spielt sich unbewusst ab, 
sichtbar ist bloss die «unerklärliche» Störung. Diese Störung kann 
sich in folgenden Formen äussern: 

a) in völliger Abstinenz mit «larvierter» Onanie und Pollu- 
tionen; 

b) in völliger Abstinenz Frauen gegenüber bei gleichzeitiger 
Onanie mit Schuldgefühlen und Depressionen; 

c) in erektiver Impotenz variablen Grades; 

d) in der «genitalen Form» der Ejaculatio praecox (Näheres 
siehe S. 117—119); 

e) in der «Spaltung der zärtlichen und sinnlichen Komponente» 
mit konsekutiver Impotenz beim «geachteten» und Potenz beim 
«erniedrigten» Frauentypus; 

f) in Potenzstörungen des «passiv femininen unbewusst homo- 
sexuellen Typus»; 

g) in Herabsetzung der orgastischen Potenz bei Gruppe d), 
e) und f). 

Ad Gruppe a) und b): Abstinenz. 

Da der ganze Vorgang der Mutterfixierung unbewusst ist, sind 
den Patienten bloss Rationalisierungen bewusst. Die Rationalisie- 
rungen sagen über die wahren unbewussten Ursachen nichts aus. 
So wird den Patienten die unbewusste phallische Kastrationsangst 
meist bloss in Form übertriebener Angst vor Geschlechtskrank- 
heiten bewusst. Andere Patienten schützen wieder Angst vor 

3 Die psychische Impotenz des Mannes. 33 



Geldausgaben vor, pessimistische Urteile über den Wert der Frau, 
ästhetische und ideologische Ablehnung des Koitus, Angst vor Zeu- 
gung der Nachkommenschaft, Zeitmangel. In seltenen Fällen wird 
Impotenzangst direkt angegeben. 

Völlige Abstinenz ohne «Onanieäquivalente» 1 ) (unwillkürliches, 
von den Patienten nicht als Onanie anerkanntes Zupfen, Reiben, 
Pressen am Genitale, verschiedene chronische «Unarten», wie 
Nägelkauen, Nasenbohren, Sich-Kratzen, Reiben der Augen, rhyth- 
mische Zungenbewegungen usw.) ist rar, fast regelmässig sind da- 
neben Pollutionen mit konsekutiven Depressionen. 

Häufiger ist Abstinenz mit Beibehaltung der infantilen Onanie 
mit Koitusphantasien, konsekutiven Schuldgefühlen und Depres- 
sionen. Fast regelmässig wird die neurotische Abstinenz — 
die mit der passageren, beim gesunden, am Geschlechtsverkehr 
aus äusseren Gründen gehinderten Mann nichts zu tun hat — von 
den Patienten nicht als Impotenz anerkannt und als freiwilliger 
Akt des Verzichts hingestellt. Re vera stellt diese neurotische 
Abstinenz einen Spezialfall der Impotenz dar, die sofort manifest 
wird, wenn ein Koitus versucht wird. 

Ad Gruppe c) Erektive Impotenz des hysterischen 

Typus. 
Die Phänomenologie ist variationsreich: völliges Ausbleiben 
der Erektion beim intimen Zusammensein mit der Frau, bzw. 
starke Erektion und Zusammenklappen bei der Immissio, «lau- 
nenhafte», leicht zu störende Potenz sind die beiden Extreme. Da- 
zwischen liegen alle möglichen Übergänge: etwa halbsteife Erek- 
tion, die in der Härte ständig wechselt («es ist, als wollte mich der 
Penis frotzeln», ironisierte ein Patient), starke Erektion beim Ge- 
danken an den Koitus und völliger «Versager» beim Koitus, Ein- 
setzen der Erektion bei manueller Nachhilfe von selten der Frau, 
neuerliches Fiasko beim Versuch der Immissio usw. In allen diesen 
Fällen ergibt die Analyse phallische Kastrationsangst 2 ): 
etwa die Vorstellung einer vagina dentata, der Gefahr, den väter- 
lichen kastrierenden Penis in der Vagina anzutreffen, Angst vor 
Abgezwickt- oder Abgeschnürtwerden des Gliedes, irgendeiner 

J ) Siehe Ferenczi «Über verschämte Hände». Bausteine zur Psycho- 
analyse II, S. 33 ff. 

2 ) Es ist interessant, dass die latente Kastrationsangst durch äussere schock- 
artig wirkende Ereignisse aktiviert werden und zu Potenzstörungen führen 
kann: z. B. durch Operationen. Siehe dazu die Arbeit von Ladislaus F e s s 1 e r 
«Psychogene Potenzstörungen nach urologischen Operationen». Int. Zeitschrift 
für Psychoanalyse, 1931. 

34 



Schädigung, die sich um das Lädiertwerden, manchmal um das 
«Zerstückelungsmotiv» des Penis (Schilder) gruppiert. 

Ad Gruppe e) «Spaltung der zärtlichen und sinn- 
lichen Komponente». 

Freud hat in seinen «Beiträgen zur Psychologie des Liebes- 
lebens» darauf aufmerksam gemacht, dass es neurotische Men- 
schen gibt, die «wo sie lieben, nicht begehren und wo sie begehren, 
nicht lieben können» und diese Gruppe als «eigentlich sogenannte 
psychische Impotenz» abgegrenzt von der Gruppe der «absoluten 
Impotenz», deren Träger an unbewusste inzestuöse Phantasien 
fixiert sind (s. Punkt c). Dieses Gespaltensein der zärtlichen und 
sinnlichen Komponente — die beim Gesunden praktisch vereint 
sind — entstammt ebenfalls der Inzestfixierung, stellt aber bereits 
ein Kompromiss dar, das zu einer Beschränkung der Objektwahl 
führt: die «hohen», in der Sprache pathetischer Dichter «himm- 
lischen» und die sentimentalen Gefühle sind der «Dame» reser- 
viert, die «tierischen, schmutzigen» Sexualwünsche dem Dirnen- 
typus. Diese doppelte psychische Buchhaltung führt dazu, «dass 
die aktiv gebliebene sinnliche Strömung nur nach Objekten sucht, 
die nicht an die verpönten, inzestuösen Personen mahnen; wenn 
von einer Person der Eindruck ausgeht, der zu hoher psychischer 
Wertschätzung führen könnte, so läuft es nicht in Erregung der 
Sinnlichkeit, sondern in erotisch unwirksame Zärtlichkeit aus.» 
Anders ausgedrückt: bei «ethisch» hochstehenden Frauen resul- 
tiert Impotenz bzw. ein Tabu der Berührung und nur der Dirnen- 
typus erregt Sexualwünsche. «Das Hauptschutzmittel, dessen sich 
der Mensch in dieser Lieb es Spaltung bedient, besteht in der psy- 
chischen Erniedrigung des Sexualobjekts, während die dem Sexual- 
objekt normalerweise zustehende Überschätzung dem inzestuösen 
Objekt und dessen Vertretungen reserviert wird.» 

Und doch sind diese beiden Strebungen — die zärtliche und 
die sinnliche — bloss zwei Seiten der gleichen Medaille. Die zärt- 
liche Strebung konserviert gleichsam die frühinfantile Vorstel- 
lung von der «asexuellen» Mutter, stellt aber zugleich schon das 
purifizierte Besultat einer Verdrängung dar. Die bei der gegensei- 
tigen sexuellen Aufklärung von Knaben so typische Abwehr der 
Realität des Koitus: «Es ist möglich, dass deine Eltern und andere 
Leute so etwas miteinander tun, aber von meinen Eltern ist es 
ganz unmöglich», ist nicht bloss das Nullifizieren des väterlichen 
Koitus, also auch der Versuch des Auslöschens der Ursachen der 

35 



infantilen Eifersucht des Knaben auf den Vater. Das Festhalten 
dieser Illusion ist zugleich nur möglich, wenn die sinnlichen Stre- 
bungen des Knaben auf die Mutter auf ein anderes Objekt ver- 
schoben werden: auf die käufliche, «sexuell sich auslebende 
Frau». Wenn nämlich der Knabe mit der Zeit die These von der 
Asexualität der Mutter nicht mehr festhalten kann,» sagt er sich 
mit zynischer Korrektheit, dass der Unterschied zwischen der 
Mutter und der Hure doch nicht so gross sei, da sie im Grunde 
das Nämliche tun. Die aufklärenden Mitteilungen haben nämlich 
die Erinnerungsspuren seiner frühinfantilen Eindrücke und Wün- 
sche in ihm geweckt und von diesen aus gewisse seelische Regun- 
gen bei ihm wieder zur Aktivität gebracht. Er beginnt, die Mutter 
selbst in dem neugewonnenen Sinne zu begehren und den Vater 
als Nebenbuhler, der diesem Wunsche im Wege steht, von neuem 
zu hassen; er gerät, wie wir sagen, unter die Herrschaft des Ödi- 
puskomplexes. Er vergisst es der Mutter nicht und betrachtet es 
im Lichte einer Untreue, dass sie die Gunst des sexuellen Ver- 
kehrs nicht ihm, sondern dem Vater geschenkt hat. Diese Regun- 
gen haben, wenn sie nicht rasch vorüberziehen, keinen andern 
Ausweg, als sich in Phantasien auszuleben, welche die Sexualbetä- 
tigung der Mutter unter den mannigfachsten Verhältnissen zum 
Inhalte haben, deren Spannung auch leicht zur Lösung im onani- 
stischen Akte führt. Infolge des ständigen Zusammenwirkens der 
beiden treibenden Motive, der Begehrlichkeit und der Rachsucht, 
sind Phantasien von der Untreue der Mutter die bei weitem be- 
vorzugten; der Liebhaber, mit dem die Mutter die Untreue be- 
geht, trägt fast immer die Züge des eigenen Ich, richtiger gesagt, 
der eigenen, idealisierten, durch Altersreifung auf das Niveau des 
Vaters gehobenen Persönlichkeit» (Freu d). Während aber der 
Gesunde die Bindung an die Mutter löst und auf andere Frauen 
überträgt, gelingt dies beim geschilderten Typus des Neurotikers 
nur im Wege der Aufsplitterung beider Tendenzen. Diese Neuro- 
tiker idealisieren und verachten zugleich die Frau, bloss dass 
sie für jede dieser Einstellungen einen bewusst völlig getrennten 
Typus bereit halten. Der Zynismus 1 ) der Frau gegenüber gehört 



J ) In der Pubertät, in der die Ödipuswünsche nochmals hochkommen, findet 
man sexuellen Zynismus beim Knaben als typische Durchgangsphase. Der Zynis- 
mus ist dort u. a. auch ein Versuch, die Mutter zu entwerten, das heisst von ihr 
loszukommen. Zugleich dient er der Schuldgefühlsentlastung: ist die Mutter 
eine Dirne, dann ist das Verbrechen, sie zu begehren, geringer, da mit der 
Dirne viele Männer verkehren. Näheres in B e r g 1 e r, «Zur Psychoanalyse 
des Zynikers», Psychoan. Bewegung, 1933, Heft 1 und 2. 

36 



aber als Reversseite der Medaille ebenso zur begehrten Mutter, 
wie die idealisierende Verklärung. 

,j 

f) Impotenz der passiv-femininen, unbewusst- 
homosexuellen Männer. 

Unter einem passiv-femininen, unbewusst homosexuellen Mann 
versteht man in der analytischen Literatur seit Reich folgenden 
Typus: Unter dem Druck der Kastrationsangst vor dem Vater, dem 
das männliche Kind die Mutter wegnehmen will, verzichtet es auf 
den Penis, kastriert sich psychologisch gewissermassen selbst, bezieht 
damit die weibliche Position 1 ) und will nun vom Vater geliebt 
werden wie die Mutter (analer Koitus). Diese Kranken rekurrieren 
also auf den negativen Ödipuskomplex. Der sekundäre Narzissmus 
dieser Menschen ist besonders gross — deckt er ja kompensato- 
risch lauter unvernarbte Wunden des Nichtgeliebtseins — , die 
Aggression weitgehend verdrängt. Die Potenz dieser Patienten ist 
kompensatorisch immer auf «Rekordleistungen» angelegt, dabei 
verkrampft, unecht, orgastisch ungenügend. Alle Schattierungen 
von Sich-nicht-an-die-Frau-heranwagen, über völliges Versagen bis 
zu zeitweisen «Höchstleistungen» und dann ebenso «unerklär- 
lichen» Versagern kommen vor. Die Frau wird innerlich abge- 
lehnt, verachtet, dabei gefürchtet. Der Koitus dient diesen Patien- 
ten nicht zur Abfuhr ihrer genitalen Wünsche — sie haben ja auf 
den Penis unbewusst verzichtet 2 ) — und soll lediglich einen Be- 
weis des «Mann»- und nicht «Frau»-s eins darstellen, d. h. 
den Paravent auf der Flucht vor der unbewussten 
Homosexualität abgeben. Dabei liegt aber keine anale Re- 
gression vor, sondern eine Besetzung des Anus mit phallischer 
Libido. Da sich der ganze Prozess unbewusst abspielt, wissen die 
Patienten nichts davon. 

Die Prognose dieser Fälle ist bei längerer Analyse günstig, 
doch spielt hierbei das konstitutionell vorhandene Mass an Aggres- 



') Auf die weibliche Identifizierung als Ursache der Potenzstörung bei 
einer Gruppe von Patienten hat besonders M. Steiner hingewiesen: «Die 
Bedeutung der weiblichen Identifizierung für die männliche Impotenz». Int. 
Zeitschr. f. Psychoanalyse. 1930. 

2 ) Damit hängt auch zusammen, dass der Penis gar nicht zur Leitzone ge- 
worden ist, sondern die Erogeneität des Skrotums und des Dammes überbetont 
ist («Hitschmannsche Zonen»). Diese Erfahrung wurde gleichzeitig und unab- 
hängig voneinander vor einem Vierteljahrhundert von Hitschmann und 
Federn gemacht. 

37 



sion eine Rolle. Die therapeutischen Erfolge sind deshalb sehr ver- 
schieden, wenn auch die Herstellung der erektiven Potenz meist 
gelingt. 

Ad Gruppe g) Herabsetzung der orgastischen 

Potenz. 

Freud hat 1912 bei der Schilderung der Spaltung der sinnlichen 
und zärtlichen Strebung auf die «allgemeinste Erniedri- 
gung des Liebeslebens» in der Kultur hingewiesen, die 
Ansicht ausgesprochen, dass «die psychische Impotenz 
weitverbreiteter ist, als man glaubt», und ge- 
meint, dass «ein gewisses Mass» dieses Verhalten tatsächlich 
das Liebesleben des Kulturmenschen charakteri- 
siert: 

«Wenn man den Begriff der psychischen Impotenz wei- 
ter fasst 1 ) und ihn nicht mehr auf das Versagen der Koitussiluation bei 
vorhandener Lustabsicht und bei intaktem Genitalapparat ein- 
schränkt, so kommen zunächst alle jene Männer hinzu, die man als Psych- 
anästhetiker bezeichnet, denen die Aktion nie versagt, die sie aber ohne be- 
sonderen Lustgewinn vollziehen; Vorkommnisse, die häufiger sind, 
als man glauben möchte. Die psychoanalytische Untersuchung solcher Fälle 
deckt die nämlichen ätiologischen Momente auf, welche wir bei der psychischen 
Impotenz im engeren Sinne gefunden haben . . . Von den anästhetischen Män- 
nern führt eine leicht zu rechtfertigende Analogie zur ungeheuren An- 
zahl der frigiden Frauen 2 ), deren Liebesverhalten tatsächlich nicht 
besser beschrieben und verstanden werden kann als durch Gleichsetzung mit 
der geräuschvolleren psychischen Impotenz des Mannes. (Ges. Sehr. Bd. V, 
S. 204 f.) 

Freud betont weiter, dass «das Liebesverhalten des 
Mannes in unserer Kulturwelt überhaupt den 
Typus der psychischen Impotenz in sich trägt. 
Die zärtliche und sinnliche Strömung sind bei den wenigsten un- 
ter den Gebildeten gehörig miteinander verschmolzen; fast immer 
fühlt sich der Mann in seiner sexuellen Betätigung durch den Re- 
spekt vor dem Weibe beengt und entwickelt seine volle Potenz 
erst, wenn er ein erniedrigtes Sexualobjekt vor sich hat, was wie- 
derum durch den Umstand mitbegründet ist, dass in seine 
Sexualziele perverse Komponenten eingehen, die 
er am geachteten Weibe zu befriedigen sich nicht getraut.» Freud 
ist überhaupt skeptisch, ob der Sexualakt als sol- 
cher volle Befriedigung selbst unter günstigsten Um- 
ständen gewähren könne und sagt ausdrücklich, «dass 



1 ) Unterstreichungen vom Verfasser. Ebenso in den übrigen Zitaten. 

2 ) Siehe «Die Geschlechtskälte der Frau». Verlag «Ars medici», Wien 1934. 



38 



etwas in der Natur des Sexualtriebes selbst 
dem Zustandekommen der vollen Befriedi- 
gung nicht günstig ist.» Als Ursachen zieht der Gründer 
der Psychoanalyse zwei Momente heran: infolge des zweimaligen 
Ansatzes zur Objektwahl mit Dazwischenkunft der Inzestschranke 
ist das endgültige Objekt des Sexualtriebes nie mehr das ursprüng- 
liche, sondern nur ein Surrogat dafür, was z. T. die Unbe- 
ständigkeit der Objektwahl, den «Reizhunger» erklärt. Zweitens 
geht der spätere sog. normale Geschlechtstrieb aus einer Reihe 
von Komponenten hervor — aus koprophilen, sadistischen (man 
kann heute hinzufügen: oralen, urethralen, exhibitionistischen und 
Voyeur-Strebungen) — und da «die Liebestriebe schwer erziehbar 
sind, ergibt ihre Erziehung bald zuviel, bald zu wenig. Das, was 
die Kultur aus ihnen machen will, scheint ohne fühlbare 
Einbusse an Lust nicht erreichbar, die Fort- 
dauer der u n v e r w e r t e t e n Regungen gibt sich 
bei der Sexualtätigkeit als Unbefriedigung 
zu erkennen.» Anderseits sei aber diese Einbusse an direkter 
Sexualbefriedigung die Quelle kulturell wichtiger Sublimierungen, 
befähige zu «grossartigen Kulturleistungen». 

W. R e i c h hat diesen Gedanken Freud s vom Koitus «ohne be- 
sonderen Lustgewinn» aufgegriffen und den Satz aufgestellt, dass 
jede Neurose mit einer Störung der Genitalität einhergeht und 
gelangte so zum Begriff der «orgastischen Impotenz». 
Der Autor versteht darunter einen quantitativen 1 ) Begriff: 
bei völliger Gesundheit seien die prägenitalen Tendenzen praktisch 
völlig in der Genitalität untergebracht und bloss die neuroti- 
schen Restanzen bei den ödipalen Phantasien, die mit phallischer 
oder prägenitaler Libido besetzt sind, ergeben ein Minus an Lust 
beim Orgasmus. Bezeichnenderweise kommt Reich — im Ge- 
gensatz zu F r e u d — zu einem idealisierend-optimistischen Stand- 
punkt des «genitalen Charakters» und zeichnet von ihm ein re 
vera nicht existierendes Idealbild des Glücklichen. Ist F r e u d der 
Meinung, dass beim Gesündesten in der Natur des Sexualtriebes 
selbst die Quellen für die teilweise Unbefriedigung liegen, so ver- 
tritt Reich den Standpunkt, dass bloss eine nicht gelungene Le- 

*) «Unter orgastischer Potenz werden wir die Fähigkeit eines Menschen 
verstehen, zu einer Befriedigung zu gelangen, die der jeweiligen Libido- 
stauung adäquat ist, ferner die Fähigkeit, weit häufiger zu dieser Befriedigung 
gelangen zu können, als den Störungen der Genitalität unterworfen zu sein, die 
auch beim relativ Gesündesten den Orgasmus gelegentlich stören.» «Funktion 
des Orgasmus», S. 18. Int. Psycho-V erlag 1927. 

39 



gierung der Teilkomponenten der Sexualität die Orgasmusstörun- 
gen bedingt. So unbegründet dieser Optimismus ist, der sich aus 
dem Idealisieren der Genitalität und im Übersehen der nun ein- 
mal im Sexualtrieb vorhandenen Widersprüche ergibt, so ist doch 
der Begriff der «orgastischen Impotenz» heuristisch wertvoll und 
brauchbar. Bloss die Überspitzung dieses so selbstverständlichen 
Tatbestandes — Reich wollte aus der «Funktion des Orgasmus» 
die Spitze machen, auf der die ganze Pyramide der Neurose ruht 
— hat zu Missverständnissen geführt. Auch stimmt es nicht rest- 
los, dass die orgastische Störung bei allen Neurosen regelmässig 
und ausnahmslos vorkommt: gibt es doch Charakterneurosen und 
manche Neurosen, z. B. Platzangst 1 ), bei welchen die orgastische 
Potenz manchmal erhalten ist. Der Einwand, dass es sich um 
Quantitäten handelt, ergibt die ganze Schwierigkeit: wir haben 
leider noch kein Libido- und Aggressiometer. Auch ist es wohl 
unbestritten, dass die Prägenitalität nur in einem bestimmten 
Ausmass der Genitalität tributär zu machen ist: der von Freud 
hervorgehobene Rest bleibt in quantitativ verschiedenem Ausmass 
und ergibt neben der Unmöglichkeit, schuldgefühlsfrei genügend 
Aggression abzuführen, ein Stück Unbefriedigung. 

Aus den geschilderten Gründen liegt auch bei Fixierungen der 
phallischen Stufe ein Stück «orgastischer Impotenz» vor. 

Die Prognose der hysterischen Potenzstörungen ist gün- 
stig. Die leichtesten Fälle bedürfen keiner psychoanalytischen 
Behandlung, kommen auch gar nicht in unsere Ordination, da sie 
schon auf primitivste suggestive Methoden, wie Zureden, Ermun- 
tern, Injektionen, Instillationen, Kaltwasser- und Diätkuren usw. 
reagieren. Die komplizierteren Fälle, bei denen suggestive Mittel 
nichts nützen, sind analytisch gut beeinflussbar 2 ). Die durchschnitt- 
liche Dauer der Beseitigung des Symptoms dieser Genese beträgt 
etwa 4 — 6 Monate, die Charakternanomalien erfordern natürlich 
eine längere Kur. 



*) Siehe dazu «Die Geschlechtskälte der Frau», S. 55, wo ein Fall von weib- 
licher Platzangst bei Beibehaltung des Orgasmus erwähnt wird. Publiziert in 
The Psychoanalytic Review 1935, Heft 4. Seither sah ich auch zwei analoge 
männliche Fälle von Agoraphobie, ähnliches berichteten E i d e 1 b e r g und 
E. Weiss. Weshalb gerade manche Fälle von Platzangst (keineswegs alle!) 
diese Ausnahmestellung einnehmen, ist inzwischen unklar. 

2 ) Voraussetzung ist natürlich, dass die Patienten in Behandlung kommen 
bzw. genügend lange in ihr ausharren. Doch ist dies keineswegs immer der Fall. 
Nicht alle Neurotiker wollen geheilt werden, d. h. die unbewussten Wünsche 
sind vielfach stärker als die Krankheitseinsicht bzw. Realitätsanpassung. 

40 



2. Spezifische Bedingungen. 

Wir fassen unter der Marke «Spezifische Bedingungen» eine 
Reihe von «conditiones sine quibus non» zusammen, die von man- 
chen Neurotikern beim Koitus bzw. der Liebeswahl gestellt wer- 
den und die so starr und unelastisch sind, dass trotz bestehender 
Potenz beim Festhalten an diesenBedingungen, infolge weitgehender 
Einengung des Aktionsradius der Persönlichkeit von einer Potenz- 
störung gesprochen werden kann. Hierher gehört z. B. die bereits 
erwähnte Forderung gewisser Neurotiker nach dem erniedrigten 
Sexualobjekt. Als solche «spezifische Bedingungen» seien genannt: 

a) Neurotische Eheangst. 

Die spezifische Bedingung lautet: Das Sexualobjekt darf nicht 
die Ehegattin des Betreffenden sein. 

Es gibt eine Reihe von Männern, die bei der bevorstehenden 
Heirat die schwersten psychischen Symptome akquirieren, ja 
manchmal aus gut rationalisierter «Angst vor der Ehe» Selbstmord 
begehen. Die Ursache ist in diesen Fällen — soweit sie in die 
Gruppe des Scheiterns am positiven Ödipuskomplex gehören — 
stets die gleiche 1 ): Identifizierung der Braut mit der Mutter der 
ödipuszeit mit konsekutivem Sexualverbot und unbewusstem 
Strafbedürfnis für diese Wünsche. Dazu kommt häufig, dass diese 
Patienten — es könnte viel Unglück und Leid durch rechtzeitige 
Analyse solcher Männer verhindert werden — als «Muttersöhn- 
chen» bei der Mutter leben, häufig eingefleischte Junggesellen 
sind und beim Kompromiss der Sexualbefriedigung bei der Onanie 
oder Dirne verbleiben. Werden sie aus diesem «neurotischen 
Gleichgewicht» gebracht — und eine aus äusseren Gründen zu 
schliessende Ehe ist dabei die schwerste Belastungsprobe — rebel- 
lieren sie unbewusst mit dem Manifestwerden der seit der Kind- 
heit bestehenden Neurose («legislatorische Impotenz»). Als er- 
schwerend kommt noch hinzu, dass die Beziehung dieser Neuroti- 
ker zur Mutter häufig nicht bloss positiv getönt ist, sondern un- 
bewusst auch viele verdrängte Hass- und Todeswünsche aus der 
Ödipuszeit gegen diese vorhanden sind. Das «bei-der-Mutter-Blei- 
ben» ist dann nicht bloss Ausdruck der zielgehemmten unbewuss- 
ten Sexualwünsche, sondern auch Ausdruck für die Situation: Auf- 

') Natürlich können sich in anderen Fällen hinter dieser neurotischen Ehe- 
angst bzw. Impotenz auch andere, tieferliegende Mechanismen der analen und 
oralen Stufe verbergen. 

41 



passer spielen — vor der eigenen verdrängten Aggression. An- 
ders ausgedrückt: die Existenz der Mutter und das ständige Bei- 
sammensein mit ihr sind dann ein Beweis, dass sie der Mutter 
nichts Aggressives zuleide taten. 

Der ganze Vorgang, sowohl der positive, wie der negative 
Schenkel der Ambivalenz — spielt sich natürlich vollkommen u n - 
b e w u s s t ab. 

Ein 45jähriger Mann war seit zwei Jahren verheiratet, ohne die Frau de- 
florieren zu können. Schon bei der geringsten Annäherung der Frau im Bett 
klappte die Erektion zusammen. Der Patient hatte nach dem Tode der Mutter 
mit 43 Jahren aus Vernunftgründen geheiratet. Patient erwies sich als weit- 
gehend an die Mutter fixiert, unbewusst identifizierte er die Ehefrau mit der 
unbewusst geliebten und unbewusst verbotenen Mutter der Ödipuszeit. Es war 
interessant, welche Argumente Patient für den Koitus mit der Frau ins Treffen 
führte: er bewies ständig, dass er an diesem interessiert sei, da die Frau ihm 
die Mitgift erst ausfolgen werde, wenn er sie koitiert hätte. Trotz diesem 
Wunsche nach dem Gelde war er zum Koitus bei der nicht unhübschen Frau 
unfähig: das unbewusste Verbot war eben stärker, ein Tatbestand, der sogar 
diesen, die Analyse besonders stark ablehnenden Patienten einmal zum Ge- 
ständnis zwang: «Vielleicht gibt es wirklich so etwas wie ein Unbewusstes.» 
Patient kam dann mit einem «religiösen» Widerstand: er hätte erfahren, dass 
seine Frau ein uneheliches Kind gewesen sei, was sie ihm — einem orthodoxen 
Juden — sofort «unmöglich» machte. Dazu kam noch, dass Patient aus unbe- 
wussten Bestrafungswünschen das Geld der Frau auf deren Wunsch in Waren 
angelegt hatte — der Konflikt spielte in der Zeit der Schillingentwertung — , 
die statt im Preise zu steigen, absteigende Tendenz zeigten. Patient brach die 
Analyse mit dem Hinweis ab, dass er jetzt «andere Sorgen» habe und erst das 
Steigen der Warenpreise abwarten müsse. Bezeichnend war, dass Patient schon 
nach einigen Wochen Analyse den Koitus bei einer Publica (er hatte bis zum 
43. Jahre abstinent gelebt) mit Erfolg absolvierte; bloss bei der eigenen Frau 
versagte er. Dabei hatte er durch die unbewusst beabsichtigte unrationelle 
Geldanlage sich selbst die Grundlage seines Ehewunsches — die Mitgift — 
halbiert, zugleich sein unbewusstes Strafbedürfnis befriedigt und die Rache an 
der Frau exekutiert. 

Ein 35jähriger höherer Beamter hatte sich auf Wunsch seiner Mutter aus 
Geldgründen verlobt. Patient wohnte als «Muttersöhnchen» bei der Mutter, war 
bei seinen Freundinnen potent und führte bis zur Verlobung ein flottes Jung- 
gesellenleben. Mit dem Tage der Verlobung brach aber ein wahrer Hexenkessel 
von Symptomen los; alle Organe rebellierten. Patient litt plötzlich an Kopf- 
schmerzen, Beklemmungen, Angstzuständen, Diarrhöen, Poly- und Pollakisurie, 
Herzklopfen, Schweissausbrüchen, Depressionen, Konzentrations- und Arbeits- 
unfähigkeit und — völligem Versagen der Potenz. Nach einigen Ordinationen 
brach Patient die Behandlung wegen seines Urlaubes ab und stellte sich im 
Herbst «geheilt» vor. Er hatte eine Kaltwasserkur mitgemacht, der «Erfolg war 
über alles Erwarten günstig». In Wirklichkeit hatte der Patient die Verlobung 
gelöst und die Beziehung zur Freundin wieder aufgenommen. Unter dieser Be- 
dingung — keine Ehe, Wohnen bei der Mutter, wechselnde Beziehungen mit 
«erniedrigten» Frauen — war Patient arbeitsfähig und potent. Der Torso des 
analytischen Behandlungsbeginns zeigte eine überaus starke Mutterbindung 
mit der so häufigen Zweiteilung der Frauen in geachtete, sexuell unzugäng- 
liche Mutterimagiiies und den «erniedrigten» Frauentypus. Nur bei letzterem 
war Patient potent. Bezeichnend war, dass Patient in den letzten Jahren den 
oben geschilderten Symptomenkomplex bereits dreimal erlebt hatte, und 
zwar immer dann, wenn er sich verloben wollte. Der Patient 

42 



lehnte den Rat, die Analyse fortzusetzen, mit der Begründung ab, er sei ge- 
sund. Alles was mit der Analyse zusammenhing, wurde aber vom Patienten so 
gründlich verdrängt, dass er den Analytiker, als er ihn zwei Jahre später in 
einem Kino traf und von diesem angesprochen wurde, gar nicht mehr erkannte. 
Ähnliches zeigte sich bei einem 38jährigen Patienten mit einer «Herzneu- 
rose», die nach seinen Angaben «plötzlich» eine solche Verschlimmerung er- 
fahren hatte, dass er weder arbeiten, noch überhaupt existieren könne. Auch 
dieser Patient lebte als Muttersöhnchen bei der Mutter und hatte seit Jahren 
ein Verhältnis mit einer Bürokollegin, die ihn knapp vor der Exacerbation 
seiner Herzzustände zur Ehe zwingen wollte. Patient war an den Frauen über- 
haupt sexuell weitgehend desinteressiert, betrachtete den Koitus als einen 
lästigen Tribut an die Frau, die ihm als ein Wesen vorkam, das sinnlose 
sexuelle Ansprüche stellte, und interessierte sich bloss für Probleme des Auto- 
sports. Parallel mit der Verschlimmerung der Herzbeschwerden — diese stell- 
ten im wesentlichen eine aus nnbewusstem Schuldgefühl auf sich genommene 
Darstellung der Todeskrankheit des Vaters, der an Herzschlag starb, mit gleich- 
zeitigen passiven Vergewaltigungsphantasien dar — traten auch Potenzstörun- 
gen auf. Patient war nicht mehr imstande, den früher praktizierten, völlig lust- 
losen Koitus durchzuführen, fürchtete beim Koitus zu sterben usw. Dass die 
hysterischen Herzbeschwerden gerade im Augenblick der bevorstehenden Heirat 
exacerbierten, hing mit der unbewussten Identifizierung der Braut mit der 
Mutter zusammen, wobei der Koitus mit der Braut vom Über-Ich als Koitus 
mit der Mutter geahndet wurde. Die beginnende Aufdeckung seiner Mutter- 
bindung in der Analyse quittierte Patient mit der typischen Widerstandsäusse- 
rung der zeitweisen Verschlechterung seiner Herzbeschwerden und der Lösung 
der Beziehung zur präsumptiven Braut. Beides benützte Patient zum Abbruch 
der Kur. 

Welche Grotesken solche ungelösten Bindungen mit konsekutivem Straf- 
bedürfnis im Leben manchmal ergeben, zeigt folgender Fall: In meiner Ordina- 
tion erschien ein 40jähriger, jüdisch-orthodoxer Kaufmann mit seinem jüngeren 
Bruder, mit der Angabe, dieser sei nach der Hochzeitsnacht, in welcher er die 
Frau nicht einmal berührte, zur Mutter geflüchtet und derzeit nicht zu bewe- 
gen, zur Frau zurückzukehren. Obwohl die Ehe materiell günstig sei und die 
Familie entlaste, wolle der Patient nicht zur Raison kommen. Drohungen und 
logischen Vorstellungen sei er unzugänglich. Der Patient gab an, dass er kei- 
neswegs, wie der Bruder meine, Angst vor der Frau habe, auch sei ihm diese 
nicht unsympathisch. Er sei lediglich aus Besorgnis um seine Gesundheit zur 
Mutter zurückgekehrt, da er am Tage nach der Hochzeitsnacht, in welcher er 
sich «nicht wohl» gefühlt habe, zum Hausarzt gehen wollte und dieser eben 
in der Nähe der Mutter wohne. Bei diesen durchsichtigen Rationalisierungen 
blieb er trotz aller Verhöhnungen des Bruders. Eine psychoanalytische Kur, 
die der ältere Bruder durchführen lassen wollte, konnte nicht begonnen wer- 
den, da die Kosten der — Schwiegervater hätte zahlen sollen. Dieser verzich- 
tete aber auf den Schwiegersohn, verweigerte die Bezahlung und wies dem 
Patienten die Türe. 

b) Symptomenkomplex des «geschädigten 
Dritten». 

Freud hat einen Typus des Neurotikers beschrieben, der fol- 
gende vier «Liebesbedingungen» stellt: 

1. «Geschädigter Dritter»; 2. Dirnenliebe; 3. Eifersucht; 4. 
«Rettungsphantasie». 

43 



Der Betreffende «wählt niemals ein Weib zum Liebesobjekt, 
welches noch frei ist, also ein Mädchen oder eine alleinstehende 
Frau, sondern nur ein solches Weib, auf das ein anderer Mann 
als Ehegatte, Verlobter, Freund Eigentumsrechte geltend machen 
kann. Diese Bedingung zeigt sich in manchen Fällen so unerbitt- 
lich, dass dasselbe Weib zuerst übersehen oder selbst verschmäht 
werden kann, solange es niemandem angehört, während es sofort 
Gegenstand der Verliebtheit wird, sobald es in eine der genannten 
Beziehungen zu einem anderen Manne tritt.» Damit vergesellschaf- 
tet ist die zweite Bedingung, die der «Dirnenliebe» : «das 
keusche und unverdächtige Weib übt niemals den Reiz aus, der 
es zum Liebesobjekt erhebt, sondern nur das sexuell irgendwie 
anrüchige, an dessen Treue und Verlässlichkeit ein berechtigter 
Zweifel gestattet ist.» Zugleich muss der Liebende das Weib mit 
Eifersucht verfolgen können: erst wenn diese Männer eifer- 
süchtig werden können, gewinnt das Weib seinen vollen sexuellen 
Wert. Das vierte Glied des Symptomenkomplexes ist die «Ret- 
tungsphantasie». Der Mann ist überzeugt, «dass die Geliebte seiner 
bedarf, dass sie ohne ihn jeden sittlichen Halt verlieren und rasch 
auf ein bedauernswertes Niveau herabsinken würde.» 

Wie hängen diese scheinbar so disparaten vier Bedingungen, 
zu denen sich häufig die «Reihenbildung», d. h. die unendliche 
Wiederholung gleicher Erlebnisse gesellt, zusammen? Es liegt eine 
Wiederholung der infantilen Mutterbildung vor, der Vater selbst 
ist der geschädigte Dritte, wobei die Rache am Vater zur Lust- 
bedingung wird. Hinter der Bedingung der Dirnenhaftigkeit ver- 
birgt sich wieder die «erniedrigte» Mutter im psychischen Kostüm 
der Dirne; ebenso ist die Eifersucht nicht bloss ein Stück Rekapi- 
tulation des Dreiecks «Vater-Mutter-Knabe», auch ein Stück un- 
bewusst homosexueller Bindung kommt zum Ausdruck nach dem 
Typus: «Frau als Brücke zum Mann». Sonderbarer mutet die 
«Rettungsphantasie» an. Der zärtliche Anteil derselben entstammt 
wieder der Ödipussituation, in welcher das Kind die Mutter vor 
dem als grausam phantasierten 1 ) Vater «retten» will. Wenn das 
Kind hört, dass es sein Leben den Eltern verdankt, dass ihm die 
Mutter «das Leben geschenkt» hat, vereinen sich bei ihm zärtliche 
mit grossmannssüchtig-trotzigen Regungen, «um den Wunsch ent- 
stehen zu lassen, den Eltern dieses Geschenk zurückzuerstatten, 



*) Jones und M. Klein haben darauf verwiesen, dass der koitierende 
Vater vielfach deshalb als so grausam vom Kinde empfunden wird, weil die 
eigene Aggression des Knaben auf den Vater projiziert wird. 

44 



es ihnen durch ein gleichwertiges zu ersetzen. Es ist, wie wenn der 
Trotz des Knaben sagen wollte: ich brauche nichts vom Vater, 
ich will ihm alles zurückgeben, was ich ihn gekostet habe. Er bil- 
det dann die Phantasie, den Vater aus einer Lebensgefahr zu ret- 
ten, wodurch er mit ihm quitt wird, und diese Phantasie verschiebt 
sich häufig genug auf den Kaiser, König oder sonst einen grossen 
Herrn und wird nach dieser Entstellung bewusstseinsfähig und 
selbst für den Dichter verwertbar. In der Anwendung auf den Va- 
ter überwiegt bei weitem der trotzige Sinn der Rettungsphan- 
tasie, der Mutter wendet sie meist ihre zärtliche Bedeutung zu.» 
Der zärtlichen Rettungsphantasie liegt zumeist die Identifizierung 
mit dem Vater zugrunde, hinter der Idee, der Mutter aus Dank- 
barkeit ein Kind zu «schenken», verbirgt sich die groteske Idee, 
sein eigener Vater zu sein. Gelegentlich enthält auch die auf den 
Vater gerichtete Rettungsphantasie einen zärtlichen Sinn. «Sie 
will dann den Wunsch ausdrücken, den Vater zum Sohne zu ha- 
ben, d. h. einen Sohn zu haben, der so ist wie der Vater.» 

Nicht alle vier Glieder des Symptomenkomplexes müssen stets 
vereint auftreten. Viel häufiger ist, dass nur einzelne Züge 
dieses Typus vorhanden sind. Es sei besonders auf das Motiv der 
Eifersucht als «Maske» der unbewussten Homo- 
sexualität verwiesen. Etwa der Ehemann, der der Frau die 
Liebhaber indirekt zuführt, der naive Gehörnte, der scheinbar 
nicht eifersüchtig ist, ist ein Pendant zum übertriebenen Eifer- 
süchtigen. — Auch die «Rettungsphantasie» kommt, vielfach mit 
unbewusst homosexuellen Tendenzen verknüpft, häufig bei Ehen 
von sozial höherstehenden Männern mit Frauen von üblem Ruf 
zur Geltung. 

c) Zwangstreue. 

Die Potenz mancher Männer ist an das Objekt der Ehegattin 
oder Freundin untrennbar gebunden. Bei dieser besteht gute Po- 
tenz, bei jedem «Seitensprung» tritt aber völliges Fiasko ein. Es 
liegt nicht bewusster Verzicht auf sexuelle Freuden bei an- 
deren Frauen vor — auch der Gesunde ist zeitweise völlig des- 
interessiert an anderen Objekten als dem der geliebten Frau — , 
ein inneres unbewusstes Nichtdürfen hindert die Ent- 
faltung des sexuellen Könnens. Dieses unbewusste Schuldgefühl 
ist meist inzestuös oder eine Kompensation verdrängter Todes- 
wünsche gegen das geliebte Objekt, die Potenz der Frau gegen- 
über häufig eine Pflicht, als Kompromiss mit dem verbietenden 
Über-Ich etwa nach der Formel: «Ohne Lust darf ich koitieren.» 

45 



Die Zwangstreue aus unbewusstem Schuldgefühl ist nur ana- 
lytisch lösbar: viele «Strindberg-Ehen» sind von dieser Art. Die 
einander Hassenden und doch nicht voneinander Könnenden ver- 
bindet das Band des unbewussten Todes Wunsches, reaktiv in einem 
«nicht-voneinander-Loskommen» sichtbar. 

d) Impotenz bei Beginn jeder neuen 
Beziehung. 

Es ist eine Erfahrungstatsache, dass der erste Koitus des 
Jünglings in der Mehrzahl der Fälle mit erektiven oder orgasti- 
schen Störungen einhergeht. Denn selbst beim später gesund blei- 
benden Puerilen ist die unbewusste Legierung Sexualobjekt = 
Mutter vorhanden, schon deshalb, weil eben das erste Objekt, an 
welches sich die kindlichen sexuellen Wünsche anhefteten, die 
Mutter bzw. Mutterrepräsentanz der ödipuszeit ist. Die vom 
Puerilen zu vollbringende psychische Leistung besteht also darin, 
dass die Sexualwünsche von der Mutter unbewusst gelöst und auf 
ein anderes Objekt übertragen werden müssen. Die ersten Kohabi- 
tationsversuche verlaufen deshalb nicht ohne Störung, weil die im 
Falle des Misslingens verhängnisvolle Übergangsphase sich gerade 
in statu nascendi befindet. 

Nun gibt es Männer, die diese Schwierigkeit nicht bloss bei 
den ersten Koitusversuchen zu überwinden haben, sondern sie 
chronisch beim ersten sexuellen Beisammensein mit jedem 
neuen Liebesobjekt wiederholen. Die nicht überwundene Mutter- 
bindung mit der konsekutiven Kastrationsangst bewirkt die Stö- 
rung. Diese Menschen scheuen deshalb jeden Wechsel in sexuali- 
bus, ihre spezifische Potenzbedingung lautet: kein neues Sexual- 
objekt. Die Bationalisierung lautet: Angst vor Blamage, Infektion 
usw. Die Stärke der Störung ist variabel. Es ergeben sich hier 
Übergänge zur geschilderten Form der «Zwangstreue». 

e) Impotenz bei der Defloration. 

Die spezifische Bedingung der Potenz bei diesem Typus lautet: 
das Sexualobjekt darf keine Jungfrau sein. Die Angst des Man- 
nes vor der Defloration kann verschiedene Ursachen haben: 
Angst vor der eigenen Aggression (man findet un- 
bewusste Phantasien des Durchstossens der Vagina und Herstellung 
einer Kommunikation mit dem After), Schuldgefühlsent- 
lastung (die «Verantwortung» hat der Deflorator), neurotische 
Blutscheu (Wiederholung verdrängter infantiler sadistischer 

46 



Wünsche auf die Mutter)., endlich die unbewusste Angst vor der 
Rache des Weibes, das die Defloration als Kastration unbewusst 
auffasst, usw. Die Rationalisierung lautet: grössere Verantwortung 
und Gefahr der Schwängerung bei der Virgo bzw. Angst, zur Ehe 
gezwungen zu werden. 

Bezeichnend ist die Angabe dieser Männer, dass sie «sonder- 
barerweise» bei ihrer Liebeswahl ständig «Pech» haben und, trotz- 
dem sie den Virgines ausweichen (die Erfahrung hat sie ja gelehrt, 
dass sie bei diesen impotent sind), ständig auf solche stossen. Es 
handelt sich natürlich um ein unbewusstes Suchen der für 
sie unerreichbaren Virgo als Objekt. 

f) Bedingung der älteren Frau als Liebes- 
objekt. 

Bei den ersten Liebesobjekten des Puerilen ist die Wahl der 
älteren Frau typisch: es liegt eine direkte Folge der unbewussten 
Mutterbindung vor. Wird diese Bedingung im späteren Leben fest- 
gehalten, ergeben sich tragikomische Konflikte mit der Aussen- 
welt, da diese — offenbar in unbewusstem Ahnen der Motive — ■ 
solche Bindungen p erhör resziert und sozial geradezu ahndet. 

In Fällen, in denen diese «Potenzbedingung der älteren Frau» 
vorherrscht, bestehen nicht bloss Potenzstörungen bei jüngeren 
bzw. gleichaltrigen Frauen, diese kommen auch «prinzipiell» als 
Sexualobjekte überhaupt nicht in Betracht. 

g) Bedingung der Zustimmung des Weibes. 

Die spezifische Potenzbedingung besteht in weitgehendem 
Konsens der Frau zum sexuellen Akt. Ist aber auch nur der «nor- 
male» Grad der Abwehr bei der Frau zu überwinden — die mei- 
sten Frauen wollen unbewusst zum Koitus gezwungen werden 
(Vergewaltigungsphantasien), haben echte Widerstände des Sich- 
schämens zu überwinden oder glauben es ihrer «Ehre» schuldig 
zu sein, solche vorzuspielen — dann versagt die Potenz dieser 
Menschen völlig. Es liegt wieder Kastrationsangst aus den Resten 
der Mutterfixierung vor, die Zustimmung der Frau ist die Kom- 
promissbedingung, unter welcher diese beschwichtigt werden 
kann. In diese Gruppe gehört auch der Wunsch dieser Männer, die 
Frau möge die Immissio vornehmen, was ebenfalls als Konsens 
bzw. Erlaubnis zum Akt aufgefasst wird. 

Hierher gehört indirekt auch die Vorliebe mancher Männer 
für Witwen (unbewusste Phantasie von der ohne eigene Schuld — 

47 



Schicksal — vollzogenen Vatertötung 1 ) und Schuldgefühlsentla- 
stung durch die Wahl seitens der Mutter trotz Vatertötung), für 
geschiedene Frauen, verlassene Freundinnen anderer usw. Bei 
letzterem Fall spielt die «Rettungsphantasie» und unbewusste 
Homosexualität eine Rolle. 

h) Bedingung der sexuellen Abwehr des 

Weibes. 

Im geraden Gegensatz dazu — und hier zeigt sich die Varia- 
tionsbreite der Potenzstörungen — ist es für manche Männer zur 
Bedingung, dass die Frau heftigste Abwehr vor dem Akt zeigt, 
sich direkt «vergewaltigen» lassen soll. Geschieht dies nicht und 
geht die Frau auf dieses «Spiel» nicht ein, zeigt sich erektive oder 
orgastische Potenzstörung, Es liegt nicht bloss die Folge der im 
Koitus normalen Unterbringung der aggressiven Komponente im 
Sexualtriebgemisch vor, es handelt sich um die Wiederholung der 
infantilen Phantasie vom «grausamen» Vater, der der Mutter 
«etwas Schreckliches» antut. Es gibt bei dieser Spezialform alle 
Übergänge zur Normalität. Bedenklicher sind aber Koitusbedin- 
gungen wie der Wunsch, ausschliesslich während der 
Menses zu verkehren, nur mit der geschwängerten Frau 
Umgang zu pflegen (Vorstellung vom Zerquetschen der Frau und 
des Kindes), Abwehr aller Schutzmittel, damit die Frau sich 
ängstige usw. 

Die Übergänge zur sadistischen Perversion sind fliessend, eben- 
so zum «Don Juan-Typus» (Rank). Dieser Typus ist 
entweder ein Neurotiker aus Rache (die Rache an der 
Mutter der Ödipuszeit wird an einer Reihe von Ersatzobjekten ab- 
getragen) oder unbewusste Homosexualität. 

i) Bedingung des Verbotenen. 

Für manche neurotische Ehemänner wird der Koitus mit der 
Ehefrau gerade dadurch entwertet, dass er etwas Erlaubtes, Tole- 
riertes, ja geradezu Gefordertes («eheliche Pflicht») darstellt. Die 
Liebesbedingung dieser Männer enthält die sadistische und nar- 
zisstische Komponente des «Erobernwollens» in hohem Masse. 

') Als historisches Beispiel sei Napoleons Beziehung zu Josephine Beau- 
harnais genannt, deren erster Mann als Royalist guillotiniert wurde. Siehe die 
psychoanalytischen Arbeiten über Napoleon von J e k e 1 s («Imago» 1914) und 
B e r g 1 e r («Psychoanalytische Bewegung» 1933) bzw. Kap. I und II meines 
Buches «Talleyrand — Napoleon — Stendhal — Grabbe». 

48 



Es liegt wieder die Reminiszenz infantiler sadistischer Koitusphan- 
tasien vor, die den Akt als ein «Verbrechen» ansieht; erst die 
Übertretung des Verbotes gibt Lust. So kommt es, dass diese 
Männer bei der Ehefrau impotent oder sexuell desinteressiert sind, 
dagegen voll potent bei einer ausserehelichen «gefahrvollen» Be- 
ziehung. 

Die Sonderstellung der Bedingung des Verbotenen wird durch 
neuere Untersuchungen Eideibergs erklärt. In der Arbeit 
«Das Verbotene lockt» (Imago 1935) zeigte dieser Autor, dass die 
Verbote beim Kinde nicht bloss Triebstauungen bewirken, sondern 
gleichzeitig auch eine narzisstische Kränkung des kindlichen Grös- 
senwahns. Es kommt zu Restitutionsversuchen nach der Formel: 
Wenn ich nun einsehe, dass ich nicht allmächtig bin, will ich we- 
nigstens so mächtig sein, dass ich das passiv Erduldete aktiv wie- 
derhole und auf diese Weise den Makel der eigenen narzisstischen 
Kränkung durch Erzeugung solcher Kränkungen bei anderen ver- 
wische. Der bei vielen Neurotikern feststellbare Versuch, in einer 
Handlung gleichzeitig ihre Aggressions- und Sexualtriebgemische 
zu befriedigen, hängt damit zusammen, dass die ersten Verbote 
gleichzeitig die Sexualtriebgemische gestaut und die narzisstische 
Allmacht gestört haben. Das Zustandekommen dieser gleichzeitigen 
Befriedigung wird aber durch zwei Tatsachen erschwert: die 
Durchschlagskraft des Individuums nimmt ab, wenn es sich gleich- 
zeitig auf aggressive und sexuelle Ziele konzentriert, ferner wer- 
den die psychischen Risken vergrössert. 

k) Neurotische Angst vor dem Kinde. 

Die Potenzbedingungen dieses Typus sind durch die Formel: 
«Es darf kein Kind gezeugt werden» charakterisiert. Die Rationa- 
lisierung besteht meist in materiellen Schwierigkeiten, Kosten der 
Erziehung usw. Es liegt aber keineswegs die so häufige — noch an 
der Grenze des Normalen liegende — Abwehr der Vaterschaft 
von Seiten des Mannes vor, der Widerwille und die Angst vor dem 
Kinde übersteigt die rationalen Grenzen. Die unbewusste Erklä- 
rung ist die einer neurotischen Vergeltungsfurcht (R e i k) : im Un- 
bewussten fürchten diese Menschen das Kind als Rächer ihrer 
eigenen aggressiven Tendenzen dem Vater gegenüber 1 ). 



J ) Bezüglich der interessanten Beziehungen der Vergeltungsfnrcht zur 

«Couvade» (Männerkindbett) siehe Reik, «Probleme der Religionspsycholo- 
gie» I. Int. Psychoanalytischer Verlag, 1919. 

4 Die psychische Impotenz des Mannes. 49 



Ein Patient war wegen einer erektiven Potenzstörung auf phallisch-urethra- 
ler Grundlage in Analyse, wurde nach vier Monaten von diesem Symptom be- 
freit, entzog sich aber der weiteren Analyse seiner tieferen Schichten, die ihm 
dringend angeraten wurde, mit der Angabe, er sei schon «gesund». Drei Jahre 
später meldete sich Patient wieder und gab an, seine Frau (er hatte inzwischen 
geheiratet!) wolle unbedingt ein Kind haben; sie könne aber trotz: allen Ver- 
suchen nicht konzipieren, weshalb der Frauenarzt den Rat gab, den Koitus 
a terga, bei welchem das Sperma tiefer in die Vagina dringe, auszuführen. Bei 
dieser Koitusart versagte Patient, dazu trat aber noch die innerliche Abwehr 
der Vaterschaft, die er vor sich selbst verleugnete. Die kurze Zeit fortgesetzte 
Analyse ergab wieder die starken, unbewussten passiv-femininen Wünsche des 
Patienten, die in der ersten Analyse nur gestreift wurden und das Signal zur 
Flucht des Patienten gaben, und eine «Vergeltungsfurcht» grandioser Art. 
Patient produzierte hysterisch eine Reihe von Schwangerschaftssymptomen, d. h. 
er identifizierte sich weitgehend mit der Frau — die Frau war inzwischen gravid 
geworden — , wie Erbrechen, Übelkeiten usw. Dazu trat als Abwehr der pas- 
siven Wünsche bzw. als Darstellung der infantilen Geburtstheorie, starke Fla- 
tulenz, bzw. Flatusangst. Einmal — und das war selbst für den Patienten be- 
weisend — hatte er die Tendenz, den eigenen Bauch an der Tischkante «auf- 
zuspiessen», was mit seiner sonstigen Wehleidigkeit sehr in Widerspruch stand. 
Seine Träume waren voller Hass gegen die Frau, er mordete im Schlafe das 
Kind bzw. war selbst gebärende Frau. 



B. POTENZSTÖRUNGEN MIT ANALEN MECHANISMEN, 

1. Zwangsneurotische Potenzstörungen. 

Die grundlegenden Arbeiten von Freud, Jones und 
Abraham über die Zwangsneurose haben das Problem dieser 
rätselhaften Erkrankung weitgehend aufgehellt. Eine theoretische 
Auseinandersetzung der Mechanismen der Zwangsneurose würde 
den Rahmen unserer Darstellung weit überschreiten: erfordert ja 
die knappste Wiedergabe viele Dutzende Seiten. Es muss deshalb 
auf die Originalarbeiten verwiesen werden. 

Der Zwangsneurotiker ist im Gegensatz zum Hysteriker, der 
den Ödipuskonflikt mit phallischen Zielen bzw. Ersatzbefriedigun- 
gen beibehält, auf die anale Stufe ausgewichen. Er hat an Stelle 
phallischer Ziele anale gesetzt und sich sekundär gegen diese 
durch Reaktionsbildungen (Zeremonielle, Charakterveränderungen 
im Sinne übertriebener Reinlichkeit, Pedanterie, Ordnungsliebe, 
Übergüte, Übermoral usw.) zu schützen versucht. Diese Patienten 
zeichnet ein übergrosses Ausmass von verdrängter Aggression aus, 
gegen die sie ständig ankämpfen; ihre Zeremonielle, ihre Grübel- 
sucht und Ambivalenz machen sie in vielen Fällen arbeits-, ge- 
nuss-, ja lebensunfähig. 



50 



Die Potenzstörungen der Zwangsneurotiker beruhen auf der 
für diese Krankheit charakteristischen Regression auf die anale 
Organisationsstufe der Libido. Alles Sexuelle wird zum 
Schmutzigen und Beschmutzenden. Die Art der 
Potenzstörungen ist sehr variationsreich. 

a) Völlige Abstinenz mit asketischen, ästheti- 
schen oder sonstigen Rationalisierungen bei 

gleichzeitiger larvierter Onanie bzw. 
Pollutionen. 

Die Ablehnung des Koitus erfolgt unter Berufung auf ideelle 
oder ästhetische Motive. Dabei zeigt aber die Analyse das Kom- 
pensatorische dieser Übermoral auf, die Angst vor der eigenen 
Aggression mit konsekutiver, als äussere Gefahr empfundener Ka- 
strationsangst. Immerhin kommt es häufiger als bei der hysteri- 
schen Abstinenz zum völligen Aufgeben des bewussten Sexual- 
lebens, wenn auch manchmal larvierte Onanie (meist in Form von 
sadistischen Phantasien — «Gedankenonanie») und Pollutionen 
mit vielfach homosexuellen Inhalten zu verzeichnen sind. Parallel 
damit geht häufig eine Propaganda dieser asketischen Ideologie 
mit Verachtung und Verfolgung der sexuell sich Betätigenden 1 ). 

b) Abstinenz mit ideologischen Rationalisie- 
rungen plus Onanie plus Schuldgefühlen. 

Der Unterschied zu Gruppe a) liegt in der bewusst geübten 
Onanie. Die Phantasien sind eindeutig sadistischer Art, scheinbar 
gar nicht «direkt» sexuell: Tötungen, Exekutionen, Skalpierungen, 
Gefangenenmarterungen beider Geschlechter mit Prävalenz des 
männlichen sind typisch. Auf dem Höhepunkt des sadistischen 
Aktes erfolgt die Ejakulation. 

c)Erektive Impotenz. 

Diese ist bei der Zwangsneurose relativ selten und beruht auf 
einer Abwehr von unbewussten Mordphantasien, die mit dem Ödi- 
puskomplex liiert sind und beim Koitus exekutiert werden. Unbe- 
wusstes Objekt dieser Aggressionen ist das Weib oder der homo- 
sexuell unbewusst auch geliebte Mann. 



l ) Ein historisches Beispiel dieser Art ist etwa Robespierre. 

51 



d) Fakultative Impotenz mit Spaltung der zärt- 
lichen und sinnlichen Komponente. 

Die bei den hysterischen Potenzstörungen geschilderte Spal- 
tung der zärtlichen und sinnlichen Komponente ist bei Zwangs- 
neurotikern recht häufig, nur dass sie hier schärfere Formen an- 
nimmt. Der als «schmutzig», d. h. anal, und «tierisch», d. h. sadi- 
stisch, abgelehnte Koitus bei anständigen Frauen mit Bevorzugung 
von Huren, wo «derlei» unter Gefahr von Infektion als Über-Ich- 
Beschwichtigung mit vielen Skrupeln und Ängsten «erlaubt» ist, 
nimmt Formen an, die — infolge Ausbleibens der Regression — 
beim geradezu liebenswürdig anmutenden Hysteriker nicht vor- 
kommen. 

e) Erektive Potenz mit Ejaculatio retardata. 

Es ist dies neben asketischer Abstinenz die häufigste Potenz- 
störung bei der Zwangsneurose. Die anale Lust am Zurückhalten 
kombiniert sich mit der sadistischen Lust der Objektschädigung, 
d. h. der Vorstellung, dass die Frau beim protrahierten Koitus 
irgendwie verletzt oder geschädigt werden könnte. Zugleich ist die 
Ejaculatio retardata Ausdruck der Abwehr von Todeswünschen in 
der unbewussten Phantasie, durchgeführt bei der Ejakulation mit- 
tels des Penis, endlich spielt auch die unbewusste Homosexualität 
mit unbewusster konsekutiver Abwehr der Frau eine Rolle. 



f) Störung der orgastischen Potenz bei d) und e). 

Das scheinbare Funktionieren des Sexualapparates bei diesen 
Formen der Zwangsneurose darf über die orgastische Störung 
nicht hinwegtäuschen. Nicht bloss, dass Zwangsneurotiker beim 
Koitus niemals ausser Kontenance zu bringen sind (dieses Sich- 
stets-in-der-Gewalt-haben ist sozusagen der verstärkte Wachtpo- 
sten, der über die eigenen unbewussten Mordphantasien wachen 
soll), auch im günstigsten Fall treten störende Gedanken auf, wie 
Sorgen, Ängste, Befürchtungen von Folgen des Koitus (Infektion, 
Schwangerschaft), moralisierende Kritik desselben oder es werden 
gar Zwangsformeln, Zählzwänge, Zeremonielle usw. in den Koitus 
mitverwoben. Am häufigsten sind Schuldgefühle, Ekel, Überdruss, 
Depressionen nach dem Koitus. Von keinem anderen Patienten- 
typus bekommt man das Sprüchlein vom «post coitum triste» so 
regelmässig zu hören, wie von Zwangsneurotikern. 

52 



Im folgenden wird ein zu Ende analysierter Fall von Zwangs- 
neurose mit orgastischer Potenzstörung geschildert 1 ). 

Ein 24jähriger Musikstudent — ein Geiger — kam in die psychoanalytische 
Behandlung mit der Angabe, er werde ständig von quälenden Gedanken an den 
Koitus mit der Mutter geplagt. Ferner leide er an Arbeitshemmungen: er 
grüble zuviel beim Üben, könne nicht öffentlich spielen und habe das Gefühl, 
dass er sein grosses Talent nicht auswerten könne. Sein Lehrer, ein bekannter 
Musikpädagoge, habe ihm die Analyse empfohlen. 

Patient macht einen intelligenten, recht klugen und durchtriebenen Ein- 
druck. Äusserlich ist er äusserst schmutzig, ungepflegt, verwahrlost. Er be- 
klagt sich darüber, dass er wochenlang Hemden und vor allem Strümpfe nicht 
wechseln kann: «Ich leide unter dem Schmutz und kann mich trotzdem nicht 
entschliessen, reine Strümpfe anzulegen.» Sein sonstiges Benehmen ist ziemlich 
salopp. Er posiert offensichtlich den Bohemien. Frauen gegenüber ist er teils 
schüchtern, teils bramarbasierend und forciert lustig. Männern gegenüber, die 
ihm fremd sind, ist er äusserst schüchtern und befangen. In Gesellschaft von 
Kollegen ist er ausgelassen, witzig und kann eine ganze Gesellschaft unterhalten. 

Sehr bald fällt auf, dass Patient eine Reihe von Eigenschaften hat, die 
direkt an «moral insanity» gemahnen. So ist Patient z. B. ein pathologischer 
Lügner mit pseudologischen Zügen. Das Lügen macht ihm Freude, jeder Lüge 
folgt ein Zwangslachen. Dabei sind die Lügen derart konstruiert, dass sie 
prompt durchschaut werden können. So erweist sich die Angabe seiner Haupt- 
beschwerde — Zwangsgedanke an den Koitus mit der Mutter — schon in den 
eisten Tagen der Analyse als Lüge. In Wirklichkeit kam er in Behandlung aus 
einem ihm unbewussten Grunde: aus unbewusster homosexueller Bindung an 
einen Studienkollegen, der gleichfalls in Analyse war. Mit seinen Lügen kom- 
binierten sich eine Freude am Täuschen und Beschwindeln des Partners. Der 
Patient ist von einer erstaunlichen Laxheit in Geldangelegenheiten. So ist er 
unter anderem pathologisch verschwenderisch; obwohl er in kümmerlichsten 
Verhältnissen lebt, vergeudet er das Wenige sinnlos. Anderseits ist er sehr gei- 
zig. Endlich rundet sich das Bild seiner Moral-insanity-Züge durch seine Ar- 
beitsscheu ab. Er lässt sich ohne jeden Skrupel von den Eltern (die im Ausland 
leben) erhalten und wird wütend, wenn man ihm das Unhaltbare dieser Situa- 
tion aufzeigt. 

Patient bezeichnet sich selbst als einen unglücklichen Menschen: «Ich 
mache viel mit», lautet sein Lieblingswort, das er einmal witzig so formuliert: 
«Ich bin ein Sorgenakkumulator». Auf dieses Sich-unglücklich-fühlen ist 
Patient sehr stolz und hält es für einen integrierenden Bestandteil jeden 
Künstlertums. Er lebt in ständiger Unheilserwartung, wobei die jeweiligen 
Ängste verschieden rationalisiert werden. Fünf Jahre vor Beginn der Analyse 
hatte er den Verdacht, Lues akquiriert zu haben; er Hess eine Wassermann- 
Untersuchung machen, holte aber das Resultat der Untersuchung nicht ab. Die 
Folge war, dass er in Angst lebte, ob er nicht doch Syphilis habe. Die weitere 
Konsequenz dieser Luophobie war, dass er befürchtete, er könnte beim 
Koitus die Partnerin anstecken und deshalb gerichtlich belangt werden. Da er 
Ausländer war, hätte das seine Ausweisung zur Folge gehabt. Dabei tut er 
typischerweise nichts, um diese Gefahren abzuwehren, geniesst im Gegenteil 
seine Angstlust und verstärkt sie durch ständige Provokationen. So leidet 
Patient an einem Zwangslachen bei Begräbnissen, drängt sich aber trotz der 
Gefahr, wegen Religionsstörung belangt zu werden, direkt zu Begräbnissen und 
ist täglich in der Nähe von Kirchen, in welchen Leichen aufgebahrt sind, zu 
sehen. Auch die Mitteilung, dass er mich angelogen hat (Zwangsgedanke vom 
Koitus mit der Mutter), macht er, um einen Hinauswurf zu provozieren. Wenn 

l ) Erscheint in: Bergler, «Zur analen Trieberregung». Int. Ztschr. für 
Psychoanalyse bzw. Kap. III des Buches «Das Unpersönliche im psychischen 
Konflikt». 

53 



von einem Diebstahl gesprochen wird, fühlt sich Patient unbehaglich und wird 
rot. So Hess er sich einmal von einer Wirtin unschuldigerweise eines Diebstahls 
bezichtigen, benahm sich dabei so auffällig, dass die Polizei verständigt wurde, 
und nur durch einen Zufall stellte sich seine Unschuld heraus. Daraufhin be- 
gann Patient ein Verhältnis mit der Verleumderin. Sein ganzes Tun und Lassen 
ist ein ständiges Provozieren, um bestraft zu werden 1 ). 

Patient verbrachte seine Jugend in einem Dorfe, der Vater war ein wohl- 
habender Kaufmann. Der Vater wird als unnahbarer, strenger, äusserst kor- 
rekter, pedantischer und reinlicher Mensch geschildert. Von der Mutter be- 
richtet Patient, sie sei eine hysterische Frau gewesen, die den Vater aus Geld- 
gründen geheiratet hatte. Bei Streitigkeiten der Eltern hat Patient stets die 
Partei des Vaters ergriffen. Patient hat einen älteren Bruder, der bei den 
Grosseltern erzogen wurde und von dem Patient annahm, dass er aus einer 
unehelichen Beziehung der Mutter stammte. Der zweite, um weniges ältere 
Bruder war der eigentliche Gespiele seiner Kindheit; er war ein aufgeweckter, 
energischer Knabe. Die Brüder schliefen im gleichen Bett, es bestand zwischen 
ihnen das stillschweigende Übereinkommen des Aneinander-Onanierens. Dieser 
Lieblingsbruder wurde im Bürgerkrieg erschossen. Als Patient, der damals be- 
reits fern von seiner Heimat weilte, die Nachricht erhielt, lachte er vorerst, und 
hatte deshalb mit seinen Verwandten Konflikte. Mit den zwei jüngeren Ge- 
schwistern (einem Bruder und einer Schwester) war Patient wenig beisammen 
und kann über sie wenig aussagen, da sie bei seiner Flucht aus seiner Heimat 
noch ganz klein waren. Das Verhalten des Patienten in der Kindheit war nicht 
eirheitlich: er war im Durchschnitt der «brave Bub», zeitweise bekam er Wut- 
anfälle, in welchen er blindlings losschlug. Die kindliche Onanie «lernte» er 
bei einem Cousin, die Knaben onanierten voreinander, ebenso gab es in einem 
Wäldchen öffentliche Defäkations- und Flatuswettkämpfe. Sein Interesse für 
alles Anale war geradezu grotesk, das Anale war der Maßstab aller Dinge. Als 
akzidentelles Erlebnis nennt Patient einen entfernten Verwandten, der viel 
Flatus von sich gab, worüber in der Familie gespottet wurde. Mit seinem Bru- 
der (demselben, mit welchem er das Bett teilte) onanierte er durch Wetzen 
des Penis an den Analbacken. Er versuchte vergeblich, sich die Onanie «abzu- 
gewöhnen» und kam in seinen Onanieabwehrkämpfen auf folgende Idee: er 
leistete einen Schwur des Inhalts, der Vater werde sterben, wenn er nochmals 
onaniere 2 ). In der Pubertät wurde dieser Schwur auf die Ejakulation ausge- 
dehnt. Ferner wurden aus sehr früher Zeit exhibitionistische Tendenzen berich- 
tet. Patient hatte den Hosenschlitz chronisch offen und wurde deshalb wieder- 
holt erfolglos bestraft. In diese Zeit — ■ 3. bis 4. Lebensjahr — fallen onanisti- 
sche Akte mit Dienstmädchen, von denen er summarisch annahm, dass sie 
sexuelle Beziehungen zum Vater hätten: Beim Ausziehen steckte er die grosse 
Zehe in die Vagina des Mädchens 8 ). Eine andere Erinnerung führt zu einem 



*) In dieselbe Kategorie gehörten seine provokanten Zynismen. Es han- 
delte sich um eine Form des «Zynismus aus Angstabwehr» und «Zynismus aus 
unbewusstem Straf bedürfnis». Näheres siehe Bergler, «Zur Psychologie des 
Zynikers», Psychoanalytische Bewegung, 1933, Heft 1/2 bzw. Kap. I des Buches 
«Typische menschliche Charaktereigenschaften». 

2 ) Gewiss hatte dieser Schwur eine Vorgeschichte. Er lautete ursprüng- 
lich: Wenn der Vater stirbt, kann ich mich ungestraft mit der Mutter sexuell 
betätigen. Dieser ursprüngliche Wortlaut wurde begreiflicherweise verdrängt. 
Ähnliches berichtet Jones in seiner bekannten Arbeit «Einige Fälle von 
Zwangsneurose», Jahrb. f. psychoanal. u. psychopathol. Forschungen, IV. und V. 
von seinem Fall II. 

3 ) Man könnte einwenden, dass die Erinnerungen eines Pseudologen gerin- 
gen Wahrheitswert haben. Nun gab es aber beim Patienten eine untrügliche 
Korrektur seiner Pseudologien: sein Zwangslachen, das automatisch jeder 
Lüge folgte. 

54 



kleinen Bauernmädchen, dessen Vagina er betastete und inspizierte; er erinnert 
sich eines «ekelhaften Geruchs», was offenbar schon einer sekundären Bear- 
beitung entspricht, da ursprünglich die analen und vaginalen Gerüche für den 
Patienten — wie er später zugibt — das schönste Parfüm waren. Nach Erzäh- 
lungen seiner Mutter — Patient will sich daran nicht erinnern — • änderte 
Patient sein Verhalten im 6. bis 7. Lebensjahr. Er wurde grüblerisch, sehr rein 
und sexuell prüde. Dieses Verhalten dauert bis zur Pubertät — die Eltern 
übersiedelten inzwischen in die nächste Kreisstadt. Von dieser Zeit berichtet 
Patient eine sonderbare Gewohnheit: am Nachmittag zog er Zivilkleider an 
(in seiner Heimat trugen die Gymnasiasten eine Uniform, die abzulegen 
strenge verboten war) und spielte bei Bauernbegräbnissen 
Trompete. Patient kann eine Begründung dafür nicht angeben, erinnert 
sich aber an das grosse Lustgefühl bei diesem Trompetenspiel. Um diese Zeit 
war Patient ein ausgezeichneter Trompeter, eine Begabung, die, wie Patient 
meint, «unbegreiflicherweise» in späteren Jahren vollkommen verschwand. 
Seine Beziehung zur Musik ist älteren Datums: schon als dreijähriger Knabe 
hat er stundenlang auf einer Kindertrompete geblasen, als fünfjähriger kon- 
"struierte er sich selbst eine primitive Violine und spielte «traurige Weisen», 
die er einem blinden Bettler ablauschte. Etwas später wird wieder die Geige 
ausser Kurs gesetzt und Patient spielt mit viel Erfolg die Trompete (Begräb- 
nisspiel!). In der Zeit nach der Pubertät ändert sich wieder die Situation: er 
spielt ausschliesslich Geige, will Geigenvirtuose werden und kommt deshalb nach 
Berlin. Diese Reise war nicht ganz freiwillig: in seiner Heimat wütet der Bür- 
gerkrieg, seine Heimatstadt wechselt Dutzende Male den Besitzer. Im wesent- 
lichen kämpfen rote und weisse Truppen miteinander, als dritte Kampfpartei 
etabliert sich eine Räuberbande. Bezeichnend ist in dieser Situation das Ver- 
halten des Patienten. Er ist scheinbar angstfrei und macht sich über die durch- 
aus realen Befürchtungen seiner Angehörigen lustig. Als einmal Räuber das 
Elternhaus besetzen, freundet er sich sofort mit dem Räuberhauptmann an 
und beschuldigt die Mutter, die einen Augenblick mit dem Mann in einem 
Zimmer allein bleibt, sie hätte ihn zum Koitus eingeladen. Mit dem Komman- 
danten der Linkstruppen kommt er wegen seiner Weigerung, bei einer Parade 
Trompete zu spielen, in Konflikt und wird einige Tage eingesperrt. Bezeichnend 
ist in dieser Zeit der Gefahr, der Ängste und Pogrome seine unverwüstliche 
gute Laune, die weder durch Kanonaden, noch durch Hunger zu erschüttern 
war. Die Eltern flüchteten später ins Ausland, Patient kam nach Deutschland, 
um Musik zu studieren. 

Die Beziehung zu Frauen war eine gestörte. Er koitierte ausschliess- 
lich mit Prostituierten, verkehrte stets ohne jede Vorsichtsmass- 
regel. Man hatte geradezu den Eindruck, dass er unbedingt Lues akquirieren 
wolle. Er ekelte sich vor Frauen (hinter diesem Ekel verbarg sich u. a. eine 
schlecht maskierte Angst vor der penislosen Frau), hatte einen Horror vor der 
Vagina, die er als «schmutzig, mit Kot gefüllt» bezeichnete. Palient hatte, ob- 
wohl er mit Hunderten von Frauen verkehrt hatte, keine Ahnung vom Bau der 
äusseren Geschlechtsteile. An «anständige» Mädchen wagte er sich nicht her- 
an, da er «die Verantwortung nicht übernehmen könne». Eine typische Spal- 
tung von zärtlicher und sinnlicher Strebung lag vor. Nach 
dem Koitus war er tief deprimiert, hielt den Satz «Post coitum omne animal 
triste» für das Normale und litt an orgastischer Impotenz. Zu er- 
wähnen wäre noch seine sonderbare Methode, mit der er sich jede Frau ent- 
werten konnte: er musste sich bloss vorstellen, dass an ihrer Nase Nasensekret 
herabtropfe, und die «Frau war erledigt». Manchmal genügte die blosse Vor- 
stellung des Geruchs der Vagina. 

Die Geigenhemmungen (zu Beginn der Analyse hatte er seit Jahren die 
Trompete nicht mehr berührt) waren folgende: Er wurde während des Spie- 
lens von ständiger Angst geplagt, er werde «patzen» (einen Fehler machen). 
Tatsächlich machte er Fehler an technisch einfachen Stellen, während er tech- 

55 



nisch schwierige ohne weiteres bewältigte. Der Gedanke «ich werde patzen» 
verfolgte ihn während des Spielens und Patient stand vor folgender Alterna- 
tive: entweder am Schluss «zu patzen, um Ruhe zu haben» oder fehlerfrei zu 
Ende zu spielen und dann das Ausbleiben des Fehlers mit schwerster, grund- 
loser Depression zu bezahlen. Die Angst vor dem «Patzen» steigerte sich aber 
meist vor dem Schluss eines Violinstückes zu unerträglicher Höhe. Weiter 
«traut» sich Patient mit seinem Spiel «nicht heraus», besondere Hemmungen 
hat er vor Männern. Er spielt ohne Gefühl, «wie tot». Er verliert die Kon- 
trolle, kann nicht «fest zudrücken», zweifelt, ob er im Takt ist, besonders der 
Daumen ermüdet. Er zerlegt beim Üben jeden Takt in kleine und kleinste 
Teile, grübelt stundenlang und benimmt sich «wie der Tausendfüssler, der 
nachzudenken beginnt, mit welchem Fuss er austreten soll». Er grübelt über 
jede Kleinigkeit, ob der Bogen richtig gehalten wird usw., kurz er «macht viel 
mit». Trotz dieser schwersten Arbeitshemmung hat Patient eine übertrieben 
hohe Meinung von seinem Künstlertum, sein kompensatorischer Narzissmus 
grenzt ans Lächerliche. 

In der ersten Zeit der Analyse versucht Patient, tendenziös die Mutter in 
den Vordergrund zu schieben: sein Lehrer hätte ihm gesagt, die Geige bedeute 
symbolisch die Mutter. Es wird die Ursache seines Wunsches, analysiert zu 
werden, besprochen, wobei als treibendes Motiv (neben Sensationslust) seine 
unbewusste homosexuelle Bindung an einen Studienkollegen zutage tritt. Es 
ergibt sich also einige Tage nach Beginn der Behandlung die groteske Situa- 
tion, dass ein objektiv schwerkranker Mensch ohne jedes Krankheitsbewusst- 
sein in Analyse ist, der sein Leiden direkt bejaht. Als ich ihm seine schwere 
Depression vorhalte, antwortet er: «Ich will kein glücklicher Mensch sein, ich 
will ein unglücklicher Musiker bleiben». Nach kurzer Zeit folgen geschickt an- 
gelegte Provokationen, die den Zweck haben, bestraft (hinausgeworfen) zu wer- 
den und es entwickelt sich eine stark sadistische, sehr ambivalente, homo- 
sexuelle Bruder- und Vater Übertragung 1 ). Es ist ein grosser Fortschritt, 
als Patient bei Besprechung des Todes seines Bruders (desselben, bei dessen 
Todesnachricht er gelacht hatte), krampfhaft zu schluchzen beginnt: die Ana- 
lyse wird für kurze Zeit zum affektiven Erlebnis. Es kommt ein sehr umfang- 
reiches anales Material zum Vorschein, in dessen Zentrum die Vorstellung 
steht, alles Sexuelle sei etwas Schmutziges und Beschmutzendes. Zugleich wird 
dem Patienten die Kombination mit seiner verdrängten Riechlust (vor allem 
am eigenen Flatus) klar. Seine Unfähigkeit, reine Strümpfe anzuziehen, erwies 
sich nicht nur als Strafe für sexuelle Wünsche, sondern auch als Lust am Fest- 
halten des anal perzipierten Vaginalgeruches. Die Szene mit dem Dienstmäd- 
chen, das er beschuldigte, mit dem Vater zu verkehren und in dessen Vagina 
er «herumstocherte» (der Ausdruck des Patienten weist auf die sadistische 
Triebkomponente hin), rückte in eine andere Beleuchtung. Darüber hinaus 
war seine Lust am Schmutz kombiniert mit einer schweren Bestrafung für 
ödipussünden: nicht so sein dürfen, wie der reine, pedantische, korrekte Vater. 
Das Anale hatte beim Patienten nich eine spezielle Bedeutung: die Flatuswett- 
spiele erwiesen sich als sadistische Koitusphantasien, denen die Vorstellung 
zugrunde lag, dass dies die Methode sei, Kinder zu zeugen und zu töten. Diese 
Freude am Analen wurde in einem Falle geschickt rationalisiert: er benützte 
nach dem Defäzieren niemals Papier, aus Angst, er könne die Finger be- 

*) Unter Übertragung versteht man in der Psychoanalyse die von Freud 
entdeckte Tatsache, dass die Patienten an der Person des zufälligen 
Arztes ihre unbewussten Konflikte wiederholen, die eigentlich den Personen 
der Kindheit gelten, an die sie gebunden sind. Der zufällige Arzt wird mit 
diesen Kindheitspersonen identifiziert. Er ist für die ihm entgegengebrachten 
wechselnden positiven und negativen Affekte ebensowenig Veranlassung und 
reale Ursache, wie — nach einem treffenden Wort Anna Freuds — die 
Kinoleinwand für das Stück, das jeweils auf ihr abgerollt wird. 

56 



schmutzen (verstärkt durch unbewusste anale Kastrationsangst; siehe Freud 
«Triebunisetzungen, insbesondere der Analerotikx). Die Erziehung zur Rein- 
lichkeit erfolgte in einem relativ späten Alter und Patient gab sich lange 
den analen Kindheitsvergnügungen hin. 

Die Entwertung der Frau durch die Vorstellung ihres Nasensekrets erwies 
sich als weitgehend überdeterminiert: Erinnerungen an die schuldbeladene 
eigene Onanie, wobei er auf Rat des Cousins vor dem Onanieren den Penis 
mit eigenem Nasensekret «glitschig» machte. Erinnerungen an das anal-vaginale 
Sekret von seinen frühinfantilen Aggressionen bei den Dienstmädchen. Eine 
Rolle spielte die überaus starke Kastrationsangst, die sich um die Frage drehte, 
wo der Penis der Frau sei. Überflüssig zu sagen, dass die Nase auch phallische 
Bedeutung hatte. Weiterhin bestätigte sich Ferenczis ') Hinweis darauf, 
dass die Vorliebe für klebrige Stoffe mit charakteristischem Geruch (u. a. das 
Sekret der Nasenschleimhaut) direkt vom Analen verschoben ist 2 ). Ferner 
wurden die Nasenlöcher überhaupt als Anusersatz aufgefasst, eine Verschie- 
bung nach oben, auf die Jones aufmerksam machte. Endlich ergaben sich 
ganz dunkle Beziehungen zur oralen Phase, die sezernierende Nase wurde mit 
der Frauenbrust identifiziert und so die Abwehr der oralen Enttäuschung zum 
Ausdruck gebracht. 

Das Strafbedürfnis, seine Kastrationsangst und Kastrationswünsche wurden 
dem Patienten klar, als seine Beziehung zu den geliebten Personen der Kind- 
heit besprochen wurde. Zu seinem Entsetzen musste Patient einsehen, dass 
seine verdrängten Todeswünsche auch dem Vater galten und dass daraus die 
schwersten Schuldgefühle stammten. Sein Trompetenspiel bei Be- 
gräbnissen — orale Wiederholung des Flatus — wurde 
vom Patienten unbewusst als Triumph über den, mit dem 
jeweils Beerdigten identifizierten Vater gefeiert, wobei demonstriert 
wurde: jetzt nach dem Tode des Vaters kann ich mich sexuell betätigen (= 
Flatus lassen). Die Allmacht der Gedanken, über die sich Patient lange Zeit in 
der Analyse lustig machte, führte dazu, dass sein Über-Ich die Todeswünsche 
als wirksam auffasste: man kann behaupten, dass Patient bei jedem Bauern- 
begräbnis das Begräbnis des Vaters immer wieder mit unbewusstem Schuldge- 
fühl erlebte. Das erklärt sein Zwangslachen bei Begräbnissen und Todesfällen, 
namentlich bei der Nachricht vom Tode des Bruders. In der Übertragung äus- 
serte sich sein verdrängter Todeswunsch in der Form, dass er von quälenden 
Zweifeln befallen wurde, was geschehen würde, wenn ein Patient «zufällig» den 
Arzt in der Analyse tötet. Dass die aggressiven Impulse mit dem Ödipuskomplex 
verknüpft waren- wurde dem Patienten klar, als er bei einem Koitus den 
Gedanken hatte: «Gegen den Orgasmus ist die Analyse machtlos». Die sofortige 
Korrektur, dass die Analyse ihm den Orgasmus ja nicht nehmen, sondern ver- 
schaffen wolle, er also den Arzt als Feind (Vater) betrachtet, machte — soweit 
bei einem Zwangsneurotiker 3 ) etwas Beweiskraft haben kann und nicht sofort 
vom Zweifel angenagt wird — immerhin Eindruck. Zugleich zeigte es sich, 
weshalb Patient sowohl den Truppen der Links- und Rechtsparteien als auch 
den Räubern während des Bürgerkrieges in seiner Heimat so freundlich gegen- 
überstand. Er beti achtete alle drei vor allem als Exekutivorgane seines Vater- 
hasses. 



) Ferenczi, «Ontogenie des Geldinteresses», Bausteine zur Psycho- 
analyse I. 

2 ) Die ursprüngliche Vorliebe (Riechfetischismus) wurde ins Gegenteil ver- 
kehrt. Jones' Fall I löste seine Verlobung wegen des «übelriechenden Atems» 
seiner Braut. 

3 ) Beim Patienten lag ein buntes Gemenge von zwangsneurotischen, pho- 
bischen und Moral-Insanity-Symptomen vor, doch rechtfertigen die Triebver- 
wertung und die Abwehrmechanismen die Diagnose Zwangsneurose. 

57 



Aus den vielen Bestrafungen, die sich Patient durch Provokationen in der 
Aussenwelt verschaffte, leitete er — unbewusst — die Berechtigung zu neuen 
unbewussten Aggressionen ab. Vieles von dem, was sich ursprünglich als Züge 
von «moral insanity» darbot, waren Methoden seiner Selbstbestrafung: seine 
Durchstechereien, Hochstapeleien, chronischen Lügen, seine Arbeitsscheu usw. 

Welchen Sinn hatten seine Geigensymptome? 1. Sein Hauptsymptom: die 
Zwangsbefürehtung, er werde vor Schluss «patzen», erwies sich als «zweiseitige 
Zwangshandlung», deren erstes Tempo vom zweiten aufgehoben wird, «als ob 
nichts geschehen wäre, wo in Wirklichkeit beides geschehen ist» (Freud). 
Geige = eigener Penis; Spielen = Onanie. Es ist von analytischen Autoren 
wiederholt auf den symbolischen Doppelsinn des Wortes Spielen in der 
Bedeutung von Onanieren und Musizieren hingewiesen worden. Nun lautete 
der Kinderschwur des Patienten in seinen Onaniekämpfen: wenn ich ona- 
niere (später: ejakuliere), muss der Vater sterben. Wenn also Patient bis 
zu Ende (d. h. bis zur Ejakulation) spielt, also dem sexuellen Wunsch nach- 
gibt, stirbt der Vater 1 ). Deshalb setzt die Gegentendenz ein; er «patzt», 
d. h. er kastriert sich selbst, der Todeswunsch wird durch die Selbstkastra- 
tion ungeschehen gemacht. Damit erklärt sich das Dilemma des Patienten: 
entweder zu Ende zu spielen und mit schwerster Depression zu büssen oder 
zu «patzen, um Buhe zu haben». Meistens wählte Patient folgenden Ausweg: 
Er spielte richtig zu Ende, um dann nochmals zu beginnen und zu «patzen». 
Die Endlosigkeit dieser Zwangsprozeduren ergibt sich aus der Unlösbarkeit 
des dahinter verborgenen chronischen Ambivalenzkonfliktes. — 2. Der Kampf 
mit dem Vater hinterlässt weitere Spuren im Symptom: Patient ist unfähig, 
mit den Fingern «fest zuzudrücken». Die Geige ist symbolisch gleich 
Penis des Vaters, dem einerseits die positiv homosexuellen, anderseits die hass- 
voll-aggressiven Impulse galten (fest zudrücken = töten, kastrieren, vernich- 
ten). ■ — 3. Zugleich ist sein Geigenspiel ein Trotz gegen das Onanieverbot, ein 
Protest gegen die Kastration, aber auch im Ersetzen durch die Geige ein Ver- 
zicht auf den Penis. — 4. Das Geigenspielen, das symbolische Vorzeigen des 
Penis, ist exquisit exhibitionistisch. Die Abwehr der ursprünglichen Exhibition 
ergab die Angst vor dem öffentlichen Auftreten. — 5. In seinem Kampf: «Be- 
rühren wollen und nicht berühren dürfen» übernimmt die Geige noch eine 
andere symbolische Bedeutung, sie wird zum Symbol der Mutter (supponierter 
mütterlicher Penis). Aktive ödipuswünsche und konsekutive Bestrafungen füh- 
ren zur Hemmung. — 6. An der Geige lebt der Patient seine ganze Bisexuali- 
tät aus: das Schwanken zwischen dem homosexuellen Wunsch nach dem Penis 
des Vaters und den heterosexuellen Wünschen auf die Mutter trägt zur Kon- 
fliktssituation bei. — 7. Die Ermüdbarkeit am Daumen fand eine einfache 
Erklärung: auf seine Frage, woher die Kinder kommen, soll die Mutter des 
Patienten lächelnd auf die Daumen gewiesen haben. Für das Unbewusste des 
Patienten wird also der Daumen zum Penis. — 8. Das ganze Geigenspiel er- 
scheint sexualisiert, auf «Kleines und Kleinstes» verschoben, wobei das Her- 
vorbringen der Töne auf der Trompete besonders auch deshalb ver- 
boten ist, weil es den Patienten an den Flatus erinnert 2 ). 

Auf der Flucht vor seinen anal-sadistischen Phantasien erschien dem Pa- 
tienten die Penisbedeutung der Geige eher annehmbar, als die Fiatusbedeutung 
des Trompetenblasens. So kam es, dass Patient im Nachpubertätsalter das 
Trompetenspiel vollkommen aufgab, es scheinbar gänzlich «vergessen» hatte. 

1 ) Federn sagt in seiner Arbeit «Über einen alltäglichen Zwang», Int. 
Ztschr. f. Psychoanalyse, 1929, Bd. 15, S. 214 ff.: «Für das Unbewusste des 
Zwangsneurotikers bedeutet jedes Ende, jedes Getrenntsein den Tod; in letzter 
Linie den gewollten Tod des Vaters». 

2 ) Die Deutungen 1 — 7 liegen auf der genitalen bzw. phallischen Stufe, 
haben aber eine anale Vorgeschichte, die sich fast lückenlos rekonstruieren 
Hess. Durch Begression in der Kindheit wurde Patient auf diese Stufe zurück- 
geworfen, wobei der unbewusste Hauptwunsch lautete: mit Stuhl spielen. 

58 



Um die Krankengeschichte nicht zu komplizieren, gehe ich auf 
die komplizierten Überdeterminanten des Flatus nicht ein. Diese 
werden im Anschluss an diesen und einen zweiten Patienten im 
kasuistischen Teil (Fall 3 und 4) meines Buches «Das Unpersön- 
liche im psychischen Konflikt» besprochen. 

Im Verlauf der Analyse ergab sich für den Patienten die reale Notwendig- 
keit, zum Trompetenspiel zurückzukehren, da das Geigenspiel des Patienten 
zum Virtuosen nicht ausreichte 1 ). Nach Durcharbeitung der anal-sadistischen 
Fiatusbedeutung der Trompete, an die sein ganzer Ödipuskomplex gekettet 
war, wurde es dem Patienten möglich, in einigen Wochen 
das Trompetenspiel wieder zu «erlernen» 2 ) und einen Posten 
als Barmusiker zu erhalten. 

Aus äusseren Gründen musste die Analyse in diesem Stadium nach einer 
Dauer von 18 Monaten unterbrochen werden. Zwei Jahre später stellte sich 
Patient wieder vor: Er hatte die ganze Zeit in einem anderen Lande gearbeitet, 
sich selbst erhalten (er war zweiter Trompeter einer anerkannt ersten 
Jazzkapelle des Auslandes) und war ein eleganter, reinlicher, äusserlich adret- 
ter Mensch geworden. Die Ursache seines Kommens war folgende: Er liebte, 
ganz im Gegensatz zu seiner Einstellung bei Beginn der Analyse, ein anständi- 
ges Mädchen, das er heiraten wollte. Nun fühlte er selbst, dass seine Mutter- 
beziehung noch nicht ganz erledigt sei, er habe mit dem Mädchen vielfach 
«irreale» Konflikte, zweifle auch, ob er heiraten solle. In der kurzen Nach- 
analyse wurde diese Mutterbeziehung wieder durchbesprochen, vor allem seine 
Spaltung von zärtlichen und sinnlichen Strebungen, mit dem Resultat, dass 
Patient kurze Zeit darauf heiratete. 

Interessant war, wie Patient seine Kastrationsangst untergebracht hatte. 
Er war ihr teilweise in einem Kompromiss ausgewichen: er war ein ausge- 
zeichneter zweiter, ein zeitweise gehemmter erster Trompeter. Das bedeutete: 
«Ich lasse dir, Vater, den Vortritt. Wenn wir beide das gleiche tun, darfst du 
mich nicht bestrafen.» Dieses Kompromiss mit der Kastrationsangst zeigte sich 
auch in der Art, wie Patient mit gutem Erfolg Jazzmusik zu komponieren be- 
gann: Dabei geschah es, dass die ersten Takte mehr oder weniger anderen 
Komponisten «entlehnt» waren. Als er einmal bei einer Prostituierten sich ei- 
niges notierte, machte er die Entdeckung, dass in diesem Fall alles gestohlen 



x ) Ausschlaggebend war das Urteil seines Lehrers, einer musikalischen Ka- 
pazität, der einige Monate nach Beginn der Behandlung dem Analytiker auf 
seine Anfrage antwortete: «Er ist talentiert, aber bestimmt nicht das, was er 
zu sein glaubt. Wenn man bei seinen Hemmungen davon absieht, dass er nie 
so spielt wie zu Hause, ist das geigerische Format zu klein . . .» Es war ein 
Erfolg der Analyse, dass sie ihn über diese schwere narzisstische Kränkung 
relativ reibungslos hinwegbrachte und ohne seelischen Zusammenbruch seinen 
Übergang zum Beruf eines Barmusikers ermöglichte. Gewiss gelang dieser — 
wie die folgende Zeil zeigte — auch deshalb so gut, weil er in dieser Stellung 
ein Stück seines Strafbedürfnisses unterbrachte. 

2 ) Es wird nicht behauptet, dass die Aufdeckung der Flatuswünsche des 
Patienten seine musikalische Begabung erklärt. Das Begabungsproblem ist ana- 
lytisch nicht lösbar, da es auch konstitutionelle Momente enthält. Tatsache ist 
jedenfalls, dass die Flatuswünsche einen starken Zuschuss zu seiner Musikali- 
tät darstellten. Über die psychischen Komponenten der Musikalität gibt es eine 
grössere analytische Literatur. Siehe S t o r f e r , «Beiträge zur psychoanalyti- 
schen Bibliographie», Psychoanalytische Bewegung I, S. 69 ff. 

59 



war 1 ). Er war in allem der Zweite. Auch die Tatsache, dass er anfangs eine 
Hemmung hatte, seine eigenen Kompositionen zu spielen, hatte den gleichen 
Sinn: er entlastete sein aus sexuellen = Flatuswünschen stammendes Schuld- 
gefühl damit, dass er Andere mitschuldig machte. Die Anderen (Männer!) 
und nicht er, sangen und spielten. Am glücklichsten ist die starke unbewusste 
Homosexualität des Patienten untergebracht: er ist in seiner Gemeinschaft sehr 
beliebt; die Sublimierung in Freundschaft gelang. 

2. Potenzstörungen bei chronischer hypochondrischer 
Neurasthenie. 

Freud hat 1895 den Vorschlag gemacht, von der «Neurasthe- 
nie» der voranalytischen Autoren (z. B. Bear d) einen zirkum- 
skripten Symptomenkomplex als «Angstneurosen» 2 ) abzutrennen 
und beide als «Aktualneurosen» den «Psychoneurosen» 
gegenüberzustellen 3 ). Dieser Symptomenkomplex besteht aus: all- 
gemeiner Reizbarkeit, ängstlicher Erwartung, Angstanfällen oder 
Rudimenten derselben, Störungen der Herztätigkeit, der Atmung, 
Schweissausbrüche, Zittern und Schütteln, Heisshunger, Diarrhöen, 
Schwindel, Kongestionen, Parästhesien, nächtlichem Aufschrecken 
usw. — all dies ohne nachweisbare Organveränderungen. Als Ur- 
sache der Aktualneurose führte Freud die direkten somatischen 
Folgen der Sexualstörungen an. «Das Wesentliche . . . liegt in der 
Behauptung, dass deren Symptome nicht wie die psychoneuroti- 
schen analytisch zu zersetzen sind. Also dass die Obstipation, der 
Kopfschmerz, die Ermüdung der sogenannten Neurastheniker nicht 
die historische oder symbolische Zurückführung auf wirksame Er- 
lebnisse gestatten, auch nicht als sexuelle Ersatzbefriedigungen, 
als Kompromisse entgegengesetzter Triebregungen sich verstehen 
lassen, wie die eventuell selbst gleichartig erscheinenden psycho- 
neurotischen Symptome» 4 ). Freud bestritt also den psychischen 
Sinn dieser Symptome und führte sie auf die «abnorme Verwen- 
dung der Sexualerregung» zurück. Freud zählt folgende Fälle 
bei angstneurotischen Männern auf: 

a) Angst der absichtlich Abstinenten. 

b) Angst der Männer mit frustraner Erregung, bei chronischer 
Vermeidung des Koitus und Sich-Begnügen mit dem Betasten oder 
Beschauen des Weibes. 



') Siehe Bergler, «Das Plagiat», Psychoanalytische Bewegung, 1932, 
H. 5 bzw. Kap. VI des Buches «Typische menschliche Charaktereigenschaften». 

2 ) «Über die Berechtigung, von der Neurasthenie einen bestimmten Sym- 
ptomenkomplex als ,Angstneurose' abzutrennen», G. Sehr. Bd. I. 

3 ) Als dritte Aktualneurose führte Freud später die Hypochondrie an. 

4 ) Freuds Diskussionsbemerkung in der Onaniediskussion der Wiener 
Psychoanalytischen Vereinigung. Verlag Bergmann, 1912. 

60 



c) ^.ngst der Männer, die coitus interruptus üben. Diese Koi- 
tusart schädigt den Mann, wenn dieser, um die Befriedigung der 
Frau zu erzielen, den Koitus willkürlich dirigiert, die Ejakulation 
aufschiebt. Die Angstneurose ist in diesem Fall meist in Kombina- 
tion mit Neurasthenie. 

d) Angst der Männer im Senium (männliches Klimakterium). 

e) Neurastheniker infolge von Masturbation verfallen in Angst- 
neurose, sobald sie von ihrer Art der sexuellen Befriedigung ab- 
lassen. 

Gegen die mangelnde Psychogeneität der Aktualneurose wur- 
den Freud Einwände gemacht, die er folgendermassen abwehrte: 
Es sei nicht das Entscheidende, ob man bei den sogenannten Neu- 
rasthenikern regelmässig dieselben Komplexe und Konflikte vor- 
findet, wie bei andern Neurotikern: «Wir wissen längst, dass wir 
die nämlichen Komplexe und Konflikte auch bei allen Gesunden 
und Normalen zu erwarten haben. Ja, wir haben uns daran ge- 
wöhnt, jedem Kulturmenschen ein gewisses Mass von Verdrängung 
perverser Regungen von Analerotik, Homosexualität u. dgl., sowie 
ein Stück Vater- und Mutterkomplex und noch andere Komplexe 
zuzumuten, wie wir bei der Elementaranalyse eines organischen 
Körpers die Elemente: Kohlenstoff, Sauerstoff, Wasserstoff, Stick- 
stoff und etwas Schwefel mit Sicherheit nachzuweisen hoffen. Was 
die organischen Körper voneinander unterscheidet, ist das Men- 
genverhältnis dieser Elemente und die Konstitution der Verbin- 
dungen, die sie miteinander eingehen. So handelt es sich bei den 
Normalen und Neurotikern nicht um die Existenz dieser Konflikte, 
sondern um die Frage, ob dieselben pathogen geworden sind und 
wenn, welche Mechanismen sie dabei in Anspruch genommen 
haben.» Die Aktualneurosen leisten nach Freud das somatische 
Entgegenkommen für die Psychoneurosen, liefern das Erregungs- 
material, welches dann psychisch ausgewählt und umkleidet wird, 
«so dass, allgemein gesprochen, der Kern des psychoneurotischen 
Symptoms — das Sandkorn im Zentrum der Perle — von einer 
somatischen Sexualerregung gebildet wird.» (Freu d.) 

Die Therapie besteht bei der reinen Angstneurose in Abstel- 
lung der aktuellen Schädlichkeit. 

Reich 1 ) beschrieb zwei Formen der Neurasthenie: die 
«akute» und die «chronisch-hypochondrische». Die akute Neura- 



J ) <>Über die chronische hypochondrische Neurasthenie mit genitaler Asthe- 
nie». Int. Ztschr. f. Psychoan., 1926. 

61 



sthenie manifestiert sich nach einer Periode relativer Gesundheit 
in Reizbarkeit, Verstimmung, diffusen körperlichen Beschwerden 
und Ermüdungszuständen aller Art. Die Symptome treten auf bei 
exzessiver Masturbation oder gehäuften Pollutionen, wenn sich 
während des Geschlechtsaktes störende Gedanken einstellen (z. B. 
Furcht, das Glied sei zu klein oder man könne die Frau nicht be- 
friedigen), ferner wenn zwar nicht exzessiv onaniert wird, aber 
das Lusterleben während des Aktes durch Schuldgefühle oder die 
Furcht, sich zu schädigen, gestört wird, ferner wenn bei der Ona- 
nie der Samenverlust für schädlich gehalten und die Ejakulation 
hinausgeschoben oder zersplittert erlebt wird, endlich wenn die 
Sexualbefriedigung aus irgendeinem Grunde für längere Zeit auf- 
gegeben wird. Im Anschluss an Federn, der darauf hinwies, 
«dass die Onanie um so eher neurasthenische Symptome hervor- 
ruft, je weniger befriedigend sie verläuft» und Ferenczi, der 
Neurasthenie beim «onanistischen Koitus» fand und behauptete, 
«dass die Wollustwelle normalerweise restlos abklingt, bei der 
Masturbation aber ein Teil der Erregung sich nicht ordentlich aus- 
gleichen kann; diese restliche Erregungssumme gäbe die Erklärung 
der Eintagsneurasthenie, vielleicht der Neurasthenie überhaupt» 
— meint Reich, dass nur von Schuldgefühl gestörte Onanie 
(«widerspruchsvolle Onanie») Neurasthenie hervorruft, da sonst 
alle Onanisten neurasthenisch sein müssten, was nicht zutrifft. 

Die chronisch-hypochondrische Neurasthenie umfasst nach 
Reich folgenden Symptomenkomplex: chronische Obstipation, 
Meteorismus, andauernden Kopfdruck, Übelkeiten und Appetit- 
losigkeit, Impotenz in Form der Ejaculatio ante portas bei schlaf- 
fem oder halbsteifem Gliede, Spermathorrhöe und Harnträufeln, 
diffuse körperliche Beschwerden, sowie Arbeits- und Denkunfähig- 
keit infolge rascher Ermüdung. 

Diese Patienten sind im wesentlichen anal fixiert, urethral- 
orale Tendenzen spielen eine gewisse Rolle. Die typische Potenz- 
störung ist die der «genitalen Asthenie» mit der Formel: Ich will 
nicht geschlechtlich verkehren, sondern mein Genitale prägenital 
benützen. Deshalb spielt die schwere Form der Ejaculatio prae- 
cox (siehe S. 117 ff.) eine so wesentliche Rolle. Die Tatsache, dass 
sich die anale Libido 1 ) nicht auf das anale Gebiet beschränke, son- 
dern auch das Genitale besetzt, erkläre die Koppelung der habi- 



*) Die Analität der Neurastheniker wurde von Hitschmann 
auch Reich hervorhebt — schon Jahre vorher des öfteren betont. 

62 



tuellen. Obstipation mit der Ejaeulatio praecox. Sie bestehe bei 
den typischen Fällen seit frühester Kindheit und habe zwei Mo- 
tive. Ein autoerotisches: aus der Defäkation wird anale Lust ge- 
schöpft; ein objekt-libidinöses : es bestehe eine spezifisch anale 
Bindung an den Vater auf Grund analer Identifizierungen mit der 
Mutter gleichwertig neben einer urethralen und oralen Fixierung 
an die Mutter. Der Meteorismus sei die Folge einer spät verdräng- 
ten analen Riechlust. Die Symptome des Kopf drucks und der 
Übelkeit entsprechen teils der Gedankenobstipation (nach Jones 
und Abraham werden Gedanken unbewusst als Kot aufgef asst), 
teils handle es sich um Reste einer oral-analen Übergangsphase. 
Reich kommt zu folgendem Resultat: Die charakteristische Fixie- 
rung der «chronisch-hypochondrischen Neurasthenie» sei primär 
anal-urethral-masochistisch bzw. partiell oral, die führende se- 
xuelle Objektbeziehung: prägenital, gewöhnlich anal zum Vater, 
urethral und oral zur Mutter, die Verwendung der prägenitalen 
Libido sei autoerotisch tätig und in den zirkumskripten Sympto- 
men als Objektlibido gebunden, während die genitale Libido als 
diffuse Organlibido in den hypochondrischen Beschwerden Ver- 
wendung finde. Die charakteristische Impotenzform sei die anal- 
urethrale Ejaeulatio praecox mit genitaler Asthenie. Einen Schritt 
weiter geht Schilder 1 ), der behauptet, dass es im strengen 
Sinne keine Aktualneurosen gibt und dass die Aktualneurosen eine 
Form der Psychoneurosen darstellen. Der Autor bestreitet die Be- 
deutung der gestörten Sexualfunktion bei der Neurasthenie nicht, 
meint aber, «dass die gestörte Sexualfunktion nur dann Erschei- 
nungen macht, wenn eben der seelische Konflikt da ist ... Die 
seelischen Vorgänge, die den Sexualakt unbefriedigend machen, 
bewirken auch, dass der unbefriedigende Sexualakt krankmachend 
wirkt». Schilder bestätigt vielfach Reichs Befunde und macht 
besonders auf die Neurasthenie des Mannes zwischen 40 und 50 auf- 
merksam. Bei einer materiellen oder sozialen Enttäuschung tritt 
der Zusammenbruch auf. Die Symptome sind: Einsicht in die Sinn- 
losigkeit der gesteckten Ziele, Depression, Müdigkeit, Schwere in 
den Gliedern, Kopfdruck, Arbeitsunfähigkeit, Schwindel, Darm- 
trägheit. Genitale Asthenie kann, muss aber nicht hinzutreten. 
Bezüglich der Behauptungen des Autors über das Körperschema — 
Schilder postuliert eine besondere Labilität des Körperschemas bei 
der Neurasthenie — muss auf die Originalarbeit verwiesen werden. 



*) «Über Neurasthenie», Int. Ztschr. f. Psychoan., 1931. 

63 



Die Prognose der schweren Formen der chronischen Neura- 
asthenie ist eine zweifelhafte. 

Als Beweis der Vielfältigkeit der Potenzstörungen bei dieser 
Krankheit sei folgendes Beispiel, das ich als «Koitus in Ab- 
wehr der Enuresis» 1 ) beschrieb, angeführt: 

Bei einem Patienten mit elironisch-hypochondrischer Neurasthenie bestand 
folgende Störung: Patient litt unter anderem an einer typischen Spaltung der 
zärtlichen und sinnlichen Komponente mit konsekutiven Doppelobjekten. 
Typus I waren geachtete Frauen, die «keine sexuellen Wünsche» hatten und 
«dieses lächerliche Herumrutschen mit den Analbacken beim Koitus» weder 
wünschten, noch erwarteten. Typus II waren verachtete «minderwertige» 
Frauen, etwa Dienstmädchen, bei denen der Koitus bzw. die Exhibition zu- 
lässig war. Bei Typus I war Patient impotent, bei Typus II potent. Diese Spal- 
tung, von Freud längst beschrieben, war aber durch eine Nuance verstärkt: 
Patient war nämlich absolut intolerant gegen Verzögerungen 
eines von ihm für eine bestimmte Stunde angesetzten 
Koitus. Patient, der stets auf der Suche nach der «richtigen Frau» war (die 
er begreiflicherweise niemals finden konnte), erzählte z. B. eines Tages, end- 
lich hätte er die «Richtige» gefunden, schwärmte von ihren Körperformen, 
geistigen Interessen usw. Zwei Tage später teilte Patient mit, er hätte die — 
auch sexuell lustvolle ■ — Beziehung gelöst. Er hätte seine Freundin zu einem 
Koitus telephonisch eingeladen, sie hätte keine Zeit gehabt, darauf Ultimatum 
seinerseits «und Schluss». Auf den Hinweis seiner sonderbaren Ungeduld meinte 
Patient indigniert, er könne sich doch nicht der Gefahr einer Pollution aus- 
setzen. Auf die Frage, worin er die Gefahr einer Pollution erblicke, rationali- 
sierte Patient mit einer allgemeinen Körperschwächung und einer entgangenen 
Lust. In Wirklichkeit ergab sich folgendes: Patient war Bettnässer gewe- 
sen, die Erziehung zur normalen, bewusst kontrollierbaren Urinentleerung war 
im 10. Lebensjahr noch nicht beendet. Er betrachtete — unbewusst — den 
Koitus unter dem Gesichtspunkt der E n u r e s i s v e r m e i - 
düng, daher seine Intoleranz 2 ) gegen Verzögerungen des Koitus. Die «Gefahr 
der Pollution», bzw. der nicht rechtzeitigen Ejakulation beim Verkehr mit 
Frauen ist also für den Patienten die «Gefahr» des Bettnässens. Er koitierte 
häufig — wie er sagte — «präventiv». Sein inneres Desinteressement Frauen 
gegenüber erklärte sich aus dem Fixiertbleiben an Ödipusphantasien. Seine 
einzige reale Beziehung zu ihnen war die einer Racheeinstellung, die er in der 
raffiniertesten Weise exekutierte. Er bezeichnete auch bewusst die Frau als 
INachttopf, in den man «hineinspritzt». Jede innere Bindung zum Sexualobjekt 
lehnte er «als Schwäche der Minderwertigen» ab. Dahinter war, wie immer 
neben der Rachetendenz, eine immense Kastrationsangst verborgen. 

Interessant war, dass Patient durch die normalen Koitusbewegungen der 
Sexualpartnerin und gar durch ihren Orgasmus sich «gestört» fühlte. Die Frau 
hatte sich vollkommen unbeweglich zu verhalten und auf sein «Hineinspritzen» 
zu warten. Neben narzisstischen und sadistischen Phantasien — Unbeweglich- 
keit = Tod — war dies die Degradierung der Frau zum Leintuch: auch dieses 
hatte sich bei der Enuresis nicht bewegt. 



*) Bergler, «Über einige noch nicht beschriebene Spezialfcrmen der 
Ejakulationsstörung». Int. Ztschr. f. Psychoan., 1934, Heft 2. 

2 ) Natürlich war diese Intoleranz überdeterminiert. Z. B. spielte in diesem 
Falle ein Sich-beweisen-wollen, dass er geliebt werde, eine grosse Rolle. Ferner 
waren sadistische Motive beteiligt. 

64 



3. # Potenzstörungen mit masochistischen Mechanismen. 

«Es ist», sagt Freud 1 ), «eine böse Überraschung, wenn 
uns die Analyse als Ursache der bloss psychischen Impotenz 
eine exquisite, vielleicht längst eingewurzelte masochisti- 
sche Einstellung enthüllt . . . Der masochistische Onanist 
findet sich absolut impotent, wenn er endlich doch den 
Koitus mit dem Weibe versucht, und wer bisher mit Hilfe einer 
masochistischen Vorstellung oder Veranstaltung den Koitus zu- 
stande gebracht hat, kann plötzlich die Entdeckung machen, dass 
dies ihm bequeme Bündnis versagt, indem das Genitale auf den 
masochistischen Anreiz nicht mehr reagiert.» 

Freud hat die Schlagephantasien beim Mädchen in drei, beim 
Knaben in zwei Phasen unterteilt: 

Mädchen : Knaben : 

I. Phase Der Vater schlägt das mir ver- (Sadistisches Vorstadium 

verhasste Kind. fehlt.) 2 ) 

IL Phase Ich werde vom Vater geschlagen Ich werde vom Vater geschlagen 

(verdrängt). (verdrängt). 

III. Phase Ein Lehrer (Vaterstellvertreter) Ich werde von der Mutter ge- 

schlägt Knaben. schlagen. 

Freud sagt: «Die Schlagephantasie der kleinen Mädchen macht drei 
Phasen durch, von denen die erste und letzte als bewusst erinnert werden, die 
mittlere unbewusst bleibt. Die beiden bewussten erscheinen sadistisch, die 
mittlere, unbewusste, ist unzweifelhaft masochistischer Natur; ihr Inhalt ist, 
vom Vater geschlagen zu werden, an ihr hängt die libidinöse Ladung und das 
Schuldbewusstsein 3 ). Das geschlagene Kind ist in den beiden ersteren Phanta- 
sien stets ein anderes, in der mittleren Phase nur die eigene Person, in der 
dritten, bewussten Phase sind es weit überwiegend nur Knaben, die geschlagen 
werden. Die schlagende Person ist von Anfang an der Vater, später ein Stell- 
vertreter aus der Vaterreihe. Die unbewusste Phantasie der mittleren Phase 
hatte ursprünglich genitale Bedeutung, ist durch Verdrängung und Regression 
aus dem inzestuösen Wunsch, vom Vater geliebt zu werden, hervorgegangen. 
In der Kenntnis der Schlagephantasien des Knaben bin ich, vielleicht nur 
durch die Ungunst des Materials, weniger weit gekommen. Ich habe begreif- 

') «Ein Kind wird geschlagen». Ges. Sehr. V, S. 365. 

2 ) In einer demnächst erscheinenden Arbeit «Über die Vorstadien der 
männlichen Schlagephantasie» (abgeschlossen im Jahre 1933) konnte dieses 
Stadium vom Verfasser des Buches nachgewiesen werden. Siehe S. 105 — 113 
dieses Buches. 

3 ) Dieses Schuldbewusstsein bewirkt, wie Freud in der gleichen Arbeit 
aufzeigt, die Umkehr des Satzes: «Der Vater liebt nur mich, nicht das andere 
Kind, denn dieses schlägt er ja» in: «Nein, er liebt dich nicht, denn er schlägt 
dich». Dabei wird das genital gemeinte «Der Vater liebt dich» durch Regres- 
sino auf die anal-sadistische Stufe in «Der Vater schlägt mich» verwandelt. 
« Dies Geschlagenwerden ist ein Zusammentreffen von Schuldbewusstsein und 
Erotik, es ist nicht nur die Strafe für die verpönte genitale Beziehung, sondern 
auch der regressive Ersatz für sie und aus dieser letzteren Quelle bezieht es 
die libidinöse Erregung, die ihm von nun an anhaften und in onanistischen 
Akten Abfuhr finden wird.» 

5 Die psychische Impotenz des Mannes. 65 



licherweise volle Analogie der Verhältnisse bei Knaben und Mädchen erwar- 
tet, wobei an die Stelle des Vaters in der Phantasie die Mutter hätte treten 
müssen. Die Erwartung schien sich auch zu bestätigen, denn die für entspre- 
chend gehaltene Phantasie des Knaben hatte zum Inhalt, von der Mutter 
(später von einer Ersatzperson) geschlagen zu werden. Allein diese Phantasie, 
in welcher die eigene Person als Objekt festgehalten war, unterschied sich von 
der zweiten Phase bei Mädchen dadurch, dass sie bewusst werden konnte. 
Wollte man sie aber darum eher der dritten Phase beim Mädchen gleichstellen, 
so blieb als neuer Unterschied, dass die eigene Person des Knaben nicht durch 
viele, unbestimmte, fremde, am wenigsten durch viele Mädchen ersetzt war. 
Die Erwartung eines vollen Parallelismus hatte sich also getäuscht. Bei diesen 
masochistischen Männern macht man nun eine Entdeckung, welche uns mahnt, 
die Analogie mit den Verhältnissen beim Weibe vorerst nicht weiter zu ver- 
folgen, sondern den Sachverhalt selbständig zu beurteilen. Es 6tellt sich näm- 
lich heraus, dass sie in den masochistischen Phantasien, wie bei den Veran- 
staltungen zur Realisierung derselben sich regelmässig in die Rolle von Wei- 
bern versetzen, dass also ihr Masochismus mit einer femininen Einstellung zu- 
sammenfällt. Dies ist aus den Einzelheiten der Phantasien leicht nachzuweisen; 
viele Patienten wissen es aber auch und äussern es als eine subjektive Gewiss- 
heit. Daran wird nichts geändert, wenn der spielerische Aufputz der masochi- 
stischen Szene an der Fiktion eines unartigen Knaben, Pagen oder Lehrlings, 
der gestraft werden soll, festhält. Die züchtigenden Personen sind 
aber in den Phantasien wie in den Veranstaltungen jedesmal Frauen. Das 
ist verwirrend genug. Hier (beim männlichen Geschlecht) gestattet uns die 
Analyse der frühesten Kinderzeit wiederum, einen überraschenden Fund zu 
machen: Die bewusste oder bewusstseinsfähige Phantasie des Inhalts, von der 
Mutter geschlagen zu werden, ist nicht primär. Sie hat ein Vorstadium, das 
regelmässig unbewusst ist und das den Inhalt hat: ich werde vom Vater ge- 
schlagen. Dieses Vorstadium entspricht also wirklich der zweiten Phase der 
Phantasie beim Mädchen. Die bekannte und bewusste Phantasie: Ich werde 
von der Mutter geschlagen, steht an der Stelle der dritten Phase beim Mäd- 
chen, in der, wie erwähnt, unbekannte Knaben die geschlagenen Objekte sind. 
Ein der ersten Phase vergleichbares Vorstadium sadistischer Natur konnte ich 
beim Knaben nicht nachweisen, aber ich will hier keine endgültige Ablehnung 
aussprechen, denn ich sehe die Möglichkeit komplizierterer Typen wohl ein. 
Das Geschlagenwerden der männlichen Phantasie, wie ich sie kurz und hof- 
fentlich nicht missverständlich nennen werde, ist gleichfalls ein durch Re- 
gression erniedrigtes Geliebtweiden im genitalen Sinne. Die unbewusste männ- 
liche Phantasie hat also ursprünglich nicht gelautet: Ich werde vom Vater 
geschlagen, wie wir es vorhin vorläufig hinstellten, sondern vielmehr: Ich 
werde vom Vater geliebt. Sie ist durch die bekannten Prozesse umgewandelt 
worden in die bewusste Phantasie: Ich werde von der Mutter geschlagen. Die 
Schlagephantasie des Knaben ist also von Ansang an eine passive, wirklich aus 
der femininen Einstellung zum Vater hervorgegangen. Sie entspricht auch 
ebenso wie die weibliche (die des Mädchens) dem Ödipuskomplex, nur ist der 
von uns erwartete Parallelismus zwischen beiden gegen eine Gemeinsamkeit 
anderer Art aufzugeben: In beiden Fällen leitet sich die Schlagephantasie von 
der inzestuösen Bindung an den Vater ab. Es wird der Übersichtlichkeit dienen, 
wenn ich hier die andern Übereinstimmungen und Verschiedenheiten zwischen 
den Schlagephantasien der beiden Geschlechter anfüge. Beim Mädchen geht 
die unbewusste masochistische Phantasie von der normalen Ödipuseinstellung 
aus; beim Knaben von der verkehrten, die den Vater zum Liebesobjekt nimmt. 
Beim Mädchen hat die Phantasie eine Vorstufe (die erste Phase), in welcher 
das Schlagen in seiner indifferenten Bedeutung auftritt und eine eifersüchtig 
gehasste Person betrifft; beides entfällt beim Knaben, doch könnte gerade 
diese Differenz durch glücklichere Beobachtung beseitigt werden. Beim Über- 
gang zur ersetzenden bewussten Phantasie hält das Mädchen die Person des 

66 



am 



Vaters und somit das Geschlecht der schlagenden Person fest; es ändert aber 
die geschlagene Person und ihr Geschlecht, so dass am Ende ein Mann männ- 
liche Kinder schlägt; der Knabe ändert im Gegenteil Person und Geschlecht 
des Schlagenden, indem er Vater durch Mutter ersetzt, und behält seine Per- 
son bei, so dass am Ende der Schlagende und die geschlagene Person verschie- 
denen Geschlechts sind. Beim Mädchen wird die ursprünglich masochistische 
(passive) Situation durch die Verdrängung in eine sadistische umgewandelt, 
deren sexueller Charakter sehr verwischt ist, beim Knaben bleibt sie maso- 
chistisch und bewahrt infolge der Geschlechtsdifferenz zwischen schlagender 
und geschlagener Person mehr Ähnlichkeit mit der ursprünglichen, genital ge- 
meinten Phantasie. Der Knabe entzieht sich durch die Verdrängung und Um- 
arbeitung der unbewussten Phantasie seiner Homosexualität; das Merkwürdige 
an seiner späteren bewussten Phantasie ist, dass sie feminine Einstellung ohne 
homosexuelle Objektwahl zum Inhalt hat. Das Mädchen dagegen entläuft bei 
dem gleichen Vorgang dem Anspruch des Liebeslebens überhaupt, phantasiert 
sich zum Manne, ohne selbst männlich aktiv zu werden und wohnt dem Akt, 
welcher einen sexuellen ersetzt, nur mehr als Zuschauer bei. Ich weiss, dass 
die hier beschriebenen Unterschiede im Verhalten der beiden Geschlechter 
nicht genügend aufgeklärt sind.» (Ges. Sehr. V, S. 344 ff.) 

In einer längeren Arbeit 1 ) konnte ich zeigen, dass das von 
Freud als möglich angesehene sadistischeVorstadium 
in der männlichen Schlagephantasie tatsächlich vorhanden ist: die 
Aggressionen beziehen sich ursprünglich auf die Brust der 
Mutter und werden sekundär unter dem Druck des unbewuss- 
ten Schuldgefühls verdrängt und auf die eigenen Analbacken ver- 
schoben. In Kapitel IV C, Seite 105 — 113, wird ein Auszug einer 
solchen Krankengeschichte mitgeteilt. 

In einer kürzlich erschienenen Arbeit über Masochismus 2 ) 
zeigte L. Eideiberg, dass diese Patienten, die, wie Freud 
nachwies, auf der analen Stufe fixiert sind, ihre Niederlagen auf 
kompliziertem Umwege selbst herbeiführen, wobei die Bedin- 
gung der unbewusst selbstgeschaffenen Niederlage das Entschei- 
dende ist, da damit der unbewusste Grössenwahn weitgehend ge- 
schont und ausgelebt wird. «Beim Übergang vom Lust- zum Reali- 
tätsprinzip wird die Kränkung des kindlichen Grössenwahns be- 
sonders peinlich empfunden. Auf diese Kränkung reagiert der 
Masochist mit dem «masochistischen Mechanismus», der darin be- 
steht, dass das Vorhandensein der Wahrnehmung der Kränkung 
durch die Aussenwelt durch eine zweite Kränkung eliminiert wird, 
die aber zum Unterschied von der ersten nicht von der Aussen- 
welt zugefügt, sondern vom Masochisten erzeugt, an Stelle der 
ersten gesetzt wird. Dieser Vorgang findet unbewusst statt, wird 



J ) «Über die Vorstadien der männlichen Schlagephantasie». Im Erscheinen. 

2 ) «Zur Theorie und Klinik des Masochismus», Int. Ztschr. f. Psycho- 
analyse, 1934, Heft 3. 

67 



er in der Analyse dem Patienten gedeutet, finden wir einen hef- 
tigen Widerstand. Der Sinn des Widerstandes besteht darin, dass 
die Wirkung des «masochistischen Mechanismus» nur zustande 
kommt, wenn er unbewusst stattfindet, d. h. wenn die vom Maso- 
chisten erzeugte Niederlage (Kränkung) einer von der Aussenwelt 
zugefügten ähnlich ist und so an ihre Stelle gesetzt werden kann. 
Das Verhalten des Ich ist verständlich, weil der unbewusste Anteil 
des Ich den Sinn des «masochistischen Mechanismus» kennt. Die 
Empfindung Lust-Unlust erfolgt beim Masochisten wie beim Nor- 
malen, in seinen Handlungen strebt er Unlust an, aber Unlust, die 
durch selbst zugefügte Kränkungen entsteht. Kränkungen der 
Aussenwelt vermeidet er in noch grösserem Ausmass als der Nor- 
male; durch den «masochistischen Mechanismus» ist er imstande, 
die Unlust, die aus diesen äusseren Kränkungen stammt, weitge- 
hend zu vermeiden. So dient der «masochistische Mechanismus» 
dem Lustprinzip und schützt den kindlichen Grössenwahn des Ma- 
sochisten.» So reagierte z. B. Eideibergs Patient auf den harm- 
losen Vorhalt des Vaters, die Zahnarztrechnung zu begleichen, mit 
einem Fussfall vor dem Vater, wüsten Selbstbeschimpfungen und 
dem Versuch, die Füsse des Vaters zu küssen, worauf sich dieser 
verlegen und degoutiert abwandte. Das Ich geht also scheinbar auf 
die Wünsche des Es ein und die Versagung erfolgt in der Aussen- 
welt scheinbar vom Ich unabhängig. Da aber in Wirk- 
lichkeit die Abweisung des Vaters durch das Verhalten des Pa- 
tienten erzwungen wurde, wird der Grössenwahn des Ich be- 
friedigt. 

Es würde den Rahmen unserer Arbeit sprengen, wollten wir 
auf diese masochistische Störung näher eingehen. Es sei bloss hin- 
zugefügt, dass die Behandlung eines masochistischen 1 ) Impotenten 

*) Das Problem der Perversion ist in den letzten Jahren Gegenstand einer 
interessanten Untersuchung L. Eideibergs gewesen («Zur Theorie und Klinik 
der Perversion», Jahrbücher für Psychiatrie und Neurologie, Band 50, Heft 
3/4). Der Autor kommt zu folgenden Ergebnissen: Das Bejahen einer perversen 
Handlung bedeutet nicht das Bejahen der bei der Neurose abgewehrten Par- 
tialtriebe. Das, was bejaht wird — die perverse Handlung — ist nicht mit dem 
Partialtrieb identisch und bedeutet nicht eine einfache Befriedigung desselben. 
Es zeigt sich vielmehr, dass der Partialtrieb eine weitgehende Veränderung und 
Maskierung erfahren muss, um durch die perverse Handlung befriedigt zu 
werden. Diese Maskierung ist durch die Abwehr des Ichs des Perversen be- 
dingt, das sich gegen eine Befriedigung eines Partialtriebes genau so energisch 
wehrt wie das Ich eines Neurotikers. Die perverse Handlung ist ähnlich wie 
ein neurotisches Symptom das Ergebnis eines Konfliktes zwischen Ich und Es. 
Sie bedeutet ein Kompromiss und enthält in sich sowohl Momente der Trieb- 
befriedigung, als auch der Triebversagung. Gleichzeitig befriedigt sie die For- 
derungen des Über-Ichs. Ähnlich wie beim Symptom erfolgt die Triebbefriedi- 

68 



■ 



zu den schwierigsten Problemen der analytischen Impotenzthera- 
pie gehört, jahrelang dauert und zur Aufgabe hat, die anale mit 
dem negativen Ödipuskomplex verlötete Fixierung zu lösen, fer- 
ner die hinter den masochistischen Wünschen zum Teil 
verborgenen aggressiven Tendenzen wieder aktiv zu machen 
und so weit abzuschwächen, dass sie für den normalen Koitus 
brauchbar werden. Es hängt am Ende vom Mengenverhältnis die- 
ser reversiblen — Umkehrung der in der Kindheit nach 
aussen gerichteten aggressiven Strebungen gegen die eigene Per- 
son unter dem Druck der unbewussten Gewissensinstanz und Zu- 
rücklegen des umgekehrten Weges in der Kur — zu den i r - 
reversiblen, primär masochistischen Strebungen ab, ob und 
inwieweit ein therapeutischer Erfolg zu erzielen ist. 

4. Psychogene Aspermie analer Genese. 

Völliges Ausbleiben der Ejakulation auf analer Basis stellt eine 
Exazerberation von Bedingungen dar, die bei der Ejaculatio re- 
tardata (siehe S. 52) beschrieben wurden. Die Ursachen sind kom- 
plex: anale Lust des Zurück haltens, Objektschä- 
digungsvorstellungen durch protrahierten Koitus, Ab- 
wehr von unbewussten Tötungswünschen durch die als 

gung in maskierter Form, ihr wahrer Inhalt bleibt unbewusst. Sie unterschei- 
det sich vom neurotischen Symptom erstens durch die Art der Befriedigung 
der Es-Strebung, die hier im Orgasmus erfolgt, zweitens durch die weitgehende 
Berücksichtigung der Allmachtswünsche des Ichs durch eine willkürliche ich- 
gerechte Handlung. Perverse und Neurotiker wehren also den Partialtrieb ab. 
Der Unterschied zwischen beiden besteht nicht in der Bejahung, bzw. der Ab- 
wehr des Partialtriebes, sondern in dem Verhalten des Ichs zu den Abwehr- 
mechanismen. Während aber in jeder Neurose das Ich das Symptom, das ein 
Ergebnis seiner Abwehr ist, als Fremdkörper betrachtet und in allerdings 
quantitativ verschiedenem Ausmasse verneint, wird in der Perversion die per- 
verse Handlung, die ebenfalls ein Ergebnis der Abwehr des Ichs ist, vom Ich 
bejaht. Dieser Unterschied im Verhalten des Ichs ist dadurch bedingt, dass 
erstens bei der Bildung der perversen Handlung der kindliche Grössenwahn 
des Ichs in weit grösserem Ausmasse berücksichtigt wird als beim neurotischen 
Symptom und dass in der perversen Handlung die Wünsche der drei Instanzen 
in einer Kompromissform harmonischer befriedigt werden. Für die Genese der 
Perversion müssen zwei Momente berücksichtigt werden: die Regression zu 
einer der drei Entwicklungsstufen und die Zugehörigkeit zu einem der drei 
libidinösen Typen. 

In einem Fall von Homosexualität, der in der gemeinsamen Arbeit 
von Eideiberg und Verfasser «Der Mammakomplex des Mannes» (Int. 
Ztschr. f. Psychoanalyse, 1933) publiziert wurde, den wir beide analysiert ha- 
ben, ergab sich, dass Patient auf die orale Stufe regrediert war. Bejaht 
wurde vom Patienten nicht der orale Partialtrieb — dieser war verdrängt — , 
bejaht wurde die perverse Handlung Homosexualität, die ähnlich einem neuro- 
tischen Symptom aufzulösen und zu zerstören war. 

69 



sadistischen Akt perzipierte Ejakulation, Abwehr von unbewuss- 
ten Besudelungswünschen (Sperma = Kot = Urin), 
Angst vor dem Ejakulat als Selbstschädigung in der Iden- 
tifizierung des Spermas mit Blut usw. spielen eine Rolle. 

Der folgende Fall 1 ) stellt ein Mittelding zwischen psychogener Aspermie 
und Ejacnlatio retardata dar. Kombiniert war er mit Voyeurwünschen plus 
homosexuellen Tendenzen plus Lust am Hören von obszönen Worten. Ein anal 
fixierter, schwer depressiver Patient hatte folgende Liebesbedingung: er ver- 
langte von der Partnerin, sie möge ihm während des Koitus erzählen, wie sie 
mit andern Männern koitiert habe, wie sich der Mann dabei verhalten, welche 
Redewendungen er gebraucht, was sie dabei empfunden habe usw. All das 
musste ihm seine Partnerin höchst naturalistisch schildern, tat sie es nicht, war 
Patient impotent, kam beim Koitus nicht zur Ejakulation oder zeigte Sym- 
ptome der Ejaculatio retardata. Er verlangte auch, dass die Erzählungen in 
«volkstümlichen Bezeichnungen», d. h. obszönen Worten, vorgebracht werden. 
Patient identifizierte sich dann sowohl mit dem Mann als mit der Frau. Er 
koitierte dann sozusagen inkognito; als er einmal «in eigener Person» zu koitie- 
ren versuchte, klappte die Erektion sofort zusammen. Da seine Braut, eine 
Agoraphobikerin, die den düsteren, stets aggressiven und stets jammernden 
Patienten als Exekutor ihrer Schuldgesühle benützte, um sich nach Erledigung 
ihrer Krankheit von ihm zu trennen, auf diese Erzählungen nicht eingehen 
wollte, flaute sein sexuelles Interesse für sie ab. Ihre Nachfolgerin wurde ein 
Mädchen mit grosser sexueller Erfahrung, das auf seine absonderlichen Wün- 
sche einging. Die Ursachen dieses Wunsches waren kompliziert überdetermi- 
niert. Im wesentlichen handelte es sich um folgendes: Patient wiederholte im- 
mer wieder eine Szene aus seiner Kindheit, in welcher der Vater die Mutter 
koitierte (es war dies noch in der Pubertät seine bewusste Onaniephantasie). 
Aus Kastrationsangst wählte er nach einer Phase des Vaterhasses den Ausweg, 
quasi in Gestalt seines Vaters seine ödipuswünsche bei der Mutter in der 
Phantasie zu erleben. Dies ermöglichte das bewusste Festhalten der Phantasie, 
erzeugte zugleich schwere Selbstvorwürfe, die Patient auf die Onaniefolgen 
bezog. (Der 30jährige Patient kam wegen dieser Phantasie und der Onanie in 
Analyse.) Zugleich befriedigte er in der Szene: «Sich einen andern vor- 
stellen zu müssen» seine unbewussten Voyeurwünsche, die einen sadisti- 
schen Zuschuss hatten, da es ihm unbewusst Freude machte, die Bestürzung, 
Scham und Pein der Partnerin beim Erzählen zu geniessen. Ebenso kam in 
seiner Koitusbedingung eine starke unbewusst homosexuelle Komponente zum 
Vorschein, die auch zur passiv-weiblichen Identifizierung führte. Er identifi- 
zerte sich unbewusst auch mit der koitierten Frau, also der Mutter. Als wei- 
tere Determinanten wären zu nennen: die masochistische Erniedrigung, die 
Kompensation des «Komplexes des kleinen Penis». Das Entscheidende seiner 
Koitusbedingung blieb aber die Schuldgefühlsentlastung, die darin bestand, 
dass ja nicht er, sondern der fremde Mann koitierte. Auf diesem Umweg er- 
schlich er sich die «Berechtigung», obszöne Worte 2 ) zu hören. So grotesk es 
auch klingen mag, die obszönen Worte dienten aber (von der Lust des Hörens 
dieser Worte abgesehen) auch selbst der Schuldgefühlsentlastung. Er verwan- 
delte den realen eigenen Koitus scheinbar in eine Erzählung vom Koitus eines 
Fremden, nach dem Grundsatz: nicht ich, der Fremde macht etwas Verbotenes, 



1 ) Publiziert in: B e r g 1 e r , «Über einige noch nicht beschriebene Spe- 
zialformen der Ejakulationsstörung», Int. Ztschr. f. Psychoan., 1934, Heft 2. 

2 ) Siehe B e r g 1 e r , «Über obszöne Worte», Vorl. Mitteilung, Int. Ztschr. 
für Psychoanalyse, 1934, Heft 1. Die Originalarbeit erschien in englischer 
Sprache in «The Psychoanalytic Quarterly», 1936, Heft 2. 

70 



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nnd ich habe, da ich selbst weder handle, noch rede, keine Verantwortung. 
(Man könnte von einem «Inkognito- oder anonymen Koitus» sprechen.) 

Dieser raffinierte unbewusste Mechanismus gab dem Patienten zwar die 
Möglichkeit, seine Koitusbedingung festzuhalten, ersparte ihm aber trotz alle- 
dem seine schweren Depressionen nicht, die am Ende Bestrafungen für die 
Ödipuswünsche waren. Sein «Kompromiss» mit dem Vater verhinderte ständige 
Konflikte mit den Vorgesetzten nicht — im Gegenteil bedingte es sie erst 
recht — , denen gegenüber er äusserst provokant auftrat und von denen er 
unbewusst Bestrafung erwartete und natürlich auch erhielt. Als die Mutter 
des Patienten erkrankte, dachte er ernstlich an Selbstmord, um zu verhindern, 
dass der alte, kranke Vater, dessen Tod er ebenfalls befürchtete, neben der 
Mutter begraben werde; er wollte früher sterben, um dem Vater den Platz 
neben der Mutter wegzunehmen. 

Eine weitere Determinante der Ejakulationsstörung war die Abwehr von 
unbewussten Besudelungswünsehen analer Art, gerichtet gegen die Frau, in 
der Identifizierung Sperma = Kot. Derselbe Patient hatte übrigens eine son- 
derbare Methode, mit seinem Sperma umzugehen: nach der Ejakulation bei der 
Onanie zerdrückte er — unter genauester Inspektion des Spermas — die 
«kleinen Klümpchen». Die Inspektion des Spermas erwies sich als Angst vor 
dem Blut (er glaubte ursprünglich, dass nach der Onanie Blut komme ■ — offen- 
bar eine Strafphantasie), das Zerdrücken des Spermas (bei unbewusster Vater- 
identifizierung) als Geschwistermord. 

5. Spezifische Bedingungen. 

Die spezifischen Bedingungen der anal regredierten Patienten 
sind stets mit sadistischen und analen Herabsetzungstendenzen 
kombiniert. Es sei etwa an die Bedingung der Spaltung der zärt- 
lichen und sinnlichen Komponente erinnert, an die Lust am Hö- 
ren analer obszöner Worte (siehe Fall «anonymer Koitus» S. 70), 
an die Vorliebe für den Koitus «a tergo» oder «in anum». 

Auf einen häufigen Spezialfall hat L. Eideiberg 1 ) kürzlich 
verwiesen: Bei zwei Patienten, bei denen der negative Ödipuskom- 
plex eine wichtige Bolle gespielt hatte, ergab sich als Lösung der 
Tatbestand, dass bei jeder Sexualerregung neben der b e w u s s - 
t e n männlichen phallischen Triebregung eine unbewusste 
passiv-anale auftrat; diese passive Triebregung versuchte durch 
Identifizierung mit der koitierten Frau zur Befriedigung zu ge- 
langen. Unter der Maske: «Ich koitiere» versuchte das Es den 
verpönten Wunsch «Ich werde koitiert» zu befriedigen. Diese bei 
jedem Koitus auch beim Normalen stattfindende Identifizierung 
war aber offenbar in quantitativ verstärktem Masse vorhanden. 
Der Autor meint nun, dass wenn diese Identifizierung eine be- 
stimmte Grösse erreicht, wenn also der Patient vorwiegend die 
weiblichen Lustempfindungen geniessen will, eine Störung der 
Potenz entsteht. Gegen die Störung schützen sich manche Patien- 

') «Zur Erniedrigung des Liebesobjektes». Vorl. Mitteilung. Int. Ztschr. 
f. Psychoanalyse, 1934, H. 2, S. 263 ff. 

71 



ten, indem sie entweder mit einem erniedrigten Objekt oder mit 
einer Frau, die an den Vater erinnert, verkehren: Die Erniedri- 
gung der Frau verhindert die Identifizierungs wünsche und bestä- 
tigt dem Patienten die aus dem negativen Ödipuskomplex resul- 
tierende Meinung, dass jede passive Hingabe schmählich sei und 
eine Erniedrigung (Kastration) bedeute. Die väterlichen Merkmale 
bei der Partnerin verhindern ebenfalls die Identifizierung, bedeu- 
ten eine Abwehr und eine partielle Befriedigung seiner passiven 
Wünsche: der Patient verkehrt mit dem Vater, aber in der Weise, 
dass der Vater die gefürchtete passive Rolle spielt. 



C. POTENZSTÖRUNGEN MIT ORALEN MECHANISMEN. 

1. Orale Zuflüsse zur Genitalität und die Psychologie des Koitus. 

Die geglückte Verarbeitung der oralen Erotik ist — nach 
einem Worte Karl Abrahams — die erste und somit wichtigste 
Voraussetzung späteren normalen Verhaltens. Kein Wunder, dass 
sich dieser Phase in den letzten Jahren in immer wachsendem 
Masse das Interesse der Psychoanalytiker zuwandte. 

Was wissen wir über diese früheste Phase? Wie alle grossen 
Funde in der Analyse geht auch die Aufstellung dieser Phase auf 
Freud zurück. Schon in seinen «Drei Abhandlungen zur Sexual- 
theorie» ist eine präzise Schilderung der Tatsache zu lesen, dass 
das Saugen an der Mutterbrust für das Kind nicht bloss Kalorien- 
aufnahme bedeutet; die Mamma ist auch lustspendend. «Wer ein 
Kind gesättigt von der Brust zurücksinken sieht, mit geröteten 
Wangen und seligem Lächeln in Schlaf verfallen, der wird sich 
sagen müssen, dass dieses Bild auch für den Ausdruck der sexuel- 
len Befriedigung im späteren Leben massgebend bleibt.» Und die 
Spötter über diesen «alimentären Orgasmus» (Rado) seien, falls 
sie klinische Beobachtung nicht belehrt, an die Worte Goethes 
erinnert: 

Eckermann sagte zu Goethe (13. Dezember 1826), er hätte dieser Tage 
in der «Italienischen Reise» von einem Bilde Correggios gelesen, welches eine 
Entwöhnung darstellt, wo das Kind zwischen der Mutterbrust und einer hin- 
gereichten Birne in Zweifel kommt und nicht weiss, welches von beiden es 
wählen soll. 

«Ja!» sagte Goethe, «das ist ein Bildchen! Da ist Geist, Naivität, Sinn- 
lichkeit, alles beieinander. Und der heilige Gegenstand ist allgemein 
menschlich geworden und gilt als Symbol für eine Lebens- 
stufe, die wir alle durchmachen. Ein solches Bild ist ewig, weil 

72 



es in die frühesten Zeiten der Menschheit zurück- und in 
die künftigsten vorwärtsgreift 1 ). 

Abraham 2 ) unterteilte die orale Stufe in zwei Teile: 

Wir werden somit genötigt, ganz wie zuvor im Bereich der anal-sadisti- 
schen, jetzt auch im Bereich der oralen Entwicklungsphase eine Stufung an- 
zunehmen. Auf der primären Stufe ist die Libido des Kindes an den Sauge- 
akt gebunden. Dieser ist ein Akt der Einverleibung, durch welchen aber die 
Existenz der nährenden Person nicht aufgehoben wird. Das Kind vermag noch 
nicht zwischen seinem Ich und einem Objekt ausserhalb desselben zu unter- 
scheiden. Ich und Objekt sind Begriffe, welche dieser Stufe überhaupt nicht 
entsprechen. Das saugende Kind und die nährende Brust stehen in keinem 
Gegensatz zueinander. Auf Seiten des Kindes fehlen sowohl die Regungen der 
Liebe wie des Hasses. Der seelische Zustand des Kindes auf dieser Stufe ist 
somit frei von den Erscheinungen der Ambivalenz. Die sekundäre Stufe ist 
von der primären unterschieden durch die Wendung des Kindes von der sau- 
genden Mundtätigkeit zur beissenden. 

In seiner Arbeit «Beiträge der Oralerotik zur Charakterbil- 
dung» hat Abraham aus beiden Stufen eine Reihe interessanter 
charakterologischer Unterschiede herauskristallisiert. 

Der erste psychoanalytische Autor, der auf die Idee kam, die 
orale Stufe der Libido mit dem Kastrationskomplex in Verbin- 
dung zu bringen, war S t ä r c k e , offenbar angeregt durch die 
drei Jahre früher erschienene Arbeit Freuds über «Triebumset- 
zungen, insbesondere der Analerotik». Dort sagt Freud: 

Ein anderes Stück des Zusammenhanges ist weit deutlicher beim Mann 
zu erkennen. Es stellt sich her, wenn die Sexualforschung des Kindes das Feh- 
len des Penis beim Weibe in Erfahrung gebracht hat. Der Penis wird somit 
als etwas vom Körper Ablösbares erkannt und tritt in Analogie zum Kot, wel- 
cher das erste Stück Leiblichkeit war, auf das man verzichten musste. Der alte 
Analtrotz tritt so in die Konstitution des Kastrationskomplexes ein. 

Stärcke 3 ) behauptete folgendes : 

Gewöhnlich wird der Kastrationskomplex von einer seitens der Eltern ge- 
äusserten Kastrationsdrohung abgeleitet . . . Jetzt signalisiere ich gleicherweise 
das Entziehen der mütterlichen Brustwarze an dem noch nicht vollkommen be- 
friedigten Kinde als Urkastration . . . Die mammäre und papilläre Erotik gehört 
ihrer Eigenart nach zu Freuds frühester prägenitaler Organisationsstufe der 
Sexualität . . . Die Ableitung der infantilen Theorie, als die vom «Weibe mit 
dem Penis» bekannt, folgt auf sehr einfache Weise aus der Saugsituation. Es 
ist sehr natürlich, dass das Kind, dessen erste Beziehung zu einer Frau gerade 
von ihrem penisartigen Organ, der Brustwarze, abhängig ist, die Erinnerung 
daran behält. Die Gewissheit und Kraft dieser Erinnerung werden es in erster 
Linie sein, die den Glauben an einen Penis beim Weibe stützen . . . Die mütter- 
liche Brustwarze im Munde des Säuglings ist gewiss nicht weniger ein Teil 
seines eigenen Körpers, als seine Kotstange und sein Urin. Die Brustwarze je- 
doch muss wohl eher mit dem Penis gleichgesetzt werden, wie sie auch in 
ihrer Beziehung zur Flüssigkeit ihm mehr gleicht. 

') Zitiert nach «Eckermanns Gespräche mit Goethe». Verlag Kiepenheuer. 
S. 179 — 180. Sperrungen vom Verf. 

2 ) «Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido». Int. Psychoanalyt. 
Verlag. S. 38 ff. 

3 ) «Der Kastrationskomplex». Int. Ztschr. f. Psychoan. VII, 1921, S. 9 ff. 

73 



Alexander 1 ) äusserte sich zum Problem wie folgt: 

Der heranwachsende Mensch lernt, dass jede Lust durch Unlust abgelöst 
wird, und zwar bei den Urkastrationen: Verlust der lustspendenden Brust- 
warze nach der Lust des Saugens (orale Urkastration nach S t ä r c k e) und 
später Verlust der lustspendenden Kotsäule nach der Lust des Zurückhaltens 
(anale Urkastration nach Freud). Für die Entstehung der Kastrationsfurcht 
oder -erwartung ist also die affektive Grundlage gut vorbereitet. Als die aller- 
früheste affektive Grundlage der Kastrationserwartung könnte man die Geburt 
auffassen . . . Der heranwachsende Mensch hat gelernt, dass jede Lust durch 
den Verlust des lustspendenden Körperteils (Mutterleib, Brustwarze, Kot) ab- 
gelöst wird und ist bei der Onanielust schon affektiv darauf eingestellt, das 
lustspendende Organ, den Penis, zu verlieren, nimmt also die Kastrationsdro- 
hung als eine affektive Selbstverständlichkeit leicht an. Das zeitliche Nachein- 
ander der unbewussten affektiven Eindrücke wird kausal verarbeitet (ratio- 
nalisiert) und die Kastration wird zur kausalen Folge der Onanie. Die affek- 
tive Grundlage erklärt es auch, warum der Kastrationskomplex auch ohne 
nachweisbare Kastrationsdrohung eine bedeutende Rolle spielen kann, ohne 
dass man phylogenetische Erklärungen herbeiziehen müsste. 

Ferenczi 2 ) hat in seiner «Genitaltheorie» darauf aufmerk- 
sam gemacht, dass jeder Mensch, ob männlich oder weiblich, die 
Doppelrolle des Kindes und der Mutter mit dem eigenen Leibe 
spielen kann und spielt. Der Koitus sei durch einen «maternalen 
Regressionszug», d. h. den Wunsch, in den Mutterleib partiell zu- 
rückzukehren, gekennzeichnet, bei welchem eine dreifache Iden- 
tifizierung vor sich gehe: Identifizierung des ganzen Organismus 
mit dem Genitale, Identifizierung mit dem Partner und Identifi- 
zierung mit dem Genitalsekret. Die Rhythmik des Saugens werde 
als wesentlicher Bestandteil jeder späteren erotischen Tätigkeit 
festgehalten, wobei beträchtliche Mengen oraler und analer Erotik 
auf die Vagina verschoben werden. 

Dabei übernimmt, wie H. Deutsch 3 ) meint, die Vagina un- 
ter Reizleitung des Penis in der Verlegung von oben nach unten 
im Koitus die passive Rolle des saugenden Mundes 4 ) in der Gleich- 
setzung Penis = Mamma. In dieser Funktion bedeute der Koitus für 
die Frau eine Herstellung der ersten Relation des Menschen mit 
der Aussenwelt, in der das Objekt auf oralem Wege einverleibt 
wurde, eine Wiederholung des Saugens an der mütterlichen Brust, 
also eine Bewältigung des Entwöhnungstraumas. 

x ) «Kastrationskomplex und Charakter», Int. Ztschr. f. Psychoanalyse, 
1922, S. 132. 

2 ) «Versuch einer Genitaltheorie», Int. Psychoan. Verlag, 1924. 

3 ) «Psychoanalyse der weiblichen Sexualfunktionen», Int. Psychoanalyti- 
scher Verlag, 1925. 

4 ) Eine interessante indirekte Bestätigung der Annahme Vagina = Mund 
ist die von R o h e i m («Die Psychoanalyse primitiver Kulturen», Imago 1932, 
S. 412) mitgeteilte Tatsache, dass in der Sprache der Primitiven Zentralaustra- 
liens koitieren gleichbedeutend ist mit «aus der Vagina trinken». 

74 



Otto Rank 1 ) führt eine Reihe von Urkastrationen an: Trau- 
ma der Geburt, Durchschneidung der Nabelschnur, Entwöhnungs- 
trauma, Milchzahnausfall, genitale Kastrationsdrohungen. Rank 
stellt sich die Frage, wie der «schäbige Rest» der Libido von der 
oralen auf die genitale Stufe verschoben wird. Seiner Meinung 
nach geschieht dies auf dem Umweg der Hand: 

Ich möchte als Resultat analytischer Untersuchungen voranstellen, dass 
der biologisch vorgezeichnete Mechanismus dieser Verschiebung die Masturba- 
tion des Säuglings ist: der Weg, der über das Lutschen am Finger, das be- 
kanntlich von rhythmischem Zupfen an andern Körperteilen begleitet ist, bald 
zu rhythmischen Reizungen der Genitalzone mit der Hand führt . . . Denn es 
handelt sich um mehr als ein blosses Wecken der biologischen Erogeneität 
dieser Zone, was ja durch die urethralen Funktionen plus den unvermeidlichen 
Reizungen bei der mütterlichen Pflege besorgt wird; vielmehr um die m. E. 
für die Genitalfunktion wichtigste Verschiebung von oral-sadistischer Libido, 
die mittels des Mechanismus der Masturbation aufs Genitale gebracht wird . . . 
Beim Knaben wird nun der die Brustwarze ersetzende Lutschfinger beim Spie- 
len am Penis bald durch die Hohlhand abgelöst, welche zunächst die Mund- 
höhlung ersetzt, wie Bernfeld jüngst sehr hübsch ausgeführt hat, aller- 
dings in einer mehr als bloss symbolischen Weise. In der Reifezeit tritt dann 
noch der Samen als Milchersatz hinzu, so dass man die spätere Masturbation 
als vollwertigen Ersatz des Saugaktes auf der narzisstischen Stufe der Genitali- 
tät beschreiben kann. Der durch die Verschiedenheit des Genitales bedingte 
Unterschied im Mechanismus der Masturbation — beim Knaben voller Ersatz 
des Saugaktes: Penis = Brust, Hohlhand = Mund, Samenerguss — Milchstrom 
— wird nicht nur den späteren Kastrationskomplex bei beiden Geschlechtern 
verschieden gestalten . . . 

Der normale Sexualakt wäre nach R a n k nicht nur Ersatz, son- 
dern zugleich sadistische Rache für die versagte Befriedigung an 
der Mutterbrust, und manche Störungen des Sexuallebens Aus- 
druck einer zu weit gehenden Rache für orale Versagungen. 

Felix Böhm 2 ) meint: 

Hinter dem Hass gegen weibliche Eigenheiten der Frauen steckt der 
Wunsch, selber diese Eigenheiten zu haben; dahinter auch ein Neid auf den 
vermeintlich grösseren Penis der Frauen. Die hängende Brust der Frau hat im 

Unbewussten des Mannes die Bedeutung eines grösseren weiblichen Penis 

Einer besonderen Form des Neides des Mannes (neben dem Gebärneid) auf 
weibliche Attribute muss ich noch gedenken: es ist der Neid auf die Mammae. 

Melanie Klein 3 ), und die englische Schule der Psychoanalyse, 

geht von der in Kinderanalysen gemachten Beobachtung von frühen Angst- 
situationen aus, die die innere Reaktion auf Aggressionen darstellten, die 
gegen das Leibesinnere der Mutter gerichtet waren. Der Beginn des Ödipus- 
komplexes, der in die zweite Hälfte des ersten Lebensjahres in die Phase 

J ) «Zur Genese der Genitalität», Int. Ztschr. f. Psychoan., 1925, S. 411 ff. 

2 ) «Über den Weiblichkeitskomplex des Mannes», Int. Ztschr. f. Psychoan., 
1930, S. 185. 

3 ) «Die Psychoanalyse des Kindes», 1932. Int. Psychoan. Verlag. 

75 



der Höchstblüte des Sadismus vorverlegt wird, kombiniert sich mit der Vor- 
stellung, dass die Mutter den väterlichen Penis bei sexuellen Praktiken oral 
einverleibt hat. Diese oralsaugende Fixierung des Knaben an den Penis des 
Vaters bildet die Grundlage seiner Weiblichkeitsphase. «Da das orale Begeh- 
ren nach dem Penis des Vaters einen Anteil an den Angriffen auf das Innere 
des Mutterleibes hat (auch der Knabe wünscht sich des in der Mutter voraus- 
gesetzten väterlichen Penis in gewaltsamer, die Mutter zerstörender Weise zu 
bemächtigen), so stellen die Angriffe auf den Mutterleib zum Teil auch die 
früheste Rivalitätssituation des Knaben mit der Mutter dar.» (Seite 250.) — ■ 
«Es ist ferner von grosser Bedeutung für den Entwicklungsausgang, ob die 
Angst vor den beiden im Koitus vereinigten Eltern, die eine untrennbare, dem 
Kinde feindliche Einheit bilden, das frühe Seelenleben beherrscht. Diese Angst 
erschwert die Beibehaltung jeder Position. Sie führt zu Gefahrensituationen, 
die ich zu den tiefsten Quellen der Impotenz rechne. Diese spezifischen Ge- 
fahrensituationen ergeben sich aus der Angst, durch den väterlichen Penis im 
Mutterleib, also von den vereinigten «bösen» Eltern kastriert zu werden, wobei 
in manchen Fällen die Angst, dass der Penis am Rückweg verhindert ist, im 
Mutterleib eingeschlossen gehalten werde, sehr stark hervortritt. (Seite 251 ff.) 
— ■ «Die in der Phantasie erfolgende Bemächtigung des Mutterleibes mittels 
des Koitus bildet die Grundlage für die Eroberung der Aussenwelt und für 
den männlichen Weg der Angstbewältigung. Dieser geht sowohl im Sexualakt, 
als auch in Sublimierungen dahin, Gefahrensituationen in die Aussenwelt zu 
verlegen und dort mittels der Allmacht des eigenen Penis zu überwinden». 
(Seite 253.) — «Beim Knaben unterstützt der Glaube an die verinnerlichte 
«gute» Mutter wie auch die Angst vor «bösen» Objekten die Verlegung der 
Realitätsprüfung nach aussen, nämlich in den Mutterleib. Die verinnerlichte 
«gute» Mutter erhöht die libidinös'3 Anziehung seitens der realen Mutter und 
steigert den Wunsch und die Hoffnung des Knaben, den verinnerlichten Penis 
in ihrem Leibe mittels des eigenen Penis zu bekämpfen und zu besiegen. Die- 
ser Sieg soll zugleich als Beweis dafür dienen, dass auch die verinnerlichten 
Angreifer im eigenen Leibesinneren überwunden werden können.» (S. 253 ff.) 

Der Koitus dient nach Ansicht der Autorin der Angstwiderlegung 
bzw. Angstbewältigung und Wiedergutmachungsversuchen: «Im 
günstigsten Falle besteht neben dem Glauben an einen verinnerlichten, gefähr- 
lichen Penis auch der an einen bewunderten und hilfreichen. Die aus dieser 
ambivalenten Einstellung entspringende Angst bildet auch einen starken An- 
trieb zu Sexualerlebnissen in früher Kindheit sowie auch für die Sexualbetäti- 
gung im Erwachsenenalter. Dieser Antrieb, der zu dem libidinösen Begehren 
nach dem Penis hinzutritt und es verstärkt, kommt auf folgende Art zustande: 
Die Angst vor dem introjizierten bösen Penis treibt zur fortgesetzten Intro- 
jektion eines guten Penis durch den Koitus. Zugleich dient der Sexualakt (sei 
es durch Fellatio, Koitus per anum oder Koitus) der Überprüfung, ob die mit 
dem Koitus verknüpften grundlegenden und beherrschenden Angstinhalte be- 
gründet seien oder nicht». (Seite 208 ff.) — «Der Sexualakt dient auch beim 
Normalen immer zum Teil der Angstbewältigung». (Seite 211.) 

Die «Wiedergutmachungsphantasien» beim Koitus werden folgendermassen 
beschrieben: «Normalerweise wirkt sich die Verstärkung der genitalen Trieb- 
regungen und die damit einhergehende Überwindung des Sadismus dahin aus, 
dass die Wiedergutmachungsphantasien auf allen Linien einsetzen. Wie ich 
früher ausgeführt habe, machen sich noch unter Vorherrschaft des Sadismus 
die Wiedergutmachungstendenzen der Mutter gegenüber in der Weise geltend, 
dass der «böse» väterliche Penis in ihr zerstört werden soll. Das erste und 
hauptsächlichste Objekt (oder Wiedergutmachungstendenzen) ist die Mutter. 
Diese heften sich um so stärker an ihre Imago, je mehr die Mutter für den 
Knaben das «gute» Objekt bedeutet.» (Seite 257.) «Bei Vorherrschaft der 
genitalen Stufe wird in der Phantasie dem Penis im Sexualakt die Aufgabe 

76 



zuteil, nicht nur der Frau Freude zu machen, sondern sie auch vor allem durch 
den eigenen sowie den väterlichen Penis ihr zugefügten Beschädigungen zu 
heilen . . . War es ein Ziel der sadistischen Phantasien, den väterlichen Penis 
in ein Instrument der Zerstörung für die Mutter umzuschaffen, so wird es nun 
das Ziel der Wiedergutmachungstendenzen, den väterlichen Penis in einen heil- 
samen «guten» Penis zu verwandeln, womit zugleich die Angst vor dem väter- 
lichen «bösen» Über-Ich herabgesetzt wird. Dann vermindert sich im Ver- 
hältnis zu den realen Objekten die Identifizierung mit dem «bösen» Vater (die 
zum Teil auf der Identifizierung mit dem Angstobjekt beruht) und die stärkere 
Identifizierung mit dem guten Vater wird möglich.» (Seite 258 ff.) — «Der 
Glaube an denen eigenen «guten» Penis (und damit an die Fähigkeit, mittels 
des Sexualaktes wieder gut zu machen) ist eine Bedingung der Potenz. (Seite 
261.) — «Ebenso wie die den Mutterleib und das eigene Leibesinnere betreffen- 
den Angstinhalte greifen auch die Wünsche zur Wiederherstellung des mütter- 
lichen und des eigenen Körpers als Bedingungen der Wiederherstellung inein- 
ander. Sie bilden bei Vorherrschaft der genitalen Stufe die Voraussetzung der 
Potenz. Ein genügender Glaube an den «guten» Leibesinhalt, der die «bösen» 
Objekte und Exkremente im eigenen Leibesinnern neutralisiert bzw. bekämpft, 
scheint erforderlich, damit der Penis als Repräsentant des ganzen Körpers 
«guten» heilsamen Samen produziere. Dieser Glaube, der sich mit dem an die 
eigene Liebesfähigkeit deckt, ist bedingt von einem genügenden Glauben an 
gute Imagines, insbesondere an die «gute» Mutter und an deren intakten und 
heilsamen Leib. — Bei voller Erreichung der genitalen Stufe kehrt der Mann 
im Koitus zur ursprünglichen Befriedigungsquelle, der nun auch genitale Ge- 
nüsse spendenden Mutter zurück und gibt ihr teils als Gegengabe, teils zur 
Wiedergutmachung aller von der Beschädigung der Mutterbrust ausgehenden 
Angriffe den heilsamen Samen, der ihr Kinder schenken, ihren Leib wieder- 
herstellen und sie auch oral befriedigen soll. Angst und Schuldgefühl steigern, 
formen und vertiefen die primären und libidinösen Regungen der Sauglust. 
Sie verleihen der Beziehung zum Objekt die Fülle der Gefühlsqualitäten, die 
der Begriff des «Liebens» umfasst.» (Seite 288.) 

B e r g 1 e r und Eideiberg gehen in ihrer gemeinsamen 
Arbeit «DerMammakomplex des Mannes» 1 ) von den neuesten Unter- 
suchungen Freuds über die «phallische» Mutter der Prä ödi- 
palzeit aus. Die «phallische Mutter» sei — trotz realer Identität — 
psychologisch keineswegs identisch mit der Mutter, wie sie 
das Kind in der Blütezeit des Ödipuskomplexes empfinde. Der Un- 
terschied liege darin, dass das Kind die Mutter der Präödipalzeit 
als aktiv, übermächtig und vielfach versagend 2 ) ansieht, während 
die Mutter der Ödipalzeit passiv, weiblich, eher gütig empfunden 
wird. B e r g 1 e r und Eideiberg bestätigten die Annahme von 
S t ä r c k e und Bank, dass das Kind im eigenen Penis einen Er- 
satz für die Mutterbrust findet und haben auf Grund von klinischem 
Material die These aufgestellt, dass der unbewusste Wiederholungs- 



») Int. Ztschr. f. Psychoan., 1933, H. 4, S. 547 ff. 

2 ) Nach Annahme englischer Analytiker projiziert das Kind die eigene 
Aggression auf die Mutter der Frühzeit und dies bewirkt, dass in den Ängsten 
des Kindes so häufig aggressive Vorstellungen dominieren. 

77 



zwang ) für die psychische Erledigung des Entwöhnungstraumas 
von entscheidender Bedeutung ist: das passiv Erlebte wird a k - 
tiv reproduziert. An Stelle der passiven Aufnahme von Mutter- 
milch wird das Kind durch aktive Besitzergreifung des Penis zum 
aktiven Spender von Urin (= Milch). Die durch die Brustentzie- 
hung verursachte schwere narzisstische Kränkung soll überwun- 
den und das Gefühl der Allmacht wiederhergestellt werden. Die 
Autoren gehen von einer Besetzung des Penis mit Aggressions- 
und Sexualtriebgemisch aus und meinen, dass der vom Todestrieb 
stammende Anteil des Triebgemisches im Geschlechtsakt bereits 
eine so weitgehende Änderung erfahren hat, dass seine Befriedi- 
gung ohne Gefahr für das Individuum stattfinden kann. Im Koitus 
gelingt es endlich dem Mann in der Identifizierung mit der phalli- 
schen Mutter durch aktive Reproduktion des passiv Erlebten, das 
Entwöhnungstrauma psychisch zu bewältigen. Die Autoren kom- 
men zu folgenden Ergebnissen: 

l ) Freud äusserte sich an drei Stellen zum Problem des unbewussten 
Wiederholungszwangs: 

«Das Ich, welches das Trauma passiv erlebt hat, wiederholt nun aktiv eine 
abgeschwächte Reproduktion desselben, in der Hoffnung, deren Ablauf selbst- 
tätig leiten zu können. Wir wissen, das Kind benimmt sich ebenso gegen alle 
ihm peinlichen Eindrücke, indem es sie im Spiel reproduziert; durch diese Art, 
von der Passivität in die Aktivität überzugehen, sucht er seine Lebensein- 
drücke psychisch zu bewältigen.» («Hemmung, Symptom und Angst».) 

«Es ist leicht zu beobachten, dass auf jedem Gebiet des seelischen Erle- 
bens, nicht nur auf dem der Sexualität, ein passiv empfangener Eindruck beim 
Kind die Tendenz zu einer aktiven Reaktion hervorruft. Es versucht das selbst 
zu machen, was vorhin mit ihm gemacht worden ist. Es ist das ein Stück der 
Bewältigungsarbeit an der Aussenwelt, die ihm auferlegt ist, und kann selbst 
dazu führen, dass es sich um die Wiederholung solcher Eindrücke bemüht, die 
es wegen ihres peinlichen Inhalts zu vermeiden Anlass hätte. Auch das Kinder- 
spiel wird in den Dienst dieser Absicht gestellt, ein passives Erlebnis durch 
eine aktive Handlung zu ergänzen und es gleichsam auf diese Art aufzuheben. 
Wenn der Doktor dem sich sträubenden Kind den Mund geöffnet hat, um ihm 
in den Hals zu schauen, so wird nach seinem Fortgehen das Kind den Doktor 
spielen und die gewalttätige Prozedur an einem kleinen Geschwisterchen wie- 
derholen, das ebenso hilflos gegen es ist, wie es selbst gegen den Doktor war. 
Eine Auflehnung gegen die Passivität und eine Bevorzugung der aktiven 
Rolle ist dabei unverkennbar. Nicht bei allen Kindern wird diese Schwenkung 
von der Passivität zur Aktivität gleich regelmässig und energisch ausfallen, bei 
manchen mag sie ausbleiben». («Über die weibliche Sexualität»). 

«Man sieht, dass die Kinder alles im Spiele wiederholen, was ihnen im 
Leben grossen Eindruck gemacht hat, dass sie dabei die Stärke des Eindrucks 
abreagieren und sich sozusagen zu Herren der Situation machen. Aber ander- 
seits ist es klar genug, dass all ihr Spielen unter dem Einfluss des Wunsches 
steht, der diese ihre Zeit dominiert, des Wunsches, gross zu sein und so tun 
zu können, wie die Grossen. Man macht auch die Beobachtung, dass der Un- 
lustcharakter des Erlebnisses es nicht immer für das Spiel unbrauchbar macht.» 
(«Jenseits des Lustprinzips».) 

78 



Für die Gesamtheit der Reaktionen, die als Folge der Brustentwöhnung in 
der Psyche entstehen, wird die Bezeichnung «Mammakomplex» vorgeschlagen. Bei 
einer Gruppe von Patienten ist der Mammakomplex quantitativ stärker ausge- 
bildet. Diese Patienten zeichnen sieh durch folgende Eigenschaften aus: a) In- 
tensiver Hass gegen die Mutter; b) Orale Charakterzüge (z. B. Gier nach Essen, 
Lutschen, Saugen, Beissen, Trinken bzw. Reaktionen darauf) mit hypothetischer 
oraler Triebkonstitution; c) Der Hass gegen den Vater fällt quantitativ schwä- 
cher aus, die Restanzen aus dem Mammakomplex verhindern die normale Aus- 
bildung des Ödipuskomplexes, die Kastrationsangst bleibt vorwiegend an die 
Mutter fixiert; d) Das Interesse für die Brust ist verdrängt; e) Erhöhter se- 
kundärer Narzissmus; f) Erhöhte Neigung zur Identifizierung. 

Normalerweise muss der Penis vom Unbewussten als Penis perzipiert wer- 
den, wenn er auch psychologisch-genetisch die Mutterbrust darstellt. Bei den 
am Mammakomplex fixierten oder zu ihm regredierenden Männern behält der 
Penis die Bedeutung der Brust 1 ) und begnügt sich nicht mit der psychologisch- 
genetischen Bedeutung oder wird durch ein Symptom ersetzt oder das Fest- 
halten an der phallischen Mutterbrust äussert sich in einer Perversion. Die 
Vagina muss normalerweise ein Aufnahmeorgan für Glied und Samen sein, 
wenn sie auch psychologisch-genetisch den Mund darstellt. Bei den am Mamma- 
komplex fixierten oder zu ihm regredierenden Männern begnügt sich die Va- 
gina nicht mit der psychologisch-genetischen Bedeutung des Mundes, sondern 
ist entweder wirklich der Mund, der unbewusst an die eigenen aggressiven 
Impulse gegen die Mutterbrust erinnert (wobei die daraus resultierende Angst 
entweder bewusst oder hinter einem scheinbaren Desinteressement verborgen 
ist) oder die Vagina birgt einen supponierten weiblichen Penis. 

Der Mammakomplex beim Normalen spielt sich vermutungsweise wie 
folgt ab: Auf die Brustentwöhnung kommt es zu ähnlichen Reaktionen wie 
oben geschildert, doch fallen sie quantitativ schwächer aus, der Vater wird 



l ) Die Restanzen des «M a m m a k o m p 1 e x e s», d. h. die Unfähigkeit, die 
passiv erlebte Enttäuschung an der Mutterbrust aktiv zu wiederholen, 
bewirkt beim Mann Festhalten an passiven Zielen. Hier liegt die Erklärung 
für eine der Komplikationen, die die phallische Phase in sich birgt und die 
zur Aufstellung der Theorie von der «phallischen Passivität beim 
Manne» führte. (Siehe den gleichnamigen Aufsatz unseres Pariser Kollegen 
R. Löwenstein, Int. Ztschr. f. Psychoan., 1935.) Löwenstein meint, 
man müsse in der phallischen Phase zwei Stadien unterscheiden: ein passives 
und ein aktives. «Ein aktives Stadium, das das Eindringen beim Koitus zum Ziele 
hat und ein auf passive Ziele gerichtetes, das nach Zärtlichkeiten von aussen 
strebt, gleichviel ob diese von einer anderen Person oder von der eigenen Hand 
kommen.» Ähnliches behauptete R. Mac Brunswick in ihrem Luzerner 
Kongressvortrag 1934. Sie setzte indessen das Alter, in dem sich der Wunsch, 
einzudringen, zeigt, später an als Löwenstein, nämlich erst in die Puber- 
tät. — L. Eideiberg hat in Fortführung unserer Arbeit über den Mamma- 
komplex in seinem Vortrag «Die genitale Phase» (Mai 1935) darauf verwie- 
sen, dass die Inhalte der phallischen Stufe nicht «koitieren» und «koitiert wer- 
den», sondern «den Penis streicheln oder reiben» zu sein scheinen. Unter dem 
Drucke des Wunsches, passiv Erlebtes aktiv zu wiederholen, versucht der 
Knabe, den Penis an Stelle der Mutterbrust treten zu lassen. So wie die Mut- 
terbrust geliebt wurde, soll die Mutter den Penis lieben und bewundern. Die 
Enttäuschung, die die Abwehr der Erziehungspersonen in diesem Punkte be- 
wirkt, scheint am Beginn der Latenzzeit nicht unwesentlich beteiligt zu sein. 
Im Anschluss an die letzten Publikationen Freuds meint Eideiberg, der 
Ausdruck «genitale Phase» bleibe für jenes Stadium reserviert, in welchem das 
Genitale psychisch in den Vordergrund tritt: beim Knaben also erst in der 
Pubertät mit Einsetzen der Ejakulation. 

79 



in einem viel stärkeren Masse mit Libido und Aggression besetzt, weil eben 
durch quantitativ schwächere Reaktion auf die Brustentwöhnung mehr Libido 
zur Verfügung steht und weil hier der reale Vater meistens auch eine stärkere 
Persönlichkeit ist. Mit dem Auftreten des Ödipuskomplexes, der hier seine 
normale Intensität erreicht, wird der Mammakomplex in seiner Wirksamkeit zer- 
stört. Zunächst wird der Hass auf den Vater verschoben, während die Liebe 
bei der Mutter verbleibt; dieser sekundäre Hass ist weniger gefährlich, ferner 
führt seine Bewältigung zu Reaktionen, die für das spätere Leben des Kindes 
von grosser Bedeutung sind: es identifiziert sich mit dem Vater nach den von 
Freud formulierten Gesetzen. 

Schematisch dargestellt ergäbe dies folgende Bedeutungen der Vagina für 
das Unbewusste des Knaben: 

Phallische Stufe: 
kastriertes Organ: das Fehlen des Penis wirkt als Zeichen und Beweis für 
die Realität der Kastrationsdrohung. 

kastrierendes Organ: An Stelle des fehlenden Penis wird die Vagina den eige- 
nen Penis rauben. 
Anale Stufe: 

kastriertes Organ: Unbewusste Erinnerung an den eigenen, des Darminhalts 
beraubten Anus. 

kastrierendes Organ: Unbewusste Erinnerung an die eigene Aggression bei der 
Abtrennung des Darminhalts. 
Orale Stufe: 

kastriertes Organ: Erinnerung an den eigenen Mund, dem 
die Brust entzogen wurde. 

kastrierendes Organ: Erinnerung an die Aggression des Mun- 
des vor und während der Entwöhnung. 

In einer Kritik der bisherigen Formulierung: aktiv = männlich, 
passiv = weiblich, meinen die Autoren, dass aktiv = ge- 
ben, passiv = aufnehmen bedeutet und dass erst die 
Identifizierung mit der phallischen Mutter zur Betätigung der Ak- 
tivität führt. Die Angst des Mannes vor der Frau wird u. a. auf 
das Trauma der Brustentwöhnung zurückgeführt. Die Autoren 
meinen auch, dass der beim Knaben so intensiv ausgebildete 
Penisstolz selbst schon kompensatorischer Art ist: 
als Vergleich wird immer die als Riesenpenis empfundene Mutter- 
brust unbewusst herangezogen. Die Frage, ob die Überleitung von 
der Brust auf den Penis erfolgt oder unterbleibt, ob also der Pe- 
nis als vollwertiger Ersatz der Mutterbrust akzeptiert wird, ist von 
weitesttragender Bedeutung. Die Lust am Urinstrahl, das Demon- 
strieren und Betasten des Penis, all das, was sich im erweiterten 
Sinne um den Penisstolz gruppiert, ist am Ende für den Knaben 
die Bestätigung der Tatsache: Ich habe die Mutterbrust 
(= mütterlicher Phallus) nicht verloren, habe 
imPenisselbsteine. Man könnte auch sagen: Im Penis- 
stolz des Knaben sind Elemente der Verleug- 

80 



nung des Mammaverlustes enthalten. Die Abwehr 
des penislosen Weibes ist somit nicht nur Abwehr der Kastrations- 
angst des Knaben auf der phallischen Stufe, sie enthält die ent- 
scheidenden Elemente vom Mammakomplex. Vieles von dem, was in 
der analytischen Literatur unter der Marke «Sich-nicht-abfinden- 
können mit der Penislosigkeit der Frau» figuriert, geht zutiefst 
auf den Mammakomplex zurück. Dabei handelt es sich nicht um ein 
vages «Gefärbtsein» im historischen Sinne, sondern das Erledi- 
gen desMammakomplexes auf dem oben geschilderten 
Wege stellt die erste Voraussetzung psychi- 
scher Gesundheit für den Mann dar. Denkt man die- 
sen Gedanken durch, so gelangt man zum Resultat, dass die Stärke 
der Kastrationsangst zu wichtigen Teilen von der präödipalen 
Mutterbindung abhängt bzw. von der Tatsache, ob der Penis als 
voller Ersatz der Mamma (mütterlicher Penis) akzeptiert wurde 
oder nicht. Vom Standpunkt des Mammakomplexes aus gesehen, 
erhält der Ausspruch Freuds : «Er (der Knabe) benimmt sich, 
als ob ihm vorschwebte, dass dieses Glied grösser sein könnte oder 
sollte» eine weitere Fundierung. Es handelt sich um den Ver- 
gleich des Penis des Knaben mit der als Riesenpenis empfundenen 
Mutterbrust. Es ist auch verständlich, weshalb in Phantasien, 
Träumen und neurotischen Ängsten so häufig die Frau mit dem 
Penis als phallische Mutter und Kastratorin erscheint und immer 
wieder zutiefst die Mutter für den Penismangel bzw. die Kleinheit 
des Gliedes verantwortlich gemacht wird. Daraus ergibt sich auch, 
weshalb der Hass der am Mammakomplex Fixierten in tiefster 
Schicht immer wieder der Mutter gilt: sie hat durch die Brustent- 
ziehung «kastriert». 

Einen Schritt weiter als die bisher zitierten Autoren gehen 
J e k e 1 s und Bergler in ihrer gemeinsamen Arbeit «Übertra- 
gung und Liebe» 1 ). Die Autoren behaupten, dass der Geschlechts- 
akt nicht bloss als Nachklang der Kind-Mutter-Situation aufzufas- 
sen sei, sondern betonen mit aller Schärfe den zutiefst nar- 
zisstischen Charakter des Koitus. Der auf der Ob- 
jektbeziehung liegende Nachdruck erscheint ihnen durchaus nicht 
entscheidend, zumal ja auf dem Wege der Identifizierung mit dem 
Objekt auch die eigene Säuglingssituation wiedergefunden wird. 
Die Forderung nach dem Geliebtwerdenwollen ist auf 
das Nichtgetrenntseinwollen von der ewig fliessenden Mutterbrust 



l ) Imago 1934, Heft 1. 
6 Die psychische Impotenz des Mannes. 31 



__ 



zurückzuführen. Bloss dass diese Sehnsucht nicht etwa dem Ob- 
jekt — der Brust der Mutter — gilt, vielmehr einen narzissti- 
schen Restitutionsversuch darstellt, denn sie gilt der 
Brust, wie sie noch als Teil des eigenen Ich perzipiert 
wurde. In den Anfängen des extrauterinen Lebens sind nämlich 
dem Kinde andere Quellen der Lust als es selbst nicht nur 
nicht bekannt, sondern überhaupt kaum vorstellbar: wird doch 
sogar nach Freud das lust- und nahrungspendende Objekt, die 
mütterliche Brust, vom Kinde eine Zeitlang als zu ihm gehörig, 
als Teil des eigenen Körpers empfunden. Dieses jeder Objekt- 
erfassung vorausgehende Stadium, in welchem das infantile Ich im 
Allmachtswahne schwelgt, nennen die Autoren die « autarki- 
sche Fiktion» des Säuglings. Dem «Kardinalirrtum des Säug- 
lings» über die Zugehörigkeit der nährenden Brust entspringt am 
Ende die Objektbesetzung im Lieb es vor gang, um dem Menschen 
derart zur eingebüssten narzisstischen Einheit zu ver- 
helfen. 

Die Autoren behaupten, dass eineder tiefsten Ursachen desPhäno- 
mens «Liebe» in einer Abwehr des unbewussten Schuldgefühls zu 
suchen ist. Der Liebesvorgang bestehe in einer Projektion des Ich- 
Ideals auf das Objekt mit nachfolgender Re-Introjektion, stelle 
also einen rein narzisstischen Vorgang dar. Der ganze Lie- 
besvorgang sei ohne Verständnis des intrapsychischen Kampfes 
zwischen Eros und Thanatos nicht erklärbar. Die beiden Anteile 
des Über-Ichs — Ich-Ideal (= desexualisierter Eros) und «Dämon» 
(= Thanatos) — arbeiten in der Weise, dass dem Ich ständig das 
«stumme Modell» des Ich-Ideals durch den «Dämon» vorgehalten 
wird, wobei jede Diskrepanz zwischen Ich und selbstaufgerichte- 
tem Ich-Ideal als Schuldgefühl im Ich aufscheint. Um nun dem 
«Dämon» das Quälinstrument des Ich-Ideals zu entwinden, wird aus 
der intrapsychischen Wahrnehmung heraus, dass sich das bishe- 
rige Ich-Ideal gegenüber der Aggression des «Dämons» als unzugäng- 
lich erwiesen hat, ein anderes Ich-Ideal phantasiert, dieses auf das 
Objekt projiziert — Besetzung des Objekts mit Libido — womit 
zeitweise der «Dämon» entwaffnet wird, da das Ich sich vom Objekt 
(— projiziertes eigenes Ich-Ideal) geliebt wähnt. Dadurch werde 
zugleich die gefährdete narzisstische Einheit wiederhergestellt. 
Jedes Lieben sei zutiefst ein Geliebtwerdenwollen vom eigenen 
Ich-Ideal, wobei es zwei Möglichkeiten gebe: entweder erscheint 
das Objekt an Stelle des Ich-Ideals gesetzt, zu dem das Subjekt, 
der Liebende als Ich eingestellt ist, oder es waltet der umgekehrte 

82 



Sachverhalt vor, nämlich es agiert der Liebende selbst sein Ich- 
Ideal und reduziert das Objekt zum Ich. 

Aus diesem Streben nach narzisstischer Einheit deduzieren 
Jekels und Bergler die Tatsache, dass die Liebe so imperativ 
zur sexuellen Vereinigung und Befriedigung drängt. Sowohl die 
zärtliche wie die sinnliche Liebe besagen das nämliche: Sie sind 
beide ihrem Wesen nach narzisstische Restitutionsversuche, die 
unter dem Druck des Wiederholungszwanges stehen. Erst die Ver- 
bindung beider Liebesanteile als Höchstausdruck der Einheit, wird 
zur stärksten Negation des Gefühls des Getrenntseins, der Unvoll- 
ständigkeit, der Läsion des Narzissmus. Die Autoren vertreten 
den Standpunkt, dass die realen Objekte im Liebesvorgang dem 
Menschen aus zwei Gründen unentbehrlich sind: sie dienen ihm 
zum narzisstischen Restitutionsversuch 1 ) und zur Aggres- 
sionsabfuhr. Dies ist auch die Ursache, weshalb der Gesunde 
nicht bei der aus der Kindheit wohlvertrauten und bequemeren 
Onanie verbleibt. Gewiss könnten die Wiederholungspraktiken 
auch am phantasierten Objekt zum Ausdruck gebracht werden. 
Bloss, dass für die so wichtigen aggressiven Elemente, die zum 
Teil das Substrat dieser Regungen bilden, wie Rache, feindselige 
Tönungen, Ablenkung der Aggressionen von sich selbst auf das 
Objekt, keine genügende Abfuhrmöglichkeit gegeben ist. Die un- 
genügende Abfuhr der Aggression bei der Ona- 
nie erklärt (von unbewussten Schuldgefühlen abgesehen), wie 
Jekels-Bergler und N u n b e r g unabhängig voneinander 
gezeigt haben, die Tatsache der unvollständigen 
Befriedigung durch die Onanie, wodurch auch ihre 
so vielfach behauptete Harmlosigkeit und völlige Unschädlichkeit 
beim Erwachsenen weitgehend in Frage gestellt erscheint. 



') Es ist klar, dass damit die Tatsache, dass Objektlibido am Ob- 
jekt abgeführt wird, nicht bestritten wird. Die glücklichste Formulierung 
über den Unterschied zwischen narzisstischer Libido und Objektlibido stammt 
von L. Eideiberg. Der Autor bezeichnet als Objektlibido «jene Libido, die der 
Aussenwelt zugewendet ist und der die vier Qualitäten innewohnen: die orale, 
anale, phallische und genitale.» Ich schliesse mich dieser Meinung an. Soweit 
wir also im Projektionsvorgang der Liebe am geliebten Objekt eigene Ein- 
stellungen des Liebenden vorfinden, liegt ein narzisstischer Vorgang 
vor, soweit am Liebesobjekt eine der vier Qualitäten befriedigt wird, 
ein objektlibidinöser. 

83 



2. Spezialformen der oral bedingten Potenzstör nngen. 

a) Pseudodebiler Typus. 
Als Beispiel einer oral bedingten Potenzstörung führen wir 
vorerst einen Fall von P s e u d o d e b i 1 i t ä t ') an, ein Kasus, 
der auch deshalb von Interesse ist, weil er die einzige bisher pu- 
blizierte erfolgreiche Analyse eines erwachsenen pseudodebilen 
Patienten darstellt. 

Der 23V2Jährige Patient hatte auf dem intellektuellen, arbeitstechnischen, 
sexuellen und familiären Gebiete so grosse Schwierigkeiten, dass er sich spon- 
tan entschloss, die Analyse aufzusuchen. Patient war seit dem vor einigen 
Jahren erfolgten Tode des Vaters offiziell Betriebsleiter im Betrieb seiner 
Mutter, die ein Lebensmittelgeschäft besass. In Wirklichkeit kümmerte er 
sich überhaupt nicht um den Betrieb, Hess alles drunter und drüber gehen, 
arbeitete wie ein manueller Arbeiter in einem streng abgeschiedenen Kammerl, 
vermied es, mit den Arbeitern auch nur zu sprechen, war unfähig, auch mil- 
den kleinsten Auftrag zu erteilen, errötete wie ein Bub und verlor den Kopf, 
wenn eine Frage gestellt wurde. Musste er ausnahmsweise beim Verkauf mit- 
helfen, konnte er die einfachsten Rechenoperationen nicht ausführen, irrte 
sich stets zum Nachteil der Mutter, riet den Kunden direkt von grosseren Ein- 
käufen ab. Verlangte z.B. jemand ein Brot, sagte er: «Ein kleines war auch 
da», um nur zu verhindern, dass der Kunde ein grösseres kaufen konnte; er 
verhielt sich bei Steuerrevisionen vollkommen apathisch-desinteressiert und 
antwortete auf alle Fragen des Beamten: «Das geht mich nichts an! Was weiss 
denn ich?» Bei seiner Mutter und den Angestellten galt Patient als «Idiot», 
als geistig zurückgebliebener Mensch. «Er spielt den Idioten», sagte die Mutter. 
Die primitive und untergeordnete Arbeit, die er verrichtete, machte er gewohn- 
heitsgemäss, auch da gab es zeitweise Störungen. 

Die sexuellen Störungen waren folgende: Patient war bei «anstandigen 
Mädchen», worunter er alle Frauen mit Ausnahme der Prostituierten ver- 
stand, erektiv, ejakulativ und orgastisch impotent. Er ^ hatte 
wiederholt Beziehungen angeknüpft («Wenn ich Glück gehabt habe, habe ich 
verkehren können, meistens nicht»), war Mädchen gegenüber schüchtern, angst- 
lich und traute sich mit seinen Wünschen nicht heraus. Bei Prostituierten be- 
nahm er sich wie ein Mensch mit einer masochistischen Pervcrsion. Er sagte 
also der Publica, sie könne mit ihm machen, was sie wolle und deutete wohl 
auch schüchtern seine Cunnilinguswünsche an. Dass er das nicht immer und 
nicht deutlich genug sagen konnte, war für den Patienten eine der stärksten 
Triebfedern, den Analytiker aufzusuchen. Wenn die Prostituierte ihm einen 
Koitus befahl, war er potent. Besonders reizte es ihn, wenn die Madchen 
in obszönen Worten vom Sexus sprachen: «So recht schweinisch müssen die 
Mädel reden.» Mit grosser Vorliebe Hess er sich, unter dem Mäd- 
chen liegend, von ihr a nu r ini e r en , wobei er den Urin 

3 Die grössten Schwierigkeiten hatte er in seiner Beziehung zur Mutter. Die 
Mutter war eine resolute, überenergische und doch psychisch schwache *rau, 
bei der Schimpfen, Schreien und Weinkrämpfe an der Tagesordnung waren. 
Sie regte sich über den «missratenen Buben» sehr auf, versuchte ihm durch 
Strenge «Vernunft» beizubringen, ohne etwas anderes zu erreichen, als dass 
der Patient vollkommen zusammenknickte oder, allerdings sehr selten, Wut- 

i) Bergler, «Zur Problematik der Pseudodebilität», Int. Ztschr. für 
Psychoan. 1932, H. 4. - Ergänzungen in Fall III in «Der Mammakomplex des 
Mannes» von B e r g 1 e r und E i d e 1 b e r g , Int. Ztschr. f. Psychoan. 1933, Heft 4 

84 



anfalle bekam. Offiziell hasste Patient seine Mutter, warf ihr Lieblosigkeit, 
Interesselosigkeit, Gleichgültigkeit usw. vor. «Für mich will sie keinen Gro- 
schen ausgeben, jeder Groschen ist ihr leid, aber freilich für andere » Be- 

wusst war es ihm peinlich, von der Mutter Geld zu verlangen. «Ich beisse mir 
lieber die Zunge ab, als von ihr Geld zu nehmen.» Er trat aber ungemein for- 
dernd der Mutter gegenüber auf, wobei die regelmässige Wirkung seiner For- 
derungen die war, dass die Mutter ihm erregte Vorwürfe machte, wieviel er 
koste, worüber sich Patient sehr kränkte — «Beim Geld bin ich gleich er- 
schlagen» — und die Zurückweisung masochistisch genoss. Dabei war die Mut- 
ter in ihren Versagungen durchaus inkonsequent: nach dem obligaten Krach 
bekam Patient regelmässig das Gewünschte, wobei die Mutter ein devotes 
«Danke schön» verlangte und einkassierte. Überhaupt hatte die Mutter — un- 
bewusst — durchaus das Streben, den Patienten als Kind zu behandeln und 
ihn in der kindlichen Situation der Unselbständigkeit zu erhalten, wobei sie 
aber ununterbrochen über die Unselbständigkeit des Patienten schimpfte. — 
Die Passivität des Patienten — vor allem der Mutter gegenüber — grenzte 
direkt ans Groteske. Er zitterte vor ihr, verharrte bei Konflikten wie hypno- 
tisiert in einer unbeweglichen Haltung, konnte sich nicht verteidigen, auch 
dort nicht, wo die Vorwürfe durchwegs an den Haaren herbeigezogen waren. 
Solchen Auftritten folgten beim Patienten schwere Schuldgefühle, weil er zu 
wenig leiste und starke Bacheimpulse: «Becht geschieht der Mutter, je schlech- 
ter das Geschäft geht, um so grössere Freude habe ich.» Der Gedanke, die 
Mutter könnte auf seine Leistungen stolz sein, sie könnte mit ihm protzen, 
brachte ihn zur Raserei: «Eher krepiere ich, als dass ich ihr Gelegenheit gebe, 
stolz auf mich zu sein. Ich müsste mich ja zu Tode schämen, wenn ich aktiv 
wäre» 1 ). Dagegen war Patient jederzeit bereit, der Mutter etwas Liebes zu 
tun, Voraussetzung war aber, dass sie nicht erfahren durfte, dass e r es getan. 
Allen Vorhalten gegenüber, die ihm die Mutter und Verwandte machten, er 
möchte sich mehr ums Geschäft kümmern und praktisch den Vater ersetzen, 
lehnte Patient mit trotzigem Schweigen und schwersten innerlichen Selbstvor- 
würfen ab. Setzte ihm die Mutter arg zu, flüchtete er in die Argumentation: 
«Du weisst ja, dass ich blöd bi n.» — 

Aus dem Curriculum vitae des Patienten ist zu erwähnen, dass der Vater 
ein unzufriedener, stets mürrischer Mensch war, der die Kinder — Patient 
hatte eine um ein Jahr ältere Schwester, die in ihrer Kindheit lange Zeit 
krank war; sie litt an Kinderlähmung — nicht sehr liebte, sich in der Ehe 
unglücklich fühlte, seinen Beruf hasste und die Zeit der Kriegsdienstleistung, 
in welcher er jahrelang im Felde war, als schönste Epoche seines Lebens be- 
zeichnete. Der Vater litt sehr unter der «Dummheit» des Patienten, die 
sich schon sehr früh, in der ersten Volksschulklasse, deutlich zeigte. Nach 
einem kurzen Versuch, dem Patienten die Dummheit «auszureden», begann er 
das Kind zu hänseln, zu ironisieren und zu verhöhnen und nach einiger Zeit 
zu prügeln. Die ganze Erziehung der Eltern war überhaupt auf Angsterzeu- 
gung, Prügeln und Einschüchterung aufgebaut. «Der Bub muss Angst haben, 
sonst wird er ein Verbrecher», war das Motto. Patient wurde sehr viel ge- 
prügelt, wobei die Eltern natürlich gar nicht merkten, dass das Kind in einem 
späteren Zeitpunkt die Prügel direkt provozierte und masochistisch auskostete. 

Patient war bis zu seinem sechsten Lebensjahr zeitweise ein viver und 
draufgängerischer Bub, der eine scheinbar normale Sexualentwicklung aufwies: 
Protzen und Stolz auf den Penis, Sexualneugier auf die Genitalien der Schwe- 
ster, typische sexuelle Aggressionen gegen das Kindermädel, Onanie usw. Frei- 

*) Diese sonderbare Angabe war eine Wiederholung von Worten, die die 
Mutter seinerzeit im siebenten Lebensjahre an den Patienten richtete: es han- 
delte sich um den Onaniekonflikt (siehe weitere Angaben). Aktiv sein hiess 
für den Patienten u. a.: Onanieren. Die Onanie war die Schande. Seine Passi- 
vität war vielfach auch die Rache für das Onanieverbot. 

85 



lieh waren die Kastrationsdrohungen, die ihm verabreicht wurden, übermässig 
stark: «Das Vogerl fliegt weg, wenn du damit spielst, du wirst dumm und 
krank werden,» bekam er allzu häufig vom Kindermädchen zu hören, die ihn 
— im Auftrag der Mutter — ebenfalls sehr viel prügelte. Einmal wurde er 
im fünften Lebensjahr dabei ertappt, wie er seiner Schwester unter die Röcke 
griff. Erst bekam er von der Mutter die «obligate Watschen», dann Hess ihn 
der Vater stundenlang zur Strafe knien. 

Alle Versuche, die Liebe der strengen, stet6 schimpfenden Mutter zu er- 
ringen, scheiterten. Patient wandte sich dem Vater zu und tatsächlich sah es 
so aus, als hätte der Vater für das Kind, wenigstens vorübergehend, grösseres 
Interesse. Aus dieser Zeit werden Spaziergänge mit dem Vater berichtet, der 
Vater beantwortete sogar Fragen des Knaben, was sonst nie vorkam. Dieses 
kurze Idyll wurde gestört durch das völlige Versagen des Patien- 
ten inder ersten Schulklasse und das öffentliche Erwischtwerden 
bei der Onanie. 

Die Lernstörung setzte schon in den ersten Tagen des Schulbesu- 
ches ein. Der Knabe fasste nichts auf, konnte sich nichts merken, kurz, ver- 
sagte vollkommen. Der Vater wurde ungeduldig — die Mutter prügelte 
ihn damals sehr ausgiebig — und wandte sich mit rüden Worten vom Kinde 
ab. Dazu kam noch ein Ereignis, das dem Fass den Boden ausschlug: Der Leh- 
rer liess die Mutter des Patienten rufen und erklärte ihr, der Bub greife wäh- 
rend des Unterrichts beständig nach seinem Genitale, und verlangte von ihr, 
sie möge das dem Kind «abgewöhnen». Der nun folgende Krach überstieg alle 
bisher erlebten Konflikte. Vergebens leugnete Patient. Selbst in der Analyse 
dauerte es lange, bis die Erinnerung kam, er hätte tatsächlich onaniert. Prügel, 
Beschimpfungen waren nun das «tägliche Brot» (das Wort stammt vom Patien- 
ten) des Knaben geworden. Patient sah sich von beiden Elternteilen verlassen 
und wurde immer trotziger und störrischer. Wem zuliebe sollte er klug wer- 
den, da ihn niemand liebte? 

Die Eltern gaben das «missratene» Kind nach Ablauf des Schuljahres vom 
Hause weg 1 ) (schon in früheren Jahren war er regelmässig einige Monate des 
Jahres in der Fremde); er kam zu einer strengen Lehrerin aufs Land und blieb 
dort von der zweiten bis fünften Volksschulklasse (7. — 11. Lebensjahr). Das 
Regime der Einschüchterung und der Prügel, die Patient masochistisch genoss, 
wurde auch dort fortgesetzt. Das Kind machte kaum Fortschritte im Lernen, 
was sich aber praktisch, da die Lehrerin zugleich Kostfrau war, in den Zeug- 
nissen nicht auswirkte. Bei den seltenen Besuchen im Elternhaus fühlte sich 
der Knabe sehr zurückgesetzt, beantwortete aber die Frage, ob er gerne zu 
Hause bleiben möchte, in bewusstem Trotz ablehnend. 

Aus der Zeit des Landaufenthaltes wurde folgende wichtige Szene in der 
Analyse erinnert: Patient sah wiederholt zu, wie Frauen ihre Kinder stillten. 
Das erregte ihn sexuell sehr stark und er inszenierte folgendes Spiel: 
er nahm einen langen Strohhalm, steckte ihn in den Pe- 
nis, setzte das Endstück an die Lippen und trank seinen 
eigenen Urin. (Vgl. die spätere Perversion des Patienten, sich von Prosti- 
tuierten anurinieren zu lassen und den Urin zu trinken!) 

Im elften Lebensjahr kam Patient wieder ins Elternhaus. Der Krieg war 
ausgebrochen, der Vater eingerückt und Patient blieb mit der Mutter allein 
zu Hause. Die Mutter versuchte es noch einmal mit dem Knaben: sie wollte 
ihn das Gymnasium absolvieren und studieren lassen. Der Bub leistete passive 
Resistenz, «spielte» konsequent den «Idioten», wobei der Hass und die 
Rache gegen die Mutter deutlich zum Vorschein kamen. «Ich habe oft 
in der Schule geschwiegen, obwohl ich die Antwort gewusst habe, damit die 

') Die Analyse ergab mit voller Sicherheit, dass die Lernstörung schon vor 
dem Erwischtwerden bei der Onanie in der Schule bestand. 

86 



Mutter sich giftet.» — Im 14. Lebensjahr wurde Patient in den elterlichen Be- 
trieb eingestellt, wobei er vom Vater, der vom Kriege zurückkam und mür- 
risch die Zivilarbe.it aufnahm, vor den Arbeitern ganz offen verhöhnt, verspot- 
tet und herabgesetzt wurde. «Wenn der Bub nur den Mund öffnet, kommt ein 
Blödsinn heraus.» Den Arbeitern schärfte er ein: «Wenn der Rotzbub was 
sagt, hört gar nicht hin, ist ja Blödsinn.» Die Angst des Patienten vor dem 
Vater im Zeitpunkt der Pubertät war so immens, dass er sich jahrelang 
nicht traute, auch nur das Wort an den Vater zu richten. 
Die offizielle Begründung war, dass der Vater ihn einmal, als die Mutter sich 
über den Buben beklagte, mit dem Bajonett bedrohte. — 

Charakteristisch für die Beziehung Vater — Sohn war eine Szene, die sich 
am Sterbebett des Vaters abspielte. Der Vater war mit einem durchgebroche- 
nen Ulcus ventriculi ins Spital eingeliefert, die Familie war vom nahenden 
Ende benachrichtigt worden. Der 17jährige Knabe tritt ans Bett des Vaters, 
nimmt den ganzen Mut zusammen und stellt, seit vielen Jahren die erste, 
schüchterne Frage: «Wie geht's dir, Vater?» — «Was fragst denn, blöder Bub!» 
war die Antwort des Vaters. Einige Stunden später erfolgte der Exitus. — 

Nach dem Tode des Vaters wurde Patient Geschäftsführer im Betrieb und 
setzte seine «Idiotenspielerei» in der eingangs erwähnten Weise fort. Er sabo- 
tierte zeitweise ganz bewusst, zeitweise machte er sich die grössten Vorwürfe, 
dass die Mutter mit ihm unzufrieden sei. «Wenn sie mich nur so vorwurfsvoll 
anschaut, bin ich schon fertig.» 

Patient erklärte einmal auf die Frage, was ihm eigentlich Freude mache, 
prompt: «Essen, Trinken und Schlafen». Schon diese Aufzählung 
zeigt das Vorherrschen oraler Elemente. Diese standen so stark im Vorder- 
grund beim Patienten, dass eine Zusammenfassung notwendig ist. Patient war 
ein grosser Esser und Trinker. Er musste — auch ausserhalb der Mahl- 
zeiten — immer etwas lutschen, zuzeln, saugen. Er rauchte 30—40 
Zigaretten täglich. Im Kaffeehaus bestellte er zu allen Tages- und Nachtzeiten 
Soda mit Himbeer, wobei er mit Wonne am Strohhalm saugte. Je- 
den Gegenstand nahm er in den Mund. Im Betrieb «kostete» er un- 
unterbrochen von den zu verarbeitenden Lebensmitteln. «Auf den 
Saft kommt es an», war sein Motto. In diese Gruppe gehören die Vor- 
liebe für Zungenküsse, Saugen des Speichels 1 ) und Cunnilingus. Er hasste 
Prostituierte mit trockener Vagina, eine «nasse» Vulva war die Vor- 
bedingung seines sexuellen Genusses. Aus diesem Grunde in- 
teressierte er sich bewusst für die Brust der Frau nicht: «Da kommt nichts 
heraus». In Wirklichkeit lag Verdrängung des ursprünglichen Interesses vor. 
Patient selbst war ein Flaschenkind, er lag niemals an der Brust, die Mutter 
stillte ihn nicht (Mastitis?). Im Kino bestand seine sexuelle Betätigung im 
Lutschen des Fingers seiner Partnerin. «Glaubst du, dass was 
herauskommt?» fragte ihn bei einer solchen Gelegenheit spontan eine seiner 
Freundinnen lächelnd. Seine Vorliebe für Urin trinken bei Prostituierten 
gehört in die gleiche Kategorie, wobei Patient im Genitale der Frau mit dem 
supponierten Penis die Brust wiederfand, Damit verleugnete er zugleich auch 
die Penislosigkeit der Frau, ersparte sich also phallische Kastrationsangst. 
Doch hatte die Potenzstörung des Patienten nicht bloss phallische 
Inhalte, zutiefst war sie oral begründet: Vagina = eigener Mund, 
Penis = Brust der Mutter. Die Hemmung der eigenen oralen Aggression ge- 
gen die mütterliche Brust, die als Phallus perzipiert wurde, ergab die Erek- 
tionsstörung. Auch seinen eigenen Penis betrachtete er — unbewusst — 
als Brust (siehe Urintrinken im 7. — 11. Lebensjahr). 



*) Das Einsaugen des Speichels der Partnerin führte beim Patienten 
auch dort, wo er impotent war — zu einer sofortigen Erektion. 



87 



Seine häufige Ejakulationsstörung erwies sich als Rache an 
der Frau für die orale Enttäuschung. «Warum soll ich ihr etwas geben; 
gibt sie mir was?» sagte Patient in einem späteren Stadium der Analyse. Be- 
zeichnenderweise sagte Patient einmal, er könnte vielleicht auch bei «anstän- 
digen» Mädchen, bei denen er impotent war, koitieren, wenn er mit einem 
Präservativ verkehren würde: «Da kriegt sie ja nichts,» meinte Patient trium- 
phierend. Die Idee des Präservativs als Strafinstrument ist nur oral erklärlich. 

Man kann sagen, dass seine neurotische Währung Milch bzw. 
jedes Milchäquivalent war. Auch seine sonderbare Beziehung zur 
Mutter bezüglich des Geldes gehört hierher. Seine ständige Klage, die Mutter 
gebe ihm kein Geld, bzw. wenn sie es gebe, dann gebe sie es ungern, sind oral 
zu verstehen. (Orale Vorstufe des Geldinteresses.) In allem und jedem 
spielt er das kleine Kind, das erhalten, gesäugt und er- 
nährt werden muss. Er lebt in der ständigen Angst, die Mutter könnte 
ihn verhungern lassen 1 ). (Orale Kastrationsangst.) Seinen Lohn im Betrieb 
betrachtet er nicht als Äquivalent für Arbeit. Er behauptet, nirgends ausser 
bei der Mutter arbeiten zu können, es hänge nur von der Mutter ab, ob er 
verhungern werde oder nicht. Seine masslose Geschwätzigkeit (Logorrhöe) ist 
ebenfalls oral determiniert. («Magische Geste».) 

Fragen wir uns nun, weshalb die intellektuelle Störung ge- 
rade zu Beginn der Schule sich einstellte, so trägt die Antwort, dass 
dieser Zeitpunkt die beste Gelegenheit zum Sichtbarwerden dieser Störung 
war, nicht eben weit. Ich glaube, dass etwas ganz anderes — vielleicht Typi- 
sches — dabei mit im Spiel ist. Abraham sagt im Kapitel «Beiträge der 
Oralerotik zur Charakterbildung» seiner Arbeit «Psychoanalytische Studien zur 
Charakterbildung», 1924, S. 49: «Von grosser praktischer Bedeutung ist die 
Verschiebung der kindlichen Saugelust auf das intel- 
lektuelle Gebiet. Die Wissbegierde, die Lust am Beobachten erfährt aus 
dieser Quelle bedeutende Zuschüsse.» In diesen Worten, die praktisch aussa- 
gen, dass die Fähigkeit, Gedanken anderer aufzunehmen, eine Wiederholung des 
Einsaugens der Muttermilch darstellt, liegt u. E. der Kernpunkt der 
Pseudodebilitätsfrage. Es wird dem Kinde zugemutet, 
Wissen aufzunehmen — oral aufzunehmen — und da ergibt 
sich notwendigerweise beim Oralfixierten 2 ) die Kon- 
fliktsituation: er regrediert infolge d'er Aktivierung 
der alten, nicht erledigten oralen Enttäuschung auf die 
ursprüngliche orale Stufe und verweigert die Aufnahme. 
— Dieser Mechanismus kombiniert sich mit der Rachetendenz gegen die 
erziehende Person zu einer unlösbaren Einheit. 

Welchen psychischen Sinn hat also die Pseudodebilität des Patienten? 
1. Infolge der oralen Enttäuschung verweigert Patient, wie eben gezeigt, die 
geistige Nahrungsaufnahme. Es ist niemand vorhanden, für den er gescheit 
sein will: niemand liebt ihn. — 2. Er nimmt Rache an der Mutter und teil- 
weise am Vater, die aus dem Patienten einen «gebildeten» Menschen machen 
wollten. Seine «Dummheit» wurde sekundär zu einer erfolgreichen Verteidi- 
gungswaffe in seinem Rachefeldzug gegen die Mutter. — 3. Masochisti- 



1 ) Dieser orale Pessimismus färbte auch auf die übrigen Ansichten des 
Patienten ab. Bezüglich des ganzen Fragenkomplexes des oralen Pessimisten 
sei auf die Arbeit «Zur Problematik des oralen Pessimisten, demonstriert an 
Chr. D. Grabbe», verwiesen. Imago 1934, Heft 3. 

2 ) Man muss beim Patienten eine konstitutionell verstärkte Oralität an- 
nehmen. Darauf pfropfen sich erst die realen oralen Enttäuschungen aus der 
Säugeperiode, die möglicherweise in einem realen «Zuwenig» (Flaschennäh- 
rung, lieblose Erziehung) bestand. 

88 



sehe Befriedigung exquisiter Art. Alle Strafdrohungen, Straf- 
erwartungen, Strafängste und Strafen der Eltern werden 
sexualisiert und provokatorisch herbeigeführt (Schimpfen der Mutter). 
Die ganze Erziehung züchtete geradezu einen psychischen Masochismus. Auch 
beim Schimpfen bekommt Patient noch etwas Orales von der Mutter: Worte. 
— 4. Nachträglicher Gehorsam dem Vater gegenüber. Der 
Vater hatte ja dem Knaben gesagt, er sei ein Trottel und den Arbeitern be- 
fohlen, auf den Patienten einfach nicht zu hören. Patient sollte sich ja in einer 
gewissen Phase seiner Entwicklung an die Stelle des Vaters setzen. Eine seiner 
Phantasien lautete: nach dem Tode des Vaters werde er der grösste Lebens- 
mittelhändler Österreichs werden. Deshalb erfüllt er aus unbewusstem Schuld- 
gefühl nach dem Tode des Vaters sein Gebot. Deshalb die Unfähigkeit des 
Patienten, im Betrieb kommandieren zu können. — -5. Liebeswerbung 
um die Mutter auf dem Wege der Mitleidserweckung. Die 
Hilflosigkeit und Passivität, die die überenergische Mutter, wie es dem Kinde 
scheinen musste, wünschte, sollen der Mutter sagen: «Schau, ich bin genau 
so krank wie die Schwester, die deshalb im Elternhaus bleiben darf. Ich bin 
auch krank. Habe Mitleid mit mir. Lass mich deshalb auch bei dir!» Daher 
stammt ein Teil seiner weiblichen Identifizierung; der andere stammt aus der 
Kastrationsangst. — 6. Rückgängigmachen des Nichtbeachtet- 
Werdens. Patient lenkt die Aufmerksamkeit der Eltern auf sich, wenn auch 
nicht im Guten, so doch im Bösen. Das Schicksal seiner Kindheit — als Dumm- 
kopf nicht beachtet und übersehen zu werden — wird, wenn auch mit negati- 
vem Vorzeichen, korrigiert. — 7. Verleugnung seines sexuellen 
Wissens, des G e s ch 1 e ch t s un t e r s c hi e d e s und der Kastra- 
tio n s a n g s t. Er sei zu dumm, um über Sexuelles etwas wissen zu können. 
D. h. Verleugnung der Onanie und Onaniebestrafung. Bis zu welchem Ausmass 
seine Kastrationsangst und sein Verleugnen alles sexuellen Wissens ging, be- 
weist folgendes: Patient erklärte in den ersten Analysemonaten, er habe gar 
keinen Penis. Er sei ga? nicht so sicher, dass nicht der Storch die Kinde? 
bringe. Woher wisse man, dass die Frau keinen Penis habe? — fragte Patient 
wiederholt. 

In diesem Zusammenhang sei auf die Ursachen hingewiesen, dass Patient 
bei Dirnen potent, bei «anständigen» Mädchen impotent war. Die letzteren ver- 
langten von ihm männliche Aktivität, zu der, infolge oraler und genitaler Ka- 
strationsängste und seines offenbar auch primären Masochismus, er unfähig 
war. In der Beziehung zur Dirne konnte er der Passive sein (Kind-sein!), 
konnte er seine perversen Neigungen (Cunnilingus, Urolagnie, Aus- 
sprechen obszöner Worte durch die Dirne, Befehle ausführen) ausleben, Wün- 
sche, die er bei anständigen Mädchen nicht vorzubringen wagte. Dem Angst- 
schutz gegen die Kastrationsangst wird ferner auf die Weise Genüge getan, 
dass er sich beim Cunnilingus immer überzeugt, dass die Frau einen Penis hat. 
(Vagina = Brust = Penis.) Ferner, wenn viele Männer mit der Dirne ver- 
kehren, ist es nicht so stark verboten. Zugleich wird die Frau (Mutter) aus 
Rache erniedrigt und die Rache an der Mutter ist um so grösser, als er mit 
dem Gelde der Mutter zahlt! Aber selbst da macht er durch ein Detail in sei- 
nem Verhalten die Frau zur Gebenden: er zahlt mit einer grös- 
seren Geldnote und lässt sich den Rest herausgeben. Die 
Beziehung zur Dirne ist auch eine magische Geste: er zeigt durch Geld- 
geben, wie er behandelt werden möchte, wobei Geld Liebesbeweis ist. Endlich 
wird sein Masochismus befriedigt: Keiner liebt mich, ich muss Liebe kaufen. 
Eine geringe Rolle spielt auch die unbewusste Homosexualität. 

Somit entpuppte sich Patient als ein Mensch, der am «Mammakom- 
p 1 e x » gescheitert war: sein ganzes Sexualleben, ja fast alle seine Handlun- 
gen waren lediglich unter dem Gesichtswinkel des Strebens nach der Brust der 
phallischen Mutter verständlich. In seiner Urolagnie, seiner passiven Köpro- 

89 



phemie 1 ), seinem Wunsch nach Cunnilingus, seinem Erwarten von Befehlen — 
immer ist Patient der passiv Empfangende. In jeder Situation, in 
welcher Patient aktiv geben soll, versagt er; z. B. im Beruf und als Lieben- 
der. Die normale Erledigung des Mammakomplexes ist in der Kindheit nur an- 
deutungsweise versucht worden, um nach der Regression vollkommen aufgege- 
ben zu werden. Seine masochistischen Aktionen geschehen unter dem Druck 
des Wiederholungszwanges, um das Trauma der Brustentziehung psychisch zu 
bewältigen. 

b) Psychogene orale Aspermie. 

Wir sind dem Symptomenkomplex des Ausbleibens der Eja- 
kulation bereits auf der urethralen und analen Stufe begegnet 
(S. 114 und 69). Es gibt auch eine oral bedingte Aspermie, die 
Verfasser dieses Buches als erster auf Grund eines halben Dut- 
zends klinischer Fälle beschrieb 2 ). 

In dieser Arbeit habe ich unter anderem auf ein Krankheitsbild aufmerk- 
sam gemacht, das folgenden Symptomenkomplex aufweist: die Patienten sind 
erektiv potent, kommen aber trotz lange fortgesetzten Friktionen beim Koitus 
nicht zur Ejakulation. Dagegen haben die Patienten Pollutionen, onanieren 
gelegentlich mit Ejakulation und kommen auch zeitweise durch manuelle Frik- 
tionen von Seiten der Frau zur Ejakulation. Das völlige Ausbleiben der Ejaku- 
lation ist lediglich und ausschliesslich auf den Koitus beschränkt. Unter Ab- 
grenzung gegen die bereits bekannte anale Form des Ausbleibens der Ejakula- 
tion und die von mir beschriebene urethrale Abart 3 ) dieser psychogenen Asper- 
mie, habe ich ein spezielles Krankheitsbild isoliert, das im wesentlichen oral 
bedingt ist. Ich nannte diese Störung «psychogene orale Aspermie». 

Als Ursache der «psychogenen oralen Aspermie» führte ich das Scheitern 
am «Mammakomplex», also an der p r ä ödipalen Bindung an die phallische Mut- 
ter an. In unserer gemeinsamen Arbeit «Der Mammakomplex des Mannes»*) 
haben Eideiberg und Verfasser gezeigt, dass die normale Erledigung des Trau- 
mas der Brustentziehung dazu führt, dass das Kind auf Grund des von Freud 
angenommenen unbewussten Wiederholungszwanges passiv Erlebtes aktiv 
wiederholt. Somit tritt an Stelle der passiven Aufnahme von Milch aktives 
Hergeben von Urin, später Sperma. Der Zweck dieser Umkehrung ist das 
psychische Bewältigen des Entwöhnungstraumas und Aufrechterhalten der ge- 
fährdeten kindlichen Allmachtsfiktion. Dabei wirkt diese in der allerersten 
Zeit erlittene Kränkung des Narzissmus durch das ganze Leben als Stimulans 
unbewus6t fort: noch im Koitus des Normalen sind Spuren dieser Einstellung 
aufzufinden. Durch Identifizierung mit der phallischen Mutter macht der koi- 

*) Siehe B e r g 1 e r , «Über obszöne Worte». Vorläufige Mitteilung in Int. 
Ztschr. f. Psychoan. 1934, Heft 1. Die Originalarheit erschien in «The Psycho- 
analytic Quarterly», 1936, H. 2. 

2 ) B e r g 1 e r , «Über einige noch nicht beschriebene Spezialformen der 
Ejakulationsstörung», Int. Ztschr. f. Psychoanalyse, 1934, bzw. in englischer 
Übersetzung Int. Journal of Psycho-Aanalysis (London) 1935. Ferner: Ergän- 
zungen zum Krankheitsbild der psychogenen oralen Aspermie». Ebendort 1937. H. 2. 

3 ) Die urethrale Form hängt mit Restanzen von Enuresis zusammen. (S. 114.V 
Bezüglich des Enuresis-Problems sei auf die später zitierten englischen Arbeiten 
(S. 119 ff. dieses Buches) und die Publikationen unseres hervorragenden Schweizer 
Kollegen Dr. H. Christoffel ausdrücklich verwiesen: «Zur Biologie der 
Enuresis», Ztschr. f. Kinderpsychiatrie, 1934, H. 1—4, und «Harntriebäusserun- 
gen, insbesondere Enuresis, Urophilie und Uropolemie», Int. Ztschr. f. Psycho- 
analyse, 1935, H. 3. 

4 ) Int. Ztschr. f. Psychoanalyse, 1933, H. 4. 

90 



tierende Mann die koitierte Frau zum Kinde 1 ), d. h. zu sich selbst in einem 
frühen Entwicklungsstadium, wobei die Ejakulation dem Milchstrahl gleich- 
gesetzt wird und den unbewussten Sinn einer «magischen Geste» erhält. Also 
noch im Koitus aktives Wiederholen des an der Mutterbrust passiv Erlebten. 
Wird diese «normale» Erledigung des «Mammakomplexes» vom Individuum nicht 
zustande gebracht, dann behält der Penis die Bedeutung der Brust, es wird der 
nicht erledigte Mammakomplex durch ein Symptom substituiert (z. B. Pseudo- 
debilität, Schreibkrampf) oder das Festhalten an der phallischen Mutterbrust 
äussert sich in einer Perversion (ausübende Homosexualität, passive Urolagnie, 
passive Koprophemie). Die Vagina ist für diese Menschen nicht simples Auf- 
nahmeorgan für Glied und Samen, sondern ein kastriertes und zugleich kastrie- 
rendes Organ: die Scheide erinnert an den eigenen Mund, dem die Brust ent- 
zogen wurde und zugleich an die eigenen Aggressionen gegen die Brust vor 
und während der Entwöhnung. Alle diese Patienten zeigen intensiven Hass 
gegen die phallisch perzipierte Mutter, orale Charakterzüge bzw. Reaktionen 
und Kompensationen, der Ödipuskomplex erreicht niemals die «normale» In- 
tensität, er fällt infolge des Dominierens der phallischen Mutterbindung quan- 
titativ schwächer aus, das Interesse für die Brust ist verdrängt, erhöhter se- 
kundärer Narzissmus und erhöhte Neigung zur Identifizierung sind bemerkbar. 
Unter Fortführung dieser Gedanken über den «Mammakomplex» meinte ich, 
dass einer der möglichen Ausgänge des Scheiterns an der präödipalen oralen 
Mutterbindung das völlige Ausbleiben der Ejakulation ist. Der Penis verwei- 
gert sich seiner normalen Funktion: aus Rache an der mit der phal- 
lischen Mutter identifizierten Frau bleibt die Ejakula- 
tion (= Milch = Urin) völlig aus. Die Patienten sollen ja bei der Eja- 
kulation psychisch gerade das tun, was ihnen von der «kastrierenden» phalli- 
schen Mutter im erwünschten Masse angeblich verweigert worden war: eine 
Flüssigkeit aus der Brust (= Penis) in den Mund (= Vagina) fliessen lassen. 

Einige Krankengeschichten sollen diese These belegen: 

Fall 1. Ein 27jähriger Patient — ein Erröter — suchte die Analyse we- 
gen seiner vollkommenen Unfähigkeit, Beziehungen zu Frauen zu finden, auf. 
Patient hat niemals einen Koitusversuch gemacht, onanierte nicht, ein 
Afterjucken mit Hämorrhoidalverdacht und konsekutivem «Kratzen» erwies 
sich bald als anales Onanieäquivalent; er war genital scheinbar desinteressiert 
und kränkte sich im wesentlichen narzisstisch über sein Nicht-in-Beziehung- 
treten-können zum weiblichen Geschlecht. Er hatte aber von Zeit zu Zeit 
Pollutionen; Erektionen bekam er lediglich, wenn eine Mutter ihr Kind 
prügelte. Seine Tagträume waren entweder Schlagephantasien oder sehr son- 
derbare militärische Phantasien, wobei ein junger Leutnant an der Spitze 
seines Zuges aus einem Schützengraben vorstürmte, um den an der Waldlisiere 
befindlichen Gegner aus seinen Schützengräben zu vertreiben. Es zeigte sich, 

x ) In «Übertragung und Liebe» (Imago 1934, H. 1) gehen J e k e 1 s und 
B e r g 1 e r einen Schritt weiter und behaupten den zutiefst narzissti- 
schen Charakter des Koitus. Der auf der Objektbeziehung liegende 
Nachdruck erscheine nicht endgültig entscheidend, zumal ja auf dem Wege der 
Identifizierung mit dem Objekt die eigene Säuglingssituation wiedergefunden 
wird. Das Geliebtwerdenwollen sei auf das Nichtgetrenntseinwollen von der 
ewig fliessenden Mutterbrust zurückzuführen. Bloss, dass diese Sehnsucht nicht 
dem Objekt — der Brust der Mutter — ■ gilt, vielmehr einen narzissti- 
schen Restitutionsversuch darstellt, denn sie gilt der Brust, wie 
sie noch als Teil des eigenen Ichs perzipiert wurde. Dieser «Kardinalirrtum 
des Säuglings» über die Zugehörigkeit der spendenden Brust führt nach J e - 
k e 1 s und Bergler zu den narzisstischen Restitutionsversuchen im Vorgang 
der Objektbesetzung und Liehe. Bezüglich der Verbindung des zärtlichen und 
sinnlichen Anteils der Liebe siehe die zitierte Arbeit, S. 25 ff. 

91 



dass diese «militärischen» Phantasien eine maritime Vorstufe hatten: als Kind 
hatte er Tegetthof-Phantasien, wobei immer wieder das Meer eine entschei- 
dende Rolle spielte. 

Die Analyse des Patienten war ungemein kompliziert und langwierig. Sie 
deckte vorerst die passiv-feminin-homosexuellen Komponenten auf, über die 
Patient sehr erstaunt, ja erschüttert war und zeigte ihm seine weibliche Identi- 
fizierung, die sich im Geschlagenwerdenwollen ausdrückte. Er identifizierte 
sich in seinen Schlagephantasien in oberflächlicher Schicht mit dem geschlage- 
nen Kind, in tieferer mit der schlagenden Mutter. Die Analyse seines Ödipus- 
komplexes ergab ein Hervortreten der sadistischen Komponente, wobei die 
Theorie, der Frau werde etwas Schreckliches angetan, im Zentrum stand. Das 
Prügeln war bereits eine sehr gemilderte und abgeschwächte Form der ur- 
sprünglichen sadistischen Vorstellung. Seine Passivität äusserte sich nicht bloss 
der Mutter gegenüber: eine 7 Jahre jüngere Schwester beherrschte ihn voll- 
ständig war der leitende Teil in einem Geschäft, das nominell dem Patienten 
gehörte in welchem aber seine Schwester unumschränkte Herrin war. Seine 
Passivität war in Verbindung mit der Einstellung des Erduldenwollens, 
wobei Schuldgefühle und primärer Masochismus zur Erledigung kamen. Er 
hatte sich durch diese in praxi masochistische Einstellung geschäftlich beinahe 
ruiniert: kaufte z. B. ein sinnlos grosses Warenlager ein, war auf ständiger 
Suche nach Geld, um seine selbstarrangierten Geldschwierigkeiten zu lösen 
usw. Er erlebte also ein gutes Stück Angstlust und Bestraftwerdenwollen in 
seiner geschäftlichen Tätigkeit. 

Nun war aber diese Passivität zum Teil sekundär. Seine innere Ag- 
gression war — unter dem Druck der Kastrationsangst — verdrängt worden 
und wurde zum Teil wieder hergestellt. Auch seine Erröterangst erwies sich in 
oberflächlicher Schicht — wie gewöhnlich — als eine Strafe provozierende 
Erektionsverschiebung vom Genitale aufs Gesicht, wobei exhibitionistische und 
aggressive Motive eine Rolle spielten. Als Pat. nach langer Analyse den Weg 
zum Weibe fand, war er sehr aggressiv. Es erfolgte aus Angst vor der eigenen 
Aggression (er schlug die Partnerin auf Gesicht, Arme und Gesäss, biss sie in 
den Arm usw.) ein neuerlicher Rückfall, nach dessen Überwindung sich län- 
gere Zeit folgende Situation stabilisierte: Patient war erektil vollkommen po- 
tent, verkehrte häufig, war vor dem Koitus bei Vorlustakten aggressiv (das 
Schlagen war etwas zurückgetreten), aber er ejakulierte nicht. Man wäre 
im ersten Augenblick geneigt, etwa eine organische Störung anzunehmen. 
Diese Annahme wurde durch folgendes widerlegt: Es ist wiederholt vorgekom- 
men, dass Patient nach einem ejakulationslosenKoitus, die 
Nacht bei seiner Freundin verbringend, eine kräftige Pollution hatte. Also 
fehlte lediglich die Verbindung zwischen Ejakulation und genitalem Objekt. 

Ein Zugang zu seiner Ejakulationsstörung wurde durch die Analyse seiner 
oralen Triebkomponenten ermöglicht. Aufgefallen war mir die Angabe des 
Patienten, dass er während des Koitus plötzlich eine starke Speichel- 
absonderung bekam. Das Symptom wiederholte sich regelmässig, konnte 
genauer studiert werden und ergab, dass es einen oralen Ersatz der 
Ejakulation darstellte 1 ). Die genitale Ejakulationsstörung erwies sich 

*) Bezüglich der Beziehungen zwischen Todestrieb und Ejakula- 
tion sei auf das Kapitel «Die Angst des Mannes vor der Frau» der Arbeit 
von B e r g 1 e r und E i d e 1 b e r g , «Der Mammakomplex des Mannes» (Int. 
Ztschr. f. Psychoan. 1933, H. 4), verwiesen. Es heisst dort: «. . . gestatten die 
Vermutung, dass auch beim Gesunden Angst vor der Frau vorhanden ist und 
erst der gelungene Koitus, offenbar dadurch, dass damit die gefürchtete Situa- 
tion aufgesucht und ohne Schaden verlassen wurde, diese Angst löst. F e r e n- 
c z i («Versuch einer Genitaltheorie», S. 43) sagt: «. . . man könnte meinen, dass 
der Geschlechtsakt als Tendenz zur vollen Loslösung des Genitales, also als 
eine Art Selbstkastrationsakt beginnt, dann aber sich mit der Los- 

92 



im wesentlichen als Rache an der Mutter: Patient wollte von der Frau «et- 
was bekommen» und sollte in der Realität «etwas hergeben». Un- 
bewusst f asste der Patient die Vagina als Mund, seinen Penis als 
Brust (= mütterlicher Phallus) auf. Er sollte also gerade das tun, was ihm 
von der kastrierenden phallischen Mutter verweigert wurde: eine Flüssigkeit 
aus der Brust in den Mund fliesseu lassen. Da ergab sich aus unbewuss- 
ter Rache die Störung der Ejakulationsverweigerung. Worauf sich dieses 
«etwas bekommen» bezog, zeigte folgender Traum aus einem sehr fortge- 
schrittenen Analysestadium.' 

«Meine Mutter sagt, ich möge ihr ein Butterbrot besorgen. Ich gehe 
in die Drogerie und während meiner Ansicht nach das Butterbrot gestri- 
chen wird, setze ich mich zum Eingang und spiele mit zwei Buben, denen 
ich Nasenstüber versetze. Einem hinzukommenden Mädel tue ich desglei- 
chen, aber mit weniger Begeisterung. Dann gehe ich zum Ladentisch und 
sehe, dass ein Butterbrot in nicht sehr appetitlicher Weise gestrichen 
wird, das aber dann nicht für mich bestimmt ist. Empört gehe ich weg 
und suche das Milchgeschäft hinter der Markthalle, finde zwar ein 
grosses Schirm-, aber kein Milchgeschäft. Ich komme dann zu einer 
Planke auf einem Bauplatz, auf der steht «Milchgeschäft par- 
terre». Ich entschliesse mich aber nicht dazu, hinaufzugehen.» 

Ohne auf die komplizierte Detaildeutung einzugehen, sei auf die Kombi- 
nation von Elementen aller drei Sexualstufen in diesem Traume hingewiesen, 
mit besonderer Betonung der analen (zu Drogerie fiel dem Patienten die 
amerikanische Bezeichnung «drug störe» ein, nach dem Wortklang: Dreck!) 
und der oralen Wünsche. Zutiefst erfüllt sich Patient den Wunsch nach dem 
«Milchgeschäft», d.h. der mütterlichen Brust, die unbewusst als 
mütterlicher Phallus perzipiert wird. 

Patient erwies sich als ein Mensch, der am «Mammakomplex», d. h. am Sta- 
dium der präödipalen Mutterbindung gescheitert war. 

Nun ergab sich weiteres orales Material, das den tiefen unbewussten Hass 
gegen die Mutter erst verständlich machte: Patient erinnerte sich plötzlich 
einer Erzählung seiner Mutter, dass sie mit ihm die grössten Schwierigkeiten 
bei der Entwöhnung gehabt hatte. Er wollte überhaupt nicht 
von der Brust- zur Flaschennahrung übergehen und ver- 
weigerte einige Tage die Nahrungsaufnahme. Es wurde für den Patienten ein 
eigenes Gefäss mit einem langen gläsernen Ausfluss angeschafft, da er die 
Flasche mit dem Gummilutscher verweigerte. Somit Hessen sich die tiefsten 
oralen Ursachen seiner Ejakulationsstörung bis ins Säuglingsalter zurückver- 
folgen. 

In der zitierten Arbeit «Der Mammakomplex des Mannes» haben B e r g 1 e r 
und Eideiberg die Vermutung ausgesprochen, dass das Kind im eigenen 
Penis einen Ersatz für die verlorene Mutterbrust entdeckt und nun auf Grund 
des unbewussten Wiederholungszwanges aktiv wiederholt, was es passiv er- 
lebte, wobei der Zweck des Vorgangs der Versuch ist, das Entwöhnungstrauma 
psychisch zu bewältigen. An Stelle der passiven Aufnahme von Muttermilch ist 



lösung des Sekretes begnügt.» Der gesunde Mann hat die genitale Stufe er- 
reicht, hier bedeutet Vagina nur ein Organ, das seinen Samen aufnimmt. Durch 
Verzicht auf den Samen hat er sozusagen den Penis gerettet. Hier hat der vom 
Todestrieb stammende Anteil des Triebgemisches bereits eine so weitgehende 
Änderung erfahren, dass seine Befriedigung ohne Gefahr für das Individuum 
stattfinden kann. Nur der Neurotiker glaubt, dass der Samenverlust schädlich 
ist, weil er an der Gleichheit von Penis und Samen festhält. — Auch sei dar- 
an erinnert, dass die Angst des Patienten vor den eigenen oralen 
Aggressionen gegen den Brustpenis in dieser Ejakulationsstörung mit- 
enthalten war. 

93 



das Kind durch die psychische Besitzergreifung des Penis zum aktiven Spen- 
der von Urin (= Milch) geworden. Bei den am Mammakomplex Gescheiterten 
ist dieser Übergang nicht gelungen. 

In Ergänzung der zitierten Auffassungen ist Verf. der Meinung, d a s s 
einer der möglichen Ausgänge des Scheiterns am Mamma- 
komplex das völlige Ausbleiben der Ejakulation dar- 
stellt. Der Penis verweigert sich seiner normalen Funk- 
tion; aus Rache an der Frau bleibt die Ejakulation (= 
Milch = Urin) völlig aus. Wie immer bei den am Mammakomplex Ge- 
scheiterten verhinderten die Restanzen aus dem Mammakomplex die «normale» 
Ausbildung des Ödipuskomplexes (der viel schwächer ausfällt) und bewirkten 
das Festhalten an der unbewussten Vorstellung der kastrierenden phallischen 
Mutter, wobei diese orale Kastration (Brustentziehung) die tiefste Ursache für 
den Hass gegen die Mutter ausmachte. 

Patient selbst behauptete, niemals Bettnässer gewesen zu sein, dagegen 
war die Mutter des Patienten — eine wortreiche Hysterica — in ihrer Kind- 
heit Enuretikerin. Es ist also anzunehmen, dass sie es mit der «Sphinkter- 
moral» ihres Kindes sehr ernst nahm. Hier ergaben sich also Kombinationen 
mit der früher erwähnten urethralen Form der Ejakulationsstörung. 

Eine Bestätigung dieser Annahmen ergab folgende Fehlleistung des Pa- 
tienten in einem späten Stadium der Analyse: als Patient für seine Freundin 
Tee kochte, schüttete er «aus Versehen» den ganzen Inhalt der Teekanne auf 
ihren Schoss. Dazu passt folgender Traum: 

Patient ist auf einer Terrasse und gurgelt, das Wasser wird über die 
Treppen gegossen. Ein Herr ist wütend über den «Frevel». 

Nach einiger Zeit verwandelte sich das Beissen beim Koitus in ein Sau- 
gen an der Schulter der Partnerin. Der Speichelfluss beim Koitus er- 
wies sich unter anderem als «magische Geste», die anzeigen sollte, was Patient 
tiefst wünschte: als Säugling an der Mutterbrust zu saugen. 
(Sein Interesse für die weibliche Brust war lange Zeit vollkommen verdrängt.) 
Zugleich war aber dieser Speichelfluss ein Zeichen seiner «Autarkie»: da 
er ihn selbst produzierte und selbst verschluckte, bedeutete dies auch einen 
Hinweis auf die Überflüssigkeit der Mutterbrust und ein Zei- 
chen, dass er unabhängig von der Mutter sei. Ferner war der Speichelfluss 
auch ein Zeichen der Verachtung der Mutter im Sinne von Ausspucken. Dass 
er aber nicht ausspuckte, ja die Fähigkeit, zu erbrechen, nach seinen An- 
gaben, seit der Pubertät überhaupt nicht hatte, beweist den tiefen Wunsch 
des Zurückhaltens, der oral und anal bedingt war. Als amüsantes, bestätigen- 
des Detail erwies sich die Tatsache, dass die beste Kundschaft des Patienten, 
um die er sich jahrelang bemühte, die — Feuerwehr (!) war. Vgl. dazu seine 
maritimen Einschlafphantasien. 

Infolge geschäftlicher Schwierigkeiten musste Patient die Analyse abbre- 
chen und ich bezweifelte, ob die bisher geleistete Arbeit genügen werde, umso- 
mehr, als ich die Heilung einer so tiefgehenden Störung für kaum möglich 
hielt. Diese Skepsis erwies sich als unbegründet; der Patient, der mich nach 
Abbruch der Analyse erst einmal wöchentlich, dann einmal monatlich auf- 
suchte, berichtete in der Folgezeit, dass er ejakuliere. Doch handelte es sich, 
wie er ironisch hinzufügte, erst um eine «taubstumme Ejakulation 
minus Orgasmus». Patient meinte damit die sonderbare Tatsache, dass 
er beim Koitus ejakuliere, aber weder die Ejakulation 
fühle, noch Orgasmus empfinde. Von der erfolgten Ejakulation 
könne er sich nur nachträglich optisch durch das vorhandene Ejakulat bzw. 
durch Angaben der Partnerin überzeugen. Das «erste Samengefühl» sei merk- 
bar, nicht aber das zweite, mit unwillkürlichen Muskelkontraktionen verbun- 
dene. Nach Angabe der Partnerin erfolge die Ejakulation stossweise. Patient 
verglich seinen Zustand mit folgendem Bild: «Stellen Sie sich vor, Sie fühlen 

94 



vor dem Urinieren im Klosett die Völle der Blase — dann fühlen Sie beim 
Urinieren nichts — und sehen zuletzt in der Schüssel den abgeflossenen Urin. 
Lediglich aus dem Vorhandensein des Urins schliessen Sie, dass Sie uriniert 
haben müssen, ohne dass Sie es gefühlt haben. Das einzige, was Sie empfin- 
den, ist vor dem Urinieren ein Gefühl der Völle in der Blase, nachher ein 
Gefühl der indifferenten Entspannung.» 

Diese Phase der «nicht perzipierten Ejakulation», über die ich ausseror- 
dentlich frappiert war, wurde von mir anfänglich als hysterisches Nicht-zur- 
Kenntnis-nehmen bzw. Verleugnen des oralen «Hergebens» gedeutet. Ich nahm 
erst an, dass der frühere Zustand der völligen Aspermie infolge der analyti- 
schen Arbeit für den unbewussten Anteil des Ichs des Patienten nicht mehr 
haltbar sei, dieser aber die Ejakulation doch noch nicht hergeben könne. Als 
Zwischenstadium schalte sich die «nichtperzipierte Ejakulation» ein. Doch war 
diese Phase mit den bisherigen Deutungen nicht erklärbar, sie wurde mir erst 
aus Erfahrungen, die ich bei einem andern Patienten machte, verständlich. Um 
es vorwegzunehmen: es handelte sich um die unbewusste Hemmung der 
eigenen Aggression, wobei die Ejakulation einem Töten, 
einem Zersprengen der Frau und einem Z e r s p r e n g t w e r - 
den gleichgesetzt wurde. Diese Deutung bewirkte nach einigen Mo- 
naten, dass Patient langsam zum Fühlen der Ejakulation und zum normalen 
Orgasmus kam. Derzeit ist Patient — mit Ausnahme von aktiven, mehr oder 
weniger larvierten sadistischen Schlagepraktiken, die er an der Partnerin exe- 
kutiert — praktisch gesund. 

Fall 2. Die Erfahrung, welche überragende Rolle die Phantasie 
vom Zersprengen und Zersprengtwerden bei dieser Ejakula- 
tionsstörung spielt, wurde an folgendem Fall gewonnen: Ein bedeutender Ana- 
lytiker, der meine Arbeit über Ejakulationsstörungen gelesen hatte, wies mir, 
als er aus äusseren Gründen die Analyse unterbrechen musste, einen 34jährigen 
Mann zu, den er seit 3 Jahren behandelt hatte. Der Patient war zu Beginn der 
Analyse beim Kollegen 4 Jahre verheiratet gewesen, ohne die Frau — von 
einigen misslungenen Koitusversuchen abgesehen — sexuell auch nur berührt 
zu haben. Der Koitus scheiterte an der erektiven Potenzstörung des Patienten 
und dem sexuellen Desinteressement und der Abwehr der Frau. Nach vier 
Jahren entschloss sich Patient zur Analyse, weil beide Eheteile zwar nicht koi- 
tieren, wohl aber ein Kind zeugen wollten. Die Analyse deckte nach Angabe 
des Kollegen vorerst die ödipusbindung und konsekutiven Kastrationsängste 
des Patienten auf und führte bereits nach 6 Monaten zum Auftreten der 
erektiven Potenz, die Patient zur Defloration der Frau und einigen 
wenigen Koitusversuchen «pflichthalber» ausnützte, doch trat dabei regelmässig 
völliges Ausbleiben der Ejakulation auf. Auch verflachte der 
an und für sich geringe Antrieb zum Koitus vollkommen, so dass Patient vom 
siebenten Monat der Kur bis zum Ende des dritten Jahres nicht mehr koitierte. 
Trotz zweieinhalbjährigem Durcharbeiten «versandete» die Analyse nach In- 
formation des Kollegen aus nicht durchsichtigen Gründen, der Kollege vermu- 
tete auf Grund meiner Arbeit eine orale Genese der Ejakulationsstörung und 
deutete dem Patienten dies auch in den letzten Ordinationen vor Abbruch der 
Kur an. 

Die Fortsetzung der Kur bei mir bestätigte diese Annahme weitgehend: 
der orale Hass gegen die präödipale Mutter stand im Vordergrund. Dies er- 
klärte übrigens auch, weshalb schon nach 6 Monaten der Analyse beim Kolle- 
gen ein Teilerfolg zu verzeichnen war: der phallische Teil der Potenzstörung 
wurde durch korrekte Deutung und Durcharbeiten des Ödipuskomplexes besei- 
tigt. Natürlich konnte die Deutung der phallischen und analen Anteile des 
Ödipuskomplexes die dahinterliegenden oralen Bindungen der Präödipalzeit 
nicht lockern. Das Aufzeigen des «Mammakomplexes» machte auf den Patienten 
starken intellektuellen Eindruck, doch schüttelte er diesen Eindruck sehr bald 

95 



ab und schob geschickt die Ödipusdeutung des Kollegen gegen meine Deutung 
der Oralität vor, so einen gar nicht vorhandenen Gegensatz konstruierend, wo 
bloss schichtenweise übereinandergelagertes Material vorlag. Dieser erbitterte 
Widerstand des Patienten gegen die Deutung der Oralität war seihst ihm ver- 
dächtig, der in seinen Argumenten stets auf den Ödipuskomplex rekurrierte, 
denselben Komplex, über den er sich lustig machte, da er ihm, trotz dreijähri- 
ger analytischer Deutung — wie Patient ironisch sagte — nichts anhaben 
konnte. Ein Beispiel eines Traumes aus dieser Phase möge sein Verhalten 
illustrieren: 

Patient fährt mit seiner Frau in der Elektrischen. Plötzlich ertönt Ge- 
schrei eines Extraausgaben-Verkäufers, Patient steigt aus, kauft ein Exemplar, 
wirft es wütend weg, da lauter belangloses Zeug drinsteht. Patient will weiter- 
fahren, der Chauffeur des Autos, in das Patient einsteigt, fährt ihn immer wie- 
der statt zu meiner Wohnung in die entgegengesetzte Richtung . . . Nachtrag 
des Patienten: die Stelle, an welcher Patient aussteigt, war dieselbe, an der 
seinerzeit der Onkel des Patienten tötlich verunglückte. 

Der Extraausgaben-Verkäufer ist eine höhnende Darstellung des zweiten 
Analytikers: der Patient hatte Kenntnis von meiner Publikation, die die Ur- 
sache gewesen war, dass sein erster Analytiker ihn an mich gewiesen hatte. 
Die Behauptungen der Publikation ironisiert und nullifiziert er durch Hinweis 
auf den Ödipuskomplex: Patient steigt ja an der Stelle aus, wo der Bruder des 
Vaters starb. Das ironische Memento an mich lautet: kümmern Sie sich lieber 
um meine krankmachenden Todeswünsche gegen den Onkel und nicht um die 
dummen «Neuentdeckungen», hinter denen so wenig steckt, wie bei einer 
schwindelhaften Extraausgabe, die nur den Zweck verfolgt, den Leuten das 
Geld aus der Tasche zu locken. Doch scheinen die Gewissensvorwürfe dem 
Patienten immerhin vorzuhalten, dass er sich aus Widerstand von der Analyse 
drücken will, denn er entkräftet diese mit dem Hinweis, dass er mit der Frau 
koitieren will (gemeinsame Fahrt in der Elektrischen) und mit dem ironischen 
Acquit: ich kann ja nichts dafür, dass der Chauffeur (= Arzt) stets in der 
falschen Richtung fährt. Also ist der Analytiker durch Beharren auf unwichti- 
gen Deutungen und nicht der Patient an dem vom Patienten erwarteten Miss- 
erfolg der zweiten Analyse schuld. So gelingt es dem Patienten, den Gewis- 
sensvorwurf: «Du willst die Analyse wegen der oralen Deutungen verlassen», 
zu entkräften und den Es-Wunsch: Flucht aus der Analyse, d.h. Beibehalten 
der infantilen oralen Rachewünsche, zu erfüllen — ein gelungener Wunsch- 
traum 1 ). 

Ver — w je Verfasser — die Erfahrung gemacht hat und immer von 
neuem in Analysen bestätigt fand, dass der «Tagesrest» neben der Maskierung 
unbewusster Wünsche vor der Traumzensur auch den jeweiligen unbewussten 
Gewissensvorwurf repräsentiert, demnach eine Doppelfunktion erfüllen muss, der 
wird durch zwei scheinbar banale Elemente dieses Traumes stutzig gemacht: 
durch die Elemente «Auto» und die «bestimmte Stelle», an der Patient aus- 
stieg. Es war anzunehmen, dass dabei ein latenter Gewissensvorwurf verbor- 
gen sei, da es auffällig schien, dass Patient sich so offen zu seinen Mordwün- 
schen gegen den Onkel bekannte, auch wenn man die Ablenkungstendenz in 



*) Ich gehe auf die Details der «Zweigeleisigkeit des Traumes» nicht ein 
und verweise auf den Luzerner Kongressvortrag «Triebdualismus im Traum» 
von J e k e 1 s und Verfasser (Imago 1934, H. 4). Ebendort die theoretische 
Begründung für die Behauptung, wonach der «Tagesrest» nicht bloss der Mas- 
kierung unbewusster Wünsche vor der Traumzensur dient, sondern auch in di- 
rekter oder symbolischer Form den jeweiligen unbewussten Gewissensvorwurf 
darstellt. Im oben zitierten Traum entsprechen alle Tagesreste unbewussten Ge- 
wissensvorwürfen, so z.B. das reale Erlebnis mit einem Extraausgaben-Ver- 
käufer: es stellt im Traume den Gewissensvorwurf der von mir gedeuteten 
oralen Aggression dar. 

96 



Abrechnung stellt. «Qui s'accuse, s'excuse»: Diese Erfahrung aus allen «auf- 
richtigen» Bekenntnisbüchern 1 ) war auch hier anwendbar. Tatsächlich enthielt 
das Element «Auto» einen allerschwersten Gewissensvorwurf gegen das Ich 
des Patienten. Es stellte sich nämlich in der Analyse bei mir schon nach kur- 
zer Zeit sehr zur Überraschung des Patienten heraus, dass die Übertragung des 
Patienten in der ersten Analyse keineswegs — wie es auf den ersten Blick 
schien — durchaus eine Vaterübertragung darstellte. Patient projizierte 
auf den ersten Arzt in den drei Jahren seiner Behandlung im wesentlichen 
seine unbewusste Phantasie von der bösen phallischen Mutter, die 
er, wie dies für die «oralen Pessimisten» typisch ist, in grandiosester Weise 
ins Unrecht setzte, wobei er aus jedem erlittenen, d. h. phantasierten 
Unrecht das Recht zu neuen Aggressionen ableitete, derart einen «circulus 
vitiosus» herstellend. Patient hatte beim Kollegen die Ordination um 3 Ai8 Uhr 
morgens trotz anfänglicher Abwehr des Kollegen mit der Begründung er- 
zwungen, dass dies seine einzige Freizeit darstelle. Mit dieser Morgenstunde 
quälte er den Arzt, der seinetwegen überflüssigerweise früh aufstehen musste, 
kam aber selbst regelmässig zu spät, welches letztere ihm der Kollege stets 
als Widerstand deutete. Dabei leistete sich Patient jedesmal ein Auto, «weil 
es schon so spät war», obwohl die Entfernung zwischen der Wohnung des 
Patienten und der des Arztes so gering war, dass er unter anderen Umständen 
niemals die Kosten einer Fahrt im Taxi auf sich genommen hätte. In keiner 
der beinahe 700 Ordinationen erwähnte er diesen Tat- 
bestand und Hess sich ruhig vom Kollegen den Widerstand, der sich im 
Zuspätkommen manifestierte, aufzeigen. Der Sinn dieser Handlungsweise war 
— neben Rache am Analytiker, den er aus dem Schlaf riss und Aggression des 
«Wartenlassens» als Umkehrung der Kindheitssituation mit der Mutter — ein 
raffiniertes Ins-Unrechtsetzen des Arztes nach der Formel: ich opfere für dich 
Geld (Taxi) als Liebesbeweis und du machst mir noch Vorwürfe, statt mich 
zu loben und zu lieben. Also — so lautete der Nachsatz dieser unbewussten 
Überlegung — darf ich aggressiv sein. Der «Trick» bestand eben darin, dass 
der Analytiker in Unkenntnis der Taxiausgabe dem Patienten einen Lie- 
besbeweis stets als Widerstand deutete, ein Qui-pro-quo, das vom 
Patienten selbst konstruiert war durch Verschweigen von Material! 2 ) 

Ferner enthielt das Element «Auto» noch folgende Determinanten: der 
erste — damals noch nicht deutbare — Traum in der Analyse beim Kollegen 
enthielt schon die programmatische Erklärung, er werde den Arzt an der Nase 
herumführen, welche Absicht durch ein Kreuz- und Querfahren im Auto sym- 
bolisiert war. Darüber hinaus spielte das Auto überhaupt im Denken und Füh- 
len des Patienten eine überragende Rolle: er war begeisterter Autofahrer und 



*) Heinrich Heine macht sich z.B. in seinen «Geständnissen» über alle 
Geständnisse in Buchform lustig und sagt über Rousseau: «So bin ich über- 
zeugt, Jean Jacques hat das Band nicht gestohlen, das einer unschuldig ange- 
klagten und fortgejagten Kammerjungfer Ehre und Dienst kostete ... Er hat 
vielleicht eines anderen Vergehens sich schuldig gemacht, aber es war kein 
Diebstahl . . . Auch hat er seine Kinder nicht ins Findelhaus geschickt, sondern 
nur die Kinder von Mademoiselle Therese Levasseur. Schon vor dreissig Jahren 
machte mich einer der grössten deutschen Psychologen auf eine Stelle der 
Konfessionen aufmerksam, woraus bestimmt zu deduzieren war, dass Rousseau 
nicht der Vater jener Kinder sein konnte; der eitle Brummbär wollte sich 
lieber für einen barbarischen Vater ausgeben, als dass er den Verdacht ertrüge, 
aller Vaterschaft unfähig gewesen zu sein . . .» (Heines Werke, Ausg. Bong, 
Bd. XV, S.22). 

ä ) Auf meine Frage, weshalb Patient niemals dies Zuspätkommen aufge- 
klärt hatte, musste er frappiert zugeben, es sei sonderbar, dass ihm diese Ent- 
schuldigung nie eingefallen sei. Er hätte nichts absichtlich verschwiegen. 

7 Die psychische Impotenz des Mannes. 97 



bezeichnete das Chauffieren als eine der wenigen Sachen, die er «fehlerlos 
beherrsche». Wenn ihm seine Verwandten ihr Auto zur Verfügung stellten, 
verblüffte er durch seine Sicherheit. Es war dies eine der wenigen «aggressi- 
ven» Handlungen, die sich Patient gerade wegen ihrer Unkenntlichkeit bewusst 
gestattete. 

Die weitere Analyse bestätigte die Annahme vom Wiederholen der Be- 
ziehung zur bösen sadistischen Mutter der Präödipalzeit in der Übertragung in 
hohem Masse. So erinnerte sich Patient plötzlich, der erste Arzt sei ihm so wie 
eine Spinne vorgekommen, die hinter ihm sitze 1 ) und auf alles «lauere», was 
er sage, obwohl ihm der Arzt bewusst verehrungswürdig und eher sympathisch 
war. Auf die Frage, ob er diesen Eindruck dem Kollegen jemals mitgeteilt 
habe, verneinte Patient und gab als Erklärung an, dieser Eindruck sei ihm erst 
in der zweiten Analyse so recht bewusst geworden, da ich mit ihm viel mehr 
spreche 2 ) als der Kollege, so dass diese Impression seltener auftrete. 

Das Gefühl von der «fressenden Spinne» (die Spinnenweibchen fressen 
post coitum das Männchen!) war für die unbewusste Gesamtbeziehung des Pa- 
tienten zum Weibe vorbildlich. Die Rekonstruktion der Infantilzeit ergab, dass 
die Mutter des Patienten von diesem als eine aggressive, zänkische, dabei stets 
Liebe und Interesse fordernde Frau empfunden wurde, während der Vater ein 
ruhiger, schwächlicher, unter dem Pantoffel der Frau stehender Mann war ). 
Dieser Mutter, mit der Patient in späteren Jahren erbitterte Konflikte wegen 
ihrer unmässigen Forderungen des Geliebt- und Beachtetwerdens auskämpfte 

— so forderte z.B. die Mutter, dass die erwachsenen, abgesondert wohnenden 
Kinder täglich einen längeren Besuch abstatteten, wobei die Frau alle realen 
Verhinderungen, wie z.B. Berufstätigkeit, empört als Ausreden brandmarkte 

— war Patient in früher Kindheit angeblich sehr zugetan. In Wirklichkeit mu- 
tete er ihr alles Böse zu. Als z. B. ein im Hause lebender und an Kindesstatt 
angenommener Cousin bei einer Bergtour abstürzte und die Mutter einige Zeit 
später in anderem Zusammenhang tadelte, dass weder Patient, noch seine 
Schwester sich touristisch betätigten, dachte Patient: «Natürlich, sie will, dass 
ich auch abstürze, nur um mit dem Sportgeist der Kinder prahlen zu können.» 
Dabei empfand Patient offenbar auch Schuldgefühle wegen seiner eigenen un- 
bewussten Aggression der Mutter gegenüber, die sich allerdings bis zur Puber- 
tät offen kaum manifestierte, wie folgende Erinnerung ergab: Zur Zeit der 
Lebensmittelknappheit während des Krieges wurde bei einer Mahlzeit * leisen 
aufgetragen. Die Mutter verteilt das Fleisch und Patient hat den Eindruck, dass 

») Im zitierten Traum liegt eine Umkehrung dieser Situation vor: Patient 
sitzt rückwärts und dirigiert den Chauffeur. Andererseits sind dabei auch un- 
bewusste homosexuelle Elemente enthalten. Endlich stellen sowohl der Chauf- 
feur wie der Fahrgast Teilstücke der Persönlichkeit des Träumers dar. 

2 ) Ich habe wiederholt darauf aufmerksam gemacht, dass der Zugang zu 
den meisten oral regredierten Neurotikern in der Analyse über das «Geben» 
von Worten geht, welch letzteres vom Patienten unbewusst als Äquivalent von 
Milch angesehen wird. Die korrekte analytische Technik ist bei diesen Patien- 
ten erst in späteren Phasen der Kur anwendbar. Siehe meine Arbeiten «Zur 
Problematik der Pseudodebilität» (Int. Ztschr. f. Psychoanalyse 1932) und 
«Über die Widerstandssituation: der Patient schweigt». (Erscheint in Ine 
Psychoanalytic Review.) 

3) Es ist auffallend, wie häufig diese Familienkonstellation bei oral re- 
gredierenden Patienten aufgefunden wird. Doch ist sie keineswegs Vorbedin- 
gung, da es bei der Perzeption der Eigenschaften der Eltern bekanntlich viel- 
fach um Projektionsmechanismen eigener Wünsche und Aggressionen des Kin- 
des handelt. 

98 



seine Portion «ungerechterweise» 1 ) zu klein ist und sieht hegehrlich auf den 
Teller der Mutter. Die Mutter missversteht aber diesen Blick, meint, Patient 
sei besorgt, dass für sie nichts übriggeblieben sei und sagt: «Kümmere dich 
nicht um mich, ich habe genug». Dabei empfand Patient «das grösste Schuld- 
gefühl seines Lebens». Diese Szene ist bezeichnend, ebenso die Tatsache, dass 
der Konfliktstoff — oral war. 

Es ist in einer knappen Schilderung nicht einfach, den Eindruck wieder- 
zugeben, den Patient schon äusserlich machte. Am ehesten würde ich ihn noch 
mit einem Eisblock vergleichen. Vom Patienten strömte eine sonderbare Un- 
beteiligtheit, ja Kälte aus, er war ein schweigsamer, eher mürrischer, sehr kor- 
rekter, ganz unzugänglicher Mensch, der durch seine «Ruhe» die Umgebung 
zur Verzweiflung brachte. «Wo andere Menschen explodieren, bleibst du ru- 
hig», pflegte die Frau des Patienten zu sagen, die diese Ruhe missverstand, 
die dahinter verborgene Aggression nicht sah und ihre Meinung über den Pa- 
tienten in die Worte zusammenfasste: «Mit dir kann man nicht reden.» 

In oberflächlicher Schicht war die «Ruhe» des Patienten vorerst eine 
Identifizierung mit dem ruhigen, ganz auf Sachlichkeit eingestellten Vater, 
allerdings mehr eine Art Verzerrung und Karikatur dieser Sachlichkeit. Inter- 
essanterweise behielt Patient nach der oralen Regression diese Haltung bei, 
wahrscheinlich weil sie zur Darstellung seiner oralen Rache und des gleichzei- 
tigen scheinbaren Nicht-gerührt-seins sich so gut eignete. Die äusseren Merk- 
male der Identifizierung der phallischen Stufe hatten also nach der Regres- 
sion einen ganz anderen Sinn, als vor der Regression. Dieses Doppelbild er- 
klärte auch, weshalb der Patient so schwer durchschaubar war und in der 
ganzen ersten Analyse mehr als passiv-femininer, ünbewusst homosexueller 
Typus galt 2 ), der Abwehrmechanismen dieser Stufe produzierte. 

Der Charakter des Patienten war — wie dies für alle oral regredieren- 
den Männer typisch ist — von folgenden Zügen beherrscht: 

1. Festhalten der «Autarkischen Fiktion» 3 ): reaktives 
und trotziges Streben nach alimentärer und sonstiger Unabhängigkeit als Folge 
der Enttäuschung an der phallischen Mutter. 

2. Unfähigkeit zu den normalen Restitutionsversuchen des lädierten 
Grössenwahns in Form von normaler Objektbesetzung und Liebe: 
die einzige Beziehung zum Weibe besteht in unbewusstem aggressivem 
Ins-Unrechtsetzen, d. h. Rache an der Mutter, und in unbewuss- 
tem masochistischem Geniessen des Nichtgeliebtwerdens. Sekun- 
där wird diese Beziehung auf alle Menschen übertragen ohne Unterschied des 
Geschlechts. 



*) Dieses «ungerechterweise» war für den Patienten typisch. Die Formel 
seiner Beziehungen zur Umwelt war: «Mir geschieht Unrecht», die Konsequenz: 
«Also darf ich aggressiv sein». Natürlich konstruierte Patient ünbewusst selbst 
diese «Ungerechtigkeiten», bzw. nahm unvermeidliche Enttäuschungen allzu 
tragisch. 

2 ) Die grosse Gefahr für den Analytiker liegt bei diesem oralen Patien- 
tentypus gerade in der Verwechslung mit Mechanismen der phallischen Stufe. 
Ein verhängnisvoller Irrtum, an dem Analysen dieser Art scheitern. 

3 ) Unter «autarkischer Fiktion» verstehen J e k e 1 s und i c h in «Über- 
tragung und Liebe» (Imago 1934) jenes Stadium der Allmacht der Frühinfantil- 
zeit, in welchem sogar die mütterliche Brust als zum Kind gehörig, als Teil 
des eigenen Körpers empfunden wird. Wir meinen, dass dieses Stadium des 
Nichtgetrenntseins von der mütterlichen Brust ünbewusst der vom Menschen 
das ganze Leben lang stets angestrebte Idealzustand verbleibt und führen dar- 
auf Phänomene der zärtlichen und sinnlichen Liebe und die Objektbeziehung 
überhaupt zurück. Näheres in der zitierten Arbeit. Eine Darstellung der ein- 
zelnen Phasen der Allmachtsfiktion habe ich in meinem Aufsatz «Zur Psycho- 
logie des Hasardspielers» versucht, «Imago» 1936. H. 4. 

99 



3. Unbewusst wird nicht die Erfüllung der Kindheitswünsche angestrebt, 
sondern Perpetuierung der Kindheitsenttäuschung. 

4. Konsekutiver «oraler» Pessimismus 1 ), wobei jede Situation 
unbewusst derart konstelliert wird, dass die pessimistische Erwartung schein- 
bar gerechtfertigt wird. Aus der Aggression der anderen wird die Schuldge- 
fühlsentlastung deduziert und die Berechtigung zu neuen Aggressionen ge- 
schöpft: ein «circulus vitiosus». 

5. Der tief ste Wunsch der oral Regredierenden bleibt o r a 1 e s B e - 
kommen-wollen. Dies führt dazu, dass diese Männer beim Koitus die 
normale Erledigung des «Mammakomplexes» vermissen lassen: die aktive Um- 
kehr des passiv Erlebten, d. h. «Geben» statt «Nehmen». Diese Passivität hat 
zwei Wurzeln: Aggression gegen die Frau im Verweigern der Erektion bzw. 
Ejakulation und unbewusste Hemmung der Aktivität aus übertriebener eigener 
Aggression. Soweit sich diese Patienten überhaupt sexuell betätigen, müssen 
sie von der Frau verführt werden. 

Gehen wir beim Versuch, den Patienten zu verstehen, von seiner Technik 
des «Ins-Unrecht-setzens» der mit der phallischen Mutter identifizierten Frau 

i) Eine ausführliche Darstellung der Psychologie des oralen Pessimisten 
findet sich in meinem Grabbe-Aufsatz (Imago 1934) bzw. meinem Essay-Buch 
«Talleyrand — Napoleon — Stendhal — Grabbe». Die Charakteristika sind: 
Der orale Pessimismus stellt eine narzisstische Schutzmassnahme des ich dar, 
da sich der Pessimist durch gedankliche Vorwegnahme künftigen Unheils vor 
seinem Schreckgespenst — der Düpierte zu sein — schützt. Es sieht so aus 
als hätte sich der Pessimist mit der Tatsache, dass alles im Leben misslmgt, 
abgefunden, doch erträgt er diese Tragödie nur um den Preis eines narzissti- 
sehen Lustgewinns, den er aus der richtigen Voraussage schöpft. Dieses 
krampfhafte «Sich-nicht-düpieren-lassen-wollen» lässt vermuten dass der in- 
fantile Allmachtswahn des Pessimisten besonders empfindliche Schlage in aller- 
frühester Kindheit erlitten haben muss, d.h. diese Menschen begnügen sich 
nicht mit den üblichen Restitutionsversuchen der verlorenen narzissUschen 
Einheit. Gerade dieses Fixiertbleiben an die Enttäuschung macht das Krank- 
hafte aus und bedingt die Unfähigkeit zur Objektbesetzung und Liebe die die 
normalen narzisstischen Restitutionsversuche darstellen. All dies lasst die Ver- 
mutung aufkommen, dass der orale Pessimist immer in seinen Unheilsprophe- 
zeiungen gegen die phallische Mutter polemisiert, etwa nach der Formel: Ich 
habe ja immer gewusst, dass du mich nicht liebst. Neben selbstquälerischer Lust 
wird dabei die phallische Mutter ins Unrecht gesetzt und 
ad absurdum geführt. Denn diese verbirgt sich bei oralen Pessimi- 
sten stets hinter dem erst später vermännlichten supponierten «Schicksal». 
Dieses chronische Ins-Unrecht-setzen dient doppeltem Zweck: es schaitt ein 
Stück Lust aus dem schadenfrohen Ausleben der unbewussten Aggression und 
nimmt ein Stück Über-Ich-Bestrafung vorweg, indem es die peinliche Vorstel- 
lung der Nichterfüllung verschafft. Der orale Pessimist leitet aus diesen stan- 
digen Enttäuschungen die Berechtigung zu seinem Hass gegen die erhöhte 
Mutterimago ab, da er im späteren Leben gar nicht mehr der Erfüllung seiner 
Kinderwünsche, sondern der Kindheitsenttäuschung nachjagt, behr klar ist 
dies bei Grabbe nachweisbar, der sich ohne jede reale Begründung und unter 
völligem Pensionsverzicht als Staatsbeamter abbauen Hess und nun vom Gelde 
seiner Frau leben wollte. Obwohl Grabbe genau wusste wessen er sich von 
seiner habgierigen und geizigen Frau zu versehen hatte, liess er es doch dar- 
auf ankommen, von ihr abhängig zu sein, offenbar um sie als «Gebende» ad 
absurdum zu führen und daraus neue «Berechtigung» zu Aggressionen abzulei- 
ten. Die Frau verweigerte jede Hilfe und wollte die Ehe trennen bzw. die 
Gütergemeinschaft aufheben lassen. Dies führte u.a. zur polizeilich erzwun- 
genen Aufnahme des Schwerkranken in das Haus seiner Gattin. 

100 



aus. Patient heiratete eine Virgo, die sich vor allem Sexuellen ekelte und 
theoretisch lediglich den Koitus bejahte, weil man «normal» sein müsse. Jeden 
noch so harmlosen Vorlustakt lehnte sie z. B. als «Schweinerei» ab. Vor allem 
wollte sie in sexualibus die Passive und Überwältigte sein. Demgegenüber er- 
wartete Patient, dass die Frau die Initiative zum Koitus ergreife und ihm helfe, 
d. h. manuell reize und den Penis einführe. So resultierte ein jahrelanges Aus- 
schalten aller sexuellen Handlungen, wobei Patient über diese Dinge mit seiner 
Frau nicht einmal sprach (oraler Trotz) 1 ). Dadurch aber, dass die Frau nichts 
«gab» und ihn nicht verführte, konstruierte er aus der sexuell lediglich Un- 
erfahrenen eine bösartige, sadistisch verweigernde Frau, an der er nun seine 
Aggression, die der Mutter galt, abhaspeln konnte. 

In oberflächlicher Schicht sah es vorerst aus, als liege bloss phallische Ka- 
strationsangst aus der ödipalen Mutterbindung vor. Doch war hier schon auf- 
fallend, wie sehr er die Frau in die Rolle der bösartig Verweigernden drängte 
und vor allem nichts tat, um die Situation zu lösen. Auch war die Passivität 
des Patienten anderer Art als bei passiv-femininen, unbewusst homosexuellen 
Männern, und zwar schon bei der Pubertätsonanie. Er befestigte verschiedene 
Gegenstände, z. B. Zahnbürste, Nagelbürste, Badethermometer usw., mittels 
Schnur am sulcus coronarius und onanierte durch «Schwingungen» dieser Ge- 
genstände. Doch Hess er es nie zur Ejakulation kommen. Noch deutlicher wird 
der Mechanismus, wenn Patient einen Wasserstrahl kontinuierlich auf den 
Penis fliessen liess und derart onanierte. (Der orale Unterbau dieser Phanta- 
sie wird sichtbar, wenn Patient erzählt, er habe mit einer Spritze Wasser in 
die Harnröhre gespritzt.) Die unbewusste Fiktion war: ich tue nichts, bin pas- 
siv, jemand anders hat die Verantwortung. Diese Fiktion ermöglichte dem Pa- 
tienten, guter Auto- und Skifahrer zu werden: nicht er meistert die Maschine, 
sondern die Maschine hat die «Verantwortung». 

In der Übertragung projizierte er auf den Arzt — wie am Beispiel des 
Verschweigens der regelmässigen Autofahrt in die Ordination gezeigt wurde — 
ebenfalls die Phantasie von der bösen, sadistisch-aussaugenden Mutter. In der 
zweiten Analyse praktizierte er Ähnliches, nur mit dem Unterschied, dass sein 
orales Verhalten gedeutet wurde: jedes Schweigen des Analytikers wurde von 
ihm als «Verweigern» aufgefasst. Besonders krass war etwa folgende Situation: 
Patient verständigte mich knapp vor Beginn der Ordination telephonisch, dass 
er an einem bestimmten Tage nicht kommen könne. Während des ganzen Ta- 
ges malte er sich hierauf folgende Phantasie aus: ich werde die für ihn reser- 
vierte Ordination an diesem Tage an jemand anderen vergeben und er werde 
mir einen Krach machen, da ihm «Unrecht geschieht». Er sah zwar logisch 
ein, dass ich mit meiner freien Zeit machen könne, was mir beliebt, nahm aber 
affektiv den Standpunkt ein, ich hätte auf jeden Fall auf ihn zu warten. 
Patient drängte mich dabei ako auch in die Rolle seiner Frau, über die er die 
Strafe des ewigen Wartenmüssens verhängte. Bei einer andern Gelegenheit lau- 

l ) Bis in welche Details die — bewusst gar nicht fühlbare — Aggression 
gegen die Frau ging, beweist ein Zug, der sehr im Gegensatz zur sonstigen 
kultivierten Art des Patienten stand: Im Bette liegend hatte er die Gewohn- 
heit, das angetrocknete Nasensekret durch Nasenbohren herauszubefördern, 
da er regelmässig das Taschentuch im Anzug «vergass». Um sich die Mühe des 
neuerlichen Aufstehens zu ersparen, deponierte er die halbfeuchten Krusten 
am rechten Pyjamaärmel, den er knapp darauf unter den Kopf der Frau 
schob, als sich diese an ihn schmiegte. Diese Frozzelei des «Gebens» zeigte sich 
u. a. auch darin, dass er in späteren Analysenphasen regelmässig beim Gedan- 
ken, ein Mädchen aufzusuchen, leichtes Diarrhöegefühl bekam. Neben analen 
und oralen Elementen (wie Wiederherstellen des unbewusst «verschluckten», 
d. h. gefressenen Weibes), ferner Angst, war dabei auch eine höhnende Aggres- 
sion im Sinne des Götzzitates und eine Frozzelei durch das herabsetzende 
Stuhlhergeben statt der Ejakulation mitenthalten. 

101 



tete die Phantasie in einem analogen Fall: ich werde ihm «Vorwürfe» machen, 
er sei nicht oder zu spät gekommen. Letztere Phantasie wurde lediglich dann 
produziert, wenn er real verhindert war, d. h. ihm durch einen Vorhalt wirk- 
lich Unrecht geschehen wäre. (Siehe das reale Verhalten der Mutter bei Ab- 
sagen.) 

Sehr bezeichnend war, dass Patient die Bösartigkeit des verweigernden 
Weibes (sadistisch perzipierte phallische Mutter) in den Träumen dadurch zu 
unterstreichen wusste, dass er es stets in Situationen des Überflusses dar- 
stellte 1 ): der Vorwurf des Verweigerns war um so begründeter und schwerwie- 
gender, da das Weib nicht aus Mangel, sondern aus Bosheit und Übelwollen 
verweigerte. Diese Situation — im Traum meist in Form des Überfliessens 
von Gefässen dargestellt — hatte zwei Varianten: in der ersten lehnte Patient 
ab, die Flüssigkeit aufzufangen (die reaktive «autarkische Fiktion»), in der 
zweiten war die Situation derart, dass er aus technischen Gründen die Flüssig- 
keit nicht auffangen konnte. Letzteres verwendete Patient als Argument zur 
Beschwichtigung seines unbewussten Schuldgefühls: da die Frau so bösartig 
ist, darf ich aggressiv sein. 

Dies führt zum zweiten, nächst dem «Mammakomplex» entscheidenden Pro- 
blem seiner Ejakulationsstörung: zur Vorstellung der Ejakulation 
als Strafgericht. Patient hatte unbewusst eine geradezu brisante 
Vorstellung von der Ejakulation: etwa die einer Handgranate, 
die einen Menschen in Stücke reisst. Aus unbewusstem Schuldgefühl erwartete 
er dabei eine ähnliche Wirkung der Ejakulation bei sich selbst. Ejakulation 
hiess also im unbewussten Vokabular des Patienten: die Frau zerspren- 
gen und selbst dabei als Strafe für die Aggression zer- 
sprengt werden. Somit lag in der Ejakulationsverweigerung neben der 
Hemmung der Aggression gegen die Frau aus Schuldgefühl auch eine Art 
Selbstschutz 2 ). Bezeichnenderweise trat bei der analytischen Lösung dieser 
Doppelrichtung der Aggression und bei den ersten Koitusversuchen in der 
zweiten Analyse ein spezifischer Traumtyp auf, in dem Patient die Wirkungen 
der eigenen Aggression milderte: etwa Handgranaten («Eierhandgranaten») wur- 
den geworfen, ohne zu explodieren, im Kriegsgebiet wurde Patient als ein- 
ziger Zivilist nicht eingezogen, in einer Schlacht trafen die Schüsse nicht 

*) Aus Rache wird reaktiv die «autarkische Fiktion» verstärkt, wozu auch 
folgender Traum passt: «Unter der linken Rippe bildet sich eine Kruste, nach 
deren Wegkratzen eine dritte Brustwarze erscheint.» Die Deutung ergab u. a. 
die Erinnerung an die Genesisgeschichte, in der die Erschaffung Evas aus einer 
Rippe Adams verzeichnet ist. Damit ist die Nullifizierung des Weibes bestä- 
tigt : Patient verdankt nicht einmal seine Geburt der Mutter, eher liegt nach 
dieser Theorie der Tatbestand umgekehrt. Ferner übertrumpft er die Brüste 
(= Brustwarzen) der Mutter, hat er doch deren drei! In meiner Grabbe-Arbeit 
habe ich auf die sogenannten «Mannaträume» aufmerksam gemacht, die immer 
nach dem Prinzip des alimentären Unabhängigkeitswunsches von der Mutter 
(später Vater) aufgebaut sind. Der publizierte pseudodebile Patient träumte 
häufig in symbolischer Verkleidung, dass er an seinem eigenen Penis Milch sauge 
und derart von der Mutter unabhängig sei. Dazu passte folgende Erinnerung: 
als Patient als Knabe sah, wie eine Zigeunerin ihr Kind stillte, erregte ihn 
dies sexuell und er presste in der Folgezeit häufig einen Strohhalm in den 
Penis, das zweite Ende des Strohhalms steckte er in den Mund, urinierte und 
trank seinen eigenen Urin. Schon in meiner Arbeit über Zynismus (Psychoana- 
lytische Bewegung 1933) habe ich die Vermutung ausgesprochen, dass die im- 
mer rigorose Bedürfnislosigkeit bezüglich des Essens, die Diogenes und die 
kynische Schule predigten, als später Versuch der infantilen alimentären Un- 
abhängigkeit von der Mutter (nachträglich Vater) zu deuten sei. 

2 ) Letzteres zum Teil auch in der Form, dass er sich mit der Frau iden- 
tifizierte. 

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" 



oder prallten ab usw. Diese «oralen Ejakulations-Trost-Träu- 
m e » waren nach dem Motto aufgebaut: «die Aggression ist erlaubt, da sie 
nicht unbedingt tötet», womit er den aggressiven Es-Wunsch befriedigte und 
zugleich den Über-Ich-Vorwurf des Tötens widerlegte. 

Da die Frau des Patienten für die ersten Koitusversuche infolge ihrer ei- 
genen Störungen unbrauchbar war und unglückseligerweise den ganzen unbe- 
wussten Hass des Patienten auf sich konzentrierte, entschloss sich dieser nach 
einigen Monaten der zweiten Analyse dazu, diese Versuche bei einer jeweils 
wechselnden Publica zu unternehmen. Die Geschichte der einzelnen Etappen 
dieser Versuche war höchst bemerkenswert: die erektive Potenz war aus- 
nahmslos vorhanden, der Koitus dauerte 10 — 30 Minuten, ohne dass Patient 
vorerst zur Ejakulation kam; meist unterbrach er dann die Friktionen und 
Hess sich manuell bis zur Ejakulation reizen. Einige Monate lang konnte also 
Patient wohl bei manuellen Reizungen 1 ) von Seiten der Publica, nicht aber 
beim vaginalen Koitus ejakulieren. Eine weitere Etappe bestand darin, dass 
Patient bis zum ersten Sareengefühl koitierte, dieses aber nicht — wie normal 
— bis zum zweiten, bewusst nicht mehr dirigierbaren sich steigerte, sondern 
verflachte, ohne dass es zur Ejakulation in die Vagina kam. Bei andern Ver- 
suchen Hess sich der Patient, der vielfach, nachdem er bereits mit dem Mäd- 
chen beisammen lag, nicht koitieren wollte, manuell bis zum ersten Samen- 
gefühl reizen und «verwendete» diese extravaginal erzielte Erregung zum Koi- 
tus: anfangs schwand die Erregung bei Persistenz der Erektion. Das erste 
Mal gelang ihm eine vaginale Ejakulation auf folgendem Leidenswege: 10 
Minuten lange Friktionen in der Vagina, Unterbrechung des Koitus und Stei- 
gerung der sexuellen Erregung durch manuelle Reizung etwa 1 — 2 Minuten 
bis zum ersten Samengefühl, neuerlicher Koitus in der Dauer einer Minute mit 
Ansteigen der Erregung bis zum zweiten Samengefühl. Ejakulation und Orgasmus. 

Besonders hartnäckig war die geschilderte Schwierigkeit, die darin bestand, 
dass die Erregung beim Koitus trotz Eintritt des ersten Samengefühls und 
trotz Persistenz der Erektion verflachte, ohne weiter anzusteigen, und die Eja- 
kulation lediglich manuell erzielt werden konnte. Auch war Patient durch Mit- 
bewegungen von Seiten des Weibes gestört; er verlangte beim Koitus voll- 
kommene Regungslosigkeit der Partnerin. Die Rationalisierung lautete: die 
Mädchen spielen ihm die Komödie sexuellen Empfindens vor. In Wirklichkeit 
lag — trotz teilweiser Stichhaltigkeit der Rationalisierung — ein ganz anderer 
Grund vor: Patient wollte dem koitierten Weib keinen Genuss «geben», somit 



*) Die Frage, weshalb gerade die Hand der Frau eine so überwertige 
Rolle spielte, konnte vermutungsweise folgendermassen beantwortet werden: 
die Hand war ursprünglich neben dem Mund das einzige Exekutivorgan der 
Aggression des Patienten (in der Umkehrung aus Schuldgefühl — Straforgan!) 
und zugleich Symbol für den Mund. Allerdings war dieses Geben des Ejaku- 
lats in die Hand der Frau eine Ironisierung des Gebens, da die 
Flüssigkeit aus der Hand wie aus einem Sieb ausrann. Vielleicht war diese 
Symbolbedeutung der Hand dem Patienten deshalb so genehm, weil die Hand 
— keine Zähne enthielt, die an die eigene Aggression gemahnt hätten. Auch 
lag in der Bevorzugung der weiblichen Hand eine indirekte Rekapitulation der 
infantilen Aggression in Identifizierung mit der phallischen Mutter: er wollte 
mit der Hand aggredieren, jetzt wird ihm «Aggressives» von der Frau ange- 
tan, was zur Vorstellung «Ejakulation als Strafgericht» passt. Patient beklagte 
sich zeitweise ironisch, dass in die Vagina «keine Hand eingebaut werden 
kann». Siehe zur so unwahrscheinlichen Symbolik der Hand als Mund Fall II 
(Schreibkrampf) in «Der Mammakomplex des Mannes» bzw. S. 138 ff. dieses Bu- 
ches. Endlich stellte das Erregtwerdenwollen durch die weibliche Hand Re- 
miniszenzen an harmlose, vom Kind aber missverstandene Waschprozeduren dar, 
bei welchen die Mutter das Kind am ganzen Körper, also auch am Penis be- 
rühren musste. 

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war jedes Zeichen von Lust, das dieses zu erkennen gab, Anlass zu «stillen» 
Wutausbrüchen 1 ). Zugleich bedeutete Regungslosigkeit den unbewusst er- 
wünschten Tod der Partnerin und enthielt nekrophile Tendenzen. 

Der Reiz der sexuellen Beziehung zu den Prostituierten flaute beim Pa- 
tienten langsam ab und er wandte sich wieder der Ehefrau zu. Doch erhielt 
dieser Reiz eine neue Steigerung, als Patient die beiden Frauentypen: hier 
Ehefrau — hier Publica, gegeneinander auszuspielen begann 2 ), wobei er der- 
art die Ehefrau einerseits zur Prostituierten machte, anderseits den Hass gegen 
das Weib in diesem «Zwei-Frauen-gegeneinander-Ausspie- 
1 e n » exekutierte. Beim Koitus mit der Ehefrau trat nun wieder eine andere 
Störung auf. Patient litt dort am gleichen Symptom wie der früher beschrie- 
bene erste Fall: es trat das Symptom der «nichtperzipierten Ejaku- 
lation» auf, das bei diesen Fällen offenbar ein typisches Durch- 
gangsstadium in der Analyse darstellt. Erst als die Frau mit Bestimmt- 
heit behauptete, er habe bereits «gespuckt» (so nannte die sexuell schwer ge- 
störte Frau die Ejakulation) konnte sich Patient durch Inspektion des Vaginal- 
inhalts von der Tatsache der Ejakulation überzeugen. Auch schwanden nach 
der Ejakulation die priapistischen Erektionen. Derzeit ist Patient — die Ana- 
lyse ist noch nicht abgeschlossen — in diesem Zustand, doch lassen Erfahrun- 
gen des ersten Falles die Wahrscheinlichkeitsprognose zu, dass auch die «nicht 
perzipierte Ejakulation» nach längerer Zeit gelöst werden wird 3 ). 



J ) Wie weitgehend die Einstellung des Patienten auf Rache am Weibe auf- 
gebaut war, sei an einigen Details gezeigt: Er hatte ans Priapistische gemah- 
nende Erektionen beim sexuellen Beisammensein, die auch nach der Ejakula- 
tion kaum schwanden. Offenbar war — neben realer Unbefriedigung — die 
beim Weibe beim Koitus zugefügte Aggression im Verhältnis zu seinen unbe- 
wussten Mordimpulsen zu gering. Ebenso war das protrahierte, halbstunden- 
lange Koitieren in diesem Zusammenhang — phantasierte Schädigung, zutiefst 
«Zersprengen» der Frau — einzureihen. — Einige Gedanken des Patienten wäh- 
rend des Koitus: «Wenn ich schon kein Vergnügen habe, soll die Frau zer- 
springen.» Oder: «Was geschieht, wenn es plötzlich losgeht», fragte 
Patient bei einer Fellatio, auf die unerwartete Ejakulationsmöglichkeit hinwei- 
send. Man beachte den Doppelsinn der Worte «vor Ärger zerspringen» und 
«ein Gewehr geht los». Immer wieder brach das orale Bekommenwollen durch: 
Beim Betasten der Brust sagte er z.B. einer Publica: «Ganz nett, da ist aber 
nichts drin!» Ein anderes Mal bot er einem Mädchen 5 Schilling weniger an, 
als er beim ersten Zusammensein gezahlt hatte, worüber dieses empört war. 
«Ja», ironisierte der Patient, «jedesmal 5 Schilling weniger, am Schluss gibst 
du mir noch etwas drauf!» Ich erinnere daran, dass ein in der ersten Publika- 
tion erwähnter pseudodebiler Patient auf einem interessanten Umweg das Be- 
kommen erschlich: er machte mit der Publica Bezahlung von 10 Schilling aus, 
zahlte mit einer 20-Schilling-Note und erhielt 10 Schilling Rest, was zu- 
gleich eine magische Geste bedeuten sollte. 

2 ) Zutiefst ging das auf die beiden Brüste zurück. 

3 ) Es war für mich sehr interessant, eine Erklärung zu finden, wie der 
in der ersten Publikation beschriebene Patient, den ich auf S. 91 — 95 erwähnte, 
scheinbar von selbst über das Stadium der «nicht perzipierten Ejakulation» hin- 
wegkam und «ohne Analyse» der letzten Phase gesund wurde. Ich erwähnte, 
dass er aus pekuniären Gründen die Analyse unterbrechen musste und ich ihn 
in der Folge selten sah. Dies mobilisierte trotz logischer Einsicht eine starke 
affektive Hasswelle und diese Aggression gegen mich bewirkte gemeinsam 
mit der reaktiv verstärkten «autarkischen Fiktion» das Überwinden des Sym- 
ptoms. Ich zweifle sehr, ob dies dem Patienten ohne vorangegangene lange 
Analyse und genauestes Durcharbeiten seiner Aggression gelungen wäre. Nä- 
heres über diese in «Über die Vorstadien der männlichen Schlagephantasie» 
Im Erscheinen. 

104 



Überflüssig, zu betonen, dass die einzelnen Phasen der Ejakulationsstö- 
rung nicht geradlinig vor sich gingen; Rückschläge, Depressionen, kurz das 
Auf und Ab jeder Analyse fehlte auch hier nicht 1 ). Doch war in der derzeit 
(Oktober 1935) einjährigen Analyse deutlich die Tendenz zur Lösung der Stö- 
rung feststellbar, auf die Patient, der die beginnende Gesundheit keineswegs 
bloss begeistert aufnahm 2 ), zeitweise mit starken Aggressionen reagierte 3 ). 

Fall 3. Ein 25jähriger Patient mit Arbeitshemmungen, erektiver Po- 
tenzstörung und masochistischer Charakterveränderung, der nach einjähriger 
Analyse erektiv potent wurde, zeigte ein weiteres Jahr hindurch das Symptom 
der «psychogenen oralen Aspermie». Im Zentrum der Analyse standen die ma- 
sochistischen Phantasien des Patienten, die deshalb so sonderbar waren, weil 
sich ein sadistisches Vorstadium feststellen liess, das voll b e - 
w u s s t war und sich auf die Brust der Mutter bezog. Ich habe dieses 
orale Vorstadium der Schlage phantasie in einer längeren Arbeit 
beschrieben 4 ). Ich kam zum Resultat, dass das von Freud bei den Schlage- 
phantasien des Mädchens festgestellte, für den Knaben aber nur vermutete 5 ) 
sadistische Vorstadium auch für diesen nachweisbar sei: die Aggression des 
Knaben gilt vorerst den Brüsten der präödipalen Mutter und wird erst sekun- 
där unter dem Druck des unbewussten Schuldgefühls gegen die eigene Person 
rückgewendet, wobei die Analbacken des Knaben mit den Brüsten der Mutter 
gleichgesetzt werden. Die Exekution wird nachträglich in der Ödipusphase von 
der Mutter auf den Vater überschrieben. Das Schema der männlichen Schlage- 
phantasie würde demnach lauten: 

I. Phase: Sadistische Aggressionen gegen die Brüste der Mutter der prä- 
ödipalen Zeit. 
II. Phase: Rückwendung der Aggression aus unbewusstem Schuldgefühl gegen 
die eigenen, mit den mütterlichen Brüsten identifizierten Anal- 
backen. «Überschreibung» der Exekutive von der Mutter auf den 
Vater. 
III. Phase: Neuerliche Überschreibung der Exekutive vom Vater auf die Mut- 
ter aus Flucht vor der unbewussten Homosexualität. 
Phase II und III entsprechen im wesentlichen dem Freud sehen Schema, 

*) Um einen Begriff von der Komplikation der einzelnen, hier nur knapp 
skizzierten Phasen zu geben, wobei eine Menge von Details unerwähnt bleiben 
muss, sei folgendes mitgeteilt. In einer kurz dauernden Etappe verspürte Pa- 
tient — wie bereits erwähnt — beim Zusammensein mit der Publica Abnei- 
gung gegen den Koitus. Er liess sich, auf dem Rücken liegend, manuell reizen. 
Die weibliche Identifizierung und reaktive Hemmung der Aggressionsabfuhr 
sind klar, doch liegt noch folgendes vor: Patient identifiziert sich unbewusst 
aus Rache mit der phallischen Mutter, der eine Flüssigkeit abgezapft wird. 
Somit Befriedigung der Rache, der Passivität, der negativen magischen Geste 
— all dies mit der Schuldgefühlsentlastung: Ich tue nichts Aggressives! 

2 ) Näheres in meinem Aufsatz «Genesungswunsch und Schuldgefühl». Er- 
scheint in Int. Ztschr. f. Psychoanalyse. 

3 ) Bei dieser Phantasie vom Zersprengen und Zersprengtwerden aus Rück- 
wendung der Aggression unter dem Druck des Über-Ichs, muss man an manche 
Annahmen der englischen Schule über die Infantilentwicklung denken, 
der das Verdienst gebührt, auf die überragende Rolle der frühinfantilen oralen 
Aggression nachdrücklichst aufmerksam gemacht zu haben. 

4 ) «Über die Vorstadien der männlichen Schlagephantasie». Abgeschlossen 
im Dezember 1933. Im Erscheinen. 

5 ) In Freuds Aufsatz «Ein Kind wird geschlagen» (Ges. Sehr. Bd. V) 
heisst es: «Beim Mädchen hat diese Phantasie eine Vorstufe (die erste, d.h. 
sadistische Phase) — (diese) entfällt beim Knaben, doch könnte gerade diese 

Differenz durch glücklichere Beobachtung beseitigt werden Ich weiss, dass 

die hier beschriebenen Unterschiede im Verhalten der beiden Geschlechter 
nicht genügend aufgeklärt sind.» S. S. 65 — 69 dieses Buches. 

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Phase I und die Rückwendung der Aggression gegen die mit den mütterlichen 
Brüsten identifizierten Analbacken sind meine Ergänzungsvorschläge. 

Die Erklärung für die auffallende Tatsache, dass die Aggressionen gegen 
die Brust der phallischen Mutter bewusst blieben, lag in der masochistischen 
Perversion des Patienten, der demnach auf die anale Phase regrediert 
war und der dem narzisstischen Typus angehörte 1 ). Verdrängt war also beim 
Patienten die passive Hingabe zum Vater, der Wunsch, von ihm anal koitiert 
zu werden in der Identifizierung mit der ödipalen Mutter, ferner die Tatsache, 
dass alle Niederlagen des Patienten von ihm nur dann lustvoll empfunden 
wurden, wenn sie von ihm selbst konstelliert waren, somit also seinen unbe- 
wussten Grössenwahn befriedigten 2 ). 

Ich habe in meinem Essay-Buch 3 ) in der Einleitung zur Stendhal-Studie 
darauf aufmerksam gemacht, dass es für manche Individuen unter bestimmten 
Umständen möglich ist, den Ödipuskomplex bewusst zu erhalten. Ich fügte den 
vier bekannten Ursachen — Schizophrene Psychose, Psychologisches Genie (?), 
Moral insanity, Beobachtung am Andern bei Ausbleiben der normal einsetzen- 
den Verdrängung aus schwerstem psychischem Masochismus mit Verwendung 
der am Andern gewonnenen Eindrücke gegen die eigene Person zum Zwecke 
der Selbstbestrafung — eine bisher nicht beschriebene fünfte hinzu. Diese 
fünfte Möglichkeit lautet: wenn der negative Anteil des Ödipuskomplexes von 
überragender Stärke wäre, bestünde in einer für den unbewussten Teil des 
Ichs gefährlichen Situation die Kompromisstendenz, das weniger Unangenehme 
preiszugeben, um das Wichtigere, bewusst aber noch Peinlichere, festhalten 
zu können 4 ). . 

In Anwendung dieses Gedankens auf die Präödipalzeit ergäbe dies: Es 
wäre möglich, dass ein am negativen Ödipuskomplex fixierter masochistischer 
Patient mit Schlagephantasien, die sich auf den Vater als Subjekt bezogen, der 
diese ganze Einstellung verdrängt hätte, die historisch frühere, dynamisch 
ebenfalls noch wirkungsvolle Aggression gegen die Brüste der phallischen 
Mutter gerade deshalb bewusst haben könnte, weil er sonst die auf den Vater 
bezüglichen Wünsche würde preisgeben müssen. In dieser «Konkurrenz zweier 
Delikte» wäre das eine zugestanden worden und diente so dem unbewussten 
Mechanismus der Täuschung über die eigenen Wünsche. 



') Nach einem praktisch bedeutungsvollen Vorschlag Eideibergs, dem 
ich beipflichte, muss zum Problem der Neurosenwahl nebst der R e - 
gressionsstufe auch die Zugehörigkeit zum libidinösen Typus 
herangezogen werden. («Theoretische Vorschläge». Int. Ztschr. f. Psycho- 
analyse 1934.) 

2 ) Siehe die Arbeit Eideibergs: «Beiträge zum Studium des Maso- 
chismus». Int. Ztschr. f. Psychoanalyse, 1934. 

3 ) «Talleyrand — Napoleon — Stendhal — Grabbe». Psychoanalytisch- 
biographische Essays, Int. Psychoanalytischer Verlag, 1935. Die zitierte Ein- 
leitung findet sich auch im Almanach der Ps. A. 1936 unter dem Titel «Das 
Rätsel der Bewusstheit des Ödipuskomplexes». 

4 ) Da die Psyche auch nach dem Lustprinzip arbeitet, sind in psychischen 
Gefahrensituationen solche Preisgaben wichtiger, normalerweise verdrängter 
Tendenzen nicht weiter erstaunlich und in der Analyse studierbar. Als harm- 
losestes Beispiel sei die typische, jedem Analytiker bekannte Situation heran- 
gezogen, in welcher der Patient zu Beginn der Ordination mitteilt, er hätte 
zwei Träume in der vergangenen Nacht gehabt: der erste sei noch erinnerlich, 
der zweite vergessen. Fordert der Analytiker nach Anhören des ersten Trau- 
mes den Patienten auf, seine Assoziationen zum Traum mitzuteilen, dann pas- 
siert es häufig, dass der erste Einfall lautet: «Ah, jetzt fällt mir der zweite 
Traum ein!» Offenbar war das Preisgeben verdrängter Einfälle für das Ich des 
Patienten noch peinlicher als der zweite Traum. Ein Patient sprach bei sol- 
chen Gelegenheiten von «Greislergeschäften» des unbewussten Ich-Anteils. 

106 



Der zu schildernde Patient entsprach diesem Typus 1 ). Nach seinen Schlage- 
phantasien befragt, gab Patient vorerst an, er habe keine. Möglicherweise seien 
aber — meinte er — Episoden aus seiner Gymnasialzeit heranzuziehen, in wel- 
cher er als Vorsitzender des Ausschusses der Schulgemeinde wiederholt dage- 
gen protestieren musste, dass Schulknaben von ihren Kollegen geprügelt wur- 
den. Dabei habe er das tragische Erlebnis gehabt, sich selbst wiederholt bei 
solchen aktiven Prügelphantasien ertappt zu haben. Es war schon bei Beginn 
der Analyse klar, dass Patient sich auch und vor allem mit den geprügelten 
Knaben identifizierte, allerdings ohne es bewusst zu wissen. Nach einiger Zeit 
erzählte Patient widerstrebend die chronologische Entwicklung seiner Onanie- 
phantasien: im Alter von 3 bis 4 Jahren bezogen sich diese sadistischen Phan- 
tasien ausschliesslich auf die Brüste der Mutter. Der Patient hatte ein ganzes 
System raffinierter Qualen ausgedacht. Meistens wurde die Mutter an den 
Brüsten mit Schnüren, an einer Art Rolle, die an der Decke hing, befestigt, 
Patient stand an der andern Seite und zog an den Schnüren, so dass die 
Brüste sich spannten, die Mutter unter grossen Qualen hochgezogen wurde und 
die Brüste endlich abrissen («Flaschenzugphantasie»). Oder die Brüste der 
Mutter wurden mittels eines nach rückwärts über die Schultern gespannten 
Strickes an den Füssen, der Kopf mittels Schnüren, aber bloss vorne ge- 
spannt, ebenfalls an den Füssen befestigt. Die Brüste wurden also nach rück- 
wärts, der Kopf nach unten gezogen. Ein gleichzeitiges Anziehen bedingte ein 
«Entzweigezogenwerden». Oder die Mutter wird nackt auf die Strasse gejagt, 
die Arme rückwärts gefesselt, so dass die Brüste sich spannen; Patient, die 
Mutter an einer Schnur haltend, ist hinter ihr her. Oder die Mutter wird an 
den Brüsten und am Kopfhaar aufgehängt; konsekutives Abreissen beider. In 
diesen Kombinationen von sadistischen und Voyeurphantasien verschwindet 
Patient immer mehr als aktiv handelnde, d. h. quälende Person. Es treten an- 
dere Frauen, dann Männer auf, die immer grössere Bedeutung bekommen, wo- 
bei der Penis sehr bald die Rolle der Brust vertritt. Dass es gerade der Penis 
des Vaters ist, kann Patient daran erkennen, dass dieser als einziger in sei- 
nem Bekanntenkreise beschnitten ist; der Vater war getaufter Jude, die Kin- 
der wurden nicht mehr rituell beschnitten. Es werden also Männer vom Pa- 
tienten, statt wie bisher Frauen, gequält. Diese «Schnur,- Abreiss- und Auf- 
hängephantasien» (so nannte sie Patient) werden dann wieder abgelöst durch 
«Quetschphantasien». Nackte Frauen und manchmal auch Männer werden in 
einer Schachtel bunt durcheinandergewürfelt und zusammengepresst. Hier be- 
ginnt zum ersten Male der Umschlag ins Masochistische: der in den bisheri- 
gen Phantasien stets aktive oder zumindest als Zuschauer den sadistischen Akt 
geniessende Patient steigt selbst in die Schachtel und hier geschieht ihm all 
das, was er den andern tat. In der Pubertät standen die früher erwähnten Prü- 
gelphantasien der Schulknaben im Vordergrund. Ebenso aber typisch maso- 
chistische Ideen, etwa von einer Frau, die auf dem liegenden Patienten rück- 
lings sitzt, wobei er ihren üblen Geruch einatmen muss. Einige Male ist Trin- 
ken des eigenen Urins vorgekommen. Endlich wird die Geschichte von Räu- 
bern, die bei einem Überfall auf Bauern diese zum Trinken der Jauche zwan- 
gen, um den Versteck des Geldes zu erfahren, verarbeitet. Wir sehen: der 
Patient macht die verzweifeltsten Anstrengungen, um den eigenen Sadismus 
herauszukehren. Die masochistischen Wünsche sind offenbar nicht bewusst- 
seinsfähig. Immer wieder bricht die Grausamkeit gegen die Frau und vor 
allem gegen ihre Brüste durch. Die Onaniephantasien des Patienten zu Beginn 
der Analyse lauten: Eine Frau wird mittels eines speziellen Apparates gepei- 
nigt. Sie wird in ein Gestell, das innen mit eisernen Spitzen versehen ist, hin- 

1 ) Ich gebe zu, dass die theoretische Überlegung vor der realen Erfahrung 
konstruiert wurde. Um so erfreuter war ich, dass diesmal die Realität keine 
Karikatur der Erwartungsvorstellung war. Über den Umweg dieser Erkenntnis 
siehe die zitierte Arbeit über Schlagephantasien. 

107 



eingesteckt, wobei das Zuklappen der Tür automatisch das Einbohren der Ei- 
senspitzen in die Brüste bedingt. Oder die Arme der Frau werden belastet, da- 
durch stärkeres Hervortreten der Brüste, hierauf Spiessen, Stechen derselben 
usw. Patient ist zeitweise bloss Zuschauer oder martert die Frau selbst. Nun 
ist es zweifellos, dass die Phantasien des Patienten keineswegs der ursprüng- 
lichen Fassung entsprechen. Der ganze positive Ödipuskomplex, die Verleug- 
nung der weiblichen Genitalien, für die Patient bewusst gar kein sexuelles 
Interesse hat, die Kastrationsangst und die Identifizierung mit der Mutter, 
Wahl des Vaters zum Liebesobjekt usw. sind verdrängt. Gerade um diesen 
Teil seiner immer stärker zum Durchbruch drängenden Wünsche in der Ver- 
drängung zu halten, bleibt offenbar das sadistische Brustinteresse des Patien- 
ten bewusst. Dabei knüpft er an ursprünglich präödipale Wunsch- und Rache- 
phantasien, die sich auf die Brust beziehen, an. Das einzige Organ, das den 
Patienten sexuell erregt, ist die Brust, vorausgesetzt, dass er an dieser sadisti- 
sche Praktiken vornehmen kann. Das Bewusstbleiben dieser sadistischen Wün- 
sche gegen die mütterliche Brust ist aber nicht bloss ein Verschiebungsmecha- 
nismus, der dem Patienten das Verleugnen der passiv-femininen, unbewusst 
homosexuellen Wünsche gewährleistet, er ist für ihn auch ein indirekter Be- 
weis seiner Aggression, seiner Männlichkeit. So wird intrapsychisch das weni- 
ger Wichtige preisgegeben, um das Wichtigere, die unbewusste Homosexualität, 
abzuwehren. Kein Wunder, dass der Hauptwiderstand des Patienten gerade 
dieser Schicht galt, ebenso, dass starke orale Zuschüsse mitenthalten 
waren. 

Die ersten Konflikte in der Kinderstube, an die sich Patient erinnert, be- 
zogen sich auf die Nahrungsaufnahme. Er weigerte sich regelmässig, 
zu essen, erbrach viel; die ganze Prozedur des Essens wurde zum Schreckge- 
spenst. Der Vater des Patienten — ein Schwächling mit kompensatorischer 
«Forschheit» — kam neben andern Strafen auch auf folgende absonderliche 
Idee zur Bekämpfung der Essunlust des Kindes: es wurde ein Elektrisierappa- 
rat angeschafft, mittels dessen die Halsmuskeln «elektrisch gestärkt» wurden. 
Diese elektrische Behandlung wurde vom Patienten bewusst sehr peinlich emp- 
funden, weckte aber seine Schmerzlust sehr wesentlich. Das ganze Erziehungs- 
system der Eltern trug überhaupt viel zur masochistischen Perversion des 
Patienten bei, ohne sie natürlich direkt verursacht zu haben, da es sich dabei 
um eine spezifische Triebkonflikterledigung handelte, die mit inneren Prädis- 
positionen zu rechnen hatte: so wurde z. B. eine fast gleichaltrige Schwester 
des Patienten bei der gleichen verfehlten Erziehung von einer ganz differen- 
ten Neurose befallen. Wieweit die Masochisierung der ganzen Persönlichkeit 
des Patienten ging, beweist etwa eine Erinnerung aus dem dritten Lebensjahr: 
er wird zur Strafe für die Essunlust in eine dunkle Kammer gesperrt und ver- 
schärft sich selbst die Strafe durch freiwilliges Knien 1 ). Als ich dem Patienten 
das Absonderliche seines Verhaltens vorhielt, meinte er naiv, die Eltern woll- 
ten ja, dass er leide. In Wirklichkeit verwandelte er durch diese Strafver- 
schärfung den Konflikt aus einem äusseren, aufgezwungenen, in einen selbst- 
geschaffenen, da er notabene den ganzen Konflikt selbst provoziert und damit 
seinen Allmachtswahn befriedigt hatte (Eideibergs «masochistischer Me- 
chanismus»). Somit aggredierte und verhöhnte er in diesem Verhalten die El- 
tern, degradierte sie zu Werkzeugen seines Allmachtswahns und genoss noch 
die masochistische Lust, wobei er sich vor äusseren Misserfolgen durch Er- 
setzen durch selbstgeschaffene gefeit hatte. Unter diesen, seinen Narzissmus 
schonenden Kautelen war er der grossartigste Organisator seiner Misserfolge, 
die ihm höchste Lust waren. 



l ) Die sonderbare «Straf Verschärfung» aus eigener Machtvollkommenheit 
beweist aber auch das schwere, unbewusste Strafbedürfnis wegen anderer oraler 
Sünden. Siehe Brustabreissphantasien des Patienten. 

108 



Eine andere Form der Strafe für angeblich «mangelnde Esslust» bildete 
folgendes vom Vater des Patienten erfundene System, das bei jeder Mahlzeit 
angewendet wurde. Ich lasse den Patienten sprechen: 

«Jeder Bissen durfte eine Minute im Mund behalten werden. Mit 
einer Uhr in der Hand wurde von 10 zu 10 Sekunden gezählt. War der Bissen 
nach Ablauf einer Minute noch nicht geschluckt, so wurde weitergezählt, 
und zwar mit dem Attribut: «vom Nächsten», z. B. «20 vom Nächsten», 
d. h. es sind bereits 20 Sekunden von der Minute des nächsten Bissens, 
der erst eingenommen werden muss, vergangen; oder was seltener vorkam: 
«10 vom Drei-Vorigen», d.h. ich hatte weniger, als vorgeschrieben ge- 
braucht, und zwar wird jetzt die 10. Sekunde des drittletzten Bissens da- 
tiert. Dieses Verfahren war nicht ganz einfach und ich hatte das Ver- 
gnügen, die Erzieherin bei Fehlern zu ertappen, da ihr diese vom Vater 
erfundene Erziehungsmethode fremd war, so dass sie gelegentlich am 
Ende der Mahlzeit (die ja wohl eine Stunde in Anspruch genommen haben 
mag, denn ein Mittagessen lässt sich doch nicht mit weniger als 60 Bissen 
bestreiten) vor lauter Sekunden- und Bissenzählen etwa «drei vom Zehn- 
Nächsten» statt «Zehn vom Dreivorigen» gezählt haben mag. Von meinen 
Verwandten erhielt ich zu dieser Zeit den für Nichteingeweihte eigentüm- 
lich anmutenden Spitznamen: «Drei vom Zehn-Vorigen». Nach Ablauf 
einiger Jahre schlug ich meinen eigenen Weltrekord mit der Leistung: 
«... vom Fünfzehn-Nächsten». In Wirklichkeit war gemeint vom Fünf- 
zehn-Vorigen, aber die Erzieherin einigte sich mit mir gleich am ersten 
Tag, die Worte «Vorigen» und «Nächsten» zu vertauschen, «weil es sonst 
noch komplizierter ist». Auf diese Weise gab es immer Irrtümer, wenn sie 
mit dem Vater über die erzielten Resultate der letzten Woche sprach, 
und ich wurde nötig, um ihre Terminologie in seine zu transponieren. 
Nach Erreichung der Fünfzehn-Nächsten wurde das Verfahren als von 
vollem Erfolg gekrönt beendet.» 

Die Ironie, die aus diesen Worten spricht, war für den Patienten typisch: 
alles wurde von ihm in einer frozzelnd-aggressiven, selbstironisch-humorvollen 
Art vorgebracht 1 ). 

Nach erfolgreicher Einstellung dieser gloriosen Erziehungsmethode trat 
beim Patienten die fast unüberwindliche Schwierigkeit beim Erlernen des Ein- 
maleins und des Schreibens auf. Die Lösung lautete: Man kann sich nichts 
merken. Anders ausgedrückt: Patient bediente sich des pseudodebilen 
Mechanismus, von dem ich in früheren Arbeiten zeigen konnte, dass er 
oral basiert ist. In dieser oralen Basis der Pseudodebilität liegt auch die Er- 
klärung, weshalb sich die Pseudodebilität gerade zu Beginn der Schulzeit erst- 
malig manifestiert: dem Kind wird zugemutet, Wissen aufzunehmen. 
Dies aktiviert die alte orale Enttäuschung und führt zur trotzigen Abwehr des 
intellektuellen, von den Eltern nunmehr geforderten Aufnehmens als Rache 
für frühere orale Enttäuschungen nach der Formel: Milch = Wissensstoff. 
(«An der Weisheit Brüsten saugen» heisst es im «Faust»; in der Analyse hat 
Abraham als erster auf diese Gleichsetzung verwiesen.) 

Dieses «man kann sich nichts merken» wurde zur erfolgreichsten Waffe 
des Patienten in seinem Kampf gegen den Vater und bewirkte die konsekutive 
masochistische Lust, die er aus den Aggressionen und Vorwürfen des Vaters 
schöpfte, welche er unbewusst als anales Koitiertwerden auffasste. Denn gegen 
dieses Sich-Dummstellen war der Vater hilflos; auch verdross es den Narziss- 

l ) Ich glaube nicht, dass in dieser humorvollen Art lediglich das gütige 
über-Ich den Patienten trösten will und vertrete den Standpunkt, dass im 
Humor auch eine verhüllte Aggression und wehmütige Anklage des Ich gegen 
das eigene Ich-Ideal mitenthalten ist. Die Begründung gebe ich in meiner Ar- 
beit «The psychogenesis of Humor» (erscheint in «The Psychoanalytical Re- 
view, Washington). 

109 



mus des Vaters sehr, dass er einen «Idioten» zum Sohn hatte. In Wirklichkeit 
war dieser «Idiot» ein geistig sehr viver und aufgeweckter Mensch, der aller- 
dings seine Geisteskräfte meist in den Dienst seiner unbewussten Selbstbeschä- 
digungstendenzen stellte. 

Die Analyse fand folgende Situation vor: Ein Jahr vor Beginn derselben 
hatte Patient eine intimere psychische Freundschaft mit zwei sehr neurotischen 
Schwestern begonnen, die er — wie bei den Oralen so typisch — ■ aus unbe- 
wusster Rache gegeneinander mit grosser Virtuosität ausspielte. Endlich ent- 
schied er sich für eine der beiden Schwestern — «es tat mir die Wahl weh, 
welche von beiden weniger verdreht und neurotisch war», sagte Patient — 
und war bei diesem Mädchen völlig impotent. Auch hier erwartete er von 
einer Virgo sexuelle Erfahrung und Hilfe, wozu die Partnerin völlig ungeeignet 
war. Auf diese Weise machte Patient aus der sexuell Unerfahrenen unbewusst 
ein bösartig verweigerndes Ungeheuer 1 ). Als sich Patient zur Analyse ent- 
schloss, stellte sich bald sein völliges Desinteressement an der genitalen Sexua- 
lität heraus; im wesentlichen wollte er anal vom Vater koitiert werden. Diese 
durch die Analyse vermittelte Erkenntnis löste starke Widerstände aus und 
erschütterte den Patienten vorerst. Er versuchte aber bald, sich diesem affek- 
tiven Erleben zu entziehen, indem er auf den Widerspruch zwischen dem ver- 
drängten analen und dem bewussten oralen Material hinwies und den Schich- 
tenaufbau als «analytische Geologie» verhöhnte. Stutzig wurde Patient erst 
wieder, als er einsah, dass er mit dem Penis eigentlich nur bei masochistisch- 
sadistischen Phantasien reagierte und auf Frauenreize sonst bloss — mit dem 
Magen und Darmtrakt antwortete. Patient produzierte ein kompliziertes Kon- 
versionssymptom: wenn ihm eine Frau gefiel, bedauerte er vorerst, dass man 
sie «nur koitieren könne» und produzierte Borborygmen bzw. ein Gefühl, das 
er im Magen lokalisierte und folgendermassen schilderte: «Stellen Sie sich vor, 
Sie gehen über eine Treppe, ohne hinabzublicken und haben die Intention für 
eine weitere Stufe — da kommt aber keine. Dieses Plus an unverbrauchter 
Muskelkraft lässt Sie zurückschnellen. So ähnlich ist mein Magengefühl.» Die 
Kombination anal-oraler Tendenzen im Konversionssymptom Hess die Deutung 
zu, dass Patient beim Anblick einer Frau deren Brüste unbewusst fressen 
wollte und zugleich Angst vor den dabei auftretenden Tötungswünschen be- 
kam. Der bedauernde Ausspruch «man könne eine Frau nur koitieren» hing 
damit zusammen, dass er unbewusst an jeder Frau seine Brust-Abreissphanta- 
sien 2 ) und sexuellen Fresstendenzen 3 ) exekutieren wollte. So ist folgender iro- 



a ) Dieses konstruierte bösartige Verweigern von seiten des Weibes ging 
bis in die Details. So holte z. B. Patient täglich das Morgenblatt bei der 
Trafikantin ab, «vergass» aber regelmässig, dass Montag früh wegen 
der Sonntagsruhe kein Blatt erschien, und musste jeden Montag, ohne «etwas 
zu bekommen» die Trafikantin verlassen. Oder: Patient ist während einer Er- 
krankung voller Lob über die «spendende Güte» einer Krankenschwester, wirft 
aber das Tablett mit den Speisen um und bewirkt so, dass die «gütige» Frau 
schimpft, durch welchen einfachen Kniff sie sich in eine «böse» Person ver- 
wandelt. 

2 ) Da die «Flaschenzugphantasie» zur führenden des Lebens des Patien- 
ten wurde, war sie auch für die Berufswahl massgebend, in der er diese Wün- 
sche vorerst erfolglos zu sublimieren suchte. 

3 ) Direkte Eßstörungen lagen weder bei diesem, noch bei den andern ge- 
schilderten Patienten — mit Ausnahme des Pseudodebilen — vor. Eher war 
eine gewisse Labilität und zeitweise Essunlust vorhanden, zeitweise eine Art 
Freßsucht bzw. übertriebene Genäschigkeit, vor allem vor dem Einschlafen. 
Doch waren diese Symptome keineswegs besonders auffallend, so dass es von 
hier aus kaum zur analytischen Aufrollung der oralen Genese der Erkrankung 
gekommen wäre. 

110 



nischer Ausspruch des Patienten verständlich, als ich ihn fragte, ob ihm eine 
Bekannte, von der er erzählte, gefalle: «Da müsste ich sie erst photographie- 
ren und das Bild zu Onaniezwecken verwenden. Wenn mein Magen mitspricht 
und ich sie zugleich auch sadieren kann, so dass auch der Penis ein Wörtchen 
zu reden hat, könnte ich Ihre Frage beantworten. So in natura geht das nicht!» 
Die Tötungstendenz (totes Photo statt der Realität) ist neben der Hemmung 
der Aggression ebenso sichtbar, wie die Umkehrung und Wendung der Aggres- 
sion gegen die eigene Person: das «Sadieren» der Frau ging nämlich meist in 
ein kräftiges Aufschlagen des erigierten Penis an der Tischkante aus, bis es 
zu kleinen Blutaustritten ins Gewebe kam. Das orale Beteiligtsein des Magens 
(Fressen und Töten) wurde noch deutlicher, als Patient berichtete, er habe 
wiederholt vor dem Orgasmus Teile des Photos geschluckt! 

Dass bei all diesen masochistischen Praktiken Grössenideen ausgelebt wur- 
den, wird aus dem Vorangehenden klar. Letzten Endes waren alle Misserfolge 
unbewu8st selbst konstruiert, die äusseren, Strafe verhängenden Personen zu 
Exekutivorganen seiner Strafwünsche erniedrigt. Sehr interessant war dabei 
übrigens die Art, wie Patient seine masochistischen Praktiken begründete: 
man könne sich als Sadist vom Schmerz, den man dem Opfer zufüge, bloss 
durch äussere Zeichen, die der Gequälte gibt, wie Schreien, Stöhnen, Verzie- 
hen des Gesichts, sich winden, überzeugen; all dies sei unsicher, da der Ge- 
quälte auch simulieren könne und jede Einfühlung mit falschen Prämissen 
arbeite. Um wie viel vernünftiger handle der Masochist, der den Schmerz 
nicht durch täuschende und vieldeutige Symptome des Gequälten, sondern ein- 
deutig an sich selbst erlebe. 

Der Patient stand dem Lustempfinden des Normalen im Koitus völlig ver- 
ständnislos gegenüber. Alles Aktive bei der zärtlichen und sinnlichen Liebe 
war ihm verhasst und als er im Verlaufe der Kur zu koitieren begann, fand 
er die Hüftbewegungen beim Koitus «idiotisch», die Friktionen langweilig. Or- 
gasmus empfand er vorerst nicht, weil er lange Zeit an psychogener 
Aspermie litt. Diese Aspermie hatte ganz analoge Ursachen wie im vorhin 
geschilderten Falle 2): Rache an der präödipalen Mutter im Sinne von «Nichts- 
hergebenwollen», weitestgehende Hemmung der Aggression und Vorliebe für 
alles Passive. Doch hatte in diesem Falle die Idee vom «Zersprengen und Zer- 
sprengtwerden» bei der Ejakulation einen direkt auf die mütterliche Brust be- 
züglichen Inhalt, wie die «Flaschenzugphantasien» bewiesen. Diese scheinbare 
Verschiebung von der Flüssigkeit auf das sie enthal- 
tende Organ (Brust) war offenbar bereits sekundär, wie folgende Onanie- 
phantasien des Patienten bewiesen, die die Frauen als Getränk 1 ) darstellten: 

a) Der Gastgeber eines orientalischen Festes stellt seinen Gästen statt der 
Getränke auf kleinen Wagen hereingerollte nackte Frauen zur Verfügung, an 
deren Brust die Gäste trinken. Das «Abgezapftwerden» tut den Frauen sehr 
weh. 

b) Bei einem Fest wird ein Konkurrenzwettspritzen veranstaltet: Männer 
reiten auf nackten Frauen, fassen deren Brust und spritzen damit wie aus 
einem Flüssigkeitsballon. Diese Phantasie hatte zwei Varianten; in der ersten 
tut das «Abgezapftwerden» den Frauen weh, in der zweiten wird vor dem 
Meeting trainiert, so dass die Frauen daran gewöhnt sind. Diese zweite Phan- 
tasie war sekundär als Schuldgefühlsentlastung gebildet worden. 

Nach Durcharbeitung der libidinösen und aggressiven Komponenten in der 
Abwehr der Phallität und Besprechung der Oralität gelang es nach einjähriger 

*) Die reaktive «autarkische Fiktion» bewirkte im Falle des Patienten 
u. a. die Pubertätsphantasie, dass eine oral aufgenommene Flüssigkeit schon 
nach einer Viertelstunde im Urin ausgeschieden werde. Mischte Patient also 
eigenen Urin mit kalter Milch und trank dies (was öfter vorkam), so konnte 
er nach einer Viertelstunde durch neuerliches Trinken des eigenen Urins eine 
fast völlige «alimentäre Unabhängigkeit» andeuten. 

111 



Analyse, den Patienten zum Koitus zu bringen. Patient war nach einigen Ver- 
suchen potent, benahm sich aber sehr hölzern und zurückhaltend, «als hätte 
er den Stock geschluckt, mit dem er geprügelt wurde» (Heine). Immer wieder 
betonte Patient, dass alles Genitale lächerlich und langweilig sei. Auch trat, 
wie erwähnt, psychogene Aspermie auf. Es gelang ihm lediglich durch vor der 
Frau an sich selbst vorgenommene Onanie zur Ejakulation zu kommen. An- 
fangs war also auch die Hand der Publica wirkungslos. Die Ejakulation wurde 
stets so dirigiert, dass Patient «auf den eigenen Bauch zielte» (ipsissima verba). 
Er verhöhnte dabei das jeweilige Mädchen damit, dass sie nichts «bekomme», 
was insofern auch real einen Sinn hatte, als viele Prostituierte einen sonder- 
baren Ehrgeiz entwickeln, dem Mann zur Ejakulation zu verhelfen, offenbar 
weil sie annehmen, dass der bei ihnen erlebte Orgasmus die Männer sie wie- 
der aufsuchen lässt, wenn man nicht gar einen gewissen Berufsehrgeiz anneh- 
men will. 

Bezeichnenderweise wurde dem Patienten die aus Angst vor übergrosser 
eigener Aggression bewirkte Hemmung durch folgende Beobachtung langsam 
bewusst: in Fällen, in denen die Erektion beim Koitus «aus Langeweile», wie 
er meinte, zusammenklappte, persistierte sie halbe Stunden lang, wenn er re- 
gungslos mit dem Penis in der Vagina auf der Frau lag. Auch machte ihn fast 
jedes Mädchen darauf aufmerksam, dass es irgendwie vor ihm Angst hatte, 
was sehr in Widerspruch zu seiner prononcierten Passivität stand. Langsam 
getraute er sich mit seinen Aggressionen gegen das Weib heraus und erst über 
diese Aggressionen gegen die Brüste, Analbacken und Schenkel des Weibes 
wurde der Koitus für den Patienten «schmackhafter», wie er es ausdrückte. Am 
Ende des ersten Analysenjahres ejakulierte Patient zum ersten 
Male, nachdem auch er wiederholt das Symptom der «nichtperzipier- 
ten Ejakulation» erlebt hatte. Er koitierte bei Tageslicht in der Woh- 
nung einer Publica, die das Fenster offen Hess, so dass Patient die Fiktion 
hatte, er könne trotz dem Vorhang von den Nachbarn gesehen werden, wenn 
er nackt im Zimmer herumgehe. Beim Koitus presste er eine Brust der Frau 
ganz fest zusammen, machte so energische Bewegungen, dass das Bett laut 
krachte 1 ), was dem Patienten Freude machte, da er sich dabei dachte, die 
Nachbarn würden ihn, wenn sie es hören, beneiden. Die Trias: provokante Ex- 



l ) Eine Rationalisierung seiner Passivität beim Koitus lautete: er sei im 
Internat, da das Krachen des Bettes die verbotene Onanie verriet, zu kleinen 
«lautlosen» Hüftbewegungen gezwungen gewesen, die er beim Koitus «aus Ge- 
wohnheit» beibehalte. Die «Inferiorität» des Koitus suchte Patient mit recht 
sophistischen Mitteln zu beweisen, wie folgendes abstruse «wissenschaftliche» 
Elaborat zeigt: 

§ 1. Die Reize und Empfindungen, welche die Ejakulation herbei- 
führen, kommen bei der Onanie wie beim Koitus dadurch zustande, dass 
gewisse Teile des Penis unter drückender oder reibender Bewegung ge- 
halten werden. Die Teile nun, die sich dabei aneinander bewegen, sind die 
Penishaut gegenüber den inneren Teilen, den Schwellkörpern des Penis. 
Letztere sind (bei Erektion) starr mit dem Körper des Mannes verbunden. 
Um nun die erforderliche Bewegung zu erhalten, ist es kinematisch voll- 
kommen irrelevant, ob die Haut sich bewegt und der übrige Penis sich 
in Ruhe befindet, oder ob umgekehrt die Haut festgehalten wird, sich also 
in Ruhe befindet, und sich dafür die inneren Teile des Penis bewegen. 
Das eine ist die «kinematische» Umkehrung des andern. Bei der Onanie 
(allerdings nicht bei jeder ihrer möglichen Formen) befindet sich der 
Mann und mit ihm die inneren Teile des Penis in Ruhe, während die 
Oberhaut bewegt wird. Beim Koitus liegt normaliter die Frau ruhig (doch 
auch wenn sie selbst die Bewegungen vollführt, ändert es am Resultat 
nichts), ruhig daher auch ihre Vagina, ruhig daher auch nahezu die äusse- 
ren Hautteile des Penis, also müssen in diesem Fall die inneren, ange- 

112 



hibition 1 ), Aggression gegen die Brust, Idee des Beneidetwerdens im Belauscht- 
sein, wobei er sich mit den supponierten visuellen und akustischen Voyeurs 
identifizierte — diente der Aggression. Nach dem Koitus verspürte Patient 
einen «Riesendurst» und trank 2 Liter Wasser. 

Patient reagierte auf den Erfolg beim Koitus mit narzisstischer Befriedi- 
gung und einem guten Witz, der seine Aggression gegen die Analyse (der er 
die beginnende Heilung nicht verzeihen konnte), hübsch zeigt: «Nun interessiert 
mich bloss, wie das weiter gehen wird mit meiner Charakterneurose: ob sich die 
Fortschritte in der Analyse in arithmetischer oder geometrischer Progression ent- 
wickeln werden. Den ersten Koitus absolvierte ich nach der 206. Ordination, 
die erste Ejakulation nach der 412. Geht es in arithmetischer Progression wei- 
ter, dann ist der nächste Erfolg nach der 618., bei geometrischer Progression 
nach der 824. Ordination zu erwarten. Letzteres wäre schlimm!» Das Problem 
der weiteren Progression wurde dadurch gelöst, dass der Vater des Patienten 
diesen aus eigener Machtvollkommenheit für geheilt erklärte und die Zahlun- 
gen einstellte. Er glaubte dies um so eher verantworten zu können, als die 
Schwierigkeiten beim Studium ebenfalls behoben zu sein schienen. Von einer 
wirklichen Heilung der schweren Charakterneurose des Patienten kann inzwi- 
schen noch keine Rede sein. 

Fall 4. Ein Patient mit erektiver Potenzstörung und Charakterneurose 
hatte eine zweijährige, zum Teil erfolgreiche Analyse bei einer Kollegin absol- 
viert; das Symptom der erektiven Potenzstörung war nach der Analyse ge- 
schwunden, doch blieb die Potenz launenhaft und es trat Ejaculatio praecox auf, 
der aber Patient nur geringe Bedeutung beimass. Infolge «nicht gelöster Über- 
tragung» — so behauptete Patient — fühlte er sich noch nicht wohl und setzte 
nach einjähriger Unterbrechung die Analyse bei mir fort, vor allem auch deshalb, 
weil seine «Lieblingsbeschäftigung», das Versemachen, nicht «funktionierte». 
Die Analyse dieses oral regredierenden Patienten zeigte ein ähnliches Bild wie 
bei Fall 2): Die Deutung und Durcharbeitung des Ödipuskomplexes in der er- 
sten Analyse hatte die phallischen und analen Elemente mobilisiert und zum 
Teil unschädlich gemacht; daher die Besserung der erektiven Potenz. Doch 

schwellten Teile des Penis bewegt werden, was nur möglich ist, wenn der 
Mann seinen ganzen Rumpf bewegt. 

§ 2. Die Bewegung beim Koitus ist die kinematische Umkehrung der 
Bewegung bei der Onanie. Beim Koitus erhält sich der ganze Mann dauernd 
in Bewegung und nur die Penishaut bleibt an Ort; bei der Onanie ist es 
umgekehrt. Nehmen wir nun an, die Penishaut habe eine Masse von 7 
Gramm, der ganze Mann eine Masse von 70 Kilogramm, dann ist die für 
die Bewegung erforderliche kinetische Energie beim Koitus 10,000mal so 
gross wie bei der Onanie. 

§ 3. Man kann also die Onanie mit einem Zehntausend- 
stel der zum Koitus erforderlichen Energie bestrei- 
te n. Von diesem Standpunkt ans entspricht jemand, der den Koitus der 
Onanie vorzieht, etwa einem Menschen, der sich ein Stockwerk unter der 
Erdoberfläche befindet und der, statt die Stiegen hinaufzusteigen, das 
ganze Haus um ein Stockwerk heben lassen möchte, auf welch sonder- 
bare Weise er ja schliesslich ebenfalls an die Oberfläche gelangen könnte.» 

Ich gehe auf die Fehler dieser Aufstellung — es ist leicht zu beweisen, 
dass auch eine Reihe von Fehlschlüssen vorliegt — , nicht ein, da lediglich die 
koitusfeindliche Einstellung des Patienten belegt werden wollte. 

) I<=h gehe auf die Rolle des Schautriebes bei den oralen Aspermisten 
nicht ein und verweise auf eine in Vorbereitung befindliche Arbeit gemeinsam 
mit Eideiberg über «Klinische Beiträge zum Studium des Schautriebes». 

8 Die psychische Impotenz des Mannes. 113 



^^^^^^m 



persistierte bzw. verschob sich der nicht erledigte und in der ersten Analyse 
bloss angedeutete orale Zufluss zu den Symptomen auf seine Störung des 
«Hergebens» in der Sexualität und auf seine dichterische Produktions- 
hemmung. Patient war ein hervorragend begabter Lyriker, der aber aus 
infernalischem Hass gegen die phallische Mutter nichts produzieren konnte. 
Dem «Auftrieb von Sehnsucht», wie er es nannte, stand dieser oral bedingte 
Mutterhass entgegen, der alles literarische «Hergeben» unterband und höch- 
stens zu literarischen Blasphemien und Koprolalien reichte. Ich habe über die- 
sen Patienten in meiner Arbeit «Obscene Words» 1 ) berichtet und verweise 
darauf. 

In Parenthese will ich lediglich anführen, dass Patient zeitweise das 
Symptom der psychogenen Aspermie produzierte, wobei er die deutliche Im- 
pression hatte, dass sich die Erregung vom Penis ins Innere des Körpers ver- 
schob und die Blase übererregt wurde. Zur Ejakulation gelangte er in dieser 
Zeit bloss durch manuelle Reizungen von sehen der Partnerin. 

Ich gehe auf die sehr komplizierte Analyse des Patienten hier nicht näher 
ein, da ich eine Arbeit über die Beziehungen zwischen Oralität und dichteri- 
scher Produktion vorbereite, in welcher über den Patienten ausführlich ge- 
sprochen werden wird. Ich vermerke hier bloss die Tatsache, dass Patient 
nach der zweiten Analyse sexuell gesund und seine dichterische Produktions- 
hemmung beseitigt wurde. 

* 

Es gibt Fälle, in denen die orale Genese der Aspermie in ober- 
flächlicher Schicht urethral ist. Eine tiefere Analyse ergibt 
immer orale Elemente. Doch ist zur Beseitigung des Symptoms 
(nicht der Charakterstörung!) das Eingehen auf die tiefsten Schich- 
ten nicht immer notwendig. Ich führe folgendes Beispiel an: 

Ein junger Mann kam wegen eines einzigen Symptoms in Behandlung 2 ): er 
war erektiv potent, hatte einige Male koitiert, aber noch niemals ejaku- 
liert. Er versprach den Prostituierten eine Extrazahlung — er nannte das Er- 
folgshonorar — , wenn sie ihn zur Ejakulation bringen könnten. Patient war in 
seiner Kindheit Bettnässer gewesen und dieses Symptom hatte seine Kind- 
heit verdüstert. Er war sehr passiv und in stärkster psychischer Abhängigkeit 
von seiner Mutter, die als aggressive Hysterika die dominierende Persönlich- 
keit im Hause war. Das Bettnässertum hatte beim Patienten die drei typischen 
Phasen durchlaufen (sieheS. 141 — 142). 

Nun wurde dem Patienten das Bettnässen z u gründlich verboten, er blieb 
unbewusst bei seiner Vorstellung Sexualität = Bettnässen stehen, wobei er 
dann das Bettnässen mit der Ejakulation identifizierte. In genitaler Schicht 
erwies sich die Angst vor der Ejakulation als Angst vor der Kastration: es lag 
eine Identifizierung von Sperma (— Urin) und Penis vor. Die weibliche Identi- 
fizierung drückte sich beim Patienten unter anderem auch in einem immer 
wieder rezidivierenden Afterekzem aus, wobei an dieser Stelle «gekratzt», d. h. 
onaniert wurde. Die anale Lust am Zurückhalten hatte natürlich am Ejakula- 
tionssymptom ebenfalls einen Anteil. 

Nach Aufdeckung und Durcharbeitung dieser Genese wurde Patient sehr 
bald ejakulativ, sogar teilweise orgastisch potent, der weiteren Analyse seiner 
weiblichen Identifizierungen entzog sich Patient mit der Angabe, er sei «schon 

*) Erschien in «The Psychoanalytic Quarterly», 1935, H. 4. Eine vorläufige 
Mitteilung ist in Int. Ztschr. f. Psychoanalyse, 1934, abgedruckt. 

2 ) Der Fall ist publiziert in: B e r g 1 e r , «Über einige noch nicht beschrie- 
bene Spezialformen der Ejakulationsstörung», Int. Ztschr. f. Psychoanalyse, 
1934, Heft 2. 

114 



gesund». Die Analyse Hess vermuten, dass Patient der Durcharbeitung der ora- 
len Komponente auswich und zutiefst deshalb die Analyse verliess. Einen Bei- 
trag zur Raschheit der Änderung lieferte wieder z. T. der «Angsterfolg», d. h. 
der unbewusste Verzicht auf ein Symptom, um tieferliegende unbewusste Ein- 
stellungen lustvoller Art zu retten und der Analyse zu entziehen. — Der Pa- 
tient rezidivierte nicht (Beobachtungszeit 4 Jahre), hat geheiratet, die maso- 
chistische Charakterveränderung ist nicht behoben. 

c)Ejaculatio praecox. 

Wir kennen eine andere urethral-orale Störung, die fast mit 
Regelmässigkeit Bettnässertum in der Anamnese aufweist und ein 
grosses Kontingent bei den potenzgestörten Männern ausmacht: die 
ejaculatio praecox. Eine klassische Schilderung findet 
sich bereits bei Abraham 1 ). Abraham hebt folgende Punkte 
hervor: Die Ejakulation erfolgt nicht durch rhythmische Ausstos- 
sung (bei energischen aktiven Körperbewegungen, maximaler Erek- 
tion und rhythmischen Zusammenziehungen der Muskeln des Dam- 
mes) ,sondern durch ein kraftloses Abfliessen. Hinsichtlich des ent- 
leerten Stoffes ist es wohl eine Ejakulation, hinsichtlich des Mo- 
dus der Ausstossung eine Miktion. Das passive Fliessenlassen 
des Samens lehnt sich in vollkommener Weise an die dem Willen 
entzogene Urinentleerung der ersten Kindheit 2 ) 
an. Die Genitalzone ist nicht zur Leitzone geworden. Die Ober- 
fläche der Glans penis ist mangelhaft erregbar, die Sexualität die- 
ser Männer hat ihren eigentlich männlichen Charakter eingebüsst. 
Die eigentlichen männlichen Genitalfunktionen: Erektion, Im- 
missio, Friktion kommen in Wegfall. Es besteht eine besondere 
Erogenität des Dammes und der rückwärtigen Partien des Skro- 
tums. 

Die Neurotiker, die an Ejaculatio praecox leiden, lassen sich in 
zwei Gruppen teilen. Die einen sind schlaff, energielos, unmänn- 
lich. Anderseits begegnet man erethischen, überlebhaften, bestän- 
dig hastenden Menschen. Der scheinbare Widerspruch dieser Ty- 
pen löst sich, wenn man bedenkt, dass jede Aktivität, die nur in 
Hast und Überstürzung zu ihrem Ziele zu gelangen vermag, durch 
Widerstände bedroht ist. Der hastende Neurotiker ist immer auf 
der Flucht vor den in ihm liegenden unbewussten Widerstän- 
den; der schlaffe Neurotiker hat den Kampf aufgegeben, der ere- 
thische setzt sich diesen Kräften gegenüber noch zur Wehr. Die 

*) «Über ejaculatio praecox», Int. Ztschr. f. Psychoan. 1916. Abgedruckt 
in «Klinische Beiträge zur Psychoanalyse». Int. Psychoan. Verl., Wien. S. 259 ff. 

2 ) Bezüglich des Enuresisproblems siehe die zitierten bedeutenden Arbei- 
ten Christoffels (S. 90 dieses Buches, Anm. 3). Ferner die englischen Ar- 
beiten S. 119 ff. 

115 



unbewussten Widerstände richten sich gegen die spezifisch männ- 
lichen, aktiven Leistungen. Diese Neurotiker äussern in der Regel 
einen ganz bestimmten Widerwillen gegen jede geschlechtliche 
Aktivität, ja sie haben das direkte Verlangen, die weibliche 
Rolle zu übernehmen. Ein Patient Abrahams bevorzugte beim 
Koitus die Rolle des Succubus und gab für diese Vorliebe den ra- 
tionalen Grund an: wenn er ein Mädchen bezahle, wolle er nicht 
obendrein noch die Anstrengung haben, vielmehr solle das Mäd- 
chen für das Geld auch «arbeiten». 

Die erethischen, in dauernder Hast lebenden Neurotiker er- 
blicken meist im Koitus eine lästige Aufgabe, die schnell abge- 
macht werden muss. Bei manchen Patienten sind das Verlangen 
nach dem Koitus und die Erektionsfähigkeit zwar vorhanden, die 
Erektion schwindet aber noch vor der Immissio oder knapp nach ihr. 

Der Widerwille gegen motorische Leistungen greift auch auf 
andere Gebiete über, z. B. auf das Verhalten dieser Patienten beim 
Sport. Viele haben einen ausgesprochenen Widerwillen gegen die 
Muskelarbeit, andere betreiben einen Sport mit übertriebenem 
Ehrgeiz und in übereifriger, überhasteter Art, um bei einem Miss- 
erfolg plötzlich ganz zu resignieren. 

Die Schlaffheit und Passivität dieser Neurotiker ist aber eine 
reaktive Erscheinung. Es lässt sich nachweisen, dass sie an 
die Stelle allzu heftiger, sadistisch-gewalttätiger Antriebe getreten 
ist. Die Libido dieser Patienten entbehrte ursprünglich keineswegs 
einer sadistischen Komponente. Im Gegenteil beweist die einge- 
hende Analyse, dass neben der unmännlich-passiven oder über- 
hastet aktiven Einstellung zum Weibe im Unbewussten des Kran- 
ken eine andere, aggressiv-grausame Einstellung 
zum Weibe besteht, etwa die, das Weib durch den Koitus zu 
töten. Die reaktive Umwandlung dieser Triebregungen führt dazu, 
dass das männliche Genitale seiner Gefährlichkeit beraubt wird, 
es darf dem Weibe gegenüber nicht mehr in den Zustand geraten, 
in welchem es dem Sadismus dienen könnte. Vorzeitige Erschlaf- 
fung und Ejakulation beseitigen die Gefahr. Ein Rest der Potenz 
bleibt ihnen nur, wenn sie der vollkommenen Einwilligung des 
Weibes sicher sind. Deshalb der Wunsch, sich bei der Immissio 
manuelle Hilfe vom Weibe leisten zu lassen. 

Die Kastrationsangst dieser Patienten äussert sich 
nicht bloss in Angstzuständen beim Ejakulieren, sie empfinden 
überhaupt eine ausgesprochene Angst vor dem weiblichen 
Genitale. 

116 



Der ungewöhnlich hohe Narzissmus dieser Kranken, verbun- 
den mit der konstitutionell verstärkten Urethralerotik bedingen 
die Schwere der Erkrankung. Die Lustempfindungen sind in der 
Urethra lokalisiert. Diese Urethralerotik bewirkt die Überwertung 
des Penis als Harnweg. Tritt später an das Organ die Anforderung 
der eigentlichen Geschlechtsfunktion heran, dann weigert es sich 
nun dieser. Dabei liegt in dem «Anurinieren» der Frau nicht bloss 
ein infantil-exhibitionistischer Liebesbeweis — schon Säug- 
linge und Kleinkinder haben eine übertrieben narzisstische Ein- 
schätzung der eigenen Leibesprodukte und urinieren, wenn sie 
von Hand zu Hand gegeben werden, bloss ihnen sympathische 
Personen als Liebesbeweis an — , auch die Verachtung der 
Frau kommt im Symptom zum Ausdruck. Vielfach liegt im Sym- 
ptom unbewusst ein posthumes Werben um die Mutter vor — die 
Ejaculatio praecox gilt vielfach als Zeichen einer feineren, ver- 
edelten Männlichkeit im Gegensatz zur aggressiven Rohheit an- 
derer Männer — etwa nach der Formel: Ich komme dir zarter 
entgegen als der Vater. Zugleich sind aber auch Manifestationen 
der Rache und Ablehnung der Frau in Form einer Besude- 
lung mit Harn vorhanden. Auch Trotz spielt eine Rolle. Die 
Ejaculatio praecox ist auch ein Rückfall in die unbeherrschte Ent- 
leerungsform des frühen Kindesalters, verbunden mit einer pro- 
noncierten Enttäuschung der Frau: der Kranke erregt in der Frau 
beim Koitus Erwartungen und enttäuscht sie. 

Prognostisch sind nach Abraham diejenigen Fälle am wenig- 
sten günstig zu beurteilen, in denen die Ejaculatio praecox sich 
sogleich im Alter der Geschlechtsreife bemerkbar gemacht hat 
und seither durch eine Reihe von Jahren viele Male hervorge- 
treten ist. 

Reich 1 ) hat darauf aufmerksam gemacht, dass es zwei 
Grundformen der Ejaculatio praecox gibt, die genetisch und pro- 
gnostisch verschieden sind. Zur Aufstellung der beiden Formen 
führten den Autor folgende klinische Unterschiede: 1. Die Ejacu- 
latio praecox bestand seit jeher oder trat erst nach einer Periode 
relativ guter Potenz auf. 2. Der Samenerguss erfolgt vor oder nach 
dem Eindringen des Gliedes. 3. Der verfrühte Samenerguss erfolgt 
fliessend oder in Stössen. 4. Das Glied kann dabei steif oder 
schlaff sein. 5. Das Glied weist aussen an der Glans oder in der 
Urethra die grössere Empfindlichkeit auf. 6. In den sexuellen 



*) «Die Funktion des Orgasmus». S. 125 ff. 

117 



!^E 



Phantasien dominiert, gleichgültig ob bewusst oder unbewusst, die 
Vorstellung vom Eindringen des Gliedes in die Scheide, diesmal 
wieder gleichgültig, ob lust- oder unlustbetont, oder sie ist durch 
prägenitale Phantasien (sich an die Frau schmiegen, ihre Brüste 
küssen, Gebundenwerden usw.) ersetzt. 

Die genannten Eigenschaften pflegen sich mehr oder weniger 
ausgeprägt in zwei Gruppen zu sondern. Ejaculatio ante portas 
pflegt sich mit urethralem Samenfliessen, mehr oder weniger 
schlaffem Gliede und mit prägenitalen Phantasien, der Samen- 
erguss bald nach dem Eindringen mit Erektion, gelegentlich auch 
mit rhythmischem Samenabfluss und immer mit aktiven Koitus- 
phantasien zu verbinden. Abweichungen kommen vor, so insbe- 
sondere Ejaculatio ante portas mit steifem Gliede. Es wird durch 
die Erfahrung regelmässig bestätigt, dass die erste Form die weit- 
aus schwerere und gewöhnlich die chronische ist, während die 
zweite nach einer Periode relativ guter Potenz aufzutreten pflegt, 
und auf Psychoanalyse sehr gut reagiert. 

Der Unterschied liegt nach Reich in der grundver- 
schiedenen Libidostruktur. Die schwere Form ist 
nämlich eine Erkrankung durch Fixierung auf der urethral- 
analen, die leichte eine auf der genital-urethralen 
Stufe. Bei beiden Stufen bedeutet das Symptom u. a. Urinieren, 
doch ist die Urethralerotik dort an eine prägenitale, hier an eine 
genitale Libido gebunden. Das Vorhandensein der phallischen 
Libido drückt sich aus: in der Fähigkeit zur Erektion, in der Tat- 
sache, dass die Glans in höherem Masse erregbar ist als die 
Urethra und die Peniswurzel, in den Koitusphantasien, endlich im 
Charakter. Die Patienten der leichteren Form sind männlich-aktiv 
und aggressiv, manchmal auch manifest aktiv-homosexuell. Die 
Erkrankung ist nach einer Zeit relativer Potenz ausgebrochen. 

Das Fehlen der phallischen Komponente in der Ejaculatio prae- 
cox bzw. die Vorherrschaft der anal-urethralen Position haben 
folgende Kennzeichen: 1. Die Kranken sind nie potent gewesen. 
2. Es fehlen heterosexuelle Koitusphantasien gänzlich oder sie tre- 
ten hinter den prägenitalen zurück. 3. Die Glans ist sehr wenig 
oder gar nicht erregbar (Hyp- bzw. Anästhesie des Penis). Der 
Sitz der Lustsensationen ist die Urethra; sie erstrecken sich fast 
immer bis in die Dammgegend. 4. Die Erektion ist kaum nennens- 
wert, kommt gar nicht zustande oder das Glied schrumpft zusam- 
men. 5. Die Patienten sind im Charakter passiv-feminin, die Ana- 
lyse deckt einen beträchtlichen moralischen und erogenen 

118 



Masochismus bei verdrängtem Sadismus auf. Fast immer bestehen 
überdies neurasthenische Symptome wie chronische Obstipation, 
Kopfdruck, Ermüdbarkeit, Spermathorrhöe und hypochondrische 
Beschwerden. Nach Reich ist das Symptom der Ejaculatio prae- 
cox schwereren Grades (urethral-anale Fixierung bzw. Regression) 
eine Teilerscheinung der chronisch-hypochondrischen Neurasthe- 
nie (siehe S. 60 ff.) 

Bei der «genitalen» (richtiger: phallischen. D. Verf.) Form der 
Ejaculatio praecox dominiert phallische Kastrationsangst mit Bei- 
behaltung genitaler Wünsche, bei der schweren Form der Ejacula- 
tio praecox wird die genitale Vateridentifizierung zugunsten einer 
analen Mutteridentifizierung aufgegeben. Mit dieser Fixierung 
bzw. Regression fällt auch der genitale Wunsch und macht einer 
urethralen Beziehung zur Mutter und passiv-analen zum Vater 
Platz. Es herrscht die autoerotische Befriedigung bzw. die Lust, 
die Frau mit Kot oder Urin zu beschmutzen, vor. 

Die Identifizierung mit der Mutter — die in diesen Fällen ne- 
ben schwerem unbewusstem Strafbedürfnis der Heilung die grösste 
Schwierigkeit entgegenstellt — enthält, wie schon Rank in ande- 
rem Zusammenhang hervorhob, die Determinante Penis = Brust, 
Samen = Milch. Das Glied wird der Frau gereicht, wie seinerzeit 
die Brust dem Kind von der Mutter gereicht wurde. Damit wird 
einerseits in der Phantasie die Rolle der gebenden Mutter in 
Form einer magischen Geste festgehalten, andererseits gibt sich 
der Kranke der Frau (Mutter) gegenüber als Kind und begehrt 
ihre Brust. Das passive Abfliessen des Samens beim Anschmiegen 
an die Frau wäre der erstgenannten Tendenz zuzuzählen. 

Wichtige Zusammenhänge zwischen oraler und urethraler Erotik wurden 
von englischen Analytikern — vor allem Melanie Klein und Ernest 
Jones — hervorgehoben. Ausgehend von der Behauptung Abrahams, dass 
wir bei den Neurotikern «. . . den Funktionen und Produkten des Darmes und 
der Blase auch als Trägern feindseliger Regungen begegnen», zeigte M. Klein, 
dass der urethrale Sadismus am engsten an den oralen Sadis- 
mus anknüpft. «Es hat sich mir vielfach bestätigt, dass Phantasien des Über- 
schwemmens und Zerstörens durch ungeheure Urinmengen (auch im Sinne des 
Aufweichens, Ertränkens, Verbrennens, Vergiftens) eine sadistische Reaktion 
auf die Versagung an Flüssigkeit seitens der Mutter darstellen und am Ende 
gegen die Mutterbrust gerichtet sind. Ich möchte hier auf die grosse, bisher 
nicht genügend eingeschätzte Bedeutung hinweisen, die nach meinen Erfahrun- 
gen dem urethralen Sadismus als Entwicklungsfaktor zukommt. Die uns wohl- 
bekannten Phantasien des Überschwemmens und Vernichtens mittels grosser 
Urinmengen sowie auch die bekannte Beziehung zwischen Zündeln und Nässen 
sind nur der deutlichere, wenig verdrängte Ausdruck der sadistischen Regun- 
gen, die sich mit der Urethralfunktion verknüpfen. Ich lernte in den Analysen 
von Kindern und Erwachsenen immer wieder Phantasien kennen, in denen der 

119 



Urin als eine brennende, zersetzende, vergiftende Flüssigkeit, als schleichendes 
und geheimes Gift phantasiert wurde. Die urethralsadistischen Phantasien ha- 
ben einen grundlegenden Anteil an der unbewussten Bedeutung des Penis als 
eines Werkzeuges des Sadismus und auch an den durch diese Phantasien be- 
dingten Potenzstörungen des Mannes. Das Bettnässen fand ich in einer Reihe 
von Fällen durch Phantasien dieser Art determiniert. Auch alle anderen Mit- 
tel des Sadismus, der Muskelsadismus und anale Sadismus, richten sich zuerst 
gegen die versagende Mutterbrust, bald aber gegen das Innere des Mutterlei- 
bes, der auf diese Weise zum Ziel aller höchstgesteigerten und gleichzeitig 
wirksamen Mittel des Sadismus wird. Analsadistische Zerstörungswünsche ge- 
gen den Mutterleib werden in den Frühanalysen von solchen des Fressens und 
und des Nässens abgelöst und umgekehrt, wobei als ursprünglichstes Begehren 
immer wieder das Fressen und Zerstören der Mutterbrust deutlich wird. Die 
Entwicklungsphase, in der die in der Phantasie unternommenen sadistischen 
Angriffe gegen den Mutterleib dominieren, wird die oralsadistische Stufe ein- 
geleitet, findet mit dem Abklingen der früheren analsadistischen Stufe ihren 
Abschluss und umfasst die Höchstblüte des Sadismus auf allen Quellgebieten.» 
(«Die Psychoanalyse des Kindes», S. 139 ff.) 

In einer längeren Arbeit über Ejaculatio praecox 1 ) konnte ich 
in Bestätigung und Ergänzung der zitierten Autoren zeigen, dass 
die tiefsten Wurzeln dieser Erkrankung auf die orale Stufe zu- 
rückgehen, dass ein typischer Zusammenhang mit der Exhibi- 
t i o n vorliegt und dass das Symptom selbst eine Kombination von 
tötlicher Aggression gegen die Mutter der Präödipalzeit ver- 
bunden mit einer wehmütigen Anklage gegen diese darstellt. Diese 
Trias ist meiner Meinung nach pathognomonisch für diese Krank- 
heit. 

ad 1. Ejaculatio praecox und Oralität. 

Die Enttäuschung des männlichen Kindes bei der Brustent- 
ziehung führt, wie Eideiberg und Verfasser in unserer 
Arbeit «Der Mammakomplex des Mannes» 2 ) zeigten, zu einer 
schweren narzisstischen Kränkung, die mittels des «unbewussten 
Wiederholungszwanges» (Freud) repariert werden soll: durch ak- 
tive psychische Besitzergreifung des Penis wird die passiv 
erlebte Enttäuschung ausgeglichen. An Stelle der passiven 
Aufnahme von Muttermilch ist das Kind jetzt durch psychische 
Besitzergreifung des Penis zum aktiven Spender von Urin ge- 
worden; dabei werden Penis und mütterliche Brust, Urin und 
Milch gleichgesetzt. Der Penis wird mit grossen Libidoquantitäten 
besetzt, der «Penisstolz» als narzisstische Bestitution der verlore- 
nen mütterlichen Brust kompensatorisch überbetont. Der 



*) «Über Ejaculatio praecox». Publiziert in Psychiatrische en Neurologische 
Bladen (Amsterdam) 1937. Märzheft. 

2 ) Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, 1933. 

120 



von Freud für die phallische Phase beschriebene «Penisstolz» 
des Knaben hat eine orale Vorgeschichte; er deckt die Enttäu- 
schung beim Entzug der Mutterbrust und soll trösten: «Ich habe 
die Mutterbrust (mütterlicher Phallus) nicht verloren, habe im 
Penis selbst eine». Gerade dieser Hintergrund von oraler Enttäu- 
schung erklärt erst die spätere in der urethral-phallischen Phase 
eintretende Überschätzung des Organs. 

Ich habe in zwei Arbeiten das Krankheitsbild der «psycho- 
genen oralen. Aspermie» beschrieben 1 ) und an Hand von 
sechs Krankengeschichten (davon fünf Fälle geheilt, einer noch in 
Behandlung mit günstiger Prognose) die Symptomatologie und ver- 
mutliche Genese aufgezeigt. Die Symptomatologie dieser Krankheit 
ist die folgende: Die Patienten sind erektiv potent, kommen aber 
trotz lange fortgesetzter Friktionen beim Koitus nicht zur 
Ejakulation. Dagegen haben die Patienten Pollutionen, ona- 
nieren mit Ejakulation und gelangen auch zeitweise durch ma- 
nuelle Friktionen von Seiten der Frau zur Ejakulation. Das völlige 
Ausbleiben der Ejakulation ist lediglich und aus- 
schliesslich auf den Koitus beschränkt. Unter Ab- 
grenzung gegen die bereits bekannte anale Form des Ausbleibens 
der Ejakulation und die von mir beschriebene urethrale Abart 
dieser psychogenen Aspermie, habe ich ein spezielles Krankheits- 
bild isoliert, das im wesentlichen oral bedingt ist. Als Ursache 
der «psychogenen oralen Aspermie» führte ich zwei Wurzeln 
an: 

a) Scheitern am «Mammakomplex», d. h. Unfähigkeit, über 
das Entwöhnungstrauma mittels oben beschriebener Umkehrung 
des passiv Erlebten in aktiver Reproduktion hinwegzukommen. 
Die Ejakulationsstörung bedeutet unbewusste Rache an der mit 
der phallischen Mutter identifizierten jeweiligen Partnerin: unbe- 
wusst fassen diese Patienten die Vagina als Mund, den eigenen 
Penis als Brust (mütterlichen Phallus) auf. Sie sollen aber bei der 
Ejakulation psychisch gerade das leisten, was ihnen von der oral 
«kastrierenden» brustentziehenden Mutter im erwünschten Masse 
angeblich verweigert worden war: eine Flüssigkeit aus der Brust 
in den Mund fliessen zu lassen. Dabei ergibt sich die Störung des 



J ) «Über einige noch nicht beschriebene Spezialformen der Ejakulations- 
störung», Int. Ztschr. f. Psychoanalyse, 1934, bzw. in englischer Übersetzung 
«Intern. Journal of Psychoanalysis» (London), 1935. Ferner: «Ergänzungen zum 
Krankheitsbild der psychogenen oralen Aspermie». S. auch S. 90 — 115 dieses 
Buches. 

121 



«Gebens» der Ejakulation aus Rache für seinerzeitiges «zu wenig 
Bekommen.». 

b) Hemmung der Aggression: die Patienten haben unbewusst 
eine geradezu brisante Vorstellung von den Wirkungen der Ejaku- 
lation, die unbewusst einem blutrünstigen Zersprengen, wie beim 
Explodieren einer Handgranate gleichgesetzt wird. Die Patienten 
schützen also in ihrer Ejakulationshemmung einerseits die Frau 
vor der eigenen Aggression, andererseits in der Identifizierung mit 
der Frau sich selbst vor einem supponierten Zersprengt- und in 
Stücke-gerissen-werden. 

Beim Vergleich zwischen dem Krankheitsbild der oralen Asper- 
mie und Ejaculatio praecox fällt auf, dass beide Elemente, die für 
das Zustandekommen der tieferen Störung verantwortlich gemacht 
wurden, auch bei der oberflächlicheren vorhanden sind, bloss ist 
die Verarbeitung im unbewussten Ich- Anteil zum Teil different: 
an Stelle des völligen Verweigerns des mit Milch 
und Urin identifizierten Spermas, wird die Flüssigkeit in 
einer frotzelnd-aggressiven Weise gegeben. Diese 
Karikatur des Gebens — der Ejaculatio praecox-Kranke 
gibt der Frau zwar Sperma, aber in einem Zeitpunkt, in welchem 
sie nichts davon hat 1 ) — stellt die posthume Rache für orale Ent- 
täuschungen in der Saugperiode dar. Es ist — sagte ein Patient 
in Verarbeitung meiner Deutung — als zeigte man einem Ausge- 
hungerten eine besonders leckere Speise, die man aber, wenn er 



l ) Bei allen oral Regredierenden besteht in der Vorstellung vom Koitus 
eine Überbetonung des Ejakulats, eine Minderbewertung der Friktionen. Es 
ergibt sich hier übrigens auch ein Unterschied zwischen Ejaculatio praecox und 
oraler Aspermie: der Ejaculatio praecox-Kranke bringt das Weib durch Aus- 
bleiben der normalen Friktionen tatsächlich um den sexuellen Genuss, 
während der orale Aspermist dies nur in der Phantasie auf Grund eines 
falschen Analogieschlusses zustande bringt. Vielfach gelangt nämlich die Frau 
gerade erst durch den protrahierten Koitus zum Orgasmus (siehe das Buch von 
Hit seh mann und Verfasser, «Die Geschlechtskälte der Frau», Ars 
Medici, Wien; Dencel & Steele, Paris; Nervous and Mental Disease Publishing 
Company, NewYork), siebemerkt manchmal das Ausbleiben der Ejakulation garnieht 
bezw. begrüsst das Ausbleiben aus Angst vor Schwängerung. Bezeichnend sind die 
Wutanfälle der oralen Aspermisten, wenn man sie in der Analyse auf diesen 
Tatbestand aufmerksam macht; die beabsichtigte Rache an der Frau wirkt sich 
vielfach als Wohltat für diese aus. Wie weitgehend diese unbewusste Phanta- 
sie an der mittels der Ejakulation agierten Rache bei diesen Kranken vor- 
herrscht, zeigt etwa der Ausspruch eines pseudodebilen Patienten, dessen 
Krankengeschichte ich publizierte (S. 84—90 dieses Buches), der mir eines Ta- 
ges eine sonderbare Therapie gegen seine Impotenz mitteilte. Er habe ein Mit- 
tel gegen seine Impotenz gefunden, das ebenso einfach wie erfolgreich sei: er 
koitiere mit Präservativ. «Da kriegt ja die Frau nichts», sagte er triumphie- 
rend. Präservativ als Strafmittel — diese Idee ist bloss oral erklärlich. 



122 



danach greifen will, ins Klosett 1 ) schüttet, so dass der Hungrige 
nur das Nachsehen hat. 

Der Beweis, dass orale Elemente — vielfach mit analen ver- 
mengt — bei Ejaculatio praecox eine dynamisch wirksame Rolle 
spielen, ist manchmal direkt aus den Onaniephantasien dieser 
Kranken, immer aber aus ihren Träumen, zu erbringen. Ein Pa- 
tient dieser Art hatte noch in der Pubertät folgende Onaniephan- 
tasie: ein kleines Mädchen muss auf seinen Be- 
fehl voller Widerstreben mit Urin und Kot be- 
schmutzte Beeren essen, wobei Patient das Mitansehen 
der Erniedrigung des Mädchens lustvoll geniesst. Bezeichnender- 
weise ist aber das Wissen um die im Symptom der Ejaculatio prae- 
cox liegende Aggression gewöhnlich verdrängt, diese Patienten 
wehren sich sehr energisch gegen die von Abraham stammende 
Deutung, sie wollten die Frau unbewusst anurinieren und besu- 
deln. Mehr noch: sie betonen fast regelmässig, dass sie am Orgas- 
mus und Befriedigenkönnen der Frau noch mehr als am eigenen 
Vergnügen beim Koitus interessiert sind. 

Ich füge nun drei typische Träume von drei Ejaculatio prae- 
cox-Patienten an, die ich in letzter Zeit zufälligerweise gleichzeitig 
behandelte. Mein Patientenmaterial, bei dem ich die orale Ten- 
denz bei Ejaculatio praecox vermutungsweise feststellte, umfasst 
acht Fälle. Eine grössere Anzahl von Fällen aus früheren Jahren, 
bei denen ich dieses Material nicht klar übersah, ist nicht einbe- 
zogen. Ich kann — bei dem so häufigen Krankheitsbild sind ja Im- 
potenzfälle das «tägliche Brot» des Analytikers — nicht mehr an- 
geben, bei welchem Patienten sich mir der Eindruck aufdrängte, 
dass die Oralität das wesentliche Konstituens der Ejaculatio 
praecox ausmacht. 

Ich bezeichne die folgenden Träume als typisch, weil sie 
von diesen Patienten in vielen Variationen immer wieder geträumt 
wurden. 

Patient A. träumt, nachdem seine Ejaculatio praecox in 
der Analyse so weit gebessert wurde, dass er das erste Mal rela- 
tiv ohne Störungen den Koitus ausführen konnte: 

Ich liege mit meiner Freundin, die mir irgendwie «hurenmäs- 
sig» vorkommt, im Bett. Die Freundin bittet mich, ihr ein Glas 



') Der Klosettvergleich zeigt die bekannte starke Vermengung mit analen 
Elementen bei Ejaculatio praecox-Kranken an. Sie haben vielfach auch 
zwangsneurotische Charakterzüge, vor allem die Vorstellung, Sexualität sei 
etwas Schmutziges, etwas Beschmutzendes. 

123 



Wasser zu geben. Ich suche überall in der Wohnung herum, finde 
kein Wasser, gehe in den Hof, will aus dem Brunnen Wasser 
schöpfen, unterlasse dies aber, da am Brunnen zu meinem Erstau- 
nen eine Aufschrift angebracht ist: «Für Juden Wasserholen ver- 
boten.» 

Situation am Traumtage: Der wohlhabende 23jährige Patient 
hatte eine junge Dame in die Wohnung seiner Eltern zum Nacht- 
mahl eingeladen. Dieses bestand lediglich aus einem Gang: fünf 
Deka Schinken für zwei Personen. Als ihm das Mädchen lachend 
seine sonderbare Gastfreundschaft vorhielt, antwortete er un- 
wirsch, er hätte ihren Appetit unterschätzt, hatte aber dabei ein 
ausgesprochen angenehmes Gefühl. Dann koitierte er sie im 
Schlafzimmer der Mutter und Hess sie später im Badezimmer Irri- 
gator und Handtücher der Mutter verwenden. 

Es-Wunsch: Exhibitionistische Rache an der Mutter («hu- 
renmässig», Koitus im Zimmer der Mutter, Irrigator usw.) und an 
dem mit der Mutter identifizierten Mädchen vor allem oraler Art 
(«Orales Verweigern»). 

Über-Ich-Vorwurf 1 ): Anschliessend an den Tagesrest 
«Nachtmahl»: Du bist am Koitus desinteressiert, willst lediglich 
deinen oral-exhibitionistischen Rachephantasien und Herabset- 
zungstendenzen der Mutter gegenüber leben, hast Freude daran, 
wenn du die Freundin oral enttäuschst, der Frau gegenüber den 
Verweigernden agierst, ähnlich wie du wiederholt Huren um die 
Bezahlung geprellt hast. 

Ich-Kompromiss : Ich bin keineswegs an der Situation 
des oralen Verweigerns und der Rache interessiert, im Gegenteil, 
ich bin bereit, für die Freundin Opfer zu bringen, ihr Ejakulat zu 
geben, trotzdem ich oral enttäuscht wurde. Ich kann ja nichts da- 
für, dass die Aussenwelt Ausnahmegesetze schafft, die sogar das 
Wassernehmen verbieten. Ich exhibiere auch keineswegs vor der 



*) Im Luzerner Kongressvortrag «Triebdualismus im Traum» (Imago 1934) 
vertraten Jekels und ich den Standpunkt der «Doppelgeleisigkeit» des 
Traumes: jeder Traum geht von einem unbewussten Es-Wunsch und einem 
unbewussten Über-Ich-Vorwurf aus, wobei das unbewusste Ich das als Traum 
imponierende Kompromiss schafft. Ein gelungener Wunschtraum muss dem- 
nach die jeweiligen Es-Wünsche erfüllen und die jeweiligen Über-Ich-Vor- 
würfe widerlegen. Dadurch kommt dem «Tagesrest» erhöhte Bedeutung bei: 
er wird nicht bloss zur Markierung unbewusster Wünsche verwendet, sondern 
stellt in direkter oder symbolischer Form den jeweiligen Über-Ich-Vorwurf dar. 
Der «Tagesrest» erfüllt demnach eine Doppelfunktion. 

124 



Mutter aus Rache, ich kann ja nichts dafür, dass der bequemste 
Diwan der Wohnung gerade im Zimmer der Mutter steht und nur 
ein Waschtisch und Irrigator vorhanden sind. 

In dieses fadenscheinige Plädoyer werden natürlich die Es- 
Wünsche eingeschmuggelt: Aggression, orales Verweigern, Ex- 
hibition. 

Patient B., der gleiche, dessen Onaniephantasie von den 
beschmutzten Beeren oben mitgeteilt wurde, träumt in den er- 
sten Wochen der Analyse nach einem misslungenen, weil durch 
vorzeitigen Samenerguss gestörten Koitus mit seiner Freundin: 

Ich gehe mit Gabriele (Name der Freundin) auf der Strasse 
spazieren und will ihrem elfjährigen Sohn, der uns begleitet, etwas 
zu essen kaufen — ich weiss nicht, ob es Äpfel oder Orangen 
sind — , doch erhebt meine Freundin in schroffer Form Protest. 

Situation am Traumtage: In der Analyse wurden die Ursachen 
besprochen, die bewirkten, dass dem Patienten trotz zehnjährigem 
Bestehen des Symptoms der Ejaculatio praecox erst bei Gabriele 
zum Bewusstsein kam, dass er krank sei. Es war dies eine Äusse- 
rung Gabrieles beim ersten sexuellen Versager des Patienten bei 
ihr: «Ich liebe dich trotzdem, mach dir nichts daraus (aus dem 
Symptom der Ejaculatio praecox), in diesem Punkt (beim Koitus. 
D. Verf.) ist Gott sei Dank in meiner Ehe alles in Ordnung.» Diese 
Äusserung beruhigte den Patienten keineswegs, hatte im Gegenteil 
die entgegengesetzte Wirkung: er wurde depressiv und hier erst 
setzte sein Krankheitsgefühl ein. Die Ursache lag in der durch 
diese Äusserung aktivierten Ödipussituation: die Mutter liebt mich 
nicht, da mein Penis im Vergleich zum väterlichen Phallus zu klein 
ist. Die Äusserung bewirkte ausserdem eine Steigerung seiner un- 
bewussten Rache gegen das Weib im allgemeinen mit der Recht- 
fertigung: die Mutter hat mich schon als Säugling oral enttäuscht, 
also kann ich sie schuldgefühlsfrei aggredieren. Es wurde dem 
Patienten auch das Spezifische seiner in der Phantasie von 
den beschmutzten Beeren konkretisierten oral-analen Rache de- 
monstriert und diskutiert, weshalb sich diese Rache gerade auf 
Essbares bezog. Es kam auch eine Erinnerung des Patienten aus 
dem vierten Lebensjahr zur Sprache, in welcher eine Amme, die 
ein anderes Kind säugte, bevor sie dem Säugling die Brust reichte, 
ein wenig Milch auf den Boden spritzte, wobei der Patient dachte, 
die Amme uriniere. An diesem Beispiel wurde die Gleichsetzung 
Brust =s Penis dem Patienten demonstriert. 

125 



Es-Wunsch: Wunsch, gegen die Freundin aggressiv zu sein 
und ihr exhibitionistisch aus oraler Rache das Ejakulat zu verwei- 
gern, bzw. bloss zur Unzeit zu geben. 

Über-Ich-Vorwurf (im Anschluss an den Tagesrest 
der analytischen Ordination): Du willst bloss oral aggressiv sein, 
dein ewiges Gerede, dass dir die Befriedigung der Frau wichtiger 
ist als dein eigener Genuss, ist Schwindel: du bist sadistisch, bös- 
artig, hinterhältig. 

Ich-Kompromiss des Traumes: Es ist nicht wahr, dass 
ich gegen Gabriele oral aggressiv sein will. Im Gegenteil: ich zeige 
ihr in Form einer «magischen Geste», wie ich behandelt werden 
möchte. Sie soll mich genau so oral gewährend und gütig behan- 
deln, wie ich ihren Sohn. Was kann ich denn dafür, dass Gabriele 
eben bösartig ist und nicht einmal zulässt, dass man dem Kinde 
ein «harmloses» Geschenk gibt. Nicht ich, Gabriele ist bösartig, 
oral verweigernd. 

Die «Retourkutsche»: nicht ich, Gabriele ist oral ver- 
weigernd, deckt notdürftig das Einschmuggeln unbewusster Wün- 
sche: Aggression, orales Verweigern, Exhibition (Strasse!), Herab- 
setzung der Frau zur Dirne (er hält ihr Kind aus) usw. 1 ). 

Patient C. träumt unmittelbar nach einem Versager in der 
ersten Zeit der Kur, in welcher er noch keine Ahnung von der 
hier supponierten oralen Genese der Ejaculatio praecox hatte, fol- 
gende Träume in einer Nacht: 

a) Ich fahre mit der Cousine 2 ) in der Elektrischen und ärgere 
mich über ihr Geschwätz. 

b) Jemand warnt mich auf der Strasse vor einem «Spannesel». 
Dieser sieht aus wie ein Mittelding zwischen Kalb und 
Fuchs. Ich fürchte mich, weiss aber nicht, ob er mich beis- 
sen oder schon durch Berührung vergiften kann. 

c) Ich halte ein Gewehr in der Hand, weiss nicht, wie man 
schiesst. 

Der wesentliche Traum ist der sub b) zitierte. Zu dem sonder- 
baren Wesen «Spannesel» fällt dem Patienten lange nichts ein. 
Dann lediglich: Spaniol, eine Hunderasse. Als ich dem Patienten 
auf gut Glück vorschlage, das Wort zu zerlegen (Spann-Esel) und 
ihn lachend frage, ob er vielleicht irgendjemanden, der in Spanien 



1 ) Eine Reihe besonders bösartiger Anspielungen gegen Gabriele in diesem 
Traum muss hier aus Diskretionsgründen unberücksichtigt bleiben. 

2 ) Die Cousine war die Haupterziehungsperson des Patienten und vertrat 
seit der frühesten Kindheit des Patienten Mutterstelle. 

126 



wohnt oder derzeit in Spanien weilt, als Esel bezeichnet, sagt er 
verblüfft: Meine Cousine macht jetzt eine Spanienreise. Nachträg- 
lich erinnert Patient sich, es sei ihm beim Überdenken des Trau- 
mes am Morgen die Spanienreise der Cousine eingefallen, er habe 
aber diesen Gedanken als belanglos weggeschoben und beim Er- 
zählen des Traumes in der Analyse offenbar verdrängt. Ich mache 
den Patienten darauf aufmerksam, dass im ersten Teil des Trau- 
mes die Cousine direkt vorkommt, während sie im zweiten bereits 
in herabsetzender Tendenz zum Spannesel degradiert ist. Ferner 
verweise ich darauf, wie sehr die Ängste des Patienten 
oral zentriert sind; das Spannesel-Tier kann b e i s s e n , 
bzw. durch Gift töten. Endlich zeigte ich dem Patienten, dass 
die Silbe «Spann» auch einen Zusammenhang mit einem anderen 
Tier möglich erscheinen lässt. Patient ergänzt wieder ehrlich ver- 
blüfft: «Spanferkel, die werden als Delikatesse gegessen und die Sau 
frisst ihre Jungen, ich habe das selbst auf dem Lande beobachtet!» 

Betrachtet man diesen dreigeteilten Traum als Einheit, erge- 
ben sich folgende Vermutungen: 

Es-Wunsch: Aggression gegen die Mutter-Cousine (»Esel», 
«Kalb», «Geschwätz»), oraler Fresswunsch und sadistische Attacke 
(«Gewehr») gegen diese, Exhibition (Strasse, Elektrische). 

Über-Ich-Vorwurf: Du willst gar nicht koitieren, son- 
dern die Mutter sadistisch (Gewehr) und oral aggredieren. 

Ich-Kompromiss des Traumes: Es ist nicht wahr, 
dass ich oral aggredieren will, im Gegenteil: dieCousinewill 
mich fressen. Wie kann man für eine Frau Liebe empfinden, 
die einen fressen will? Die Frau, nicht ich, ist bösartig, sie, nicht 
ich, ist oral verweigernd, wo sie aber oral gibt, ist es lediglich 
wertloses Geschwätz 1 ). Sie, und nicht ich, frotzelt beim Geben. 

* 

Stellt man die in höheren seelischen Schichten berechtigte 
Frage nach den beweisenden Erinnerungen, die in der 



*) Patient war in der Übertragung intolerant gegen das Schweigen des 
Anlaytikers, ging auch vor Jahren aus der Analyse bei einem Kollegen durch, 
da er das Gefühl hatte, die «Gesprächspansen», wie Patient es nannte, entstün- 
den lediglich durch falsche Technik des Analytikers. In Wirklichkeit lag ein 
nicht gelöster oraler Widerstand vor. In der Übertragung wiederholte Patient 
die Beziehung zur Mutter-Cousine: einerseits spricht er von Geschwätz, das 
in Wirklichkeit auf Konto der real geschwätzigen Cousine geht, während er 
anderseits sich auch über mein Schweigen beklagte. Ein anderer Hinweis auf 
die Übertragung liegt neben vielen Aggressionen auch im Kompliment «Fuchs». 
Patient zollte der Analyse wiederholt das ironische Kompliment, dass ihm das 
«Drehartige der Methode» imponiere. 

127 



Analyse zutage gefördert wurden und die die orale Bedeutung 
stützen müssen, ergibt sich eine Schwierigkeit: Erinnerungen aus 
der Säuglingszeit sind durch keine noch so tiefgreifende Erwach- 
senen-Analyse zu erhalten. Es handelt sich um Rückschlüsse und 
Rekonstruktionen aus den Verhaltungsweisen und Ängsten der 
Patienten. Die Kinderanalytiker sind in günstigerer Situation: tat- 
sächlich berichten englische Kollegen von solchen Funden. 

Unsere bisherige Rekonstruktion lautet demnach: die Ejacula- 
tio praecox-Patienten hängen am «Mammakomplex». Ihre 
Aggression bezieht sich auf die orale Enttäuschung an der Mutter- 
brust, die sie in einer spezifischen Weise verarbeiten, indem sie 
statt des normalen Gebens imKoitus 1 ) in der Identifizierung mit der 
phallischen Mutter im Koitus eine Karikatur des Gebens einschal- 
ten, die die mit der Mutter identifizierte Frau ebenso mit- 
tels der Flüssigkeit Sperma enttäuschen soll, 
wie die Mutter den Säugling angeblich mittels 
der Flüssigkeit Milch enttäuschte. Die Ängste der 
Patienten sind oral: Gefressen-werden als Rückwendung eigener 
Fresstendenzen gegen die mütterliche Brust. Die Vagina wird un- 
bewusst nicht als harmloser Muskelschlauch perzipiert, sondern 
als Mund, der fressen will, was einer Umkehrung eigener Fress- 
tendenzen des Säuglings gegen die Mutterbrust unter dem Druck 
des Schuldgefühls entspricht. 

Dazu kommt aber noch ein Spezifikum hinzu: die typische 
Liierung dieser Krankheit mit der konstitutionell verstärkten Ex- 
hibition. 

ad 2. Ejaculatio praecox und Exhibition. 

Der erste Hinweis auf die Bedeutung der Exhibition für die 
Ejaculatio praecox stammt ebenfalls von Abraham. In seinem 
zitierten Aufsatz schreibt er: 

Die Abgabe von Produkten des eigenen Körpers ist nicht die einzige Lie- 
besäusserung des Kindes im Stadium des Narzissmus. Eine andere Form der 
Liebesbeweise und des Liebeswerbens ist die Exhibition. Besonders in der 
zweiten Hälfte des dritten und in der ersten Hälfte des vierten Lebensjahres 
pflegen kleine Knaben gerne vor der Mutter zu exhibieren, namentlich bei 
Gelegenheit der Urinentleerung, zu der sie nicht mehr der mütterlichen Hilfe 

*) Siehe den Abschnitt über die Psychologie des Koitus in «Übertragung 
und Liebe» von J e k e 1 s und "Verfasser, Imago 1934, bzw. Kapitel IV 
meines Buches «Talleyrand — Napoleon — Grabbe, psychoanalytisch-biographi- 
sche Essays». Int. Psychoanalytischer Verlag, 1935. 

128 



benötigen wie in früherer Zeit.. Ein Knabe, dessen Urethralerotik keineswegs 
die normalen Grenzen überschritt, fragte in dem genannten Alter öfter seine 
Mutter, ob er ihr seinen Penis zeigen solle. Er gebrauchte für diesen Körper- 
teil übrigens eine selbsterfundene Bezeichnung. Hatte er Urin entleert, so 
fragte er öfters, ob es «viel» sei. Hier trat der Narzissmus, das Bewusstsein, 
für seine Leistung bewundert zu werden, mit besonderer Deutlichkeit hervor. 
Als die Eltern einmal mit dem Kleinen in einem Seebad weilten, hatte er Lust 
daran, sein Bedürfnis in einem Augenblick zu verrichten, wenn gerade eine 
Flutwelle herankam. Auf die Frage, warum er das tue, gab er zur Antwort: 
«Damit es recht viel Wasser sei.» Der Narzissmus des Kleinen fand offensicht- 
lich eine besondere Befriedigung in der Vorstellung, dass das ganze Meer sein 
Produkt sei. Diese narzisstische Eitelkeit auf die Menge der entleerten Stoffe, 
die sich bei Neurotikern in mancherlei Form äussert, kommt auch bei der 
Ejaculatio praecox zur Geltung. Wie bereits erwähnt wurde, sind einzelne 
Patienten stolz auf die Ejakulation, die sie nicht im weiblichen 
Körper, sondern gewissermassen vor den Augen des Weibes stattfin- 
den lassen. Der Ejaculatio praecox wohnt somit auch eine exhibitio- 
nistische Tendenz inne. In ihr regt sich der mit dem infantilen Nar- 
zissmus verknüpfte Glaube fort, durch die eigenen Vorzüge — besonders durch 
den Penis und das Urinieren — einen unwiderstehlichen Reiz auf das Weib 
(die Mutter) auszuüben. («Klinische Beiträge zur Psychoanalyse», S. 271 ff.) 

Unter Bestätigung dieser Abraham sehen Funde glaube ich 
behaupten zu können, dass darüber hinaus die Exhibition eine noch 
weit grössere Bedeutung für die Genese der Ejaculatio 
praecox hat. 

Vor allem ist es auffallend, mit welcher Regelmässigkeit bei 
Ejaculatio praecox - Patienten die exhibitionistische 
Triebkomponente verstärkt erscheint. Dies scheint 
mir kein Zufall zu sein, ich meine vielmehr, dass diese exhibitio- 
nistische Triebkomponente ein integrierender Bestand- 
teil der Ejaculatio praecox ist. Fast alle Träume dieser 
Patienten wimmeln von Exhibition: ich verweise darauf, dass in 
jedem der im ersten Kapitel mitgeteilten drei Träume der drei Pa- 
tienten die Exhibition eine Rolle spielt. Doch ist dies keineswegs 
lediglich die Exhibition um ihrer selbst willen: sie erscheint in den 
Dienst der infantilen Rache dieser Patienten gegen die Mutter 
gestellt. 

Das ganze Problem des Schautriebes ist analytisch noch ziem- 
lich unklar 1 ). Ohne auf die komplizierten Verzweigungen dieses 
Triebes, seine Beziehungen und Liierungen zu den beiden grossen 
Triebgemischen (Aggressionstriebgemisch, Sexualtriebgemisch) ein- 
zugehen, sei lediglich die Verwendung des Exhibitionismus im 
Krankheitsbild der Ejaculatio praecox kurz gestreift. 

Wir sprachen im ersten Kapitel von der Enttäuschung des 
Knaben beim Brustentzug und meinten in Anlehnung an den 

') Ich verweise auf meine Stendhal-Arbeit im zitierten Essaybuch. Ich be- 
reite gemeinsam mit L. Eideiberg eine grössere Arbeit über dieses Thema vor. 

9 Die psychische Impotenz des Mannes. 129 



«Mammakomplex», der Knabe versuche in aktiver Reproduktion 
des passiv Erlebten über dieses Trauma mittels eines Verleug- 
nungsmechanismus hinwegzukommen. Dieser Verleugnung der 
Brustentziehung diene die Überwertung des Penis: «Ich habe die 
mütterliche Brust nicht verloren, ich habe im Penis selbst eine.» 
An diesem Punkt setzt bei den später an Ejaculatio praecox-Er- 
krankten die Exhibition ein. Durch chronisches Demonstrieren des 
Penis will sich der Kranke selbst bestätigen und auch vor allem 
von der Mutter bestätigen lassen, dass er intakt und oral nicht 
kastriert wurde. Wenn nun die Mutter diese Exhibi- 
tion verbietet — und in allen Ejaculatio praecox-Fällen, die 
ich analysierte, wurde dieses Exhibitionsverbot noch schärfer aus- 
gesprochen als das Onanieverbot, vielleicht eine Folge eigener ab- 
gewehrter Voyeur- und Exhibitionswünsche der konstitutionell mit 
einer Verstärkung des Schautriebes belasteten Mütter — 
schafft sie damit nicht bloss eine Stauung exhi- 
bitionistischer Wünsche beim Kinde, sondern macht auch den 
mittels der Exhibition angestrebten Repara- 
tionsversuch des Traumas der Brustentzie- 
hung zunichte. Hier auf der urethralen 1 ) Stufe festigt sich 
unbewusst beim Knaben die Vorstellung von der bösen kastrieren- 
den Mutter (eine Idee, die ihren Ursprung oral hat), eine Vorstel- 
lung, die später auf der analen und phallischen Stufe immer von 
neuem bestätigt zu werden scheint. Von diesem Punkt leiten die 
Ejaculatio praecox-Patienten unbewusst «ihr gutes Recht» zur 
Rache ab, die sie in ihrem Symptom, das somit orale, ure- 
thrale, anale und phallische Zuflüsse 2 ) hat, exekutieren. 
Beweisende Erinnerungen, die sich auf die Exhibition bezie- 
hen, sind bei den Ejaculatio praecox-Patienten relativ leicht zu 
erhalten. Sie beziehen sich meist auf Szenen folgender Art aus 



*) Die Stellung der Urethralerotik ist in der analytischen Theorie 
nicht scharf präzisiert. Ich glaube, dass sie ihrer Bedeutung nach verdiente, 
nicht bloss der phallischen Stufe als Anhängsel zugerechnet zu werden, son- 
dern — ■ wie dies auch von andern Autoren seinerzeit angeregt wurde — als 
selbständige Libidostufe anerkannt werden sollte. Gerade die 
Funde des «Mamma-Komplexes» sprechen in diesem Sinne. Ebenso die zitier- 
ten englischen Arbeiten. 

2 ) Die Tatsache, dass das Symptom des Ejaculatio praecox vier Zuflüsse 
hat, lässt verstehen, weshalb man es bei oberflächlicher Betrachtung von jeder 
Stufe aus «erklären» kann. Die Frage ist bloss, welche Schicht die dynamisch 
wirksame ist: meiner Meinung nach ist es die orale. Gewiss ist es richtig, dass 
es Ejaculatio praecox-Fälle von verschiedener Schwere gibt und Reichs Ab- 
grenzung oberflächlicher von tieferen, die er der «chronischen hypochondri- 
schen Neurasthenie» zurechnet, ist wertvoll und klinisch beweisbar. Man ver- 

130 



dem dritten bis sechsten Lebensjahr: der Knabe hat sich gerade 
ausgezogen, als die Mutter «zufällig» ins Zimmer kam. Oder: «zu- 
fällig» war der Hosenschlitz offen, was die Mutter scharf rügte. 
Oder: Abundante exhibitionistische Spielereien mit Mädchen, so 
konstelliert, dass die Mutter «zufällig» dazukam. Dieses «Zufäl- 
lige» erweist sich stets als Pseudozufall, d. h. unbewusst selbst- 
konstellierte Exhibition 1 ). 

Im Symptom der Ejaculatio praecox wird diese Rache an 
der mit der Mutter identifizierten jeweiligen sexuellen Partnerin, 
also nicht bloss oral abgehaspelt, sondern auch exhibitionistisch, 
nach der Formel: «In der Kindheit hast du die Exhibition verbo- 
ten, jetzt aber wünschest du sie. Aus Rache frotzle ich dich mit 
dem Geben, aus Rache frotzle ich dich mit dem Anblick.» Wieder 
die Karikatur des Gebens und Zeigens, die Speisekarte statt der 
Speisen! 

Wenn Abraham die exhibitionistische Note im Symptom her- 
vorhebt, ist er im Recht. Zu ergänzen ist bloss die in dieser Ex- 
hibition liegende Rache. 

Um das Typische der Verstärkung der Schautriebkomponente 
bei Ejaculatio praecox zu demonstrieren, nenne ich bloss einiges 
aus der Liste der übrigen Störungen der früher zitierten drei 
Patienten: 

Patient A. litt, abgesehen von Ejaculatio praecox, auch an 
Risophobie, an der Angst, ausgelacht zu werden, die sich als Pro- 
jektion abgewehrter exhibitionistischer Regungen entpuppte, bzw. 
masochistische Wiederholung der Abwehr der Mutter gegen die 
exhibitionistischen Praktiken des Kindes. 

Patient B. litt, abgesehen von Ejaculatio praecox, auch an 
Lampenfieber, war ursprünglich Schauspieler, musste wegen dieses 
Symptoms die künstlerische Laufbahn aufgeben. 

gesse aber nicht, dass auch bei tieferen Regressionen, z. B. der oralen, diese 
archaischen Triebtendenzen sozusagen in der Sprache der nächsthöheren Stufe 
mitausgedrückt werden. Ich versuchte, in einem Fall von oral bedingtem 
Schreibkrampf diesen Tatbestand mittels eines Vergleiches verständlicher zu 
machen: «Die Buntheit der Bilder war etwa der chaotischen 'Wahrungssitua- 
tion eines Landes vergleichbar, in dem fünferlei Währungen zugleich in 
Geltung sind (etwa Schillinge, neuösterreichische Kronen, altösterreichische 
Kronen, Gulden und Taler), die Bevölkerung aber nur zur ältesten Währung 
Vertrauen hat, zum Taler; wobei — um das Komplizierte der Situation halb- 
wegs wiederzugeben — angenommen sei, dass nach einejn bestimmten Um- 
rechnungsmodus die einzelnen Währungen in der nächstfolgenden mitenthal- 
ten sind.» 

x ) Dass dabei auch das Voyeurtum mitbefriedigt wird, ist selbstverständ- 
lich: der Weg führt über die Identifizierung mit der zusehenden Mutter. 

131 



Patient C. litt, abgesehen von der Ejaculatio praecox, an 
schweren Depersonalisationszuständen, die — wie Eideiberg 
und ich zeigten 1 ) — genetisch mit dem Schautrieb zusammen- 
hängen. 

ad 3. Ejaculatio praecox und Aggression. 

Die Anerkennung der Aggression als selbständige Triebäusse- 
rung des Menschen — und nicht bloss als Anhängsel der Libido — 
bewirkte erweitertes Verständnis psychischer Vorgänge. Wir wis- 
sen aus Freuds neueren Arbeiten, dass die beiden Grundtriebe 
bloss in Legierungen vorkommen, dass aber beide Legierungen 
stets Aggression enthalten. Nach einem terminologischen Vor- 
schlag Eideibergs sprechen wir vom «Sexualtriebgemisch» 
und «Aggressionstriebgemisch», womit die quantitative Verleihung 
von Libido und Destrudo (W e i s s) in den Gemischen gemeint ist. 

Die Tendenz, den Samen der Frau im Koitus zu geben, ist dem 
Sexualtriebgemisch zuzurechnen; die Tendenz, den Samen aus 
Rache gegen die Frau zur Unzeit zu verspritzen, somit zu verwei- 
gern, dem Aggressionstriebgemisch. Präziser formuliert: bei dem 
Ejaculatio praecox-Patienten spielt das Aggressionstriebgemisch 
eine bedeutende Rolle, wenn auch natürlich die sexuelle sadisti- 
sche Komponente — also Sexualtriebgemisch — nicht zu über- 
sehen ist. 

Man kann beide Tendenzen bei den Ejaculatio praecox-Kran- 
ken gut scheiden. Der verdrängte Wunsch, die Rrust zu fressen — 
bei den Analysen Erwachsener nur in der Schuldgefühlsumkeh- 
rung: «die Angst, gefressen zu werden» feststellbar — ist dem 
Sexualtriebgemisch zuzuordnen. Andererseits ist vieles am sym- 
ptomatalogischen und charakterologischen Verhalten dieser Kran- 
ken — sie sind in allem und jedem aggressiv - bösartige «Verweige- 
rer» — ausschliesslich Aggression. Patient B. z. B. verdiente trotz 
guter äusserer Möglichkeiten stets nur das Notwendigste, konnte 
also — wie er sagte «leider» — seiner Familie keine eigene Woh- 
nung bieten und zwang sie, trotz fünfzehnjähriger Ehe, in Unter- 
miete zu wohnen. Er erreichte dieses Ziel auf komplizierten maso- 
chistischen Umwegen, indem er durch sein provokantes Verhalten 
wohlhabende Kunden direkt aus dem Geschäft trieb, während er 
bei schlechten Zahlern seine Zeit meist sinnlos vertrödelte. 



l ) «Der Mechanismus der Depersonalisation», Int. Ztschr. f. Psychoan. 1935. 
132 



Hier stossen wir auf eine weitere Schwierigkeit bei den Eja- 
culatio praecox-Kranken: sie haben meist auch eine stark ausge- 
prägte masochistische Komponente. Sie bejahen also unbewusst 
selbstprovozierte Unlust, wobei sie ihren unbewussten Grössen- 
wahn befriedigen (Eideibergs «Masochistischer Mechanismus»). 
Verhehlen wir uns nicht, dass die Kombination von oraler Re- 
gression + Exhibition + Aggression + provokantem Masochis- 
mus einen wenig sympathischen Patiententypus schafft, den tech- 
nisch zu bewältigen manchmal nicht leicht fällt. 

Die Schwierigkeit des Umdenkens, die mit der Anerkennung der 
Aggression als einer selbständigen Triebäusserung zusammenhängt, 
bewirkt, dass gerade bei Ejaculatio praecox vielfach Missverständ- 
nisse bei vielen analytischen Autoren unterlaufen. So meint zum 
Beispiel Reich in seiner klinisch ausgezeichneten Arbeit über 
Ejaculatio praecox, die orale Tendenz, die er im Anschluss an 
Ranks Deutung der Fellatio als Teilkomponente nebenbei an- 
führt, entsprechende ausschliesslich einer libidinösen Strebung: 

Der Kranke spielt ein Doppelspiel: nachdem er seine männliche Rolle auf- 
gegeben, bzw. nie bezogen hat, gibt er sich der Frau (Mutter) als Kind und he- 
gehrt ihre Brust; die Phantasie, an der Brust zu saugen, ist für solche Fälle 
typisch. Andererseits spielt er Mutter, die dem Kinde die Brust reicht, es ist, 
als zeigte er der Frau, was er von ihr wünscht. («Funktion des Orgasmus», 
Seite 130.) 

Reich hält sonderbarerweise eine rein aggressive Tendenz bei 
Ejaculatio praecox für libidinös: denn dieses Verweigern bzw. 
Verspritzen des Ejakulats zur Unzeit ist Aggression. Vom Errei- 
chen-wollen des infantilen Wunsches ist nichts mehr zu merken, 
der Ejaculatio praecox-Kranke ist «von Kopf bis Fuss» nicht auf 
Liebe, sondern auf Rache und wehmütige Anklage eingestellt. So 
weit im Symptom eine «magische Geste» vorliegt, ist sie n e g a t i- 
v er *) Art an die Adresse der Mutter: «Schau, wie schlecht du 
mich behandelt hast, trotz grösstem Überfluss ver- 
spritzt du die Milch sinnlos und gibst mir nichts. Also darf ich 
mich mit den gleichen Waffen rächen. Ich verweigere dir trotz 

') Unter «negativer magischer Geste» verstehe ich unbewuss- 
tes Vordemonstrieren, wie man nicht behandelt zu werden wünscht. In einem 
Aufsatz über das Schweigen («Über die Widerstandssituation: Der Patient 
schweigt», The Psychoanalytic Review. Im Erscheinen) konnte ich zeigen, dass 
eine der vielen Ursachen, die zum Schweigen des Patienten in der Analyse 
führen, das Agieren des Schweigens des Arztes ist mit dem unbewussten Me- 
mento: So will ich nicht behandelt werden. Mutatis mutandis gehört ein Bei- 
spiel Anna Freuds in ihrem Buch «Das Ich und die Abwehrmechanismen» 
(S. 132) in die gleiche Gruppe: Der Knabe, der das Bösesein der Erwachsenen 
agiert. 

133 



111 



Überfluss den Samen, ich könnte ihn dir geben, will aber 
nicht.» 

Das Argument des mütterlichen Überflusses spielt unbewusst 
eine grosse Rolle bei der infantilen oralen Aggression: immer wie- 
der wird die Mutter in diese Situation gestellt, um ihre Bösar- 
tigkeit beim supponierten Verweigern in besonders grelles 
Licht zu stellen und sich damit zugleich die Schuldgefühls- 
entlastung zu schaffen 1 ). Ich habe bei oralen Aspermisten 
ausführlicher darüber berichtet. 

Es gibt interessante Parallelen zwischen Ejaculatio praecox 
und gewissen Formen oraler Koprophemie. Ich meine nicht 
bloss die Tatsache, dass beide Symptome häufig kombiniert vor- 
kommen, sondern die Genese. In «Obscene Words» (The Psycho- 
analytic Quarterly, 1936) konnte ich zeigen, dass eine Gruppe der 
oralen Koprophemie folgendermassen entsteht: Das Hergeben von 
Worten wird vom Kind als Liebesbeweis für die Mutter empfun- 
den, wie etwa das Hergeben des Stuhls einem Geschenk in der 
analen Phase entspricht. Infolge der oralen Enttäuschung kommt 
es sekundär zu einer völligen Sperre dieses Hergebens, zu einer 
Art «oraler Obstipation» in Form völligen Schweigens. Erst ter- 
tiär wird auf der phallischen Stufe das Hergeben mit negati- 
vem Vorzeichen wieder installiert, hat aber in Form von obszönen 
Worten bereits den Sinn einer Beschimpfung und 
Herabsetzung. 

Stellt man die Frage, weshalb Ejaculatio praecox-Patienten so 
unbefriedigt sind, ergibt sich — neben realem Leid und unbewuss- 
tem maskierten Genuss — eine Stauung der Aggression: 
im Vergleich zu ihrer überdimensionalen Aggression ist das der 
Frau mittels des Symptoms zugefügte Leiden geringfügig. Gerade 
der Wegfall der Friktionen verhindert die Abfuhr des im Koitus 

*) Bei allen oralen Pessimisten ergibt sich ein immer von neuem kon- 
stellierter circnlus vitiosus zwischen supponierter Bösartigkeit der Mutter und 
dem daraus abgeleiteten Recht auf neuerliche Aggressionen. Andererseits ist 
bei den Ejaculatio praecox-Patienten der krampfhafte unbewusste Versuch der 
Schuldgefühlsentlastung feststellbar: so wehren sich diese Kranken ständig 
gegen den Über-Ich-Vorwurf des aggressiven «Nichtgebenwollens» in der Form, 
dass sie beim Koitus sofort geben, wobei allerdings — wie ich aufzeigte — 
dieses sofortige Geben eine — Aggression darstellt. (Diesen Hinweis auf das 
«Moralische» im Symptom der Ejaculatio praecox verdanke ich L. Eideiberg.) 
Ferner ist es interessant, dass in jeder Analyse eines Ejaculatio praecox-Kran- 
ken ein Zeitpunkt kommt, in welchem das Lustgefühl beim Koitus steigt noch 
bei Persistenz des Symptoms: es handelt sich um ein typisches 
paesageres Stadium, das mit dem teilweisen Abbau der Schuldgefühle 
zusammenhängt. Erst viel später verschwindet das Symptom. 

134 



normalerweise nach aussen gewendeten Anteils der Aggression im 
Sexualtriebgemisch, führt zu einer Rückwendung und verstärkt 
damit die Destrudo. 

Die Prognose der schweren Formen der Ejaculatio prae- 
cox galt bisher als ungünstig. Ich teile auf Grund von Erfahrun- 
gen diesen Pessimismus nicht, meine aber, dass diese Fälle, 
ohne Eingehen auf die orale Genese nicht zu heilen sind. Wird die 
orale Basis zerstört, sind auch diese Patienten zu kurieren. 

d) Priapismus. 

Soweit es sich um psychogen bedingte Fälle handelt (cave 
Verwechslung mit organischen!), liegt ihnen eine Verstärkung von 
Mechanismen zugrunde, die bei der «chronischen Unbefriedigung» 
beim Koitus eine Rolle spielen. D. h. der Koitus ist infolge der un- 
bewussten prägenitalen Wünsche des Patienten als Abfuhrmittel 
der sexuellen Erregung ungeeignet. Man denke etwa der Einfach- 
heit halber an einen prägenital regredierten Mann, der, da er von 
seinen wahren Wünschen keine Kenntnis hat und bloss die Unbe- 
friedigung fühlt, immer neue weibliche Objekte «ausprobiert» und 
sich auf der ständigen «Jagd nach der richtigen Frau» befindet, 
die er aus unbewussten Gründen nie finden kann. Doch erklärt 
dies bloss die Unbefriedigung und den chronischen Objektwechsel, 
nicht aber den Priapismus. Es muss offenbar noch ein spezifisches 
Etwas hinzutreten. Es sei die Vermutung ausgesprochen, dass es 
sich um orale Elemente handelt: 

Ein junger Mann kam -wegen einer Eßstörung in Behandlung. Er konnte 
bloss flüssige und ganz weich gekochte Speisen essen; Fleisch war völlig unge- 
niessbar und bewirkte «Erstickungsangst». Das Verzehren eines Butterbrotes 
z. B. dauerte etwa IV2 Stunden. Patient war deshalb gesellschaftsunfähig, hun- 
gerte im Bureau, da er die kurze Frühstückspause nicht ausnützen konnte. 
Seine Eßstörung erwies sich vorerst als hysterisches Konversionssyroptom, das 
der Abwehr von Fellatiophantasien diente. Patient war der jüngste von fünf 
Brüdern, war an diese gebunden, koitierte im gleichen Raum häufig «in Kom- 
pagnie» mit dem Bruder oder einem Freunde abwechselnd dasselbe Mädchen. 
Dabei ergab sich der Tatbestand, dass Patient die Fähigkeit hatte, 11- bis 12mal 
in einer Nacht zu koitieren und zu ejakulieren. Einige Minuten nach der Eja- 
kulation begann wieder die Gliedsteifung, die derart nächtelang persistierte 
und ihn auch bei Tag quälte. Die Erektionen waren manchmal schmerz- 
haft, der Koitus brachte keine Erleichterung. Patient f asste diese Dauer- 
erektionen mehr als «Hetz» auf, war narzisstisch sehr geschmeichelt, dass er 
trotz seiner Kleinheit (er war, wie seine Freunde höhnten, ein «mikroskopi- 
sches Wesen») so potent war und empfand sie keineswegs als krankhaft. Die 
Kindheitsgeschichte des Patienten konnte bloss mangelhaft-skizzenhaft rekon- 
struiert werden, da Patient bereits nach einigen Wochen das Symptom der 
Eßstörung fast zur Gänze auf die Deutung der Fellatiowünsche hin verloren 
hatte: es war dies eine «Flucht in die Gesundheit» (Freu d), d. h. Verzicht auf 

135 



das Symptom aus Angst, auch tieferliegende unbewusste Lustquellen verlieren 
zu können, wenn er sie der Analyse preisgäbe («Angsterfolg»). In oberfläch- 
lichster Schicht lag eine passiv-feminine, unbewusst homosexuelle Identifizie- 
rung vor und ihre Abwehr in Form einer narzisstischen Überkompensation, 
die sieh im Sexualheldentum äusserte. Die Unbefriedigung beim Koitus ging 
vorerst auf homosexuelle Phantasien zurück. Der Hauptkonflikt war aber bei 
der Mutter gelegen, es ergaben sich Anhaltspunkte für das Scheitern am 
«Mammakomplex». Die Dauererektion und das viele Ejakulieren waren «ma- 
gische Gesten», die zeigen sollten, was Patient zutiefst wünschte: die 
ewig fliessende (phallische) Mutterbrust. Dass dabei aus Rache für die Ver- 
weigerung derselben seitens der Mutter sadistische Impulse gegen diese vor- 
lagen, beweist ja die Eßstörung, die in tieferer Schicht einer Abwehr von 
mammären Fresstendenzen entsprach und erst später auf den Penis des Vaters 
(Brüder) «überschrieben» wurde. Insoweit bildet das Symptom des Patienten 
ein Gegenstück zu dem der Patienten mit oral bedingter psychogener Asper- 
mie (siehe S. 90 ff.). Beiden liegt der «Mammakomplex» zugrunde: in einem 
Falle führt er aus Rache zur Ejakulationsverweigerung, hier zum Priapismus. 
Weshalb diese Rache an der Frau sich gerade in Form des Priapismus äusserte, 
konnte nicht völlig aufgeklärt werden. Es war aber auffallend, dass die weni- 
gen Träume, die Patient im Verlaufe der Kur erzählte, stets von einem Steg 
handelten, der weit hinaus ins Meer gebaut war und gegen den die Wellen 
brandeten, ohne ihm etwas anhaben zu können. Es war dies in oberflächlich- 
ster Schicht die Abwehr der phallischen Kastration, wobei die Tatsache, dass 
die «Gefahr» maritim dargestellt wurde, auf die kindliche Vorstellung des 
Patienten vom weiblichen Urinieren zurückging, nach welcher Theorie der 
Urin ständig abfloss. Dieses Fliessen des Urins wurde vom Patienten in der 
Kindheit bewusst für die Penislosigkeit des Mädchens verantwortlich gemacht. 
Doch lag bereits bei der Vorstellung vom weiblichen Urinieren eine «Verle- 
gung nach unten» vor. Somit war die chronische Erektion auch ein Demon- 
strieren der Unversehrbarkeit des Penis. Dass aber keine Ejakulationsstörung 
vorlag, mag damit zusammenhängen, dass Patient in seinem Trotz autark ge- 
rade das gefahrlos ständig tun konnte, was der Frau zum Verhängnis wurde: 
eine Flüssigkeit aus dem Penis (= Brust der phallischen Mutter) fliessen las- 
sen. Dafür sprach auch das Interesse des Patienten für die Brust der Frau, 
wobei er aber Frauen mit kleiner Brust bevorzugte. Die relativ grösste Be- 
friedigung hatte er beim Koitus mit einer verheirateten Frau, deren Brüste 
nach der Geburt runzlig und unschön geworden waren: er Hess sich von ihr 
genau den Prozess der Vergrösserung der Brust während der Schwangerschaft 
und Laktation und den späteren Involutionsprozess schildern. 

Wie sehr übrigens das Essen beim Patienten sexualisiert war, bewies eine 
Jugenderinnerung des Patienten, des Inhalts, er hätte sich schon als fünfjähri- 
ges Kind anlässlich eines Besuches bei einer Tante geweigert, vor andern ein 
Stück Cremetorte zu verzehren: er verlangte, in einem Winkel ohne Zeugen 
essen zu dürfen. Noch im Zeitpunkt vor Beginn der Analyse war öffentliches 
Essen etwa bei einem Ausflug äusserst peinlich: neben sadistischen spielten 
auch abgewehrte exhibitionistische Motive eine Rolle. 

Der Fall ist infolge des «Angsterfolges» nicht ausreichend analysiert, um 
mehr als unverbindliche Vermutungen aussprechen zu können. Das ganze Pro- 
blem des psychogenen Priapismus harrt noch der Lösung. 

Leider liegen in unserer Literatur keine weiteren publizierten Fälle von 
Analysen über Priapismus vor. Unser bekannter New Yorker Kollege C. P. 
Oberndorf, der einen 22jährigen Neger mit Priapismus klinisch beschrieb 
(«Priapism of psychogenic origin», Archives of Neurology and Psychiatry, 
1934, vol. 31, p. 1292 ff.), ohne Gelegenheit zu haben, ihn zu analysieren, 
spricht die Vermutung aus, dass die gleichen psychischen Mechanismen, die 
bei Ejaculatio praecox und retardata beteiligt sind, auch beim Priapismus eine 
Rolle spielen, vor allem die unbewusste Rache an der Frau. Einige Details des 



136 



Falles von Oberndorf lassen bei mir den Verdacht auf orale Triebschick- 
sale aufkommen. Der Patient hatte eine Ejakulationsstörung: er ejakulierte 
nicht vaginal mit der Rationalisierung, Ejakulation erleichtere die Akquisition 
einer Geschlechtskrankheit. Doch hatte er besondere Freude, wenn seine Se- 
xualpartnerinnen, denen er ohne jede Zärtlichkeit gegenüberstand, über die 
ausbleibende Ejakulation enttäuscht waren. Er verlängerte künstlich die Dauer 
seiner Erektionen, ging nach ejakulationslosem Koitus spazieren und bekam 
nach 10 bis 20 Minuten eine spontane Ejakulation. Als er in späteren Jahren 
einige Male ejakulierte, dauerte der Koitus eine Stunde. Das Bedürfnis, zu 
urinieren, unterbrach manchmal die Dauererektion. Die Familienverhältnisse 
des Patienten waren kompliziert: er schlief bis zum 16. Lebensjahr mit der 
Mutter, später mit seiner geschiedenen älteren Schwester, die sehr an ihn 
fixiert war. Als er ins Spital eingeliefert wurde, hatte er seit 24 Stunden 
chronische Erektion, die auf seine üblichen Mittel — Urinieren (Herabsetzung 
der Frau?) und Spazierengehen (Exhibition?) — nicht reagierte. Im Spital hielt 
die Erektion weitere 36 Tage an. Die organische Untersuchung verlief bis auf 
Anämie resultatlos. 

Oberndorf hebt mit Recht hervor, man möge den Terminus «psychi- 
scher Priapismus» bloss für diejenigen, meist mit Unlustgefühlen verbundenen 
Dauererektionen reservieren, die von sexuellen Wünschen begleitet sind und 
bei denen der Koitus kein Schwinden der Erektion hervorruft, und fordert die 
Abgrenzung derjenigen Fälle, bei denen bloss gesteigerte sexuelle Erregung 
vorliegt, wobei er auf das häufige Auftreten von Erektionsstörungen nach 
Priapismus hinweist. Oberndorf stellt die bisherige Literatur zusammen — 
Hinman, McKay, Colston, Bruno Cohn, Wolbarst, Stekel 
und Dukemann 1 ) — und erwähnt, dass A. A. B r i 1 1 bei Diskussion der 
Fälle von W o 1 b a r s t von vier Fällen berichtete, bei welchen unbewusste 
homosexuelle und exhibitionistische Motive beteiligt waren. 

e) Orgastische Potenzstörung. 

Als Beispiel einer orgastischen Potenzstörung auf oraler 
Basis folgt ein zu Ende analysierter Fall, der wegen eines Schreib- 
krampfes die analytische Kur aufsuchte. Der Schreibkrampf ist 
ein analytisch wenig studiertes Gebiet. Es gibt bloss zwei ausführ- 
liche Publikationen: von J o k 1 2 ) und Bergler 3 ). Jokl hat in 



*) Besonders interessant ist der von Dukemann mitgeteilte Fall («A 
case of priapism of several years duration», Pacific M. J. 32, 1889). Zur Zeit 
der Beobachtung litt der 22jährige Patient an einem seit fünf Monaten beste- 
henden Priapismus. Der Patient war der Sohn eines in der Südsee stationier- 
ten englischen Offiziers. Er war im Alter von sieben Jahren von Eingeborenen 
geraubt worden und durch fünf Jahre aus kultischen bzw. perversen Gründen 
von diesen zur Fellatio missbraucht worden. Schon in der Pubertät bildete 
sich ein Zustand häufiger langdauernder Erektionen aus, der sich später zu 
Krampfzuständen im Penis stabilisierte, die tagelang anhielten und bloss durch 
an sich selbst ausgeführte Fellatio zu sistieren waren. Patient heiratete mit 
16 Jahren, zeugte drei Kinder und war während der Ehe frei vom Symptom. 
Nach dem Tode der Gattin stellte sich der Priapismus wieder ein. 

2 ) «Zur Psychogenese des Schreibkrampfes». Int. Ztschr. f. Psychoan. 1922. 

3 ) Fall II in «Der Mammakomplex des Mannes» von B e r g 1 e r und E i - 
d e 1 b e r g. Int. Ztschr. f. Psychoanalyse 1933, H. 4. 

137 



I 



seiner Arbeit als erster gezeigt, dass bei dieser Krankheit das Vor- 
herrschen der urethralen Komponente vorliegt. «Sein (des Pa- 
tienten) ihm unerreichbarer Wunsch war darauf gerichtet, an dem 
Membrum des Vaters eine Ejakulation zu erzielen. Der Federstil 
als Penissymbol ist geläufig. Im Halten der Feder, der beim Schrei- 
ben die Tinte entfliesst, erscheint dieser Wunsch erfüllt, der Aus- 
weg in die Realität unterliegt aber der strengen Zensur seines Va- 
ters und seines vorbewussten Ichs und wird durch den Eintritt 
des Krampfes, durch die Unfähigkeit, zu schreiben, gesperrt. Da- 
bei fällt dem Krampf die Ersatzrolle für die orgasti- 
sche Endlust als Ausdruck essentiell gesteigerter Muskelero- 
tik . . . zu, das Nichtschreibenkönnen symbolisiert den aus dem 
Kastrationskomplex und Selbstbestrafungstendenzen hervorgehen- 
den Impotenzcharakter» (Jokl, S. 184 ff.). J o k 1 s Pa- 
tient hatte eine Reihe von prägenital begründeten Sexualstörungen: 
etwa unbewusste homosexuelle Wünsche passiver Art, Abwehr der 
Immissio (während eines mehrere Jahre dauernden Verhältnisses 
kam es nie zu dieser), der Orgasmus wurde mittels Fellatio, ma- 
nuellen Friktionen oder Reizung der Mammillae, Saugen an den- 
selben mit dem Wunsch, eine Erektion derselben zu erzielen, er- 
reicht; ferner bestand übergrosse Schaulust (Entkleidung von 
Frauen in der Phantasie ohne Kohabitationswunsch) usw. Der Pa- 
tient war offenbar orgastisch impotent. 

Ich habe in Fortführung des Jokl sehen Fundes bei einer 
Gruppe von Schreibkrampffällen hinter der urethralen eine 
noch tiefere Determinante — die orale — aufzeigen können 
und auf die typische Verbindung zwischen beiden Determinanten 
beim Schreibkrampf aufmerksam gemacht. Mein Patient litt eben- 
so wie der Jokls an orgastischer Impotenz bzw. war 
am Koitus völlig desinteressiert. Auch war Patient in 
seiner Kindheit Bettnässer gewesen, ein bei Schreibkrampf-Patien- 
ten auffallend häufiger Befund. 

Ein 41jähriger, pensionierter höherer Beamter suchte die Analyse wegen 
eines seit acht Jahren bestehenden Schreibkrampfes auf. Der Schreibkrampf 
setzte plötzlich ohne erkennbare äussere Ursache ein. Patient sollte seine Un- 
terschrift unter ein Schriftstück setzen (es war im Augenblick niemand in sei- 
nem Zimmer), da bemerkte er zu seinem Entsetzen, dass er nicht mehr schrei- 
ben könne. Der Schreibkrampf schwankte in der Folgezeit, wie das typisch 
ist, in seiner Intensität und nahm alle Grade an, beginnend von Zittern, Aus- 
fahren, Unsicherheit des Armes (die sich manchmal bis zu schmerzhaften Ver- 
steifungen steigerte) bis zur gänzlichen Unfähigkeit, zu schreiben. Die Funk- 
tion des rechten Armes war sonst keineswegs eingeschränkt, ausgenommen waren 
Schwierigkeiten beim Essen und Trinken flüssiger Speisen (Kaffee, Suppe, 

138 



Wasser usw.). Das Schreiben mit Tinte war schwieriger als mit Bleistift. Wenn 
jemand dem Patienten beim Schreiben zusah, war das Schreiben völlig un- 
möglich. 

Patient hatte alle möglichen Kuren — elektrische, sedative und die Zei- 
leis-Methode — erfolglos versucht, «lernte» schliesslich «um» und wurde Links- 
händer, wobei aber zeitweise auch am linken Arm die gleichen Störungen auf- 
traten. 

Aussehen und Gehaben des Patienten erinnerten ein wenig an das eines 
aktiven Offiziers mit aristokratischen Allüren. Dieser Eindruck wurde bestä- 
tigt, als aus der Lebensgeschichte zu erfahren war, dass Patient — die Mutter 
war Hausbesorgerin, der Vater ursprünglich Gendarm, dann Postunterbeamter 
— in einem Milieu von Aristokraten aufgewachsen und aus diesem seine Iden- 
tifizierungen herleitete. Der Zufall wollte, dass Patient Gespiele eines im 
Hause wohnenden Aristokratensöhnchens war, die Familie nahm sich des Kna- 
ben sehr an, einige im Hause verkehrende Aristokraten versuchten, den hüb- 
schen Knaben zu homosexuellen Akten zu benützen. 

An den Vater hat Patient anfangs nur eine Erinnerung: er sieht ihn — 
Patient war damals knapp vier Jahre alt — auf der Totenbahre liegen, ohne 
dass dies scheinbar tieferen Eindruck auf den Patienten machte. Die Mutter 
wird als energische, resolute Person geschildert, die den Patienten vor seinem 
zwei Jahre älteren Bruder bevorzugte. Als einer der beiden Knaben in eine 
Waisenanstalt abgegeben werden sollte, entschied sich die Mutter dahin, den 
jüngeren im Hause zu behalten. Vom Bruder «verflucht», blieb Patient bei der 
Mutter und dies legte die schon früher vorhandene Abwehr des Älteren fest: 
es entstand eine lebenslängliche Feindschaft des Älteren gegen den Jüngeren. 
Der Entschluss, den Patienten im Hause zu belassen, wurde durch zwei Momente 
bestimmt: durch die Freundschaft des Knaben zum Baron X. und das Bettnäs- 
sertum des Patienten, das vom dritten bis siebenten Lebensjahr dauerte. Pa- 
tient bleibt nach Abschiebung des Bruders in die Waisenanstalt mit der Mut- 
ter allein zurück. Es ist dies «die glücklichste Zeit seines Lebens»; dieses Glück 
wird lediglich durch den ständigen Kampf gegen das Bettnässen getrübt. Die 
Mutter versuchte vergeblich, dem Patienten diese «Unart» durch Güte, dann 
Geduld, endlich durch Drohungen abzugewöhnen. Der Patient hatte den «be- 
sten Willen». Er kam auch auf recht originelle Ideen in diesem Kampfe: so 
zum Beispiel montierte er den Gasschlauch ab, befestigte ihn an seinem Glied 
und führte das Ende direkt in einen Kübel, oder er improvisierte ein Sus- 
pensorium, wobei er sich das Abfliessen des Urins offenbar etwas zu mecha- 
nisch vorstellte, oder er legte Watte und Leinwandbauschen zwischen Vorhaut 
und Penis ein usw. Patient litt ausserdem an einer Phimose. Auch da ver- 
suchte er mit radikalen Mitteln eine Selbstheilung. In Analogie zu den Deh- 
nungsversuchen des Arztes umwickelte er die Spitzen eines Zirkels mit Watte 
und «dehnte». Patient war überhaupt in dieser Zeit ein recht mutiger, schein- 
bar unerschrockener Junge (wie sich später erwies: auch aus seinem Straf- 
bedürfnis). Er wurde der «verrückte Hans» genannt: beim Zahnarzt fürchtet 
er sich nicht vor Schmerzen, ist überhaupt gegen Schmerzen besonders tole- 
rant, wird bald ein prämiierter Radfahrer, fährt z. B. mit dem Bad vom ersten 
Stock über die Treppe usw. In diese Zeit fallen Tierquälereien, Rattenschies- 
sen u. ä. m. Etwas später tritt eine Wandlung ein: Patient wird ängstlich, zurück- 
haltend, scheu. Im 14. Lebensjahr ereignet sich ein sonderbarer Unfall: Patient, 
der preisgekrönte Radfahrer, fährt in einen mit zwei Pferden bespannten 
Postwagen (der Vater war Postbeamter gewesen!) so ungeschickt hinein, dass 
er stürzt. Daran schliesst sich ein langes Krankenlager, die Folge eines Bru- 
ches und einer Coxitis; am Ende bleibt eine Versteifung des Gelenkes und eine 
Verkürzung des Beines zurück. Mit 17 Jahren beginnt Patient seine Beamten- 
laufbahn. Es kommt nun zu einer Umkehrung der Kindheitssituation: der Bru- 
der bleibt zu Hause bei der Mutter und studiert zur Matura, Patient muss die 

139 



Tr'"'...' ,r ~* 






Familie erhalten. Dabei rächt sich der Bruder für seine Zurücksetzung in frü- 
heren Jahren: rücksichtslos tyrannisiert er die Mutter, versetzt alles, was nicht 
niet- und nagelfest ist, und Patient muss mitansehen, wie die Mutter aus Angst 
vor dem «missratenen Buben» selbst das vom Patienten verdiente -Wirtschafts- 
geld dem Älteren zusteckt. Die Konflikte zwischen den Brüdern spitzen sich 
immer mehr zu: da stirbt die Mutter. Im Verhalten des Patienten erfolgt wie- 
der eine scheinbar jähe Wendung: er beginnt, den Bruder zu bemuttern, kocht 
für ihn, kurz, bezieht eine direkt weibliche Position. In diese Zeit fällt eine 
wichtige Episode: Patient erwartet den Bruder spät nachts (der 
Bruder kommt um diese Zeit regelmässig betrunken nach Hause), schleppt 
ihn zum Fenster, steckt dem Bruder den Finger in den 
Mund, um ihn zum Erbrechen zu bringen. Die Rationalisierung 
lautet: der Bruder würde sonst den Teppich durch «Ankotzen» beschmutzen. 
Dieses Idyll dauert nicht allzu lange, der Bruder heiratet trotz dem schärfsten 
Protest des Patienten. Kurze Zeit hierauf heiratet Patient ebenfalls. Er wählt 
eine um zehn Jahre ältere, sexuell desinteressierte Frau — Typus Mannweib 
— , die lange Jahre hindurch eine Beziehung zu einem hohen Beamten der be- 
waffneten Macht gehabt hatte (der Vater des Patienten war Gendarm gewe- 
sen!) und deren einziges Interesse Pferde waren. Es war, wie Patient behaup- 
tete, keine Liebesheirat, es ist mehr ein Nebeneinanderleben. Nach zweijähri- 
ger Ehe wird dem Patienten klar, dass die Frau frigid ist. Knapp darauf be- 
kommt Patient seinen Schreibkrampf. Patient glaubt ursprünglich, der Krampf 
hänge mit dem sexuellen Verkehr zusammen, schränkt die sexuellen Beziehun- 
gen auf ein Minimum ein und gibt sie später ganz auf. Er hat bei Beginn der 
Analyse mit der Frau seit sieben Jahren nicht mehr verkehrt, ohne dass diese 
dagegen protestiert hätte. Das seit der Kindheit bestehende Symptom des Nä- 
gelbeissens verstärkt sich. Patient lässt sich widerstandslos wegen seines 
Schreibkrampfes pensionieren und findet keinen Posten, obwohl er ganz gute 
Beziehungen hat. In den nachten Jahren widmet er sich der Behandlung seines 
Schreibkrampfes, hat, da alle Behandlungen wirkungslos sind, ernste Selbst- 
mordideen und versucht als letztes Verzweiflungsmittel die Analyse. 

Der Patient macht den Eindruck eines sexuell völlig desinteressierten 
Menseben. Er habe, behauptet er, sexuell verkehrt, «weil's sein muss», ohne 
Bedürfnis und ohne Befriedigung. In den letzten Jahren habe er «pausiert», 
in den letzten Monaten vor der Analyse habe er eine Freundin, mit der er 
«alle paar Wochen» koitiert. Sein Bekanntenkreis war auffallend: er bestand 
aus lauter ausübenden Homosexuellen. Patient selbst lehnte die Homosexuali- 
tät ab, verbat sich das Erzählen der Abenteuer seiner Freunde, erfuhr aber 
alles auf dem Umweg über seine Frau, die die Vertraute dieses Kreises wurde. 

Die Analyse ergab vorerst eine starke unbewusste Homosexualität des Pa- 
tienten, die sich in der Übertragung unter schwersten Widerständen klar 
zeigte. Diese unbewusste Homosexualität war sekundär und baute sich auf 
einer verdrängten, aggressiven Hasseinstellung gegen den Vater (Bruder) auf 
nach dem so häufigen Entstehungsmodus: Aus Kastrationsangst verzichtete er 
auf den Penis, wollte aber dafür vom Vater (Bruder) wie eine Frau geliebt 
werden. Eine Reihe von Momenten bewies seine unbewusste Homosexualität: 
sein Bekanntenkreis, seine Beziehung zum Bruder, mit dem er schwere Kon- 
flikte wegen dessen Heirat — Eifersucht! — hatte (Patient kochte und führte 
dem Bruder nach dem Tode der Mutter die Wirtschaft), seine ständige Angst, 
als Geschworener in einem Homosexuellenprozess mitwirken zu müssen, sein 
allzu eifriges Streben, Bekannte von der Homosexualität abzubringen (er reiste 
deshalb vor Jahren in eine entfernte Stadt, um einen dort wohnenden Bekann- 
ten von der Homosexualität durch Abreden zu «heilen») und — nicht zuletzt 
— • die Wahl seiner Frau. Diese Homosexualität — die nur teilweise das 
sexuelle Desinteressement des Patienten erklärte — war genährt durch eine 
lange Reihe von Verführungen, die selbst bei Berücksichtigung der «trauma- 

140 



tophilen Diathese» (Abraham) noch immer ein beträchtliches Material er- 
gaben. Es waren dies vor allem Szenen, die sich auf einen Baron Z. und seinen 
Jockey bezogen. Beide haben sich am Knaben zwischen seinem vierten bis 
sechsten Jahre homosexuell vergriffen. Diese Szenen waren vollkommen ver- 
drängt. Die Mutter des Patienten, der das verstörte Wesen des Knaben auf- 
fiel, verbot ihm den Umgang mit dem Jockey. (Vergleiche die späteren Ver- 
suche des Patienten, seinen homosexuellen Freunden die Homosexualität zu 
verbieten. Er spielt darin Mutter.) Ganz unschuldig dürfte der Knabe an die- 
sen Verführungen nicht gewesen sein, da sich die homosexuellen Verführun- 
gen auch nach dem Verbot wiederholten: seine Spielkameraden waren die 
Verführer. 

Zu Lebzeiten des Vaters entwickelte Patient einen starken Hass gegen 
diesen, der äusserlich an folgende Erinnerung anknüpfte: der Vater hatte ein- 
mal den Patienten — als Bestrafung für seine Enuresis — in den Keller ge- 
sperrt. Dort beschloss der Knabe — die Szene muss vor dem vierten Lebens- 
jahr spielen, da der Vater in diesem Alter des Knaben an einem Sarkom starb 
— aus Rache in der Nacht seine Kinderpistole abzuschiessen, «damit der Vater 
erschrecke». Als der Vater kurz darauf starb, schob sich der Knabe unbewusst 
die Schuld am Tode des Vaters zu. Auf der Oberfläche war bloss ein starkes 
Strafbedürfnis sichtbar. Dieses Strafbedürfnis leitete sich aus dem Ödipus- 
komplex ab. In der Analyse gelang die Rekonstruktion der Urszene bis auf 
eine Lücke: Patient erinnerte, wie der Vater, im Bett liegend, die Lampe aus- 
löschte, wie die Mutter ins Nachtgeschirr urinierte — hier war eine Lücke in 
der Erinnerung — und am Morgen tastete der Knabe das Gesicht der Mut- 
ter ab und fragte, ob sie Narben habe. Die Analyse ergab, dass der Knabe 
eine sadistische Koitusvorstellung gehabt haben müsse, wobei das Schlagen der 
Frau den ersten, das gegenseitige Anurinieren (vielleicht Hineinurinieren in 
Mund und After) den zweiten Akt darstellte. (So verglich Patient regelmässig 
seine eigenen Urinmengen mit denen der Mutter.) Weitere Erinnerungen aus 
der Zeit vor dem Tode des Vaters (viertes Lebensjahr des Patienten) lassen 
deutlich erkennen, dass seine aggressiven Tendenzen schon an den Penis ge- 
bunden waren und dass er konsekutiv eine grosse Kastrationsangst vor dem 
Vater entwickelte und diesen auch direkt provozierte. So stocherte er zum 
Beispiel mit einem Messer in der Sparbüchse der Eltern herum, um Geld her- 
auszubekommen, obwohl er wusste, dass der Vater im Nebenzimmer war: er 
bekam auch die gewünschten Prügel, der Anlass dieser Provokation war sym- 
bolisch ein sexuelles Geständnis. Im Sinne seiner Kastrationstendenzen sprechen 
auch die ständigen schmerzhaften Prozeduren am Penis, die Patient teils selbst 
vollführte, wie das Dehnen der Phimose mit dem Zirkel, teils gerne an sich 
geschehen Hess (Phimosendehnung und Operation). Er blieb auch späterhin ein 
freudiges Operationsobjekt, wurde auch wiederholt operiert. Bezeichnend ist 
auch, dass er, obwohl er schlechte Erfahrungen mit den Ärzten gemacht hatte 
(Prof. Lorenz erklärte ihm, dass seine Hüftgelenkskrankheit unsachgemäss be- 
handelt worden war, die Verkürzung hätte vermieden werden können; jahre- 
lange erfolglose Behandlung beim Schreibkrampf und viele andere Beispiele), 
er es den Ärzten nicht nachtrug. Diese bei Patienten ungewöhnliche Milde, 
das Fehlen jedes Ressentiments, war nur aus seinem Strafwunsch erklärlich. 

Seine Enuresis hatte folgende Komponenten: In der ersten — ak- 
tiven — Phase war sie ein Versuch, mehr zu urinieren als der Va- 
ter, dem Vater also sexuell (Urin = Sexualprodukt) überlegen zu sein. In die- 
sem Sinne spricht auch seine groteske Verlängerung des Penis mittels des Gas- 
schlauches zu einem Riesenpenis. In einer Übergangsphase war die 
Enuresis ein Protest gegen die Kastration. In der dritten 
Phase, nach Verzicht auf den Penis, war es ein weibliches Fliessenlassen, 
eine Phase, der die weibliche Identifizierung mit der Vorstellung 
zugrunde lag, das weibliche Genitale sei ein Behälter, aus dem ständig Urin 

141 



abfliesst 1 ). (Der Knabe wurde einmal mit dem kleinen Baron von dessen Bru- 
der, einem Studenten der Medizin, beim Ansehen medizinischer Atlanten er- 
tappt; auf die ironische Frage, was sie denn so interessiere, kam nach langem 
Zögern die Bitte um Aufklärung, ob das Mädel ununterbrochen urinieren 
müsse.) Daneben hatt3 das Enuresissymptom eine Reihe von Nebenbedeutun- 
gen: es war Trotz gegen die Eltern, zugleich ein Mittel, die Mutter zu zwingen, 
bei der Reinigung sein Genitale in die Hand zu nehmen, endlich ein erfolgrei- 
ches Mittel gegen die Abschiebung in die Waisenanstalt usw. 

Von der Besprechung seiner Enuresis führte ein Weg zu seinem Schreib- 
krampf. In der bekannten Arbeit von J o k 1 2 ) wird das Symptom auf die ure- 
thrale Komponente zurückgeführt. Tatsächlich bestätigte der Fall J o k 1 s Be- 
funde: die urethrale Komponente spielte eine grosse Rolle. 

Zusammenfassend ergaben sich folgende Determinanten des Schreib- 
krampfes: 

1. Das Symptom trat auf, als Patient erfuhr, dass seine Frau frigid sei. 
Der Schreibkrampf diente in oberflächlicher Schicht vorerst der Rache an der 
Frau: ein Beamter muss schreiben können. Der andere häufig beschrittene Weg 
der Rache durch Impotenz war nicht gangbar, da die Frau sich daraus nichts 
gemacht hätte. Tatsächlich hatte er die Frau am empfindlichsten Punkt ziel- 
sicher getroffen: er wurde mit einer kleinen Pension in den Ruhestand ver- 
setzt. 

2. Die Versteifung des Armes bedeutete Hemmung seiner aggressiv-sadi- 
stischen Mordimpulse gegen die Frau mit konsekutiver Selbstbestrafung. (Da- 
hinter verbarg sich die Wiederholung von Aggressionen gegen Vater und Mut- 
ter — aktive Kastrationswünsche.) 

3. Die Enttäuschung an der Frau führt zur Regression zu infantilen Be- 
friedigungsarten, vor allem zu urethralen Wünschen, die innerlich kaum ver- 
lassen waren. Der Schreibkrampf bedeutete also Enuresis plus Hemmung der- 
selben. (Die Enuresis war auf beiden Stufen wiederholt: auf der männlichen 
und auf der weiblichen.) 

4. Der ganze Arm wird sexualisiert und verweigert die Funktion; die 
schmerzhafte Versteifung entspricht neben der Aggression auch der Abwehr 
einer homosexuellen Komponente: eine der typischen «Verführungen» bestand 
in der Aufforderung, den Penis des Partners (Baron Z., Jockey) in die Hand 
zu nehmen und bis zur Ejakulation Friktionen auszuführen, bzw. den Finger 
in den After zu stecken. In einer Schicht war die Hand After, die Feder Penis. 

5. Das Symptom war bisexuell angelegt: die Hand hatte auch die Bedeu- 
tung der Vagina, die Feder die des Penis; das Ganze war aber auch die Dar- 
stellung eines Koitus mit Schuldgefühl und konsekutiver Hemmung. Die Hand 
wird verkrampft, damit die Feder (Penis) nicht fliessen (Harnlassen = Eja- 
kulieren) kann. 

6. Endlich war ein exhibitionistisches Motiv im Symptom enthalten, das 
sich mit dem Straf wünsch verband: er demonstrierte förmlich, was er zu ver- 
bergen wünschte. (Man denke an die Szene mit der Sparbüchse.) 



*) Auf die Bedeutung dieser dritten Phase hat H. Deutsch aufmerksam 
gemacht. Ich glaube, dass für die männliche Enuresis die Kombination aller 
drei Phasen typisch ist. Dies konnte ich an einer Reihe von Fällen sehen. 
Die tiefste und wichtigste Schicht der Enuresis ist aber oral. S. die zitierten 
englischen Arbeiten. 

2 ) «Zur Psychogenese des Schreibkrampfes», Int. Ztschr. f. Psychoanalyse, 
VIII, 1922. 

142 



Das Symptom hatte Zuflüsse aus analen, urethralen und 
phallischen Wünschen und war zugleich Ausdruck seiner aktiven und 
passiven Strebungen. 

Soweit war die Analyse fortgeschritten, als sich einige Tatsachen als Ein- 
wand gegen diese Aufstellungen (zumindest gegen deren Vollständigkeit) er- 
gaben: die sonderbare Tatsache, dass Patient bei Besprechung seiner urethra- 
len Tendenzen in einem späteren Zeitpunkt der Analyse Gähnkrämpfe 
bekam. Aus dem ganzen Verhalten des Patienten waren die Gähnkrämpfe als 
blosser Widerstand nicht zu verstehen. Um dieselbe Zeit traten schwere E s s - 
Störungen auf. Endlich befriedigte der therapeutische Erfolg nicht — es 
war im siebenten Monat der Analyse — , da der Zustand des Patienten trotz 
gelegentlicher starker Schwankungen zum Positiven im wesentlichen unver- 
ändert blieb. Vor allem ergaben die Gähnkrämpfe und die Eßstörungen den 
Verdacht auf orale, bisher nicht aufgedeckte Triebschicksale. Näheres Einge- 
hen ergab ein eindeutiges Material: Im Alter von vier Jahren wurde Patient 
von einem Psychopathen, der im selben Hause wohnte, zu oralhomosexuellen 
Praktiken gezwungen. Eine Erinnerung lautete: «Dr. C. nahm mich zu sich 
in die Wohnung, zog mich und dann sich aus und zwang mich, sein Glied in 
den Mund zu nehmen. Er ejakulierte, mir wurde übel, ich erbrach, der Dok- 
tor gab mir hierauf saure Milch zu trinken . . .» 

Nun gibt es eine Situation im Leben des Patienten, in welcher er diese 
Szene buchstäblich wiederholte: als er nach dem Tode der Mutter dem Bruder 
die Wirtschaft führte, wollte er ihn vom Trinken abbringen und propagierte 
sein Lieblingsgetränk: saure Milch. Als der Bruder betrunken nach Hause kam, 
zerrte er ihn zum offenen Gangfenster, steckte ihm den Finger in den Mund, 
um den Bruder zum Erbrechen zu reizen, mit der Rationalisierung, der Bru- 
der beschmutze sonst beim Erbrechen den Teppich. Der Gähnkrampf in der 
Analyse entpuppte sich also als Abwehr dieser auftauchenden Fellatiowünsche. 

Nun könnte man einwenden, es war eben eine der allzu vielen «Verfüh- 
rungen», denen der Knabe ausgesetzt war. Das Problem lautet aber, warum 
unter so vielen und so vielartigen Verführungen gerade diese so entscheiden- 
den Einf Iuss hatte, und es ergab sich die Frage, ob nicht auch die Enuresis 
eine Wiederholung der oralen Wünsche darstellte. Schon im er- 
sten Teil der Analyse war die starke Identifizierung des Patienten mit dem 
Weibe aufgefallen. Der Vorstoss in die phallische Phase misslang beim Kna- 
ben aus übergrosser Kastrationsangst; die weibliche Identifizierung konnte um 
so leichter vor sich gehen, als Patient am Ende auf die ursprüngliche Brust- 
bedeutung des Penis zurückgehen konnte. Er verzichtete also bloss auf den 
gefährdeten Penis und konnte dafür den ewig fliessenden weiblichen Penis = 
die Brust der phallischen Mutter, eintauschen. Somit hatte seine Enuresis nicht 
bloss die Bedeutung einer Identifizierung im landläufigen Sinne, sondern war 
Ausdruck seiner frühesten Sehnsucht, selbst eine Brust (= Penis) 
zu besitzen; am Ende also etwas Aktives. Es wurde klar, welchen Sinn die 
früher angeführte, an und für sich unverständliche Erinnerung hatte, die be- 
sagte, er bätte sich die Urinmengen der Mutter 1 ) genau angesehen und einmal 
vom Topfe nicht aufstehen wollen mit der Begründung, er hätte zu wenig uri- 
niert. Die Verführung von Dr. C. wirkte deshalb so nach- 
haltig, weil sie bloss etwas nie Erledigtes, unwillig Ver- 
lassenes aktivierte: den Wunsch, selbst phallische 
Mutter zu sein. 

Der hier geschilderte Fall wurde vom Verfasser im Mai 1929 im Techni- 
schen Seminar der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung referiert. Referent 
stellte als wichtigsten Punkt zur Debatte: die Beziehung der urethralen zur 



*) Tendenzen ähnlicher Art waren natürlich auch dem Vater gegenüber 
vorhanden. 

143 



oralen Komponente, ohne dass die Debatte darauf eine plausible Antwort hätte 
geben können. Die Analyse dauerte noch einige Monate (im ganzen etwa ein 
Jahr) und ergab immer mehr die zwingende Vermutung, dass Patient passiv 
Erlebtes aktiv verarbeitete, dass als Patient die Situation:. Säugende 
Mutter — saugendes Kind in seinem Schreibkrampf wie- 
dererlebte. Anders ausgedrückt: Die tiefste und wichtigste 
Bedeutung seines S ch r e i b k r a m p f e s war folgende: Die 
Hand bedeutete den Mund, die in Tinte getauchte Feder 
die Brust, Patient spielt also zugleich säugende Mutter und saugendes 
Kind, die Schreibhemmung ergab sich aus dem Über-Ich- 
Verbot, das das Ganze — mit Recht — als etwas Sexuelles auffasste 1 ). 

Im Verlaufe der Analyse wurde — bei Besprechung seiner hassvoll-ängst- 
lichen Beziehung zur Gattin — klar, dass Patient zur Mutter eine höchst ambi- 
valente Beziehung gehabt haben musste, welche er in der Ehe wiederholte. 
Neben der Liebe war stärkster Hass zu konstatieren, der — wie aus seinen 
Symptomen geschlossen werden musste — zutiefst auf die orale Enttäu- 
schung zurückging. Es war ja bezeichnend, dass er nach Entdeckung der 
Frigidität der Gattin sich sozusagen sexuell selbständig machte mit einem 
Symptom, das mit einem Anteil der Frau zu sagen schien: Ich brauche dich 
nicht, ich habe selbst eine ewig fliessende Brust. Die Tatsache, dass Patient 
auf eine genitale Enttäuschung oral reagierte, beweist auch, 
wie seine tiefste Sehnsucht beschaffen war: oral. Die früher erwähnte exhibi- 
tionistische Note im Symptom des Bettnässens (Schreibkrampfes) wäre vom 
Standpunkt des Mammakomplexes auch folgendermassen zu ergänzen: Patient 
demonstrierte der Mutter, dass auch er eine Mamma hatte. ■ — 

Die Deutung des Kastrationskomplexes auf der phallischen Stufe führte 
zu keinem therapeutischen Ergebnis; dagegen stellte sich eine wesentliche 
Änderung erst ein, als der — wie wir jetzt zu sagen vorschlagen — 
«Mammakomplex» durchgearbeitet wurde. Dabei ergab sich auch 
ein Hinweis auf die ständigen Kastrations wünsche des Patienten: sie waren 
(neben Bestrafungen aus Schuldgefühl, etwa: orale Kastrationswünsche) Wie- 
derholungen des Entwöhnungstraumas, wobei der Wiederholungszwang dazu 
führte, dass Patient das peinliche Erlebnis immer wieder reproduzierte, um es 
psychisch zu bewältigen. Dabei war — wie Freud bei Besprechung des Wie- 
derholungszwanges wiederholt hervorhob — das Unlustvolle des Erlebnisses 
kein Hindernis gegen die Wiederholung. 

Gewiss hatte Patient die späteren Stufen (anale, urethral-phallische) an- 
deutungsweise erreicht; er schleppte aber auf jede dieser Stufen so viele 
«Restanzen» aus der Mammasituation mit, dass er — unter dem Druck seiner 
akzidentellen Erlebnisse und der allzu grossen Kastrationsangst, wobei die 
Frau immer deutlicher (vor allem in einer ganzen Serie von Träumen) zur 
Kastratorin 2 ) wurde — immer wieder regredieren musste. — Die Buntheit des 
Bildes war etwa der chaotischen Währungssituation eines Landes vergleichbar, 
in dem fünferlei Währungen zugleich in Geltung sind (etwa Schillinge, neu- 
österreichische Kronen, altösterreichische Kronen, Gulden und Taler), die Be- 
völkerung aber nur zur ältesten Währung Vertrauen hat: zum Taler; wobei — 
um das Komplizierte der Situation halbwegs wiederzugeben — angenommen 



*) Diese tiefste Schicht färbte auch auf die homosexuelle Tendenz des 
Patienten ab: zutiefst war es gar nicht der männliche Penis, sondern 
die phallische Frau (Mutter mit Brust), die er suchte. 

2 ) Auch hätte die Kastrationsangst und der Kastrationswunsch niemals sol- 
che Folgen erzielt (Patient war täglich dutzende Male in Gefahr, aus eigenem 
Verschulden überfahren zu werden), wenn die Kastrationsdrohung nicht durch 
die ursprüngliche Kastration, die Entwöhnung, unbewusst verstärkt worden 
wäre. 



144 



sei, dass nach einem bestimmten Umrechnungsmodus die einzelnen Währungen 
in der nächstfolgenden mitenthalten sind. 

Als Bestätigung der oben angeführten Aufstellungen seien die einzelnen 
Selbstmordarten, die Patient im Verlauf der Analyse für sich propagierte, der 
Reihe nach genannt: in der ersten Zeit wollte er sich erschiessen (siehe Szene 
im Keller), dann ertränken 1 ) und endlich verlangte er Gift von mir. 

Leider musste die Analyse aus äusseren, hier nicht wiederzugebenden Grün- 
den vor sieben Jahren nach einjährigem Verlauf unterbrochen werden. Das 
Symptom hat sich wesentlich gebessert: der Patient, der jahrelang nicht schrei- 
ben konnte, hat seither wiederholt Posten als Beamter, Buchhalter, Kassier 
usw. eingenommen und konnte seinen Schreibarbeiten nach- 
kommen. Die Unvollständigkeit der Analyse erklärt zum Teil den Teilerfolg. 
Bezeichnend ist aber, dass Patient, der der Analyse freundlich gegenübersteht, 
wiederholt Patienten in Analyse zu bringen versuchte und mich von Zeit zu 
Zeit besucht, seither nicht mehr den Wunsch geäussert hat, den «Rest» des 
Symptoms «wegzuanalysieren». Gewiss mag dahinter auch ein Stück Wider- 
stand verborgen sein, es beweist aber auch die wesentliche Besserung und die 
jetzige Belanglosigkeit des Restsymptoms. Die schwere masochistische Charak- 
terveränderung des Patienten wurde begreiflicherweise bloss gemildert. 

f) Spezifische Bedingungen bei oralen 
Potenzstörungen. 

Die spezifische Bedingung der oral bedingten fakultativen Po- 
tenzstörung ist stets um zwei Punkte gruppiert: um die Probleme 
«Bekommen» (Aufnehmen) und «aus Rache verwei- 
gern». Einige Beispiele: 

Ein oral regredierender Patient mit neurotischen Zügen, die einer «moral 
insanity» zum Verwechseln ähnlich waren — er nahm z. B. von Frauen Geld 
und brachte sich psychisch mit grosser Virtuosität in die Rolle des zu säugenden 
Babys 2 ) — hatte stets zwei Frauen zu Freundinnen, die er gegeneinander 
ausspielte. Die darin liegende Rachetendenz war dem Patienten unbewusst. Da- 
gegen war er sich über die «Unpersbnlichkeit» seiner Beziehungen zur Frau 
im klaren, sagte wohl auch gelegentlich der jeweiligen Freundin, dass an ihrer 
Stelle irgendeine andere Frau bei ihm liegen könnte. Die erektive Potenz des 
Patienten war in Ordnung, dagegen litt er zeitweise an orgastischer Impotenz, 
bzw. psychogener Aspermie, die oral und anal begründet waren. So ejakulierte 
er z. B. beim Koitus mit Frauen, die einen verzögerten Orgasmus hatten, das 
erste Mal sehr rasch, so dass die Frau infolge der Unterbrechung der Friktio- 
nen von Seiten des Mannes nicht zum Orgasmus kam, konnte aber das zweite 
Mal wohl koitieren, nicht aber ejakulieren. Die Analyse ergab, dass er der 
Freundin nichts «geben» wollte: das erste Mal koitierte er «zu seinem Ver- 
gnügen», der Freundin ein Vergnügen zu gönnen, war er aus unbewusster 

*) Interessant ist, dass Patient vor Jahren einen Samariterkurs (Rettung 
Ertrinkender) trotz seiner Fussverkürzung ohne besondere Veranlassung 
mitgemacht hatte. 

2 ) Dass Patient gerade Geld nahm, hing mit der «oralen Vorstufe des Geld- 
interesses» (siehe S. 88) zusammen und bedeutete zutiefst einen Liebesbeweis 
(Milch). Zugleich befriedigte er darin sein unbewusstes Strafbedürfnis, da die 
«unpsychologische» Aussenwelt das Geldnehmen von Frauen nicht als orale 
Geste, sondern viel bösartiger deutete. 

10 Die psychische Impotenz des Mannes. 145 



mm/mmHmS/r*"^: 



Rache nicht gewillt 1 ). Nicht uninteressant war, dass Patient zu gleicher Zeit 
eine Beziehung zu einer älteren Frau unterhielt, bei der er das zu bemutternde 
Baby, und zu einem jungen Mädchen, bei der er die fürsorgliche phallische 
Mutter agierte. — 

Eine andere spezifische Bedingung war bei einem oral regre- 
dierenden Patienten die des «uneingeschränkten Liebesbeweises» 
in Form der Aufforderung zum Cunnilingus durch 
die Frau beim ersten sexuellen Beisammensein. Diese prak- 
tisch unerfüllbare Bedingung — es gibt wohl Frauen genug, die 
sich zu einem Cunnilingus «zwingen» lassen wollen, aber kaum 
eine, die dazu direkt auffordert und gar beim ersten Zusammen- 
sein mit dem Mann — bedeutete im unbewussten Vokabular des 
Patienten: die Frau reicht ihm unaufgefordert die milchgefüllte 
Brust. Bezeichnenderweise war aber der Cunnilingus für den 
Patienten völlig entwertet, wenn e r die Frau darum ersuchen 
musste. 

Auf die Bedeutung der obszönen Worte 2 ) bei den oral 
regredierenden Patienten wurde bereits verwiesen (siehe Pseudo- 
debilität). Auf der oralen Stufe entspricht das Hergeben von Wor- 
ten seitens des Kindes einem Liebesbeweis für die Mutter, wie 
etwa das Hergeben des Stuhles einem Geschenk in der analen 
Phase. Sekundär kann infolge der Enttäuschung an der Mutter 
eine völlige Sperre dieses Hergebens konstatiert werden — «orale 
Obstipation»; alle diese Menschen machen in der Kindheit eine 
Phase trotzigen Schweigens mit — und erst tertiär wird auf der 
phallischen Stufe das Hergeben von obszönen Worten mit nega- 
tivem Vorzeichen wieder installiert, hat aber in dieser Form be- 
reits den Sinn einer Beschimpfung und Herabsetzung. Trotzdem 
wird bei diesem aktiven Aussprechen von obszönen Worten 
die alte orale Lust wieder eingeschmuggelt: diese Worte stellen 
eine «magische Geste» dar, die zeigen soll, wie der Patient be- 
handelt werden möchte, verbunden mit dem Vorwurf an die 
Adresse der Mutter: Sieh, was du aus mir gemacht hast. In der 
Beschimpfung liegt ein Eingeständnis der Liebe, d. h. des Geliebt- 

') Sehr bezeichnend für diese infantile, anachronistische Gleichsetzung 
Ejakulat = Milch ist die Tatsache, dass die Frau in Wirklichkeit durch 
einen protrahierten ejakulationslosen Koitus keineswegs in ihrem Vergnügen 
geschmälert wird, häufig erst durch die lange Dauer des Koitus zum Orgasmus 
kommt, das Ausbleiben der Ejakulation gar nicht merkt oder aus Angst vor 
Schwängerung begrüsst. Vgl. die Vorstellung des pseudodebilen Patienten vom 
Präservativ als — Strafinstrument (siehe S. 88). 

2 ) Siehe B e r g 1 e r , «Über obszöne Worte». Vorl. Mitteilung Int. Ztschr. 
für Psychoanalyse, 1934, H. 1, S. 112 ff. Die Originalarbeit erschien in «The 
Psychoanalytic Quarterly», New York, 1936, H. 2. 

146 



werdenwollens, wobei zugleich Voyeur- und Exhibitionslust genos- 
sen wird. — Bei oral fixierten oder regredierenden Männern, die 
obszöne Worte von der Frau passiv hören wollen, werden diese 
Worte in die ganze pathologische Einstellung, die aus dem Schei- 
tern am «Mammakomplex» resultiert, als Teilsymptom eingebaut: 
sie gehören in den Symptomenkomplex des Nur-passiv-aufnehmen- 
wollens. Dabei wird das Schuldgefühl entlastet, da die Frau für 
den sexuellen Vorgang verantwortlich gemacht wird und zugleich 
die Rache exekutiert, weil die diese Worte ursprünglich verbie- 
tende Mutterimago zum Aussprechen derselben gezwungen wird. 
Auf die vielfach an der Grenze des Nichtpathologischen liegen- 
den oralen Vorlustakte — Fellatio, Cunnilingus, Saugen beim Zun- 
genkuss usw. — wurde bereits verwiesen. Doch haben diese Vor- 
lustakte bei den oral fixierten bzw. regredierenden Patienten eine 
quantitativ grössere Bedeutnug, auch sind sie vielfach an andere 
Bedingungen geknüpft, wie dies etwa der oben geschilderte Pa- 
tient zeigt, der die Aufforderung der Frau zum Cunnilingus als 
«conditio sine qua non» stellte. Auch wurde von verschiedenen 
Autoren darauf verwiesen, dass in der Fellatio der Mann die Frau 
zum Säugling, sich selbst zur säugenden Mutter macht. Damit 
kombinieren sich Rachetendenzen gegen die Frau: gilt doch bei 
vielen Frauen die Fellatio als verächtliches Requisit der Dirnen- 
praktiken. Von hier aus ergeben sich Zugänge zum Verständnis 
der Urolagnie (siehe die Krankengeschichte des pseudodebilen 
Patienten). 



147 



mm 



Von Dr. Edmund BERGLER erschien in Buchfor 



m : 



Die Geschlechfskälfe der Frau 

gemeinsam mif Dr. Eduard Hifschmann 

Eine psychoanalytische Monographie 

In deutscher Sprache: Verlag Ars Medici - Wien 1934 

In französischer Sprache : Denoel & Sfeele - Paris 1 936 
In englischer Sprache: Nervous and Mental Disease - Publishing 
Company Washington — New York 1936. 

Auszüge aus den Besprechungen der Fachpresse: 

Zenfralblaff I. d. gesamte Neurologie u. Psychiatrie 

„Sicher ist das besprochene Gebiet eines der dankbarsten und erfolgreichsten 
im Wirkungsbereich des taktvollen Nervenarztes, zumal die anderen Disziplinen, 
auch der Frauenarzt, durchweg nicht den Weg finden. Das referierte Buch gibt 
gute und lehrreiche Hinweise." 

Wiener Medizinische Wochenschrift 

..Die langjährigen Erfahrungen der beiden Auforen sprechen dafür, dass die 
Psychoanalyse die Frigidität in der Mehrzahl der Fälle heilen kann . . . Auch der 
Fachmann findet hier eine Fülle neuer Gesichtspunkte und Betrachtungen. Das 
Buch ist zweifellos eine der bedeutendsten Neuerscheinungen aut dem Gebiet 
der medizinischen Psychologie und Psychotherapie. Seine Lektüre sei jedem 
Arzt wärmstens empfohlen". 

Journal of Nervous and Mental Disease 

«Although a short monograph, 87 pages, we venture to say that the authors 
feil more about sexual frigidity in women, its causes and development than 
most works of many more words and much fewer ideas . . ." 
Archivos de Neurobiologia — Madrid 

Los aufores, medicos director y asistente de la Policiinica Psicoanalitfca de 
Viena, publican un estudio de la pafologia de la poftencia orgasfica femenina . . . 
Toto el libro estä escrifo con una gran sencillez, no necesitandose poseer 
grandes conocimientos psicologicos para su comprension. Pero no es un libro 
superficial, sino que profundiza y da una descripcion completa del problema 
de la frigidez y de su tratamiento. 

Archivio Generale di Neurologie, Psichiatria e Psicoanalisi - Napoli 

Gli AA. chiudono lo splendido lavoro riportando due fipiche e complete 

analisi de due casi de frigidifä femminile, guarife completamenfe, e ridonate 
alla vifa ed al sano e fisiologico piacere sessuale e materno. Ci auguriamo di 
pofer avere una fraduzione italiana di questo prezioso contributo alla terapia 
de molfe neurosi che formano la infelicitä di intere famiglie, e che la psico- 
analisi — ma soltanto la psicoanalisi — riesce a vincere ed a guarire per sempre, 
con un lavoro tenace. delicafo, ma sempre fruttifero, sia per la clinica, che 
per la morale e per la felicitä sociali. 



TALLEYRAND - NAPOLEON - STENDHAL 

GRABBE 

Psychoanalytisch-biographische Essays 

INTERNAT. PSYCHO AN ALYT. VERLAG 
1935 



INHALT: 

1. TALLEYRAND. 

Ein Beitrag zur Psychologie des Zynikers. 

2. NAPOLEON UND TALLEYRAND. 

Ein Beitrag zur weltgeschichtlichen Wirkung des unbe- 
wussten Strafbedürfnisses. 

3. STENDHAL. 

Ein Beitrag zur Psychologie des narzisstischen Voyeurs. 

4. GRABBE. 

Ein Beitrag zur Psychologie des oralen Pessimisten. 



Die Fachpresse urteilt: 

«Dr. Bergler, an associate in the Vienna Psychoanalytic Clinic, here offers four 
most fascinating essays . . . One of Talleyrand's outstanding features was his 
cynicism. Bergler traces its origins with relentless and sure aim back to his un- 
loved childhood, his mishap, at four years, when a broken foot was not pro- 
perly treated, resulted in his lameness, and because of this a military career 
was denied and that of a priest chosen. Talleyrand's autobiography, with nu- 
merous of his writings and contemporary biography, furnishes Bergler the gene- 
ral features wich led to his career and his characteristic attitudes. Bergler con- 
tinues the Talleyrand story in his highly provocative second essay which deals 
with the genetic working-out of the «need for punishment» which here is pic- 
tured as the ultimate occasion for Napoleon's defeat. Not the allied armies but 
his unconscious need for punishment. The details for this general deduction must 
be sought in the original where the evidence is most ingeniously gathered. 
Stendhal's Oedipus complex development is the main theme followed out in 
the third essay. Here the masochistic unconscious homosexual constellation led 
to the intensification of his narcissism and its compensatory «voyeur» cravings. 
The last essay deals with Grabbe, an original and peculiar poet . . . With 
rare talent Bergler traces through Grabbe's poems the oral fixation on the 
mother at a pre-oedipal phallic phase which later were determining factors for 
his being a poet, an alcoholic, and a pessimist. 

These essays are fascinating and well worth reading, not alone to those whose 
psychoanalytic training has shown the intrinsic necessity for more genetic bio- 
graphy if one is to get close to the mainssprings of genius, but to the intelli- 



gent physician and layman as well. They show very clearly how psychoanalytic 
insight enables one, like a microscope, to see into the important details of 
character structuralization.» 

(Journal of Nervous and Mental Disease, New- York.) 

«. . . Die biographischen Essays Berglers unterscheiden sich von den bisherigen 
Anwendungen der Psychoanalyse auf die Biographik durch den interessanten 
Versuch, zugleich bestimmte klinisch-analytische Typen herauszuarbeiten . . . 
Die Lektüre des Buches, das hohes wissenschaftliches Niveau zeigt, ist ausser- 
ordentlich fesselnd.» 

(Wiener Medizinische Wochenschrift.) 

Die Tagespresse schreibt: 

«Man kommt als Analytiker oft in eine gewisse Verlegenheit, psychologisch In- 
teressierten Lektüre anzugeben, die dem Wunsch entspräche, einen Einblick in 
die psychoanalytische Forschungsweise so zu vermitteln, dass ein grundlegendes 
Verständnis angebahnt wird. Ein grosser Teil der Fachliteratur ist für den Laien 
zu schwierig. Aber einer der Zugangswege zur Analyse ist die Biographik, an- 
gefangen von S. Freuds Leonardo da Vinci-Studie und Hitschmanns zahlreichen 
Werken, über diejenigen von Autoren wie Abraham, Reik, Sachs und, um 
schweizerische Namen zu nennen, Behn-Eschenburg, Kielholz, Pfister und Sara- 
sin, bis zu einem der jüngsten, Edmund Bergler. Er setzt in seiner fruchtbaren 
schriftstellerischen Tätigkeit beste Wiener Tradition fort (Hitschmann, Jekels) 
und prägt ihr als Psychologe und Kliniker zugleich seinen eigenen Stempel auf, 
wobei, abgesehen von der immer lebhaften und anschaulichen Schilderung der 
einzelnen Menschen, die Herausarbeitung typischer menschlicher Charaktere 
wie des Zynikers, des Pessimisten usw. die Eigenart Berglerscher Forschung 
kennzeichnet.» (D r . Hans Christoffel in «Basler Nachrichten».) 

«Auch der psychoanalytisch nicht besonders Vorgebildete und auch jener, der 
Freuds Theorie skeptisch beurteilt, werden mit diesen Untersuchungen in man- 
cher Hinsicht übereinstimmen. Denn alle noch so gewagten Konklusionen wer- 
den hier klar, logisch und an Hand vieler sachlicher Belege durchgeführt. Usid 
obzwar man, um diese glänzend formulierten Essays voll bejahen zu können, 
ein überzeugter Freud-Jünger und profunder Kenner seiner Lehre sein muss, 
erzwingen sie ernstes Interesse, weil man nirgends auf wirr konstruierte Ex- 
treme stösst, die sonst vielfach daran hindern, auch das an sich Einleuchtende 
derartiger Untersuchungen anzuerkennen und, vor allem, zu gemessen. Beides 
ist aber bei diesem Buche durchaus der Fall.» (b. b.) 

(«Prager Presse».) 

«Talleyrand, Napoleon, Stendhal, Grabbe behandeln die im Psychoanalytischen 
Verlag erschienenen psychoanalytisch-biographischen Essays von Edmund Berg- 
ler. . . . Das Buch ist zweifellos eines der bedeutendsten auf dem Gebiete der 
analytischen Biographie.» 

(«Bratislavaer Grenzbote».) 



m Erscheinen sind folgende Buch 



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TYPISCHE 

MENSCHLICHE 

CHARAKTEREIGENSCHAFTEN 

Analytische Studien über Zynismus, Liebesfähigkeii, 

Eifersucht, Heuchelei, Pessimismus, Plagiarismus, Pathos, 

Koprophemie, Hasardneigung, Humor, Vorliebe für's 

Unheimliche, Gefühl im „Recht zu sein". 



DAS UNPERSÖNLICHE 
IM PSYCHISCHEN KONFLIKT 

I. Teil : Theorie. 
II. Teil : Zwölf psychoanalytische Krankengeschichten. 



DAS MISSVERSTÄNDNIS 
HEINRICH HEINE 

Eine psychoanalytisch-biographische Studie. 



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Die 

psychische Impotenz 

des Mannes 



Von 



Dr. Edmund Bergler 



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Medizinischer Verlag Hans Huber, Bern 



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